Die Perlen des Gebrauchtmarkts

Kleinanzeigen Heroes: Marshall 2266 Vintage Modern Head

Günstige Arbeitstiere, unterschätzte Underdogs, übersehene Youngtimer und vergessene Exoten: In den „Kleinanzeigen Heroes“ stellen wir euch die Geheimtipps des Gebrauchtmarkts vor, die einen maximalen „Bang for the buck“ liefern.

Anzeige

(Bild: Marshall Amplification)

Marshall 2266 Vintage Modern Head

Ein modern gebauter Verstärker mit sehr traditionellem Klang, Digitalhall, KT66-Endstufenröhren und einer durchaus ungewöhnlichen Farbe für das Gehäuse, waren kein Garant für kommerziellen Erfolg.

Ich kann mich nicht mehr genau daran erinnern, ob es im Frühjahr 2007 oder sogar im Winter 2006 war, als auf einer kleinen Burg in Mitteldeutschland ein wirklich gut organisiertes Händlertreffen mit Marshall UK und dem deutschen Marshall-Vertrieb stattgefunden hat.

In gediegenem Ambiente wurden einem kleinen, sehr erlauchten Kreis von Musikern und Marshall- Händlern, die sensationellen neuen Marshall-JVM-Verstärker von Wolf Hoffmann, dem Gitarristen von Accept, präsentiert. Und mehr oder weniger nebensächlich stellte Marshall UK damals die neue Vintage-Modern-Reihe vor, um deren 50-Watt-Topteil es hier geht.

Leider war dieser zeitgleiche Produkt-Release-Termin vermutlich schon damals das frühe Aus für diese wirklich gut klingenden Verstärker, denn die vierkanaligen JVM-Modelle waren zu diesem Zeitpunkt einfach der Eyecatcher schlechthin und wurden später auch von Musikern viel häufiger angefragt.

Die Vintage-Modern-Verstärker, die zunächst nur in einem sehr ungewöhnlichen Violett zu erstehen waren und erst ein paar Jahre später im für Marshall typischen Schwarz angeboten wurden, standen daher in den Verstärker-Testräumen der Musikalienhändler wie Blei in den Regalen und es wurden vom 2266 nur verhältnismäßig wenige Exemplare nach Deutschland importiert. Daran, dass der Marshall Vintage Modern allerdings einer der musikalischsten, neueren Verstärker aus Bletchley ist, haben tatsächlich nur wenige Gitarrist:innen, die diesen Amp angespielt haben, ihren Zweifel …

Das Chassis der 100-Watt-Version mit 4x KT66 in der Endstufe (Bild: Marshall Amplification)

TECHNIK UND SOUNDS

Den 2266 Vintage Modern kann man getrost in direkter Verwandtschaft zum Marshall 2245, dem ursprünglich ebenfalls mit KT66 bestücktem JTM45 sehen.

Mit nur einer Eingangs-Klinkenbuchse statt der beim JTM üblichen vier, aber dafür mit zwei Gain-Reglern, die sich ähnlich verhalten, wie die beiden Gain-Regler eines frühen JTM mit „shared cathode“- Schaltkreis, wird beim Vintage Modern das Gitarrensignal zwangsläufig so ähnlich bearbeitet, als hätte man bei einem JTM45 oder frühen Plexi, ein kurzes Patchkabel vom brillanten Kanal auf den dunkel klingenden Kanal gesteckt und den Sound anschließend durch genaues Austarieren der Lautstärken beider Kanäle eingestellt. Der klassische 3-Band-Equalizer und auch die negative Gegenkopplung verhalten sich im 2266 fast genauso wie in den ganz frühen Plexis.

Echte Neuerungen – im Vergleich zu den Klassikern – sind ein schaltbarer Mid Boost, ein kleiner Dynamic-Range-Taster, der zwischen einem sehr cleanen Vorstufen-Sound und einem traditionellen Marshall-Crunch hin- und herschaltet sowie ein ebenfalls schaltbarer, sehr neutral klingender Einschleifweg mit der Option, diesen per Drucktaster in der Lautstärke zwischen -10dB und +4dB umzuschalten oder mit einem zweiten Taster die Bauteilgruppe komplett aus dem Signalweg zu nehmen.

Dazu kommt noch ein digitaler Hall, der sich klanglich zwar an einem Federhall orientiert, jedoch nicht die kräftige Farbe eines typischen, analogen Fender-Halls bietet und deshalb leider etwas blass und nüchtern klingt. Natürlich hat der Vintage Modern auch einen Master-Volume-Regler, der hinter der Phasendrehstufe sitzt und somit das Übersteuerungsverhalten dieser letzten ECC83 im Signalweg nicht beeinflusst – was wiederum traditionellere Sounds begünstigt.

Besonders viel Gain und tighte, schnelle Bässe liefert der Vintage Modern mit diesen Features natürlich nicht, und so eignet sich der Amp eher für Spieler, die sich im Blues oder Classic Rock zuhause fühlen.

(Bild: Marshall Amplification)

FOLGEKOSTEN

Beim Vintage Modern sollte man regelmäßig die beiden KT66 in der Endstufe wechseln, sofern man den Verstärker gerne laut und mit viel Gain spielen möchte. Denn leider sind eben diese Röhren aus aktueller Produktion dafür bekannt, dass sie häufig mikrofonisch werden oder durch eine mechanisch rappelnde Heizung auffallen, sofern die Röhren in einer hängenden Position verbaut sind. Daher gilt dieser Hinweis nicht nur für das stehend montierte Chassis der Topteile, sondern auch und vor allem für den 2266C-Combo aus der Vintage-Modern-Serie.

PREISE

Das Marshall Vintage Modern 2266 50-Watt-Topteil findet man tatsächlich im Preisrahmen von etwa 600 bis 800 Euro, und damit ist der Verstärker eine echte Alternative zu vielen neuen Produkten – es lohnt sich also, die Augen nach diesem Amp offen zu halten.


(erschienen in Gitarre & Bass 11/2021)

Produkt: Slash Technik Special
Slash Technik Special
Erfahre alles über das Equipment von Slash!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Ein schöner Bericht über einen wirklichen Underdog Amp.
    Zu erwähnen wären noch 2 sinnvolle Mods.
    1) In der Umschaltung der beiden Modi sind die Lautstärke Unterschiede sehr stark, ein 2. Volume zur Angleichung hilft da und ist leicht zu realisieren.
    2) Die Digital Reverb Platine kann man mit ein paar Handgriffen aus dem Signalweg nehmen – das ist klanglich, wie oben beschrieben, kein Verlust. Im Gegenteil, der Amp wird noch mal eine gute Spur direkter.
    Der Grundsound ist oben prima beschrieben, der Vintage/Modern macht mit einem Tubescreamer Style Pedal und einer Strat richtig Freude und ist in der Kombi bei mir oft im Studio im Einsatz. Das hat dann durchaus Blackmore oder Malmsteen Anleihen.
    Letzer Tipp: Die zugehörige Marsch 425 A/B 4×12″ Cabinets sind ebenfalls sehr zu empfehlen, sie haben die G12C25 Celestion verbaut, die man damals für das “Hendrix Stack” in Zusammenarbeit mit Celestion entwickelte. Ein ausgezeichnetes Cab!

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Hi Ilsy
      Habe den 2266 schon seit Jahren und bin immer davon ausgegangen, dass man den Reverb mit dem Fußschalter komplett abschaltet oder läuft das Signal trotzdem durch den A/D-Wandler? Mit “ein paar Handgriffen” meinst du vermutlich, dass du den Stecker der DSP-Platine abziehst? Beste Grüße!

      Auf diesen Kommentar antworten
      1. Hi there,
        die Platine ist auch ausgeschaltet im Signalweg.
        Ich habe hier ein PDF wie man es macht. Kann ich gerne senden, wenn du das magst.

        Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren