Extended Range Guitars

Review: Ibanez DCM100 (Dino Cazares Signature)

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann

Ohne Fear Factory würdet ihr diese Zeilen heute wahrscheinlich gar nicht lesen. Die Industrial-Metal-Band und ihr Gitarrist Dino Cazares waren für mich Ende der 90er quasi die Initialzündung dafür, selbst Gitarre spielen zu wollen. Ende 2014, also ca. 15 Jahre nachdem ich damit angefangen hatte, brachten Ibanez ein auf zunächst 100 Stück limitiertes Dino-Cazares-Signature-Modell auf den Markt. Das Timing war zwar etwas eigenartig, da Fear Factory längst nicht mehr auf dem Zenit ihrer Popularität waren, aber anscheinend hatten ausreichend Fans über Jahre hinweg ein Dino-Cazares-Modell gefordert, sodass die Japaner schließlich einwilligten. Ich konnte mir die Gelegenheit natürlich nicht entgehen lassen und legte mir direkt eine der ersten 100 Stück zu. Und heute will ich über genau dieses Instrument hier sprechen.

specs

Der Korpus der DCM100 basiert auf der hauseigenen RGD-Form, die – wie der Name schon andeutet – von der ikonischen RG abstammt, aber durch ein paar extra Schliffe und Kniffe noch etwas aggressiver aussieht. Die DCM100 ist in einem matten Weinrot-Metallic-Finish lackiert, das je nach Lichteinfall und Winkel leicht den Farbton ändert – ähnlich wie ein Chamäleon-Lack, aber deutlich subtiler. Das Finish ist classy, aber widerspricht nicht der eindeutigen Ausrichtung der Gitarre, die klar in Richtung brutaler Metal geht. Dafür spricht auch die übrige Formsprache der DCM, besonders der Reversed Headstock, nach dem Ibanez Fans bei siebensaitigen Modellen gefühlt seit Jahrzehnten betteln. Bisher gab es diesen nur bei der Xiphos 7-Saiter aus dem Jahre 2008, die aber wegen ihrer extremen Korpusform nie wahnsinnig populär wurde. Ansonsten waren Reversed Headstocks bei Ibanez 7-Strings nur Endorsement-Künstlern mit Zugriff auf den LA Custom Shop vorbehalten.

Anzeige
Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann

Bei der DCM100 kommen allerdings noch ein paar mehr Features hinzu, die mir die Kaufentscheidung deutlich leichter gemacht haben. Zunächst wären da der einzelne Bridge-Pickup und ebenfalls einzelne Volume-Regler. Meine Faustregel: Je weniger an einer Gitarre dran ist, desto besser gefällt sie mir. Meinetwegen hätte statt dem legendären Lo-Pro-Edge-Vibrato auch ruhig eine feste Brücke an der DCM sein dürfen, aber ich will mich über dieses wirklich ausgezeichnete Vibrato nicht beschweren.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann
Mit dem EMG 81-7X gab es auch einen Farbwechsel für die DCM100

Dreht man die Gitarre auf die Rückseite, fällt zunächst einmal auf, dass der Hals dreiteilig ist. Normalerweise ist bei Ibanez-Prestige-Modellen der Hals fünfteilig, mir gefällt jedoch der dicke Bubinga-Sperrstreifen ästhetisch extrem gut, zudem sollte er mit den zusätzlich verbauten Carbon-Stäben für eine hohe Stabilität sorgen! Auf der Vorderseite des Halses findet sich ein Palisandergriffbrett mit Offset-Dots an der unteren Griffbrettkante. Ziemlich cool! Positiv zu vermerken ist, dass dieses Instrument nicht damit hausieren geht, ein Signature-Modell zu sein. Der einzige Anhaltspunkt dafür ist die Unterschrift von Dino Cazares auf dem E-Fach – ansonsten könnte diese Ibanez auch ein reguläres Serien-Modell sein. Dino scherzte in einem Video zur DCM100 sogar, dass man das E-Fach ja auswechseln könne, wenn einem selbst die Unterschrift zu viel wäre.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann

full metal contact

Nimmt man die Dino-Cazares-Signature das erste Mal aus dem Formkoffer, fällt vor allem das Gewicht auf. Das mag an dem Mahagonikorpus liegen, aber auch Ahorn und Bubinga sind natürlich keine leichtgewichtigen Hölzer. Auf jeden Fall ist das Gewicht der DCM100 etwas außerhalb meiner Comfort Zone, zumindest um sie lange im Stehen zu spielen. Auf dem Schoß im Studio sitzt sie allerdings ausgezeichnet! Außerdem gibt einem das Gewicht das Gefühl, dass es sich bei der DCM100 um ein unkaputtbares Instrument handelt – die Verarbeitungsqualität unterstreicht dies nur noch zusätzlich! Ich habe in meinem Leben schon viele Ibanez-Prestiges gespielt und besessen, aber die DCM hat einen Qualitätsstandard, der zumindest subjektiv noch über dem vieler „normaler“ Prestiges liegt. Jeder Winkel, jede noch so kleine Nische ist perfekt und fehlerfrei verarbeitet und ich kann einfach nicht den kleinsten Makel an diesem Instrument finden.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann

Richtig Freude kommt übrigens beim Hals auf! Ich will es gleich vorweg nehmen: Dies ist für mich der beste Ibanez-Hals, den ich je gespielt habe. Statt zum Ibanez-typischen D-Profil, tendiert der Dreiteiler eher in Richtung flaches C und das Satin Finish ist so unglaublich smooth, dass es eine wahre Freude ist. Die 26.5-Bariton-Mensur ist dank des bequemen Halsprofils, der perfekt abgerichteten Bünde (mit Prestige Fret Edge Treatment) und der super flachen Saitenlage auch für mich und meine relativ kleinen Hände kein Hindernis und sorgt außerdem für eine ausgesprochen straffe Ansprache, die besonders beim Rhythmus-Spiel ihre Stärken ausspielt, aber auch für Shredder nicht zu unbequem sein sollte.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann
Das legendäre Lo-Pro-Edge-Vibrato

soul of a new machine

Die Ibanez DCM100 ist ein ziemliches Ton-Monster, so viel sei schon mal gesagt. Getestet habe ich sie über die Jahre mit verschiedenen Tonabnehmern. Von Haus aus kommt die Gitarre mit dem von Dino Cazares und Seymour Duncan gemeinsam entwickelten, aktiven Retribution-Humbucker. Dino spielt seit Jahren ausschließlich aktive Pickups und war unter anderem schon an der Entwicklung des EMG707 und Seymour Duncan Blackout beteiligt – aber es musste wohl endlich ein eigener Pickup her! Der Retribution ist ein äußerst bulliger Pickup mit einem bemerkenswerten Low-End-Punch, der wirklich seines Gleichen sucht. Das sorgt dafür, dass besonders Single Notes förmlich wie Kanonenschläge aus dem Amp knallen. Leider ist das aber auch so ziemlich die einzige Disziplin, in der mich dieser Tonabnehmer vollends überzeugen kann.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann
Der Seymour Duncan Retribution wurde von Dino Cazares mitentwickelt.

Größere Akkorde brutzeln etwas zu massiv in den Bässen und werden stark komprimiert wiedergegeben. Da bekommt man glatt das Gefühl, dass der Pickup vor Kraft kaum laufen kann. Mit Dino Cazares’ Sound im Hinterkopf kann ich mir schon vorstellen, dass der Pickup sehr gut funktioniert – denn der Fear-Factory-Gitarrist fährt einen High-Gain-Tone, der nicht wahnsinnig fleischig ist, sondern eine eher crispe Ausrichtung mit einem leichten Mitten-Scoop hat. Dass ein Kraftpaket wie der Retribution diese Lücken etwas auffüllt, kann ich mir gut vorstellen. Für meinen Sound ist er aber definitiv zu fett und mir fehlt es einfach ein bisschen an Dynamik.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann

Also habe ich mich mit der Gitarre durch diverse aktive Tonabnehmer getestet, mit dem bisherigen Fazit, dass der DCM ein Tonabnehmer mit etwas mehr Headroom deutlich besser zu Gesicht steht. Hier kommt z.B. die EMG-X-Serie in Frage, die einen etwas weniger heißen Preamp hat. Also habe ich kurzerhand den EMG707X und 81-7X in der Gitarre installiert und mit dem Retribution verglichen. Der 707X kam dem Sound des Retribution dabei am nächsten, ohne jedoch dessen Schwächen aufzuweisen. Sprich, das Low-End wurde auch bei größeren Akkorden nicht mulmig und der Pickup komprimierte erwartungsgemäß weniger. Der 81-7X klang im Vergleich etwas weniger massiv, dafür jedoch aggressiver und geradezu thrashig. Das muss man natürlich mögen, aber bisher ist der Pickup in meiner DCM100 geblieben.

Ibanez DCM100
FOTO: Simon Hawemann
Schöner Rücken: Neben dem dreiteiligen Hals fällt eigentlich nur Dino Cazares’ Unterschrift auf – das einzige Anzeichen dafür, dass es sich bei der DCM100 nicht um ein normales Serienmodell handelt.

Als nächstes werde ich in der Gitarre den in letzter Zeit stark gehypten Fishman Fluence Modern testen und auch meine Lieblings-Pickup-Firma Instrumental Pickups arbeitet momentan an einem aktiven Tonabnehmer, auf den ich natürlich besonders heiß bin. Und wo wir grad beim Thema sind: Das von mir lang versprochene ERG-Pickup-Special kommt an dieser Stelle auch bald und wird zumindest den Fishman-Humbucker dann auch enthalten. Bis dahin könnt ihr euch einige Clips der Ibanez DCM100 mit dem Seymour Duncan Retribution und diversen EMG-Modellen anhören!

fazit

Als Fear-Factory-Fan der alten Schule konnte ich bei der Veröffentlichung der ersten Signature-Gitarre von Dino Cazares einfach nicht widerstehen. Zu prägend war die Band und ihr Gitarrist für mich als jungen Metal-Fan und angehenden Gitarristen. Dinos Rhythmus-Spiel, das besonders von ultra präzisen Stakkato-Salven geprägt ist, klang für mich als Teenager wie das reinste Hexenwerk und weckte in mir den Wunsch, auch Metal-Gitarrist zu werden.

Gut 15 Jahre später wurde ich von der Ibanez DCM100 wirklich nicht enttäuscht! Die einzigen Abstriche würde ich beim recht hohen Gewicht und dem etwas zu bulligen Seymour Duncan Retribution machen. Zumindest Letzteres lässt sich immerhin leicht beheben – besonders aktive Pickups lassen sich dank Quick-Connect-Steck-System ja ohne großen Aufwand austauschen. Für lötfaule Menschen wie mich definitiv eine direkte Einladung, möglichst viele Pickups zu testen! Ansonsten ist die DCM100 eine tadellos verarbeitete und wirklich schicke Gitarre geworden, die einen hohen Qualitätsstandard aufweist. Der rund – um perfekte Hals und begehrte Reversed Head stock sind dann noch die i-Tüpfelchen, die aus der Ibanez DCM100 ein wirklich besonders cooles Instrument machen.

Ibanez DCM100

Plattentipp des Monats: Fear Factory – Genexus

Fear Factory - Genexus

Packen wir doch die Gelegenheit beim Schopfe und besprechen an dieser Stelle mal die letzte Fear-Factory-Platte aus dem Jahre 2015. ,Genexus‘ sollte laut Band wieder etwas an alte Glanztaten der späten 90er anknüpfen. Nach einem etwas kitschigen Intro erinnert der Opener ,Autonomous Combat System‘ auch tatsächlich etwas an ,Shock‘ vom Album ,Obsolete‘ (1998). Auch die Soundästhetik klingt vertraut nach Fear Factory und so starte ich erst mal mit Wohlwollen in ,Genexus‘.

Man wird über die Länge des Albums allerdings das Gefühl nicht los, dass Fear Factory versuchen, ihre eigene Formel von ,Obsolete‘ aufzuwärmen und in die Neuzeit zu übertragen. So erwartet einen nach diversen Buildups auch öfters mal ein Refrain im Stil des 98er-Albums. Das wirkt zwar alles etwas kalkuliert, aber das Material ist wirklich nicht schlecht und sogar für ein paar kleine Hits gut, wie z. B. ,Soul Hacker‘. Den Charme einer ,Obsolete‘ oder gar ,Demanufacture‘ hat dieses Album zwar nicht, aber ,Genexus‘ macht wirklich Spaß. Fear Factory fokussieren sich hier erfolgreich auf ihre Stärken und feuern ein paar wirklich gute Songs ab. Wie viel „Replay Value“ das Album hat, bleibt allerdings abzuwarten…

[2937]

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2017)

Hinterlasse einen Kommentar

Das könnte Dich auch interessieren: