Produkt: ESP-Klassiker im Test
ESP-Klassiker im Test
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Ein Albtraum?

Test: Driftwood Darkest Nightmare

(Bild: Dieter Stork)

Periphery-Mastermind Misha Mansoor und der Vollzeit-YouTuber Keith Merrow oder auch Lasse Lammert spielen schon seit geraumer Zeit die Purple Nightmare Amps des deutschen Herstellers Driftwood. Nun gibt es mit dem brandneuen Darkest Nightmare mit eingebautem IR-Loader ein kleines Update des Flagship-Modells aus dem sächsischen Obergurig.

Schon die Videos und Promotion-Bilder der Driftwood-Amps ließen eindeutig erkennen, dass Marek Drozdowski eine Vorliebe für den Look einiger Custom-Shop-Verstärker aus Petaluma in Kalifornien hegt und sich beim Design seiner Produkte etwas inspirieren ließ. Sobald man dem Darkest Nightmare jedoch unter die Haube guckt, stellt man unweigerlich fest, dass Drozdowskis technischer Ansatz bei seinen Verstärkern eher britisch als kalifornisch geprägt ist.

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KONZEPT

Grundsätzlich ist der Darkest Nightmare eher ein klassischer, anderthalb- bis zweikanaliger Vollröhrenverstärker à la Marshall mit drei bzw. vier Trioden Gain, Kathodenfolger vor dem Tonestack, Noisegate, röhrengebuffertem Einschleifweg und integrierter Tube-Screamer-Schaltung. Das ist selbstverständlich kein ganz neues Konzept im Bereich der modernen High-Gain-Amps und dennoch hat der Driftwood Darkest Nightmare wie schon der Purple Nightmare ein paar spannende Features.

Eine Spezialmischung aus zwei 6L6 und zwei KT88 mit eigenen Bias-Trimmreglern in der Endstufe sorgt für üppige Leistungsreserven und tighte Bässe, und ein IR-Loader, der tatsächlich das Signal am Speaker-Out des Darkest Nightmare abgreift, um damit DI-Signale zu erzeugen, die dann extrem realistisch nach abmikrofinierten 4x12er-Boxen klingen sollen, sind zwei Alleinstellungsmerkmale des Driftwood-Amps.

(Bild: Dieter Stork)

BEDIENELEMENTE

Das durchaus überschaubare Layout der Front umfasst die für einen Tube Screamer typischen Potis Gain, Tone und Volume, dazu kommen Drei-Band-Equalizer und Gain-Regler der beiden Kanäle des Darkest Nightmare.

Hierzu gesellen sich zwei schaltbare Master-Volume-Potis und der Sharp-Regler – eine Regelung der negativen Gegenkopplung der Endstufe – sowie ein Rumble-Poti, um die Tightness in den Bässen nach den eigenen Wünschen dosieren zu können. Ein Mini-Switch, um den Zerrgrad des Amps zwischen Drei- oder eben Vier-Trioden-Gain (quasi als Kanalumschaltung) abstimmen zu können, jeweils ein zweistufiger Schalter am Bass- und Treble-Regler des klassischen Kanalzug-EQs, um unterschiedliche Frequenzen des EQs und ein leicht modifiziertes Gain auswählen zu können, sowie ein dreistufiger Sizzle-Schalter, der die höchsten Frequenzen etwas abmildert, um ein insgesamt weicheres Klangbild und auch Spielgefühl liefern zu können, runden die nebst tadellos funktionierenden Standby- und On/Off-Schaltern die Vorderseite des Chassis ab.

Rückseitig wird es da tatsächlich schon etwas umfangreicher: Der IR-Loader mit Drehwahlschalter zur Auswahl von einem von 20 (eigens von Lasse Lammert für den Amp entworfenen) Impulsantwort-Presets samt USB-Anschluss zum Überspeichern dieser werksseitig installierten, virtuellen Cabinets mit anderen IRs, sowie eine symmetrische XLR-DI-Out-Buchse mit Ground Lift und Pad-Taster sowie Eingangs-Gain-Poti für eben diesen, zieren die linke Flanke der Rückseite.

