Produkt: Gitarre & Bass 5/2019 Digital
Gitarre & Bass 5/2019 Digital
INTERVIEWS: Slash, Phil Campbell, J.J. Cale, Bill Frisell, Kreator +++ VINTAGE-SPECIAL: Fender Princeton
Special

Kleinanzeigen Heroes: die Perlen des Gebrauchtmarkts

Fender American Standard Stratocaster

Anfang der 1980er-Jahre sah es für Fender düster aus: Die Verkaufszahlen schwanden, obwohl sich die Stratocaster nach wie vor großer Beliebtheit erfreute. Aber die damals neu produzierten Modelle ernteten viel Kritik, und die Spieler suchten nach Exemplaren aus den 1950er- und 1960er-Jahren.

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Fender, immer noch unter CBS-Leitung, heuerte mit Bill Schultz, Dan Smith und John McLaren neue Designer an. Die machten sich ans Werk, doch die ersten Versuche in den frühen 1980er-Jahren (The Strat und Elite genannt) schafften es nicht zum erhofften Erfolg. 1985 übernahm Schultz mit einigen Investoren schließlich die ehrwürdige Traditionsfirma. Bald darauf schlug die Geburtsstunde eines Modells, das in den folgenden Jahrzehnten zur Standard-Stratocaster schlechthin werden sollte: Die American Standard Stratocaster – seltsamerweise eine heute eher wenig beachtete Strat, die man trotz hoher Qualität ab und zu für relativ kleines Geld ergattern kann.

Schultz‘ Herausforderung war es nun, der Strat neues Leben einzuhauchen, denn die Neue sollte keine Reissue werden, kein elitäres Super-Modell, kein billiger Kompromiss. Sie sollte aussehen wie das Original, aber behutsam dessen ohnehin wenigen Schwachstellen ausmerzen, modernen Ansprüchen gerecht werden und bezahlbar bleiben – trotz „made in the USA“.

Auf der NAMM-Show im Januar 1987 wurde die neue American Standard vorgestellt – und erntete überwältigende Reviews in der Fachpresse. Endlich war Fender der Spagat zwischen Vintage und Moderne gelungen.

MODERN VINTAGE

Die Gitarre sieht auf den ersten schnellen Blick aus wie eine 1950er/früh-1960er-Strat: sie hat eine kleine Kopfplatte wie die alten Modelle, keinen auffälligen „Bullet“- Zugang zum Halsstab und kein seltsames Logo-Design, eine Halsplatte mit vier Schrauben und eine Vibrato-Einheit, die fast so aussieht wie die alte. Im Gegensatz zum Original bekam die Gitarre gekapselte Mechaniken und zwei modernisierte String Trees. Der Zugang zum Trussrod ist an der Kopfplatte, der Hals muss also nicht wie früher zum Einstellen Einstellung abgenommen werden – gleichzeitig ist die Öffnung für den Inbus-Schlüssel relativ unauffällig.

Beim Griffbrettradius entschied man sich für 9,5 Zoll, was sich in der Praxis als goldene Mitte zwischen dem 12-Zoll-Radius von Les Pauls und dem Vintage-Radius von 7,25 Zoll auf alten Strats und Teles etabliert hat. Ein geringer Radius und die damit einhergehende stärkere Wölbung des Griffbretts ermöglichen damit ein entspannteres (Akkord-)Spiel in den unteren Lagen, allerdings muss man für relaxte Bendings die Saitenlage recht hoch einstellen, da sonst die oberen Saiten bei starken Bendings in der Griffbrettmitte gerne mal scheppern oder gar ganz aufliegen. Der neue Radius sowie dickere und höhere Bünde erleichterten das Spielen – man muss mit dieser Strat nicht kämpfen und kann eine sehr niedrige Saitenlage wählen, wenn man das denn will.

