Ein großes Ausrufezeichen im Low-Budget-Markt

Jubel aus Ljubljana: Jet Guitars JS-800 im Test

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(Bild: Dieter Stork)

Ljubljana gilt als die heimliche Kultur- und Party-Zentrale Europas. In der Hauptstadt Sloweniens pulsiert – schlicht gesagt – das Leben, und ihr extremer Hip-Faktor sorgt für reichlich Bewegung in den Clubs und Veranstaltungsorten. Wer „in“ sein will, muss auch mal in Ljubljana aufgelegt oder gespielt haben, oder auch einfach nur dabei gewesen sein. Und was hat das mit Gitarren zu tun? Erstmal nichts, aber ein bisschen Info zum Einstieg in das Thema Jet Guitars kann ja nicht schaden; denn diese Gitarren kommen tatsächlich aus … Ljubljana/Slowenien …

Das heißt, sie werden dort designed und dann in China gefertigt, um auf dem Low-Budget-Markt Fuß fassen zu können. Dennoch sind die Jets alles andere als nur eine weitere Billigheimer-Marke – sie sind tatsächlich genauso besonders wie die Stadt, aus der sie – zumindest geistig – stammen. Wenn ich oben schrieb, dass die Jet Guitars in Ljubljana „designed“ werden, ist das natürlich nicht mal die halbe Wahrheit.

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Schnittig und eigen: das Kopfplatten-Design (Bild: Dieter Stork)

Denn die Jet-Designs sind mehr oder weniger Kopien bekannter amerikanischer Klassiker wie Fender Stratocaster, Fender Telecaster und Gibson Les Paul. Natürlich hier und da mit eigenen Features versehen und mit Kopfplatten, die an Suhr oder Tom Anderson erinnern. Aber im Grunde genommen ist das eigentliche Design eher kalter Kaffee von vorgestern. Warum Jet Guitars dennoch eine Daseinsberechtigung haben, davon wird dieser Artikel erzählen.

KÖRPER

Die JS-800 ist von der Basis her eine Hardtail-Power-Strat. In den Basswood-Body haben es ein Singlecoil in die Halsund ein Humbucker in die Steg-Position geschafft, die beide nur von einem Dreiweg-Toggle und einem Master-Volume-Regler verwaltet werden. Der Steg sieht mit seiner leicht konisch zulaufenden Form ungewöhnlich aus. Er besteht aus Zink-Guss, ebenso wie die Saitenreiter, und seine Seitenränder drücken auf die äußeren Saitenreiter, sodass das ganze Brückenwerk als eine Einheit rüberkommt und so für eine gute Schwingungsübertragung sorgen kann. Die Saiten werden dabei durch den Body geführt, und die sechs rückwärtigen Saitenhülsen stehen perfekt auf einer Linie (was in diesem Preissegment nicht immer der Fall ist).

Der Korpus schmeichelt der Hand sehr – zum einen durch seinen matten Lack, zum anderen durch großzügige Konturen auf Vorder- und Rückseite sowie im Cutaway. Body-Stärke und die Kantenrundungen orientieren sich dabei an Fender-Vintage-Instrumenten aus den frühen 1960er-Jahren, die dafür bekannt sind, dass sie unvergleichlich gut in der Hand liegen können.

Black-Relic-Finish (Bild: Dieter Stork)

Hardware und Body-Finish sind von mittelschwerem Relicing betroffen, das immerhin auch nicht vor den Pickup-Kappen und -Spulen haltgemacht hat. Was irgendwie auch zu diesem eingespielten, „broken in“-Spielgefühl passt, dass diese Gitarre schon ab Werk vermittelt. Das großflächige Relicing des Bodys ist jetzt nicht gerade ein Meisterwerk à la Fender Custom Shop, zumal der Mattlack unnatürlicher Weise auch die freigeschabten Holzstellen versiegelt und dadurch eine glatte, unversehrte Oberfläche geboten wird, aber wen stört das wirklich?

HALS

Der Hals ist mit vier Schrauben ohne Halsplatte auf den Korpus geschraubt und sitzt dort unverrückbar fest in einer perfekt gefrästen Halstasche. Sowohl der Hals als auch sein Griffbrett sind aus geröstetem Ahorn, in dieser Preisregion sicherlich nicht gerade selbstverständlich. Über einen sehr gut geformten und passend gekerbten Sattel laufen die Saiten zu den Kluson-Mechaniktypen, die korrekt zueinander ausgerichtet sind.

Roasted-Maple-Hals (Bild: Dieter Stork)

Das „modern C“-Halsprofil und die flache Bundierung sorgen für ein extrem bequemes, schnelles Bespielen des Griffbrettes, und die seidenmatte Lackierung für ein sehr angenehmes Greifgefühl. Auch wenn ich meist etwas dickere Hälse spiele, habe ich mich auf diesem Hals sofort wie zu Hause gefühlt.

Also halten wir hier die beste Freundin in der Hand? Fast – denn wären die Bünde poliert und würden sie nicht einen Hauch aus dem Griffbrett herausragen, dann auf jeden Fall! Doch was zählt, das ist der …

… SOUND AUS LJUBLJANA

Und der ist schlicht und ergreifend großartig! Ich lehne mich jetzt einmal sehr weit aus meinem Fenster bis fast hinein in die Birke, die mir beim Schreiben zuschaut, und behaupte, dass mich ganz selten eine Gitarre derart positiv überrascht hat wie diese JS-800.

Schon die ersten akustischen Klänge lassen mich aufhorchen – solch eine Lebendigkeit, Offenheit, Transparenz und Ausgewogenheit passen einfach nicht zu dem moderaten Preisschild der JS-800. Am Verstärker setzt sich dieser äußerst positive Eindruck fort – in der Halsposition ein typischer Vintage-Fender-Sound in aller Offenheit und Geschmeidigkeit, am Steg ein satt klingender Humbucker, der zwar auch clean gut zu gebrauchen ist, aber vor allem im Crunch- und Zerrbetrieb zur Höchstform aufläuft. Transparenz, schmatzend federnde Bässe, silbrige und schimmernde Höhen und dazu dann dieses Konkrete eines Hardtail-Strat-Sounds, der im Stratocaster-Land ja längst als eine Art Geheimtipp für ganz besondere Strat-Sounds gehandelt wird.

Pickup-Wahlschalter + Volume-Regler (Bild: Dieter Stork)

Mir persönlich ist neben dem reinen Klangbild der Gitarre auch ihre Interaktion mit dem Musiker wichtig – und da ist die JS-800 einfach nur toll! Töne und Akkorde stehen sofort nach dem Anschlag dreidimensional im Raum und werden von einem langen, ebenmäßigen Sustain in einer Klarheit und Offenheit getragen, die wirklich selten sind. Solch ein Charakter verführt zu offenen Akkorden und lebendigen Voicings mit Leersaiten und Sexten- oder Nonen-Erweiterungen – und alle diese Stimmen werden immer gleichmäßig und breitwandig abgebildet. Und dank des Humbuckers auch mit ordentlich Druck, wenn es denn mal sein muss.

Was will man mehr? Ich jedenfalls brauche nicht mehr, um inspiriert zu sein, und um gut zu klingen. Außer vielleicht einen Tone-Regler, der mir trotz aller Sympathie für das minimalistische Konzept der Jet Guitar JS-800 dann am Ende doch manchmal fehlte.

