Produkt: Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Testbericht: Yamaha SG1801PX Phil X Signature
Die Yamaha SG1801PX Phil X Signature im Test von Gitarre & Bass!
Einzelstück

Masterpiece: Nick Page Guitars Masterpiece Series Harmonist im Test

Nick Page Guitars Masterpiece(Bild: Dieter Stork)

Seit gut zehn Jahren haben wir immer mal wieder Instrumente des mittlerweile in Österreich ansässigen Gitarrenbauers Nick Page vorgestellt und unter die Lupe genommen. Darunter waren sowohl funktionelle, eher schlichte Modelle als auch echte Kunstwerke, die klanglich wie optisch die Handschrift des Erbauers tragen. Im Rahmen seiner Masterpiece-Serie entwickelt Nick Page meist Einzelstücke, die er einem bestimmten Thema widmet, in diesem Fall dem Markneukirchener Gitarrenbaumeister Richard Jakob (1877-1960), dessen Werkstatt unter „Kunstwerkstätte für Gitarren – Weißgerber“ firmierte.

Die Idee für sein Modell Harmonist versteht Nick Page als Reminiszenz an einen der innovativsten Gitarrenbauer seiner Zunft und Zeit, der ein ausgeprägtes Gefühl für ästhetische Formen, geschmackvolle Details und florale Inlays besaß und zudem stets auf der Suche nach Klangverbesserungen war. Es ist also nicht weiter verwunderlich, dass wir einige für Weißgerber-Gitarren charakteristische Details auch auf der Harmonist finden.

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Nick Page Guitars Masterpiece
Die Harmonist ist eine Reminiszenz an den Markneukirchener Gitarrenbaumeister Richard Jakob (1877-1960) (Bild: Chruistar CC)

geschmackvoll und authentisch

Bereits der erste Anblick vermittelt den Eindruck, die Gitarre habe ein gutes Jahrhundert auf dem Buckel. Die Nitro-Imprägnierung und Wachsung der Oberflächen, die Farbgebung, hier und da Gebrauchsspuren und die eine oder andere Macke, die Schellack-Oberfläche der Decke und nicht zuletzt der dezente Duft lassen eine Antiquität vermuten. Den hälftig gefügten Mahagonikorpus mit spärlich verrundeten Kanten und angedeutetem Rippenspoiler krönt eine Decke aus Alpenfichte, die laut Nick Page bereits einer hochpreisigen Akustik-Gitarre Leben eingehaucht hatte.

Für die auffallend dicken dreilagigen Bindings fand ABS-Kunststoff Verwendung – eine zeitintensive und wahrlich schweißtreibende Arbeit, und zwar u. a. mit Hilfe eines Heißluftföns. Eine mit dem Herstellerlogo geätzte Aluplatte deckt das E-Fach ab, die Klinkenbuchse wird an der Zarge von einem Göldo Deluxe Buchsentopf gehalten, Duesenberg Multi Lock Endpins mit Schraubverschlüssen sichern den Gurt.

Charakteristische Weißgerber-Anleihen sind das Art-Deco-Inlay auf der Decke und der Stegsockel, welche, anders als die elfenbeinartige Struktur vermuten ließe, aus altem Zelluloid und geschwärztem Holzfurnier gefertigt wurden.

Mit einem Neigungswinkel von 8° wurde der einteilige Mahagonihals im Body verleimt. Optimale Schwingungsübertragung und hohe Stabilität garantiert der bis in die Fräsung des Hals-Pickups reichende Halsfuß. Das Griffbrett aus Makassar-Ebenholz trägt 21 vorbildlich bearbeitete Dunlop-6105-Bünde, Zelluloid-Punkte und Sidedots markieren die Lagen. Über einen optimal aus- und abgerichteten Knochensattel erreichen die Saiten präzise und geschmeidig arbeitende Vintage-style Kluson Deluxe Tuner, die seitlich an Nick Pages Markenzeichen, der abgeschrägten Fensterkopfplatte, montiert wurden.

Nick Page Guitars Masterpiece
Handgeschnitzter Fake: Deutscher Kopfanschäfter (Bild: Dieter Stork)

Auch der um 3,5° geneigte Kopf ist mit breitem dreischichtigem Zelluloid eingefasst, ein langes keilförmiges Blech deckt den Zugang zum Halsjustierstab ab. Seitlich und hinten wurde die Kopfplatte schwarz lackiert, sicherlich auch, damit der aus dem vollen Mahagoni handgeschnitzte „Deutsche Kopfanschäfter“ besser zur Geltung kommt. Diese Art von Anschäfter, die eigentlich die Verbindung von Kopf und Hals stabilisieren soll, findet man u. a. auch bei C.F. Martin- und natürlich den meisten Vogtland-Gitarren der vergangenen zwei Jahrhunderte. Da hier jedoch Hals und Kopf durchgängig aus einem Stück bestehen, dient er lediglich der Optik und stellt eine weitere Reminiszenz an Richard Jakob „Weißgerber“ dar.

Als Steg kommt eine Duesenberg Radius TOM-Bridge mit Distanzfedern und komfortabel verrundeten Stahlreitern zum Einsatz. Dahinter verschwinden die Saiten in der Korpusdecke, wo sie auf der Rückseite von eingelassenen Hülsen gehalten werden.

Die Tonabnehmer sind quasi Nick Pages erste Gehversuche in Sachen PU-Herstellung. Überraschenderweise handelt es sich nicht um Mini-Humbucker, sondern um Jazzmaster-angelehnte Singlecoils mit Alnico-5-Magneten und Spulendraht aus den 60er-Jahren. Ein echter Blickfang sind die vernickelten À-jour-Kappen, die mit feinem Messinglochblech und, kaum sichtbar, mit schwarzem Samt unterlegt wurden. Das Design der weißen Kunststoffrähmchen erinnert an das von Epiphone Mini-Humbuckern der 60er-Jahre.

Die Schaltung mit Master-Volume, Master-Tone und Dreiweg-Toggle-Switch fällt Page-gewohnt eher spartanisch aus, hochwertige Komponenten sind jedoch selbstverständlich: CTS-Potis, 1979er Oil-Kondensator (New Old Stock), Braided Shield Kabel, Schalter und Klinkenbuchse.

Wäre noch festzuhalten, dass Nick Page nicht nur die Hardware-, Zelluloid- und Kunststoffteile, sondern auch alle hölzernen Oberflächen geschmackvoll und authentisch gealtert hat.

Nick Page Guitars Masterpiece
Stabiler Buchsentopf (Bild: Dieter Stork)

fett punchende gourmet-sounds

Mit schlanken 3 kg hängt die Gitarre überaus rückenfreundlich am Gurt, wobei die weit herausragende Kopfplatte im Kombination mit dem leichten Body für Kopflastigkeit sorgt. Nichts Problematisches, will ich nur erwähnt haben. Dagegen gibt sie sich auf dem Bein perfekt ausbalanciert. Trotz seines fetten runden 50s-Profils liegt der Hals komfortabel in der Hand und lässt sich dank des glatten aber griffigen Rückens und exzellenter Bundbearbeitung trefflich bespielen, und zwar völlig barrierefrei bis zum 21. Bund. Zitat Nick Page: „Was nützen mir 22 oder gar 24 Bünde, wenn ich nicht drankomme?“ Wo er Recht hat …

Die Potis laufen butterweich, die Schalterposition ist Gewöhnungssache. Perfekt zur Optik der Harmonist passen die alten Radioknöpfe. Wer jedoch die Regler gerne mit dem kleinen Finger bedient oder sie zu Blend-In- oder Swell-Effekten nutzt, sollte sich nach praktikableren Knopf-Designs umschauen.

Nick Page Guitars Masterpiece
Duesenberg Steel Saddle Radius Bridge (Bild: Dieter Stork)

Rein akustisch lässt die Gitarre eher einen Thinline-Body vermuten, tönt sie doch sehr resonant und vollmundig, lässt aber weder Spritzigkeit noch Transparenz noch Vitalität vermissen. Mit breitem Obertonangebot, direkter, spontaner Ansprache, blitzschneller Tonentfaltung und stabilem Sustain gesegnet, zeigt sie allerbeste Dynamik und reagiert sensibel auf jede Anschlagsnuance.

