Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Die Yamaha SG1801PX Phil X Signature im Test von Gitarre & Bass!
Ultimativ

Test: Bartel Amplifiers Roseland

(Bild: Dieter Stork)

Ein neuer Name im Amp-Business? Keineswegs. Mark Bartel war 1993 Gründer, Entwickler und Hersteller von Tone King Amplifiers. Wir erinnern uns: Die mit den auffälligen türkis-, rot- oder schwarzweißen Gehäusen im Stil von 50er/60er-Jahre-Möbeln. Etwa 2010 wurde Tone King von PBG (Premier Builders Guild) übernommen und Bartel zu deren Chefdesigner. Im Dezember 2016 machte PBG dicht, Tone King wechselte erneut den Inhaber und Mark Bartel beschloss, eine völlig neue Verstärkermarke zu etablieren.

Na, und was ist daran so besonders? Abwarten! Nach jahrzehntelanger Erfahrung in der Entwicklung von Gitarrenverstärkern stieg Bartel erneut tief in die Grundlagenforschung ein, denn seine neuen Amps sollten nicht nur klanglich und handwerklich das Nonplusultra darstellen, sondern er wollte auch größeres Augenmerk auf die Konstruktion der Holzgehäuse legen, die ja den Verstärkerklang ernorm beeinflussen. Inzwischen umfasst das Bartel-Lineup drei 1×12-Zöller-Combos, und zwar Sugarland (12 Watt), Starwood (28) und Roseland (45), die jeweils auch als Tops mit entsprechenden 1x12er-Boxen erhältlich sind.

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HOLZ

Alle Combos kommen im stilechten TV-Design der 50er-Jahre, wobei die zweifarbigen Tolex-Bezüge noch entfernt an die Tone Kings erinnern. Die mit höchster Präzision verzahnten Gehäuse werden mitsamt der verleimten Schallwand aus massiver Weißkiefer gefertigt. Den 12“-Celestion-Alnico-Cream-Speaker hat man mit acht Gewindeschrauben an einem achteckigen Flansch aus Sapele montiert, der die Schwingungen der aus vier Viertelsektionen zusammengefügten Schallwand abstimmt. Auf diese Weise ist für eine akustische Kopplung zwischen Lautsprecher und Gehäuse gesorgt. Somit ist Letzteres am akustischen Verhalten des Amps beteiligt.

Der wie die über Einschlaggewinde verschraubte Rückwand aus 10 mm Kiefer bestehende Frontrahmen wurde mitsamt des straff aufgezogenen Speaker-Stoffs von innen mit der Schallwand verschraubt. Mark Bartel beschichtet die Innenwände mit einer speziellen per Pinsel heiß aufgetragenen Rezeptur, die die natürlichen akustischen Eigenschaften des Holzes nicht nur bewahrt sondern sogar optimiert.

Beinahe wie ein Gitarrenbauer legt er höchsten Wert auf die akustischen Eigenschaften seiner Combo- und Boxengehäuse. Ebenso sorgfältig wurden die Tolexbezüge anstelle von üblichem Kontaktkleber mit natürlichem Hautleim (Hide Glue) aufgezogen, der besser aushärtet.

AMP

Gerade erst habe ich die Qualitäten des Gehäuses und der peniblen Verarbeitung verdaut, geht‘s gleich mit dem hängend montierten Amp-Chassis aus gebogenem pulverbeschichtetem 2,5 mm Edelstahl weiter. Unten drunter findet man nicht weniger als vier Trafos und insgesamt neun Röhren, von denen die gummiberingten Gleichrichter- und Endröhren von Sockelklammern gehalten werden, alle anderen von Alukappen.

Ein gewinkeltes pulverbeschichtetes Alublech mit Lüftungsschlitzen, vierfach mit Messingrändelmuttern und Filzunterlagen verschraubt, schützt einerseits die Gleichrichter- und Endröhren, andererseits die Hände vor möglichen Verbrennungen. Das dicke Kabel des Bordlautsprechers ist auf der Chassis-Unterseite gesteckt, Speaker-seitig verlötet.

