Hagstrom Swede Velvet im Test

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Diese samtige Schwedin gibt es als schneeweißen Engel oder pechschwarze Teufelin nur für begrenzte Zeit. Das limitierte Modell bekam zudem etwas heißere Pickups und mattierte Hardware spendiert. Ja nun aber mal Karten auf den Tisch – Halleluja singen, oder Schweinereien machen, was ist dir lieber? Ich glaub ja, die schwarze Luzifa geht besser weg. Es sei denn …

 

 

… der Teufel trägt Prada. Also dieses Weiß, ich kann mir nicht helfen, das ist nicht engelsgleich, das tut nur so, ist schlecht versteckte Boshaftigkeit. Eigentlich sogar besonders fies, diese geheuchelte Unschuld.

Alles Metal oder was? Ja genau, diese Modellversionen wenden sich wohl eher an die Musiker der bösen Stilrichtungen, aber das warten wir mit Blick auf weitere Verwendungsmöglichkeiten erst noch einmal gelassen ab. Gut und Böse bedingen doch einander, sind zwei Seiten der gleichen Medaille. Schluss nun aber mit der elenden Farbphilosophie – schauen wir lieber mal, was die Mädels so drauf haben. Wieso klingt das eigentlich jetzt gleich wieder nach Porno?

Konstruktion

Die Swede Velvet ist wie die Standardversion dieses Modells noch immer durchwegs eine Mahagoni-Gitarre, die man von der Konstruktion her zur Les-Paul-Familie zählen kann. Dem Korpus der Swede aus Mahagoni wurde eine konturierte, mehrfach eingebundene Decke aus dem gleichen Material aufgesetzt. Wir können davon ausgehen, dass hier jeweils mehrere Teile zu einem Block gefügt wurden, aus dem dann hier Decke, wie auch Korpus entstanden. Genaueres lässt sich der deckenden Lackierung wegen nicht herausfinden. Jedenfalls misst der Korpus samt Decke am Halsansatz ziemlich genau die 50 mm, welche auch das Gibson-LP-Modell aufweist. Abweichend davon ist aber ein leichter Konturschnitt im Bereich der oberen Zarge hinten zur besseren Anlage am Spieler zu finden. Der eingeleimte Hals ist ebenfalls aus Mahagoni gefertigt, lediglich für das eingebundene Griffbrett nahm man sogenanntes Resinator Wood her, wie man schon ahnt, weniger ein gewachsenes, sondern eher ein Kunstprodukt. An dem hoch verdichteten Laminat ist aber immerhin auch noch Holz beteiligt, so heißt es. Man sagt diesem Resinator Wood jedenfalls Eigenschaften nach, die dem des teuren Ebenholzes ähneln. Abtun sollte man das in Zeiten schwindender Ressourcen nicht zu schnell, denn auf jeden Fall gibt so ein Verbundmaterial dem Hals zusätzliche Stabilität und Verwindungssteifheit und selbst eine Traditionsfirma wie Martin verwendet heute bereits künstliche Ersatzmaterialien für das Griffbrett − sogar bei einigen teuren Top-Modellen. Wer davon nichts weiß, der bemerkt das gar nicht. Die 22 Jumbobünde im Griffbrett zeigen recht ordentliche Verarbeitung; Blockeinlagen an den üblichen Stellen, die am 12. Bund wie bei den Vorgängerversionen zweigeteilt, markieren die Lagen. Die charakteristische große D‘Aquisto-Style-Kopfplatte mit Hagstrom-Lilie ist ebenfalls eingebunden und mit gekapselten Mechaniken ausgestattet, deren Stufenflügel einen weiteren optischen Akzent setzen. Der eingesetzte H-Expander Halsstab soll eine optimale Halseinstellung für ultraflache Saitenlage ermöglichen und das ist bei beiden Modellen auch der Fall.

Die Gitarre verfügt über die klassische (LP) Mensur von 628 mm. Die Saiten laufen über einen Sattel aus Kunststoff hinüber zur „Long Travel“ Tune-o-matic-Brücke und werden vom Hagstrom-Block-Tailpiece gekontert. Das interessante Teil besteht aus sechs einzelnen, auf eine Plexiglasplatte montierte Saitenhalter aus Messing, durch die die Saiten von hinten gefädelt werden. Ein aufgesetztes Blech deckt dieses Element ab.

An Elektrik finden wir bei dieser Modellversion die Hagstom-Humbucker Custom BL305E N in der Hals- und Custom BL305 B in der Stegposition vor, welche von einem Dreiweg-Toggle geschaltet und mit jeweils individuellen Volume- und Tone- Reglern verwaltet werden. Ein Filter-Toggle-Switch hält, vergleichbar den Gretsch-Schaltungen, darüber hinaus zwei verschiedene Ton-Varianten bereit. In Mittelstellung bleibt diese Schaltalternative passiv.

Die deckend matte Lackierung, mit der Hals und Korpus gleichermaßen versiegelt sind, macht einen sehr widerstandsfähigen und damit Road-tauglichen Eindruck. Über die Verarbeitung gibt es im Wesentlichen nichts zu Meckern, lediglich die Sattelkerbe der G-Saite bei der White-Satin-Version wurde etwas tief gefeilt, was bei kräftigem Anschlag leichtes Sisseln auf dem ersten Bund erzeugt. Beide Gitarren kamen ansonsten gut eingestellt zum Test.

Praxis

Vom Typ her Les Paul, spielt sich die Swede Velvet ausgewogen im Sitzen wie im Stehen, aber die Korpuskontur auf der Rückseite oben macht sich sofort positiv bemerkbar. Vom Gewicht her ist die Gitarre ansonsten ebenfalls einer Les Paul vergleichbar (gut 4,2 kg). Der zu einem mittelstarken modernen D geformte Hals steigt auf den Korpus zu nicht sehr stark an. Dieses Gleichmaß vermittelt in Verbindung mit der flachen Saitenlage ein absolut angenehmes Gefühl von Spiel- und Bewegungsfreiheit.

Der akustische Basis-Sound erscheint stramm und stringent, nicht sehr laut und etwas nagelig, aber dafür bestens harmonisch aufgelöst im Akkordverhalten. Das ist nicht so schlecht für den Anfang und auch das Sustain kann sich sehen lassen. Gehen wir nun in den Amp, so erweisen sich die Hagstrom-Humbucker schon als kräftige Partner der Swede für die Umsetzung ins elektrische Tonbild, aber was der Vertrieb mit „heißer“ im Vergleich zu den Custom-58-Standard-Pickups meinen mag, bleibt doch vage. An ihren Werten von ca. 8,2 kOhm (Hals) und 8,9 kOhm (Steg) lässt sich das jedenfalls nicht ablesen und auch im Test erweisen sich die verbauten Custom BL305-Pickups als durchaus maßvoll in Sachen Output, was aber kein Schaden sein soll.

Der Humbucker am Hals lässt im klaren Betrieb einen gut gestaffelten Akkordklang hören, der zwar nicht über letzte Offenheit verfügt, aber dennoch mit guter harmonischer Stimmlichkeit und ordentlichen Höhen zu überzeugen vermag. Das eignet sich für alle Arten rhythmischen Begleitspiels, wie auch für plastisch perlendes Melodiespiel und das schmeckt keineswegs nach Metal, wie oben vermutet. Gut, dreht man jetzt den Verstärker auf, kommt das dann auch nicht schlecht. In Zerre saftet es bestens, der Ton hat Kraft, schnappt bei schnellen Tonfolgen saftig schmatzend ineinander und profitiert bei gehaltenen Noten vom guten Sustain der Konstruktion. Schalten wir auf den Steg-Pickup, so verliert der Sound deutlich an Bässen und Tiefmitten und das Höhenbild erscheint etwas bedämpft. Dennoch ist auch hier noch ausreichend Snap vorhanden, um rhythmisch akzentuiertes Spiel präzise in Szene zu setzen. Im Overdrive ist das Tonverhalten der Gitarre über den Steg-Humbucker dann durchaus kraft- und druckvoll, überzeugt vor allem im schön aufreißenden, kompakt perkussiven Akkordverhalten. Power Chords pumpen gut, die Höhen haben ordentliche Aggression, damit lässt sich wirklich ein gutes Brett verlegen. Melodiespiel hat mit leicht glasig beißendem Tonverhalten, aber geschmeidiger Tonbindung bei schnellen Linien durchaus seinen Reiz. Die zusammengeschalteten Pickups verfügen über einen ausgekämmt lichten Klang, der die einzeln geschalteten Humbucker an Offenheit übertrifft. Das Klangangebot erfährt über diese Schaltvariante also eine sinnvolle Ergänzung, die man sich in allen Betriebsarten nutzbar machen kann. Der Zweistufenschalter auf dem unteren Horn hält zwei verschiedene Filterstufen bereit, die vor allem im High-Gain-Betrieb Sinn machen. Hier kann ich schnell vom aggressiv sägenden Ton auf ein samtiges Klangbild wechseln, das rund aus der Mitte heraus drückt. Bei klaren Einstellungen wird es hier ansonsten recht mumpfig, aber das ist ja auch Bonus und wer schnell mal einen Jazzton andeuten will, der findet das sicher gut.

Im direkten Vergleich sind die Unterschiede im Klang bei den baugleichen und ziemlich gleich gut zu spielenden Testinstrumenten nicht groß, aber dennoch bevorzuge ich die schwarze Variante. Aus optischen Gründen sowieso, aber da ist bei dieser Ausführung auch noch ein Quäntchen mehr an klanglicher Klarheit und Geschlossenheit zu hören, was man natürlich kaum der Farbe zusprechen kann. Wer kann, sollte also vor dem Kauf durchaus vergleichen, auch wenn sich die Abweichungen in recht engem Toleranzrahmen bewegen.

Resümee

Das gute alte Swede-Modell hat wieder einmal eine aktuelle Variation erfahren. Die limitierte Auflage kommt als Swede Velvet in den auffälligen mattsamtigen Farben White Satin oder Black Satin, verfügt aber auch über etwas andere Pickups im Vergleich zum Standardmodell. Die sind von gemäßigtem Output, erweisen sich dennoch als kraftvoll und gut angepasst, auch wenn ihnen die letzte Offenheit wohl fehlt. Angesichts des Preises punktet die Swede aber mit stimmiger Konstruktion, guten Spieleigenschaften, mehr als ordentlicher Ausstattung und einer Optik, die ihre Fans sicher finden wird. Die Unterschiede zwischen den vorgelegten Testkandidatinnen erwiesen sich als marginal, das Fertigungsniveau ist gleichförmig und solide und die matte Lackierung erscheint widerstandsfähig, also gut geeignet für den harten Bühneneinsatz. In ihrer Preisklasse stellt die begrenzt verfügbare Swede Velvet also ein gutes Angebot dar. Probieren geht allerdings wie immer über Studieren – check it out!

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