Fender ließ sogar die Legenden Steve Cropper und James Burton testspielen, die der neuen Strat ebenfalls ihren Segen gaben. Beim Vibrato verabschiedete man sich vom Druckguss und Messing der 70er- und frühen 80er-Jahre und entschied sich für eine gestanzte Platte aus kaltgerolltem Stahl mit hochwertigem Stahlblock darunter, neuen Sätteln mit Pulverbeschichtung und einer 2-Punkt-Klingenkonstruktion, was die (bei schlechter Einstellung) Reibungsprobleme der Vintage-korrekten Systeme mit sechs Schrauben eliminierte.

Die Geister scheiden sich heute an der Polyurethan-Lackierung und den modernen Pickups – aber das war’s auch schon. Zwischen 1990 und etwa 1993 wurden die Bodys der American Standard wegen umweltrechtlicher Probleme aus Pappel gefertigt, ansonsten war es vorher und nachher mit wenigen Ausnahmen traditionell Erle. Wer keinen Pappelkorpus will, sollte die Jahrgänge 1990 bis 1993 einfach meiden.

BANG FOR THE BUCK

30 Jahre lang war die American Standard das USA-Modell schlechthin, dann wurde sie 2017 von der American Professional abgelöst. Sie ist auf Online-Portalen für erstaunlich kleines Geld zu bekommen. Meine weiße von 1989 habe ich für € 800 bei eBay ersteigert, eine Sunburst-Variante von 1993 habe ich für 1.250 Mark neu im Laden erworben. In der Regel lässt sich heute für unter € 1.000 immer ein Exemplar finden.

Die Preise sind in den vergangenen Jahren ganz leicht gestiegen, aber selbst die japanischen Fender/Squier-Gitarren der 80er-Jahre von Fujigen werden mehr gehyped und kosten manchmal sogar mehr. Warum ist das so? Man kann nur mutmaßen, aber es liegt vielleicht an den hohen Stückzahlen und der damit verbundenen Verfügbarkeit. Und vielleicht auch daran, dass die American Standard nicht dem Ideal von Vintage-Korrektheit entspricht, sondern eher unspektakulär und unprätentiös daherkommt. Doch die tadellose Performance dieser Gitarren ist gerade für Viel-Spieler attraktiv.

Die Zuverlässigkeit ist herausragend – mir fallen auch nach längerem Nachdenken keine notwendigen Modifikationen ein – es sei denn, man will bei den Pickups unbedingt mehr Vintage-Flair. Wer ein echtes Arbeitspferd sucht, wird bei dieser Strat definitiv fündig. ck

Marshall JCM 800 2205 50W Head

Tom Morello, Schenker, Dave Amato von REO Speedwagon und auch ein gewisser Herr John „The Final Countdown“ Norum wussten es schon immer – aber scheinbar versteht es der Markt nicht: Der 2205 ist ein Klassiker!

So – jetzt ist es raus! Der bestmögliche Geheimtipp unter den günstig gehandelten Verstärkern auf Tauschbörsen, in den Kleinanzeigen, sowie auch bei eBay und reverb.com hört auf den Namen 2205 und ist kein ganz traditioneller Röhren-Amp. Im Signalweg arbeiten nämlich auch 1N914-Clipping-Dioden. Hier scheint auch das Problem zu liegen, denn irgendwie will sich der Zeitwert dieses „Youngsters“ nicht kohärent zum Second-Hand-Gitarrenverstärker-Markt entwickeln.

Und eben dieses eigentlich legendäre 50-Watt-Modell – wie auch der 2210 mit seiner 100-Watt-Endstufe – gehen derzeit immer noch im dreistelligen Bereich über den Tisch. Der Kenner möchte augenscheinlich lieber viel Geld für die Vorserienmodelle bezahlen, nur um diese dann mit allerlei Ratten und Tube Screamern auf ähnlich hohes Gain-Niveau zu boosten.

GESCHICHTE

Jim Marshall und seine Ingenieure reagierten im Jahr 1983 auf die zunehmend moderneren Designs des großen Mitbewerbers aus Übersee mit einem kleinen Update der damals sehr populären JCM-800-2204- und -2203-Verstärker. Der neue 2210 und sein kleines 50-Watt-Geschwisterchen, der 2205, wurden mit Hall, zwei Kanälen, Einschleifweg und vor allem sehr viel Gain im zweiten Kanal auf den Markt gebracht.

Interessiert haben sich damals schon relativ wenige Gitarristen für die beiden neuen JCM-800-Modelle, denn der traditionelle JCM-800-Sound, der nur zwei Jahre älteren 2203- und 2204-Modelle, war zu dieser Zeit auf dem besten Weg, zum absoluten Classic-Rock-Studio-Standard-Sound zu werden. Bereits in den frühen Neunzigern wurde der Produktzyklus der 2210- und 2205-Modelle für beendet erklärt, und die JCM-900- Modelle traten die direkte Nachfolge an.

TECHNIK

Der 2205 bietet einen einfachen Clean-Kanal mit Volume-, Treble- und Bass-Regler und einen relativ modern klingenden High-Gain-Kanal mit Gain, Volume und traditionellem, Dreiband-Equalizer. Zudem wurden dem 2205 ein Master-Volume, ein Presence-Regler, ein serieller Einschleifweg, ein D.I. Out, ein Fußschalteranschluss und ein Federhall spendiert.

Typischerweise beklagen sich viele Besitzer dieses Amps darüber, dass die beiden Kanäle ein gut hörbares Bauteil-Übersprechen haben und somit die Einstellung des Clean-Kanals den Klang im Overdrive-Kanal beeinflusst und andersherum. Zudem gehört es seit gut zwei Jahrzehnten zum guten Umgangston, sich in Internet-Foren darüber zu echauffieren, dass der zweite Kanal keine ganz traditionelle Röhrenverzerrung hervorbringt, sondern seinen charakteristischen Klang aus dem Dioden-Clipping erzeugt.

PRAXIS

Die „Rage Against The Machine“- Rhythmus-Gitarren sind tatsächlich eines der besten Beispiele für den typischen 2205-Sound. Ein großer Teil der Gitarrensoli einer international agierenden, deutschen Band aus Hannover zeigen ebenfalls gut auf, wie gutmütig sich der 2205 im Mix mit Drums, einer oder zwei Rhythmusgitarren und Bass durchsetzen kann.

Und auch die bis zum heutigen Tag andauernde, ständige Diskussion in Studios darüber, ob man wohl lieber den 5000 Euro teuren Soldano SLO-100 oder den Marshall 2205 für das Gitarrensolo nehmen solle – weil doch eben beide Verstärker genau den Job auf Augenhöhe erledigen können – zeigen schon sehr klar, wie unterschätzt der Marshall JCM 800 2205 ist, wenn es um Blues-Rock- bis Metal-Produktionen geht.

LEISTUNGSTRÄGER

Wer sich einen absoluten Klassiker der Rock-Geschichte zu einem kleinen Preis als Klangfarbe in das heimische Studio oder den Proberaum stellen möchte, ist mit dem Marshall JCM 800 2205 sehr gut beraten und kann den Verstärker derzeit, je nach Zustand, in einem Preisrahmen von etwa 800 bis 1500 Euro erstehen. Das Preisgefüge wird sich vermutlich in den nächsten Jahren noch ändern und daher ist es sinnvoll, sich zeitnah nach diesem Amp umzusehen. nf

Yamaha Attitude Standard

Im Rahmen dieser neuen Kolumne zu versteckten und weniger versteckten Kleinanzeigen-Perlen, möchte ich loslegen mit einem Yamaha-Bass, der Anfang der 90er auf der Bildfläche erschien.

Gemeinsam mit Monster-Bassist Billy Sheehan wurde bei Yamaha USA ein Signature-Modell entwickelt, was dann in Taiwan in (Klein-)Serie ging. Dieser Attitude LTD getaufte Bass wird mittlerweile selten gehandelt und wenn, wechselt er für recht hohe Kurse den Besitzer. Im Windschatten des Topmodells führte Yamaha aber auch eine ganze Palette an weiteren Attitudes ein, von denen der Standard der „normalste“ sein dürfte.

Die Zutaten sind unspektakulär: Erlenkorpus (mit einem Hauch Metallic im schwarzen Lack), und ein Ahornhals mit Palisandergriffbrett. Der korrekte Name dieses Modells ist Attitude 65, nach dem Preis von 65.000 Yen, was damals, 1992, etwa 850 D-Mark entsprach. In Europa extrem selten sind der 65M und 75M mit Ahorngriffbrett, sowie der 85 mit Palisandergriffbrett und schwarzer Hardware.

Die damalige Fertigungsqualität der Yamaha-Fabrik in Taiwan lässt nichts zu wünschen übrig und war immer sehr konsistent, sodass man recht bedenkenlos kaufen kann. Beim vorliegenden Exemplar mussten in fast 30 Jahren die Bünde nie abgerichtet werden, und trotzdem ist er problemlos auf eine sehr tiefe Saitenlage einzustellen, was auch die Geometrie aus Halswinkel und Brückenhöhe hergibt. Da wurde sauber und mit gutem Material gearbeitet!

Und das, obwohl der Hals im Vergleich zum Attitude LTD deutlich dünner ist, mit einer zunehmend flachen D-Form. Durch die tief eingesetzte Bauweise ohne die Kante eines normalen Halsfußes ist er genauso bis zur letzten Lage leicht bespielbar. Wer gerne alle Bünde in sein Spiel einbezieht, wird hier glücklich. Dabei ist der Hals nur wenig nach links verschoben, so dass man keinen langen Arm machen muss. Erstaunlich bei einem solchen Giraffenhals, dass bei diesem Bass keine Deadspots zu finden sind – Ansprache und Sustain sind überall sauber.

Die Hardware ist massiv und langlebig, die Brücke Gotoh-ähnlich, die Mechaniken offene Typen, die sich in der Gängigkeit verstellen lassen. Entweder per Inbus oder, bei älteren Versionen, mit einem kleinen Schlüssel, der so gut wie nie vorhanden ist. Mit dem wird eine Hülse um die Mechanik-Achse gedreht, was sich auch vorsichtig mit einer Zange und am besten einem dazwischengelegten Lappen oder Ähnlichem bewerkstelligen lässt.

TO MOD OR NOT TO MOD

Ebenfalls anders als beim Signature-Modell ist der Standard mit einem normalen PJ-Set bestückt, was ihn leicht zu modifizieren macht. Nicht, dass das zwingend nötig wäre, die originalen PUs sind mehr als adäquat. Nun hatte ich allerdings noch das Ken-Smith-Pärchen rumfliegen, das auf Beschäftigung harrte …

Mit dem Schlagbrett und dem bei Bässen ungewöhnlichen Fender-style-Dreiwegschalter ist die Verwandtschaft zu den langlebigen und vor allem im Einsteigerbereich unglaublich erfolgreichen Pacifica-Gitarren noch offensichtlicher. Das schicke Schlagbrett war ein Geschenk eines anderen Attitude-Enthusiasten und auch keine nötige Modifikation, aber einfach hübscher als das originale, dreilagig weiße.

Mit den Original-PUs hatte ich einen Vierwegeschalter verbaut, den es von Fender gibt, und der neben den Einzel-Pickups und der parallelen Verschaltung auch noch eine serielle für fetten Mittendruck bietet. Der war mir bei den Smith-PUs dann aber doch zuviel. Der Jott alleine ist etwas schmalbrüstig durch seine stegnahe Position. Da bringt der Smith-Pickup zwar mehr als der ursprünglich eingebaute, aber selbst er braucht Unterstützung vom Bass-Regler am Amp.

Im Gegenzug verschiebt sich durch diesen Kunstgriff die zwangsläufige Mittenauslöschung, die der parallele Betrieb beider Abnehmer mit sich bringt, was sehr modern klingt. Der P-Pickup sitzt in der traditionellen Position und macht da einen sehr guten Job. Wer es mit den originalen richtig drückend haben will, sollte mal wie beschrieben den Vierwegschalter probieren.

BILLY’S KLEINER BRUDER

Während Instrumente der ersten Signature-Serie gesucht und entsprechend teuer sind, tauchen die Standards immer mal wieder für Kurse zwischen € 200 und € 400 auf. Besondere Schwachpunkte, auf die man beim Kauf aufpassen sollte, sind mir nicht bekannt, bis jetzt waren alle, die ich in Händen hatte, gut spielbar und tonal kerngesund. Dafür bekommt man einen soliden und für mich auch nach 30 Jahren noch zeitlos-modern aussehenden Bass mit einem Sound-Angebot, das sich, wenn gewünscht, leicht noch modifizieren und anpassen lässt. js

Trace Elliot AH250 GP11 MK IV

Wer Mitte der 80er als Rock-Gitarrist bei uns auf dem Dorf etwas auf sich hielt, spielte einen Marshall – oder wollte das zumindest. Am liebsten den neuen JCM800. Das Statussymbol für die Bass-Fraktion dagegen war ein Trace-Elliot-Turm, den sich aber fast niemand leisten konnte. Entsprechend ehrfürchtig wurden in freier Wildbahn gesichtete Exemplare bestaunt.

Trace Elliot war der absolute Platzhirsch. Ein Musikladen in Essex fing 1979 an, PAs zu bauen und zu verleihen, die oft von Bassisten genutzt wurden, die der damaligen Bass-Anlagen überdrüssig waren. Was lag näher, als ganz auf Bass-Amps umzusatteln? Unter dem Namen Trace Elliot wurde vieles populär gemacht, was man nicht unbedingt erfunden, aber für damalige Verhältnisse zur Reife gebracht hatte. So wie Ampeg gut 30 Jahre vorher, war Trace Elliot eine Firma, die explizit für Bassisten gegründet wurde, und zunächst auch nur Bass-Verstärkung anbot.

Neben dem Klinken- und XLR-Eingang findet man bei Trace Elliot den Pre-Shape-Switch, der (mit-)verantwortlich für den Trace-Sound ist. Eine deftige Mittensenke bei Bass- und Höhen-Boost liefert den Instant-Slap-Sound, den alle wollten. Daran war Mark King als Trace-User der ersten Stunde nicht ganz unschuldig, dessen Ton für viele Vorbildcharakter hatte. Dominierendes Element der Frontplatte – und der Klangerzeugung – ist der 11-bandige grafische Equalizer. Damit lässt sich viel anstellen und auch viel anrichten.

Viele verstanden damals Marks Ton (und seine Aussagen in Interviews) so, dass die Mitten komplett raus mussten. Also Pre-Shape plus Badewanne am EQ, bis außer Hosenbeinflattern und Geklicker nichts mehr übrig blieb. Man kann den EQ mit seinen erstaunlich starken Mitten aber auch sinnvoll nutzen, und ihn sogar per Minischalter abschalten, um den puren Bass-Ton an die Endstufe weiterzugeben.

Dem Master-Regler, gerastert wie das Gain-Poti, folgt der Pre/Post-EQ-schaltbare DI-Ausgang, der witzigerweise Pre-Shape, sofern angewählt, immer mit wiedergibt. Das Buchsenquartett rechts sind Send und Return für Effekte und die unter „Slave“ gefassten Line Out und Line In. Line Out füttert bei Bedarf über den Line In eines zweiten Trace-Stacks dessen Endstufe direkt mit dem kompletten Vorstufensignal. Da er masterabhängig ist, regelt sich mit dem ersten Master die Lautstärke beider Stacks. Das war damals der heiße Scheiß!

Rückseitig gibt es neben dem Netzschalter noch einen weiteren für die Lüftergeschwindigkeit und einen für ein weiteres klassisches Trace-Feature: die UV-Röhre! Eine Schwarzlichtröhre bringt die blassgrüne Front zum Leuchten, garantiert auch auf der dunkelsten Bühne noch ablesbar und trotzdem völlig blendfrei – genial!