Es folgen zwei Lautsprecherausgänge, die sowohl an 4, 8 als auch 16 Ohm diverse Impedanzkombinationen von angeschlossenen Cabinets erlauben, die Fußschalter-Anschluss Sektion mit Schaltern zum Aktivieren/Deaktivieren des seriellen, röhrengebufferten Einschleifwegs, des Tube-Screamer-Moduls auf der Frontseite und ein Dreifach-Schalter, um das Noisegate entweder „an“, „aus“ oder „aus, wenn der zweite Master Volume aktiviert ist“ zu schalten, sowie eine Threshold-Regler für das Gate.

Natürlich hat Marek auch beim Einschleifweg nicht gegeizt und der Bauteilgruppe auch noch einen Tuner-Out spendiert, an dem immer ein Signal anliegt und auch eine kleine 9VDC-1000mA-Buchse zur Stromversorgung von Pedalen im Loop hat es in das Feature-Set des Darkest Nightmare geschafft.

IR-Loader-Anschlüsse und Auswahl-Drehregler (Bild: Dieter Stork)

SOUNDS

Beim Darkest Nightmare gibt es tatsächlich keinen klassischen Clean-Kanal und somit kommen wir gleich zum Wesentlichen: verzerrte Sounds. Der Amp wird zwar als zweikanaliger Verstärker beworben, aber bei genauer Betrachtung ist es ein sehr variabler Einkanaler, der in der Drei-Trioden-„Low“-Gain-Einstellung, ohne Tube-Screamer-Modul und mit dem Marshall-Tone-Stack im Territorium eines Marshall JMP Mastervolume 2203 zuhause ist.

Getestet wird daher mit Telecaster, Les Paul und PRS Custom 24. Celestion Greenbacks und Vintage 30 in Marshall- und Mesa-Boogie-4x12er-Boxen schmeicheln dem Darkest Nightmare sehr und mit dem Gain-Regler im defensiven Bereich zwischen 8:30 Uhr und 11:30 Uhr können je nach Gitarre und Pickup sehr klassische, britische Cleansounds mit einer, für die 70er-Marshalls typischen „Hairyness“ erzeugt werden. „Es knirscht so schön!“ sagt der Marshall- und Vox-Liebhaber in mir, wohl ahnend, dass Fender- oder Dumble-Player genau das eher schlimm finden dürften.

Mit offensiveren Gain-Settings nähert sich der Darkest Nightmare einem JCM800 weiter an und verdichtet das Attack zunehmend, bis bei nahezu voller Aussteuerung schon sehr glaubwürdige Achtziger-Jahre-Hair-Metal-Sounds erzielt werden. Die großzügig dimensionierte Endstufe mit Custom-Ausgangsübertrager und auch der spezielle Mix aus 6L6 und KT88 als Endstufenröhren sorgen in der Tonentfaltung hierbei stets für ein eher sportliches, schnelles Attack und sehr saubere, wenn auch nicht extrem tiefe Bässe.

Hier spielt sicherlich auch der Rumble-Regler mit einer für mein Ohr recht hohen Einsatzfrequenz eine gehörige Rolle, denn der Darkest Nightmare neigt aufgrund dieser Architektur immer eher zu einem relativ runden und dunklen Klangcharakter, wie man ihn vom PRS Archon oder auch einem alten Marshall Major kennt. Zumindest mit einer Les Paul, PRS Custom 24 oder modernen Gitarren, ist dieser Sound mehr als tragfähig für Lead-Gitarren und schmeichelt mit seiner angenehmen Kompression.

Für sehr tiefe Tunings ist das noch nicht die Wahl der Waffen, aber durch die Tight-, Mode- und Voice-Schalter unter dem Gain-Regler und die Treble- und Bass-Potis des Equalizers, lässt sich dieser Sound sukzessive entstauben und modernisieren, sodass auch 7-Saiter, Baritongitarren und tief in den Keller gestimmte Instrumente problemlos benutzt werden können.

Der dreistufige Sizzle-Schalter ist beim Fine-Tuning des Grund-Sounds eine kleine Geheimwaffe, denn wieviel Top-End man als Spieler gebrauchen kann, hängt vom Instrument, den verwendeten Lautsprechern und auch von den eigenen Hörgewohnheiten ab. So subtil die Wirkung dieses Schalters auch sein mag, für die Optimierung des Sounds ist es ein sehr cleveres Feature, das man sich schon in manch anderem Amp gewünscht hätte.

Je tighter und moderner man den Driftwood einstellen möchte, desto eher wird man den Gain Schalter von „Low“ auf „High“ stellen wollen, um sich im zweiten Kanal im Vier-Trioden-Gain an Sounds anzunähern, die man so ähnlich von Verstärkern aus dem Hause Fryette, Fortin, oder auch Dover Amplification kennt. Tatsächlich ist das Signal jetzt schon lächerlich komprimiert und bei so viel Verzerrung freut man sich über das gut funktionierende, aber auch langsam und eher soft zupackende Noisegate des Darkest Nightmare.

So, wie Marek Drodzdowski diese Rauschunterdrückung eingebaut hat, kann man sich tatsächlich sicher sein, dass es das Ziel war, das Attack der Gitarre nicht dem Gate zum Opfer fallen zu lassen. Wer im Djent-Bereich ein schnelleres Gate benötigt, der wird vermutlich ein weiteres, zwischen Instrument und Eingang des Verstärkers platzieren müssen. Für alle anderen Spielarten dürfte das eingebaute Noisegate zumindest sehr brauchbare Ergebnisse liefern.

Weiter im Gain – der eingebaute Tube Screamer fehlt noch. Hier wurde der Klang eines Maxon OD808 nachempfunden und hervorragend getroffen. Mit einem schon weit ausgereizten High-Gain-Kanal lässt sich das Tube-Screamer-Modul für meinen Geschmack nicht so wirklich treffend kombinieren, um noch mehr Verzerrung zu erzielen. Das ist einfach zu viel des Guten und wird tendenziell eher Matsch statt „Tone“. Da aber mit dem mitgelieferten 5-fach-Fußschalter ganz bequem zwischen diversen Optionen des Darkest Nightmare hin- und hergeschaltet werden kann, ergibt der eingebaute, grüne Giftzwerg als Lead Boost vor dem Low-Gain-Kanal absolut Sinn.

Ohne Noisegate, Low-Gain-Kanalzug mit zweitem Master-Volume und Tube-Screamer-Modul aktiviert – das ergibt den typischen Marshall-Leadsound, den man im Rock- und Metalbereich schätzt und ständig braucht; und das anbieten zu können, ohne dass weitere Gerätschaften von Nöten wären, ist enorm viel wert. Andersherum gedacht, funktioniert das Prinzip selbstverständlich ebenfalls. Denn wenn man den Tube Screamer leise einstellt und nur zum Beschneiden von Bassfrequenzen vor dem High-Gain Kanal benutzt, kann das alleinige Entfernen des Tube Screamers schon eine Boost-Wirkung haben und mehr Kompression erzeugen. Dieser Sound wiederum könnte, zusammen mit dem fußschaltbaren, zweiten Master-Volume, ebenfalls als Leadsound verwendet werden. Welche Herangehensweise man wählt, ist hierbei wie so oft reine Geschmackssache.

In der Praxis freut man sich zudem über den ebenfalls mit dem Footswitch schaltbaren, röhrengebufferten und sehr neutral klingenden, seriellen Einschleifweg mitsamt der 9VDC-Buchse für das Lieblings-Delay- oder Hall-Pedal.

Mit diesen Optionen sollte es tatsächlich jedem Gitarristen gelingen, einen optimal klingenden Rhythmus-Sound und einen ebenso spektakulär klingenden Sound für das Gitarrensolo zu finden. Und was passiert bei Live-Shows? Nun ja, der eingebaute IR-Loader ist, dank seiner Positionierung ganz am Ende der Signalkette des Verstärkers, in der Lage, sowohl die Wechselwirkung zwischen dem zwingend angeschlossenen, echten Cabinet und der Endstufe des Verstärkers einzufangen, als auch diesen Sound mit den wirklich akribisch von Lasse Lammert und passend zum Darkest Nightmare erstellten Impulsantworten (siehe Info weiter unten) via XLR-DI-Out an den FoH weiterzuleiten. Somit wäre eine echte Mikrofonierung hochgradig überflüssig, denn sehr viel bessere Signale darf man in der Eile des Gefechts bei einem oft zeitlich arg begrenzen Soundcheck vor der Show auch von einem echten SM57 oder ähnlichem vor dem Vintage 30 nicht erwarten.

ALTERNATIVEN

Ein Noisegate, einen eingebauten Tube Screamer und sogar zwei 9-Volt-DC-Ausgänge für externe Pedale im Einschleifweg findet man auch im Peavey Invective. Die Mischung aus 6L6 und KT88 in einem modernen Metal-Amp ist typisch für einen Randall Satan, der allerdings nicht mehr hergestellt wird. Auch z.B. ein Diezel Herbert könnte beispielsweise mit einer Mischung aus diesen beiden Röhrentypen betrieben werden.

Integrierte Noisegates in High-Gain-Verstärkern Amps findet man heutzutage in fast allen Engl-Amps, und IR-Loader, die zumindest halbwegs an der technisch korrekten, in der Praxis praktikablen Stelle im Signalweg das Signal abgreifen und mit einer Impulsantwort als High-End-DI-Signal anbieten, findet man einerseits bei Produkten von Revv Amplification und andererseits neuerdings sogar bei Mesa Boogie. Alle diese cleveren Features in einem Gehäuse vereint gibt es bislang allerdings nur im Driftwood Darkest Nightmare. Und daraus resultiert zwangsläufig der Rat zum Antesten.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Fans von klassischen Marshall-Verstärkern und Rock-Gitarristen würden mit dem Darkest Nightmare sicherlich ihre wahre Freude haben, und so wundert es, dass sich die Produkte von Driftwood Amplification bisher eher im Portfolio von wesentlich härter ausgerichteten Musikern wiederfinden. Natürlich ist der Nightmare ein absolut tighter, moderner Heavy-Amp mit unglaublichen Gain-Reserven. Aber auch für Spieler, die viel Wert auf ihren eigenen Ton am Instrument legen und die eher klassischen Spieltechniken eines Eddie van Halen bevorzugen, bietet der Amp mit seinem Rundum-Glücklich-Paket aus Tube Screamer, Noisegate und IR-Loader mit ihren umfangreichen Schaltmöglichkeiten durch den mitgelieferten Footswitch jede Menge Spielspaß.

PLUS

● erwachsene High-Gain-Sounds
● Design & Optik
● clevere Features
● IR Loader an Bord
● Verarbeitung
● Preis/Leistung


LISTE DER IMPULSANTWORTEN

1: DW_V30 57
2: Angl 57 + 121
3: Angl Fred
4: Bgnr 57 + 421
5: Bgnr 57 + 421B
6: Bgnr 57
7: Dizl 57 + Stil 121
8: Dizl 57 + Rect 121
9: Dizl 57
10: Rect 57 + 421
11: Rect 421
12: Rect 57 + 184
13: Rect 57
14: Stil 57 + Rect 57
15: Stil57
16: Stil 121
Angl = Engl Pro Straight
Bgnr = Bogner UberCab
Dizl = Diezel
Rect = Mesa Rectifier 412 Straight
Stil = Mesa Stiletto 412 Straight
57 = Shure SM57
421 = Sennheiser MD421
121 = Royer 121
184 = Neumann KM184

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2021)

Produkt: Gitarre & Bass Digital 05/2018
Gitarre & Bass Digital 05/2018
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