Produkt: Jazz Amp
Jazz Amp
Realität oder Illusion?
Rien ne va plus?

Test: Eastman T64/V

Eastman T64V(Bild: Dieter Stork)

Eastman hat sich im Bereich der Jazz Boxes und Thinline Guitars über die Jahre einen exzellenten Ruf erworben. Das vorliegende Modell greift auf die vielleicht berühmteste unter den Hollowbody-Thinline-Gitarren zurück, die Epiphone Casino. Rien ne va plus? Doch doch, da geht schon noch was!

Das Epiphone-Modell Casino, eine parallel und in der selben Fabrik in Kalamazoo gefertigte Variante des Gibson-Klassikers ES-330, stand bei der Eastman T64/V offenbar Pate. Die Casino konnte nicht nur mit dem Gibson-Modell konkurrieren, sie übertraf es sogar durch eine ganze Reihe höchst prominenter Spieler. Allen voran sind natürlich Paul McCartney, John Lennon und George Harrison von den Beatles zu nennen, die ab 1964 regen Gebrauch von ihren Epi-Thinlines machten. In der illustren User-Schar finden sich aber u. a. auch noch Namen wie Howlin’ Wolf, Keith Richards, Dave Davies, Paul Weller, Glenn Frey, The Edge, Josh Homme oder Dave Grohl. Na, wenn das keine Referenz ist!

Anzeige
Anzeige

vintage modern?

Bei der Eastman T64/V handelt es sich, wie bei den Vorbildmodellen Epiphone Casino und Gibson ES330 auch, um eine richtiggehende Hollowbody-Konstruktion. Die Gitarre verfügt also über keinen die Korpusmitte füllenden Sustain-Block, wie man ihn etwa in der Gibson ES-335 findet. Der demgemäß deutlich leichtere Korpus der T64/V wurde aus „Deluxe Maple Laminate“ in seine nur sanft gewölbte Form gepresst. Großzügig geschnittene und weiß eingefasste f-Löcher, sowie schwarz-weiße Body-Bindings (Ivoroid) sorgen für eine betonte Optik, wo die Originale lediglich unverzierte f-Löcher und einfache Bindings hatten.

Der in Höhe des 16. Bundes eingeleimte Hals aus Ahorn (nicht Mahagoni wie beim Original) mit Traditional-Even-C-Profil wurde mit einem eingebundenen Griffbrett aus Ebenholz von 12″-Radius kombiniert, in dem 22 klaglos verarbeitete Medium Jumbo-Bünde (Jescar 47104) und charakteristische „River Pearl Inlays“ Platz fanden. Der im historisch korrekten 17°-Winkel herausgeführte, langgezogene Kopf von trapezförmiger Epiphone-Anmutung trägt das Eastman-Logo aus Perlmutt auf der geschwärzten Front; Relic Series SD90-Tuner mit Tulip-Griffen von Gotoh sind als Vintage-gerechte Mechaniken verbaut.

Die Saiten schwingen mit 628 mm Mensurlänge zwischen dem präzise eingerichteten Knochensattel und der klassisch ausgelegten Gotoh Relic Series GE104B Bridge (TOM-Typ), gefolgt von einem traditionellen Trapez Tailpiece.

Ein Set Custom-Wound Dog-Ear-P-90- Pickups von Lollar ist in schwarzen Plastikkappen auf die Decke geschraubt. Der Bridge-Pickup wurde im Vergleich zum Original etwas mehr in Richtung Mitte gerückt, um einen besseren Ausgleich zwischen den Tonabnehmern zu erzielen. Den ursprünglich geplanten Nickelkappen verweigerte Jason Lollar sich, da er die dadurch entstehenden mikrofonischen Effekte hässlich findet. Ein Dreiwege-Toggle-Switch für die Pickup-Wahl, dazu Volume- und Tone-Regler für jeden Pickup, ergänzen die Ausstattung wie erwartet.

Das Antique-Goldburst-Finish der Gitarre wurde mit Nitrolack aufgebracht, danach einem sehr schön dezent gemachten Aging-Prozess unterzogen, um dann final noch eine Shellack-Politur zu erhalten – alle Achtung!

Die rundum sauber verarbeitete T64/V wird in einem guten Hardshell Case geliefert. Eine Version mit Bigsby ist alternativ übrigens auch noch verfügbar (für € 1999 inkl. Case).

Eastman T64V
Erinnert an Epiphone: die konisch gestaltete Kopfplatte (Bild: Dieter Stork)

leichte handhabung – starke elektrik

Die Eastman T64/V ist leicht und handlich. Mit nur 2,5 kg und dem schmalen Korpus nimmt man sie gerne auf das Knie oder an die Schulter, wo sie sich mit ihrem angenehm rundlich profilierten Hals inklusive der perfekt tief und schnarrfrei eingerichteten Saitenlage sofort wie ein alter Kumpel anfühlt. Der gute erste Eindruck wird vertieft durch das offene Klangverhalten dieser sympathischen Thinline, die schon akustisch viel zu bieten hat und uns mit ihrem vitalen, springlebendigen Sound förmlich umarmt. Die fröhlich zwischen Bridge und Trapez-Saitenhalter mitschwingenden Saiten gehören zum Klang dieser Konstruktion. Der Effekt bleibt dezent, erzeugt damit ein bestimmtes Ambiente, ist aber wohl nicht unbedingt jedermanns Sache.

Gehen wir mit der Thinline in den Amp, so sorgen die eigens von Jason Lollar für die T64/V gewickelten Dog Ear P-90 Pickups für kraftvolle und ausgeglichene Tonwandlung.

Der Hals-Pickup trumpft mit schönster P-90-Relevanz auf, ist förmlich ein Beleg für die bleibende, in letzter Zeit sogar wieder zunehmende Beliebtheit dieses elementaren Singlecoil-Typs. Stimmlich trennscharf, stellt er Akkorde heraus, die volltönend und dicht perlend die Speaker verlassen. Der Anschlag wird pointiert umgesetzt, die Tonerzeugung ist leicht, dazu lässt sich die Note bestens formen und hält auch lang aus. Genial auch, wie wendig der Ton auf das Plektrum und auf verschiedene Anschlagspositionen reagiert, wie er mit dieser Luft unter den Flügeln die Fingerbewegungen nachzeichnet.

Eastman T64V
Starke Lollar-Custom-Dog-Ear-Pickups (Bild: Dieter Stork)

Auch im Overdrive bleiben die Bässe stramm, bieten aber dennoch bemerkenswerten Tiefgang. Unter der konturiert umgesetzten Bassnote schiebt von unten quasi noch ein tieffrequentes Wispern den Ton an, ohne ihm die knackige Präsenz zu rauben. Diese Mischung aus präziser Darstellung und dunklem Raunen erzeugt ein tolles Ambiente, das sich im besten Sinne heikel elektrisch anfühlt. Die T64/V atmet mit – wir atmen zusammen. Bei Bedarf sind das auch raue Sounds, wie sie etwa bei Jack White zu hören sind, aber damit kommen wir dann auch schnell in den kritischen Bereich, was Feedbacks angeht, die halt zum Wesen dieser Konstruktion gehören. Es gibt Leute, die arbeiten damit.

Der Sound geht keinesfalls in die Knie, sobald wir auf den etwas mehr in die Mitte gerückten Bridge-Pickup schalten. Durch seine verbesserte Positionierung vermittelt er ein schlank zugespitztes, aber immer noch kerngesundes Klangbild, das bei allem Biss auch noch gute Rundung zeigt. Trocken und kompakt kommen darüber rhythmisch gespielte Akkorde zum Ohr. Der Anschlag wird perkussiv herausgestellt, die Hollowbody-Konstruktion unterstützt jede spieltechnische Aktion mit Federkraft. Damit lassen sich luftige Begleitakkorde mit nettem Snap regelrecht austanzen.

Gehen wir in den Zerrmodus, so erhöhen sich die zuvor schon präsenten holzig trockenen Anteile am Klang der tiefen Saiten nochmals. Powerchords springen uns damit wunderbar knochig und plastisch unter den Fingern weg. Wiederum ist die starke Schnellkraft zu loben, mit der die Gitarre jeden gespielten Ton unterstützt. Da ist förmlich Leben unter den Fingern. Solospiel ist damit griffig und packend in Szene zu setzen, der Ton verfügt über beste innere Festigkeit und eine straffe, durchsetzungsstarke Stringenz, die wohl auch dem Ebenholzgriffbrett zu danken ist.

Mit kurz gefasstem Plektrum lässt sich der Ton effektiv zuspitzen, bis die Obertöne nur so janken und uns mit gequetscht knorpeliger Konsistenz um die Ohren sausen. Schwer in Worte zu fassen, aber halt pfeffrig gut!

Klar, dass die zusammengeschalteten Dog-Ear-PUs in diesem wohlproportionierten Klangkontext dann auch noch ein Wörtchen mitreden wollen, was ihnen auch spielend gelingt. Mit glasklar abrollenden Kehl-Sounds und Melodielinien wie auf Band gezogene Perlen zeigt auch dieser Sound starken Charakter. Als besonders attraktiv erweisen sich in dieser Position übrigens mittelböse Crunch-Sounds. Schön auch, wie sich mit den Volume-Reglern die Zerranteile dosieren lassen (das gilt natürlich auch für die anderen Schaltstellungen).

Eastman T64V
Ahornhals mit gebundenem Ebenholzgriffbrett (Bild: Dieter Stork)

resümee

Eastman bringt mit der Thinline T64/V ein authentisch angelehntes und in jeder Hinsicht gut gemachtes Hollowbody-Modell an den Markt, das wie die Epiphone Casino mit klassischem P-90-Charme aufwartet, um dann sogar noch ein paar Kohlen mehr ins Feuer zu werfen. Formal und konstruktiv sehr ähnlich ausgelegt, ist ihr Ahornhals mit Ebenholzgriffbrett dann doch ein Schritt in die Autonomie mit eigenem tonfarblichem Akzent.

Die fabel-haften akustischen Eigenschaften der Thinline werden von Lollar Custom Wound Dog Ear P90-Pickups elektrisch schlagend kraftvoll umgesetzt. Bemerkenswert ist auch das ausbalancierte Klangverhalten der Pickups zueinander, woran der leicht nach innen versetzte Bridge-Pickup nicht ganz unbeteiligt ist. Die souveräne klangfarbliche Qualität und der besonders dynamische Tontransport heben die T64/V ohne Frage ins Oberhaus der Kategorie Thinline Guitar.

Da ist es doch nur selbstverständlich, dass diese Gitarre sich auch noch wie gebuttert spielt, von der gelungenen Antique-Lackierung ganz zu schweigen – wer braucht da noch Vintage? Klar, als rückkopplungsanfällige Hollowbody ist sie ein Instrument, das sich nicht für alle Musikstile eignet. Aber andererseits kann die Eastman Thinline doch sehr viel mehr als Beat und nicht jeder will oder braucht es heavy.

Kurz: gute Konzeption, effektive Veredlung, famose Gitarre – Hut ab!

PLUS
• Design
• Antique-Finish
• schwingintensives Klangverhalten
• Lollar Soapbar Pickups
• knackige Sounds
• Dynamik
• Hals, Bundierung
• Spieleigenschaften
• Verarbeitung
MINUS
• Feedback-Anfälligkeit (konstruktionsbedingt)

Eastman T64V

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2018)

Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Die Yamaha SG1801PX Phil X Signature im Test von Gitarre & Bass!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: