Schneeweisschen und Rosenrot

Hagstrom Artist Project Viking und Super Viking im Test

Hagstrom Viking
FOTO: Dieter Stork

In der neuen Artist-Project-Reihe stellt Hagstrom maßgeschneiderte Instrumente aus der Zusammenarbeit mit ausgewählten Künstlern vor. Paramore-Gitarrist Justin York durfte eigene Ideen für seine Viking und Super-Viking-Modelle einbringen und die sind mit Sicherheit auch für viele andere Spieler interessant.

Die jeweils mit einem Stop Tailpiece anstelle des bekannten Hagstrom-Trapez-Saitenhalters ausgestatteten Vikings weisen neben unterschiedlichen Mensuren auch etwas differierende elektrische Ausstattungen auf. Sie kommen in den Farben Transparent Brown Finish (Super Viking) und als Gold Top (Viking). Justin York: „Im Grunde habe ich die wichtigsten Eigenschaften meiner sechs Lieblings-Hagstroms miteinander kombiniert und etwas angeregt, von dem ich schon lange träume: Einen Regler zum Abschwächen des wummerigen Bassbereichs. Das macht den Sound des Hals-Pickups „cleaner“ und verleiht dem Stegtonabnehmer etwas mehr Retro-Biss. Endlich verfüge ich über Retro-Sounds, die mir keine andere Halbresonanzgitarre bietet. Jetzt bin ich wunschlos glücklich!“

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kleiner unterschied

Schauen wir uns die Schwesterinstrumente erst einmal jedes für sich an und differenzieren dann später nach ihren klanglichen Unterschieden.

Das Viking Gold-Top-Modell wurde, wie die Super Viking, immer noch als das uns bekannte Double-Cutaway-Design in semiakustischer Bauweise erstellt, welches von Decke, Boden und Zargen aus drucklaminiertem Ahorn und durchgeführtem massivem Sustainblock im Korpusinneren repräsentiert wird. Cremefarbene Bindings, auf der Deckenseite schwarz/weiß/schwarz unterlegt beim Gold-Top-Modell, schließen die Zargenkanten und bei der Viking auch die großzügig geschnittenen f-Löcher ab.

Der mit einem Zapfensystem für die Halsverbindung eingeleimte Hals aus kanadischem Ahorn mit laut Beschreibung „ultraflachem“ Profil wird von dem hauseigenen Halsspannstab H-Expander dauerhaft stabilisiert und ist jeweils mit einem eingebundenen Griffbrett aus Resinator Wood (Verbundwerkstoff auf Holzbasis, drucklaminiert) ausgestattet, das jeweils 22 sauber verarbeitete Medium Jumbo Frets in seinem flachen 15″-Radius trägt. Perloid-Block-Inlays markieren die Lagen.

Von den leicht abgewinkelten großen und mit den bekannten Firmeninsignien verzierten Hagstrom-Kopfplatten mitsamt ihren hübschen Hagstrom-Design-Mechaniken mit 18:1 Übersetzung aus werden die Saiten über einen GraphTech Black-Tusq-Sattel in 628 mm Mensurlänge (Viking), bzw. 648 mm (Super Viking) hinüber zur Tune-o-matic Bridge mit Rollenreitern geführt und letztlich von einem Stop Tailpiece gekontert.

Hagstrom Viking
FOTO: Dieter Stork
Stoptail und Elektrik mit Coil-Splitund Bass Cut Tone

Die Elektrik der Viking umfasst zwei in schwarze Rähmchen platzierte Hagstrom-Humbucker: den HJ-50 in Halsposition und den Hagstrom ‘58 Custom am Steg. Die Super Viking hat am Hals einen „PUrified“ genannten P-90-Pickup-Typ im Humbucker-Format und ebenfalls den 58-Custom-Humbucker am Steg montiert. Diese beiden zeigen sich allerdings mit offenen Kappen.

Geschaltet werden die Pickups bei beiden Gitarren identisch mit einem auf die Decke vorn oben platzierten 3-Wege-Wahlschalter, verwaltet werden sie von zwei Volume-Reglern und zwei Tone-Reglern mit jeweiliger Push/Pull-Coil-Split-Funktion (bei Super Viking nur Steg-Pickup) und einer besonderen Custom-Bass-Cut-Klangregelung.

Zu nennen bleiben noch die Pickguards – schwarz-weiß bei der Viking, schlicht schwarz bei der Super Viking und die ansprechend groß gestalteten Gurt Pins. Die Gitarren sind rundum sauber verarbeitet und kamen bestens eingestellt zum Test.

Hagstrom Viking
FOTO: Dieter Stork
Flache Halsprofile mit gebundenen ‚Resonator Wood‘-Griffbrettern

deutliche auswirkungen

Die beiden Viking-Modelle erscheinen auf den ersten Blick baugleich, aber die Unterschiede in den Mensuren und elektrischen Ausstattungen bleiben nicht ganz ohne Folgen. Zunächst einmal sind sie zwar beide mit flachen Halsprofilen ausgestattet, aber der Hals der Viking ist mit 42,7 mm am Sattel etwas breiter ausgelegt als der der Super Viking mit 42,3 mm. Auch in der Stärke ist die Gold Top nicht ganz so „ultraflach“ wie die Trans Brown Super Viking. Ultraflach ist übrigens eine übertrieben drastische Formulierung, denn beide Gitarren lassen sich sehr gut handhaben und bieten mit verrundeten Griffbrettkanten und sauberer Bundierung besten Spielkomfort.

Die Super Viking spielt sich vor allem im mittleren und oberen Halsbereich, wo der Unterschied in der Halsstärke immerhin bis zu 0,8 mm ausmacht – ist nominell wenig, aber deutlich spürbar – mit dem breit-flachen Profil schon etwas anders als die moderater auftretende Viking Gold Top. Das muss man ertasten, also bitte selbst in die Hand nehmen.

Die Super Viking erscheint im akustischen Tonverhalten mit ihrem etwas größeren Saitenzug tendenziell vitaler und kraftvoller, die Gold Top kontert mit kompaktem Akkord-Sound und guter Beweglichkeit. Auch bringt die größere Mensur der Super Viking etwas mehr Draht in den Klangaufbau ein. Grundsätzlich bewegen wir uns aber in einer schmalen Marge, denn beide Gitarren zeigen schon vergleichbare Gene, sind klangfarblich nah beieinander.

Die beschriebenen akustischen Differenzen machen dann aber elektrisch einen hörbaren Unterschied: Wir beginnen unsere vergleichende Betrachtung mit der Viking Gold Top in der Verstärkerposition Clean und da kommt sie uns mit eher weicher Klangauflösung zum Ohr. Der Hals-Pickup tönt rund, aber ihm fehlt es etwas an Griffigkeit. Die Saitenseparation im Akkord ist ganz in Ordnung, aber nicht Spitze. Wechseln wir zum Kollegen am Steg, so macht der schon etwas mehr Dampf, aber auch ihm ist der leichte Schleier nicht ganz abzuziehen. Der letzte Glanz bleibt aus, was in etwa so klingt, als wäre das Tone-Poti nicht ganz geöffnet (dazu gleich mehr). Aber ich greife vor, denn im Vergleich wurde die Angelegenheit erst unmissverständlich.

Hagstrom Viking
FOTO: Dieter Stork
Hagstrom Kopfplatte mit Hagstrom Design Tunern

Wechseln wir also zur Super Viking, so offenbart sich ein gravierender Unterschied: der elektrische Sound ist deutlich offener, klarer und insgesamt intensiver. Der zuvor schon bemerkte Draht im Ton gibt Straffheit und Kontur, was die impulsstarken Bässe und Tiefmitten luftig knacken lässt und dem gesamten Tongeschehen einen enormen Zuwachs an Tiefe, ja atmenden Growl gibt. Natürlich stellt der P-90-Typ in der Halsposition sowieso und nicht unerwartet ein schlankeres und knackfrisches Klangbild zur Verfügung, aber selbst der identische ’58- Custom-Humbucker in der Stegposition klingt bei der Viking bedeckter als in der Super Viking. Hätte ich in dieser Deutlichkeit jetzt nicht erwartet.