Platinenaufbau: Vom Turret-Board bis zur Bestückung alles Handarbeit. (Bild: Dieter Stork)

Beim Blick ins Innere bekomme ich leuchtende Augen, denn noch nie habe ich einen derart aufwendigen, präzisen, soliden und sorgfältigen Schaltungsaufbau gesehen – offensichtlich für ein langes Leben gebaut. Sowas gehört eigentlich ins Museum! Mark Bartel fertigt seine Turret-Boards (nichtleitende Platinen, deren Bauteile und Kabel über aufgesetzte zylindrische Lötstützen frei verdrahtet werden) komplett in Handarbeit, damit er die endgültige Platzierung und Verkabelung der Komponenten beeinflussen kann und ein ideales elektrisches Layout für ultimative Klangreinheit und geringes Rauschen entsteht.

Auch die cremefarbenen zylindrischen Kabelträger und sogar die Reglerknöpfe entstehen in Gussformen in Marks Werkstatt. Bakelit-ähnliches Material kommt für das obere Bedienfeld und die rückseitigen Anschlussplatten zum Einsatz, die Bartel ebenso selbst siebbedruckt wie das verschraubte Aluschild mit der Röhrenbelegung.

Bedienfeld mit Hall und Tremolo (Bild: Dieter Stork)

Während hinten je ein Anschlussfeld für Netzkabelbuchse, Sicherungshalter und Fußschalter bzw. External Speaker Out und Impedanzschalter zur Verfügung steht, findet man auf dem Hauptbedienfeld den Gitarren-Input, die Regler Volume, Treble, Bass, Reverb Mix und Dwell, Tremolo Rate und Depth und Master-Volume sowie Standby-, Power-Schalter und eine große rote Betriebsanzeige.

Das Hallsystem mit zwei langen Spiralfedern, zu dem dicke hochwertige Audiokabel sorgfältig per Schraubklemmen verlegt wurden, haust stoßgedämpft in einem Tolex-Etui am Gehäuseboden. Ich komme nicht umhin, ein weiteres Mal auf die unfassbare Verarbeitung des Bartel-Roseland-Combos einzugehen, die mir in solchem Ausmaß bislang noch nicht unter die Augen gekommen ist.

Zudem wurden ausschließlich akribisch ausgesuchte High-End-Komponenten verwendet, und was auf dem Markt nicht erhältlich ist, wird halt selbst hergestellt. Der Mann muss ein echter Perfektions-Nerd sein, denn selbst die Fußschalter werden aus Holz handgefertigt und passend zu jedem Verstärker mit Tolex oder lackiertem Tweed bezogen.

(Bild: Dieter Stork)

Vier große weiche Gummifüße garantieren sicheren Stand, das verschraubte Bedienfeld mit zwei hochwertigen Schaltern und leuchtstarken Status-LEDs (rot = Reverb, grün = Tremolo) ist aus 6 mm dickem bakelit-ähnlichem Material. Die TRS-Klinkenbuchse für das mitgelieferte 3,6 m lange Kabel findet man auf der Stirnseite.

Übersichtlich: Anschlüsse auf der Rückseite (Bild: Dieter Stork)

AUDIOPHIL

Mark Bartel nennt seine Vorverstärker „Multi Voice Preamps“, weil die sich gegenseitig stark beeinflussenden Treble- und Bass-Regler dem kompromisslos aufgebauten puristischen Einkanal-Combo eine unglaublich breite Palette von Sounds entlocken. Diese reichen von brillanten 60er-Clean-Klängen mit hohen Reserven über fette resonante Tweed-Sounds bis zu Plexi-Crunch und allem was an Nuancen dazwischenliegt.

Dabei ist der Übergang von clean zu verzerrt extrem gleichmäßig und lässt sich daher auch präzise einstellen. Bei vintage-orientierten PAF-Humbuckern und Volume-Setting 4-5 gehen die Vorstufenröhren in die erste Sättigung, was bei voll aufgedrehtem Master-Volume mit heftiger Lautstärke einhergeht. Ich bewege Volume und die beiden Klangregler in Mittelposition (5) und vernehme einen voluminösen, raumfüllenden Sound mit weichen aber klaren Höhen und beeindruckend differenziertem Fundament.