AN DER BOX

Mit einem satten Fump! meldet sich der Amp zum Dienst, und dann heißt es auch schon Obacht am Master-Regler! Die MOSFET-Transistoren haben den Ruf, für Transistor-Verhältnisse recht warm zu klingen, was eine gute Kombination mit der klaren Vorstufe ergibt. Vor allem sind sie LAUT. Zwar ist das Top nur mit 250 Watt an 4 Ohm angegeben, aber die erreichbare Lautstärke ist immens. Natürlich immer abhängig von den angehängten Boxen; pudelwohl fühlt sich das Top mit der von Trace popularisierten klassischen Kombination aus 4×10″ und 1×15″.

An modernen Boxen kann der Pre-Shape etwas zuviel des Guten sein – die frühen Trace-Cabinets hatten lange keine Hochtöner, da macht die Übertreibung der Höhen durchaus Sinn. Aber der Equalizer ist ja auch noch da, mit dem die Mitten wieder dezent addiert und der Hochtonbereich entschärft werden kann. Wer mehr Klangvariation möchte oder in „dreckige“ Gefilde vorstoßen will, darf gerne Pedale oder Preamps vor den AH250 hängen. Anschlussmöglichkeiten dafür gibt es ja genügend (in die Vorstufe, Pre-Master in den Return, oder Post-Master über Line In direkt in die Endstufe), der Amp macht das klaglos mit.

BRITISH STEEL

Alte AH250 sind günstig zu bekommen, teilweise schon ab € 200. Wesentlicher Faktor dafür dürfte das Gewicht sein, 20 kg bringt so ein Top auf die Waage. Neben dem soliden Aufbau und dem Holzgehäuse hat der fette Netztrafo daran großen Anteil, der das Top zum Eisenschwein macht, andererseits aber eben auch dafür sorgt, dass ihm nicht so schnell die Luft resp. der Strom ausbleibt. Mit ein bisschen Service funktioniert der alte Brite meist klaglos. Potis, Schalter und EQ-Schieber brauchen ab und an etwas Elektronikspray (z. B. von Kontakt Chemie oder DeoxIT), manchmal ist die UV-Röhre defekt, ohne die der Amp natürlich trotzdem funktioniert.

Eine echte Schwachstelle ist dagegen der Steckverbinder zwischen Vor- und Endstufe, der ungereinigt für Aussetzer sorgen kann. Ebenso ist es bei so alten Verstärkern nie eine schlechte Idee, mal einen Techniker auf die Elkos schauen zu lassen und diese gegebenenfalls auszutauschen.

Spätere Trace-Amps bieten umfangreichere Vorstufen, auch mit Röhre und Kompressor, aber ich mag irgendwie die rohe Gewalt der ersten Modellreihen, die immer noch recht häufig zu bekommen und tolle Amps sind, wenn man nicht gerade etwas Leichtes für unterwegs sucht. js

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2021)

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Das GITARRE & BASS MARSHALL SPECIAL mit Amp-Tests, Vintage-Guide und einem Interview mit dem legendären Father of Loud, Jim Marshall.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Bei der American Standard Strat kann ich nur zustimmen, ich hab eine aus der ersten Serie (1987), und die verrichtet ihren Dienst seit nun fast 35 Jahren klag- und problemlos. Die einzige Mod die sie erhalten hat ist ein Humbucker im SC-Format am Steg.

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  2. Der Bericht über die JCM 800 war sehr interessant. Schreibt doch mal was über die Amps der Firma Bedrock

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  3. Fundiert und super recherchiert. Ich hatte das Vergnügen Anfang der 80er Jahre Creative Director einer Werbeagentur in Santa Monica zu sein und für Fenster Kampagnen zu entwickeln
    Habe nebenbei Freundschaft mit Don Felder von den Eagles geschlossen und u. a. den famosen Jeff Beck kennen gelernt, für mich neben David Gilmore der beste und vor allem vielseitigste Gitarrist.
    Habe mich sehr gefreut den Artikel zu lesen.
    Entspricht auch ganz meiner Erfahrung als Gitarrist und Sammler
    Die American Standard ist fester Bestandteil meiner Sammlung
    Grüße von Schippy.

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