So, das war der erste Eindruck bei voll aufgedrehten Potis, aber der schwedische Endorser hat sich ja eine besondere Tonblende gewünscht und deren Funktion wirft ein anderes Licht auf die Sache! Rollen wir das Tone-Poti zurück, so filtern wir Bässe aus und der Ton wird zunehmend crisp und natürlich auch schlanker. Damit lässt sich auch der bei der Gold Top bemerkte leichte Schleier liften und der Klang beider Pickups erhält deutlich mehr Transparenz und Kontur.

Bei der Super Viking sind nun darüber auch noch sehr schöne Abstufungen möglich, die uns vor allem im Overdrive klangfarbliche Variabilität an die Hand geben. Machen wir mit dieser bassfilternden Tonlende schon fette Beute, so liegt darin verborgen ja nun auch noch die Coil-Split-Funktion angelegt, welche uns eine weitere Klangebene mit Singlecoil-Sounds an die Hand gibt. Davon profitiert die Viking Gold Top natürlich doppelt, da die Trans Brown Viking lediglich über einen zweispuligen Humbucker in Stegposition verfügt. Vor allem also der Viking lassen sich nun in der Split-Ebene tatsächlich mit zuvor kaum zu ahnender Intensität stringente und transparente Sounds bis hin zum Ultra-Twang abgewinnen und natürlich ist das dann auch für die Super Viking einfach noch eine schnittige Option mehr, die mit dem Bass-Cut-Tonregler bis in die Skalpellebene getrieben werden kann.

Wer also mit der Tonblende immer nur muffelnde Sounds verbunden hat, der bekommt mit dieser speziellen Bass-Cut-Regelung der Artist-Project-Modelle eine echte, absolut funktionsstarke Alternative zur Sound-Formung geboten.

resümee

Die Modelle Viking und Super Viking aus der Artist-Project-Reihe offenbaren sich im Test zunächst als recht ungleiche Schwestern. Die manierlich handhabbaren Hälse weisen zwar etwas differierende Dimensionen auf, aber vor allem macht hier wohl die verschieden lange Mensur einen Unterschied. Die Viking mit kurzer (Gibson-) Mensur liefert geschmeidige, aber auch etwas bedeckte Tonwandlung, was aber erst so richtig deutlich wird, wenn die Super Viking ihr mit offenem frischem Ton frech den Rang abläuft. Diese Einschätzung korrespondiert natürlich mit persönlichem Klangempfinden und musikalischem Geschmack.

Die Viking ist für bestimmte, eher smooth und gentle gehaltene Musik vielleicht sogar genau richtig, aber ich als Freund der offenen Höhendarstellung und knackig konturierter Bässe hätte ohne Zweifel sofort zur Super Viking gegriffen.

Das so stehen zu lassen, hieße aber die Rechnung ohne den Wirt zu machen. Der wird in diesem Falle, abgesehen von den Coil-Split-Optionen, durch die jeweiligen, höchst effektiven Bass-Cut-Tonblenden beider Gitarren repräsentiert, welche auch der zuvor etwas unscheinbaren Gold Top ein völlig anderes Leben einzuhauchen vermögen. Beide Gitarren sind fraglos ansprechend und funktionstüchtig verarbeitet, aber was Halsprofile und Klangausstattungen angeht, ist die eigene Hand anzulegen und das eigene Ohr entscheiden zu lassen dringend angeraten. Check it out!

Hagstrom Viking
Hagstrom Viking

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(erschienen in Gitarre & Bass 08/2018)

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