Dreht man Treble weiter auf, nehmen gleichzeitig die Bässe leicht ab. Dadurch erhält der Ton eine gewisse Mittenabsenkung und erscheint dadurch etwas dünner – sehr schön für Country Chicken Picking oder funky Singlenotes. So lässt sich die Höhen/Bässe-Balance allein schon mit dem Treble-Regler variieren. Und wozu dann noch das Bass-Poti? Bei starker Treble-Anhebung füllt ein leichtes Erhöhen des Bass-Setting den Mittenbereich wieder auf, hebt gleichzeitig die unteren Frequenzen an und verleiht damit dem Klangbild nicht nur Wärme, sondern räumt es quasi ein wenig auf. Nun tönt es differenzierter und transparenter.

Erhöht man zusätzlich per Master-Volume die Lautstärke, liefert der Roseland Klänge von kristallklarem Blackface-Mid-Scoop bis zu großgehäusigen Tweed-Combos. Drehe ich bei Bass 8 und Treble 9 Letzteres komplett auf Null, nimmt die Verstärkung erheblich zu. Aus dem Lautsprecher dringt ein dicker und cremiger Overdrive mit einer gewissen Mitten-Boxigkeit, die an kleine, warm klingende Tweed-Amps erinnert.

Zu meiner Überraschung steigt der Ausgangspegel noch mehr, wenn ich die Bässe gegen Null drehe. Jetzt wird der Sound klarer, prägnanter, straffer und liefert wunderbar dezenten Crunch mit nahezu brutalem Durchsetzungsvermögen. Ich drehe die Bässe wieder auf 4, Volume auf 8 und der Roseland liefert fette Powerchords bei Mid-Gain-Zerre und beachtliches Sustain – stets klar und lebendig, aber weder harsch noch schrill.

Sobald ich mich mit der Interaktion der Regler vertraut gemacht habe, wird das außergewöhnlich Spektrum an Clean- und Overdrive-Sounds deutlich, das der Bartel Roseland mit nur drei Reglern bereithält. Das mag anfänglich nicht sonderlich intuitiv zu handhaben sein, hat man jedoch die Wirkungsweise verinnerlicht, stolpert man immer häufiger über gleichermaßen überraschende wie großartige Settings mit gnadenloser Dynamik weitab jeglicher Schönfärberei. Ein absolut ehrlicher und loyaler Verstärker, der einem die Qualitäten des angeschlossenen Instruments und die eigenen spielerischen Fähigkeiten wie ein Spiegel vors Gesicht hält!

Für das Master-Volume-Managemant hat Mark Bartel einen völlig neuen Schaltkreis entwickelt, der das harmonische Gleichgewicht und die dynamische Reaktion des Combos bewahrt, ohne seinen charaktervollen Ton selbst bei Zimmerlautstärken zu verlieren. Zweifellos klingt der Amp am besten, wenn man ihm genügend Endstufenleistung abverlangt um Gehäuseresonanz und Lautsprecherkompression zu erzeugen. Und gerade dabei machen sich die Qualitäten des aufwendig handgefertigten und hervorragend klingenden Gehäuses bemerkbar.

Ein weiteres Highlight des Bartel-Amps ist der röhrenbetriebene Federhall, bei dem das Hallsignal dem trockenen beigemischt wird. Der klare Vorteil liegt hier im Dwell-Regler, weil er die Signalstärke am Eingang und nicht wie sonst üblich am Ausgang des Federhallsystems kontrolliert. Höhere Dwell Settings führen zu einem helleren, spritzigeren und surf-ähnlicheren Klang, während niedrigere einen weicheren, subtileren und kontrollierteren Effekt erzeugen. Wie gewohnt bestimmt das Mix-Poti den Effektpegel des Halls, der wunderbar dicht und homogen klingt.

Der Tremolo-Effekt basiert auf einer Bias-Modulations-Schaltung. Während der Depth-Regler von subtilen bis nahezu abgehackt erscheinenden Lautstärkemodulationen mit Sinuswellenform ermöglicht, kontrolliert Rate die Geschwindigkeit.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Ich befürchte, man wird mich angesichts meiner Bewertung des Verhältnisses von Preis und Leistung für realitätsverlustig oder völlig durchgeknallt halten, was ich jedoch hier auf dem Prüfstand habe, schlägt alles bisherige Vergleichbare. Ich hätte gerne gewusst, wie viele Stunden der Entwicklung, Recherche, Suche nach adäquaten Bauteilen und Materialien und nicht zuletzt der Handarbeit Mark Bartel in diesen (TV-bild-schönen) Verstärker investiert hat.