Am Amp zeigen Gitarre und Page-Einspuler durchaus eigene Charaktere. Will man sie dennoch in eine Klangschublade packen, rangieren sie irgendwo zwischen P-90- und Jazzmaster-Pickups. Zunächst aber liefern sie trotz hoher kOhm-Werte deutlich weniger Output als P-90-Soapbars. Im Clean-Betrieb kommt der Hals-Singlecoil dem einer Jazzmaster am nächsten, wenn man deren Lead/Rhythm-Schiebeschalter in letztere Position bringt und gleichzeitig die beiden Potirädchen Volume und Tone des Rhythm-Schaltkreises voll aufdreht. Dabei dringt ein angenehm warmer aber dennoch lebendiger, transparenter, charaktervoller Hals-PU-Sound ans Ohr, ausgewogen und rund, weder dumpf noch mulmig, prädestiniert für jazzige Chords oder bluesige Soli.

Da der Ton sehr fein auf den Anschlag reagiert, lässt sich der Klang allein durch die Spielweise von samtweich bis fett schmatzend variieren. Nick Pages Steg-Pickup erinnert eher an einen alten P-90. Er hält zwar deutlich weniger Output bereit, tönt aber fast genauso fett und liefert trotz etwas defensiverer Höhen sehr schönen Twang. Aktiviert man beide Singlecoils gleichzeitig, betritt die Page Harmonist gewissermaßen Tele-Terrain. Auch hier tönt es insgesamt etwas wärmer in den oberen Frequenzen und leicht nasal, dafür perlt es offen, glockig und klar aus den Lautsprechern.

Nick Page Guitars Masterpiece
Kunstvoll: die Pickup-Kappen (Bild: Dieter Stork)

Und wie verhält sich das alles am gepflegt zerrenden Amp? Erwartungsgemäß wird der obere Frequenzbereich etwas stärker in Szene gesetzt, wobei sich die Harmonist als fett punchendes Blues- und/oder Rockbrett zu erkennen gibt. Klar, einem Metaller würde ich dieses Instrument keinesfalls ans Herz legen und eher dem Sound-Gourmet den Vortritt lassen, der nuancierte Klangvarianten und Eigenständigkeit zu schätzen weiß. Konstruktionsbedingt und mangels E-Fach-Abschirmung brummen die Page-Einspuler im Zerrbetrieb, wenngleich keinesfalls stärker als P-90s, aufgrund der geringeren Ausgangsleistung sogar etwas weniger.

Dass die Gitarre nicht nur per Anschlagsintensität und Spielweise Klangbildung und -formung unterstützt, sondern auch die präzise und gleichmäßig agierenden Potis daran teilhaben, versteht sich fast von selbst.

resümee

Auch die neueste Kreation aus Nick Pages Masterpiece Series ist selbstverständlich ein Unikat. Immer wieder beeindruckt der Berliner Gitarrenbauer mit unkonventionellen Designs und Ausstattungsmerkmalen und beweist dabei ein hohes Maß an handwerklichem Know-how und Geschick. Mit ihren charakteristischen Details ist die Harmonist eine gelungene Hommage an den Markneukirchener Gitarrenbaumeister Richard Jakob alias Weißgerber und vermittelt das Flair einer gut 100 Jahre alten Gitarre.

Dank gewachster Oberflächen und der mit Schellack behandelten Decke, eines fetten aber dennoch angenehmen Halsprofils, perfekt bearbeiteter Bünde und exzellenter Resonanzeigenschaften lässt sie sich höchst komfortabel spielen, auch wenn sie am Gurt zu Kopflastigkeit neigt. Klanglich kann sie absolut überzeugen, ist jedoch nicht konkret in eine Sound-Schublade einzuordnen. Je nach Pickup-Wahl und Regler-Settings rangiert sie zwischen P-90, Jazzmaster und Tele und macht auch am zerrenden Verstärker eine gute Figur.

Laut Nick Page sollte die Harmonist ursprünglich einen symmetrischen Body ohne Cutaway bekommen, was die Zahl der Bünde natürlich entsprechend dezimiert hätte. Ganz aus seinem Kopf ist diese Idee jedoch noch nicht. Wer weiß … In Anbetracht der aufwendigen arbeitsintensiven Details geht der Preis für das handgefertigte Einzelstück völlig in Ordnung.

PLUS
• Konzept & Design
• Schwingeigenschaften & Dynamik
• Qualität Hölzer & Hardware
• charaktervolle Sounds
• Einzelstück
• Verarbeitung
• Spielbarkeit
MINUS
• Kopflastigkeit

Nick Page Guitars Masterpiece

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2018)

Produkt: Fender Stratocaster
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