(Bild: Dieter Stork)

RESÜMEE

Überraschung, Überraschung! Diese federleichte JS-800 von Jet Guitars ist eine großartige Version einer Power-Strat, die hervorragende Sounds und ein überragendes Spielgefühl miteinander kombiniert und für ein großes Ausrufezeichen im Low-Budget-Markt sorgen kann! Die Materialien sind in sich stimmig, die Verarbeitung ohne Fehl und Tadel, und die Krönung der Konstruktion stellt sicherlich der Hals aus Roasted Maple dar, der dank seiner Thermo-Behandlung seinen Teil zu dem transparenten, offenen und irgendwie Vintage-holzigen Klangcharakter der Gitarre beiträgt. Ich kann nur jedem empfehlen, Jet Guitars anzuspielen, wo immer sich die Gelegenheit dazu bietet.

Mit einem Ladenpreis von € 449 ist die JS-800 übrigens derzeit die teuerste Gitarre des Sortiments. Vielleicht weil das Relicing viel Zeit in Anspruch nimmt, vielleicht, weil hier in Korea gebaute, gute Alnico-Pickups verwendet werden? Es gibt andere Jets im Strat-Design, die deutlich günstiger sind (ab ca. € 169). Die sind nicht reliced, haben günstigere Keramik-Pickups, aber ansonsten ähnliche Eigenschaften wie die JS-800! Und deshalb sind auch sie sicherlich einen persönlichen Test wert. Ljubljana könnte dank Jet Guitars tatsächlich bald auch in der Gitarrenszene eine feste Größe werden – wer hätte das gedacht?

PLUS

  • Preis-/Leistungsverhältnis
  • Sounds
  • Spielbarkeit und Spielgefühl
  • Stimmigkeit

MINUS

  • Oberflächliche Bundbearbeitung


(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

Produkt: Fender Stratocaster
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Klingt ja anfänglich ganz toll,nur wird diese sehr niedrigpreisige nicht in Slowenien gefertigt,sondern faktisch im asiatischen Billiglohnland China,dem Land,wo Menschenrechte,Umweltschutz,Nachhaltigkeit,und faire Arbeitsbedingungen in den Fabriken (wie bei Cort in Süd-Korea gleichsam!) leider noch immer absolute Fremdworte sind! Wenn diese künstlich auf alt getrimmte und abgenutzte „Relic-Strat-Kopie“ ihren wahren Ursprung in Ljubljana/Slowenien hätte,und schlußendlich nicht in China fabriziert werden würde,dann wäre es gerecht,daß man von einer „Made in Slowenia/Europe“ Elektrischen sprechen dürfte.Dieser subjektive Testbericht erinnert mich daher z.B. besonders stark an „Marshall Valve Amps“ die ihren Hauptsitz zwar in England haben,jedoch in Wahrheit in Asien als Massenware zusammengebaut werden.

    Insofern wird hier im Testbericht herumgeredet,und lobgehudelt,daß es wahrhaft richtig peinlich wird!
    Diese JS-800 Jet Gitarre stammt doch ausschließlich aus China! Basta.
    Und die Typenbezeichnung mit dem Kürzel „JS“ verwirrt Unwissende letztlich dann noch obendrein,denn „JS“ ,das ist bekannt,-kennen lediglich Ibanez User als „Joe Satriani“ Modelltype.

    Die oberflächliche Bundbearbeitung überrascht bei der Jet Gitarre nicht wirklich.Und das künstliche „Relicing“ sorgt allenfalls dafür,daß dieses besagte Thema zwar durchaus polarisiert,aber nicht bei jedem Gitarristen auf Zustimmung trifft.

    Ja,gut,unter dem Strich mag diese von euch getestete chinesische Jet JS-800 Gitarre eine relativ gut klingende Strat-Copy darstellen,ob sie allerdings in Wahrheit wirklich so toll ist,kann ja Jeder für sich selbst entscheiden.
    Die reale Herkunft,und dies finde ich hier nicht unerheblich,stammt definitiv aus der Fabrikation in China,dem Land,das,wie auch Indien,derzeit dem russischen Diktator zuspielt,und global als extrem menschenverachtend und autokratisch gilt,was absolut nicht gut ist!

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