Der Roseland-Combo schießt nicht nur klanglich den sprichwörtlichen Vogel ab, wozu das aufwendig konstruierte und klanglich abgestimmte, handgefertigte, massive Kieferngehäuse einen guten Teil beiträgt. Das Design, die Verarbeitungsqualität, unübertroffene Klangreinheit, extrem geringes Rauschen, absolute Zuverlässigkeit und der beeindruckende Klang rangieren ganz oben in der Boutique-Liga. Möglicherweise bekommt man für den stolzen Preis gleich zwei US-Boutique-Verstärker von anderen Herstellern, aber der hier überstrahlt einfach alles bisher Gehörte. Unbedingte Empfehlung: Wann immer sich die Gelegenheit bieten sollte, antesten!

PLUS

● kompromissloses Schaltungskonzept
● Klangqualität & Klangvolumen
● höchst effiziente 2­-Band­-Klangreglung
● Ansprache, Transparenz & Dynamik
● Qualität der Effekte
● Qualität der Bauteile
● Rauscharmut
● Verarbeitung (5 Sterne!)
● Preis/Leistung (im Ernst!)

(erschienen in Gitarre & Bass 11/2020)

Produkt: Jack Bruce 1943 – 2014
Jack Bruce 1943 – 2014
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Alles ganz toll,aber: immerhin 5.500.-€uro für einen,zugegeben,optisch richtig häßlichen Röhrenamp,der anscheinend nur in eine „Wohnstube“ mit gleichsam ähnlich ausschauenden Intarsien der 1950er-Jahre hineinpaßt?!? Hallo,geht‘s noch? Merke,auch das Auge „futtert“ immer mit.Bei dieser Pott-häßlichen Erscheinung bekomme ich allenfalls akute Augenschmerzen.
    Egal,wie sauber und aufgeräumt,bzw. hochwertig und edel die Bauteile bei diesem noblen Röhren Amp auch sein mögen,der Preis ist völlig überzogen,und wegen seines Aussehens würde ich dieses antike „Möbelstück“ noch nicht einmal in den Kartoffelkeller stellen wollen.
    Sorry,selten habe ich einen dermaßen überteuerten und optisch total verunglückten Amp gesehen.
    Gut,daß man da ganz andere bezahlbare Vollröhren Boutique Amps ordern kann,die garantiert nicht hinter einem blickdichten Vorhang versteckt werden müssen!
    Aber,die Geschmäcker sind ja rein subjektiv zu bewerten.
    Wem dieses Teil aber sehr gut gefällt,der soll es sich für diesen „Schnäppchenpreis“ schnellstmöglich auch kaufen können.
    Ich bin da mal raus.

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  2. Also, ich kann meinem obigen Vorredner Haseppio nur beipflichten. Für über 5000 Ocken erwarte ich ein revolutionäres, futuristisches, mich vom Hocker hauendes Design. Schön, wenn der Sound stimmt, aber einen mir genehmen solchen erziele ich auch bei meinen selbstgebauten Teilen zu höchstens einem Zehntel dieses Preises an Investitionskosten. Was nützt mir das optisch zugegebenermaßen super aussehende Innenleben in Bezug auf den geplanten Verwendungszweck ? Ich habe schon Amateure mit selbstgebauten abenteuerlich aufgebauten Kisten erlebt, die einen Super Klang produzierten, und im Gegenteil leider auch Profis, die mit überteuerten Boutique-Kisten mit im Mondschein gealterten Röhren, gammabestrahlten Netzkabeln und vom Papst persönlich gesegneten Kondensatoren (und dergleichen Voodoo mehr) weiter nichts als einen Kacksound von sich gaben. Kurzum, der Musiker macht mit seinem Können den Ton und nicht überteuerte “Marken”-geräte. Außerdem halte ich das hier hochgelobte Konzept der interaktiven Klangregler für absolut bühnenuntauglich. Was nützt es mir, wenn ich schnell mal paar Höhen mehr haben möchte und dazu am Baßregler drehen soll ? In der Hektik der Bühnenpraxis geht sowas total nach hinten los. Also, Kollegen, laßt euch nicht von der Werbung zum Ausschalten Eures Verstands verführen.

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