Immer noch das Maß der Dinge:

Fender Jazz Bass: Oldies unter dem Mikroskop

Jazz Bass

Einführung in die Oldie-Kunde

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Fantastisch, diese Jaco-Sounds aus dem ´62 Jazz Bass . . .! Auf dem `63 Precision, mit Flatwound-Saiten ausgerüstet, lebten alte Motown-Zeiten wieder auf.

Oldies der Sechziger spielt man bitte nur auf alten Höfner Bässen oder halbakustischen Epiphone Bässen, und zwar über einen leistungsschwachen Röhrenamp. Und der frühe ZZ-Top Sound kommt am besten rüber über einen Fender Telecaster Bass von 1968. Natürlich kann man diese Bass-Sounds auch mit modernen Bässen hinkriegen, mit aktiven Pickups, Edelhölzern und Plastik . . . äh, will meinen, Graphit.

70ies jazz bass

Aber bei Oldies geht es um das Feeling, die Vibrations…

Ein guter alter Jazz Bass hat den Jacosound, in Verbindung mit einem guten Amp, aber in erster Linie muss der Sound aus den Fingern kommen. Auch Oldies spielen sich leider nicht von selbst. Colin Hodgkinson, der unbekannte Superbassist, spielt einen Fender Precision, den er sich 1962 buchstäblich vom Munde absparte. Auch heute noch holt der Mann mit seinem sagenhaften Feeling alles aus diesem Wunderbass ´raus, egal ob er ihn über einen Hiwatt mit Ampeg Box spielt, oder über einen Trace Elliot mit 15‘‘ und 4 x 10‘‘ bläst. Manche Bässe haben einen bestimmten Sound geprägt:

Der berühmte Gibson EB3 ermöglichte es Jack Bruce, den Cream-Sound mit dröhnendem Druck auszustatten, leicht angezerrt, weil die Anlagen damals noch nicht so viel hergaben. Für Spezialisten: Erinnert ihr Euch noch an die alten „Free“?!?!?!??

Paul McCartney spielte einen sauberen Höfner-Bass in den Sechzigern, Kurzhals, versteht sich. Dann ging er über zu einem Rickenbacker und irgendwann zu Yamaha.

Und Donald „Duck” Dunn, Chuck Rainey, Ron Carter: Eisenharte Precision-Spezialisten.

Louis Johnson hatte wohl den dicksten Daumen, der je auf einem Music Man Sting Ray gewütet hat! Auf dem Beatles-Bass hätte der Junge keine Chance gehabt – aber da liegen auch Welten dazwischen. Vielfältig sind die Bass-Sounds, Instrumente kommen und gehen . . . Aber manche Bässe sind zu Standards geworden – jeder (Musiker, Produzent, Techniker, Musikzeitschriftenredakteur) kennt den speziellen Sound. In dieser Serie werde ich über berühmte Bass-Designs und ihre speziellen Sounds berichten, über berühmte Bassisten und soundprägende Aufnahmen plaudern. Denn jeder, der sich so Bass-Freak nennt, hat sich wohl irgendwann mit dem Ohr im Hi-Fi-Lautsprecher wiedergefunden, die Frage auf den Lippen: Wie kriegt er diesen sagenhaften Sound bloß hin?? Ja, das geschulte Ohr erkennt den bundlosen WAL auf Brand-X-Platten, den Jazz Bass auf Miles-Aufnahmen mit Marcus Miller, den Jaydee auf Shakatak-Scheiben.

66er Jazz Bass

Also legen wir los: Nehmen wir uns heute mal den Fender Jazz Bass vor. Jeder will ihn: junge Funker, alte Rock & Roller, devote Jaco-Fans und biedere Tanzmucker gleichermaßen können sich mit dem Jazz Bass-Sound identifizieren. Dieses Modell git es inzwischen schon 55 Jahre. Das Design war so genial, dass es heute noch den Ton angibt. Aber tauchen wir, zum besseren Verständnis, mal etwas in die geschichtliche Entwicklung ein:

History

Leo Fender begann etwa 1959 mit dem Design für einen Bass, der etwas eleganter sein sollte als der Precision, der ja schon ein Verkaufsschlager war. Der Jazz Bass sollte eine „Straßenkreuzerversion“ sein, etwas luxuriöser. 1957 hatte Leo Fender die „Jazzmaster“-Gitarre entwickelt, das erste Instrument mit dem sogenannten „offset waist-design“, der abgeschrägten Korpusform. Diese Gitarre war 1961 das teuerste Teil aus dem Hause Fender, der neue Luxus-Bass bekam also eine ähnliche Korpusform und hieß natürlich „Jazz Bass“.

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Die Elektronik

Die beiden Singlecoil-Pickups ermöglichten mehr Soundvariationen als der Precision, der Ton war insgesamt etwas weicher, „more funky“. Aber davon später mehr.

Der „Stein der Weisen“ ist das Jazz-Bass-Modell von 1960. Dieser hat „concentric-tone-knobs“. Zwei Doppeldrehknöpfe, die Lautstärke und Klang pro Pickup getrennt regeln. John Entwistle hatte in seiner großen Bass-Sammlung (ca. 160 Bässe) einige dieser seltenen Steine, und schwärmte von den Spezialsounds, die nur mit diesen Reglern möglich sind. Ab 1962 wurde der Jazz Bass nur noch mit der bis heute gängigen Regelung ausgeliefert: Zwei Lautstärke-Potis und  ein Master-Tonregler.

Pickup-Messias Seymour Duncan gab mir freundlicherweise erschöpfend Auskunft über die „Specs“ der alten Jazz-Bass-Pickups: „Die beiden Single-Coils hatten jeweils acht Magnetpole, zwei für jede Seite. Der hintere (Bridge-)Tonabnehmer war ein wenig breiter, um den Winkel zu kompensieren, den die Saiten vom schmalen Hals bis zur Standard-Bridge machten. Bei den allerersten Jazz Bässen waren beide Spulen in der gleichen Richtung gewickelt, bald aber wurden sie mit entgegengesetzter Wicklung eingebaut. Das erzeugte einen Humbucking-Effekt, wenn beide Tonabnehmer zusammen gespielt wurden. Wird nur ein Pick-up benutzt, hat man das bekannte „Singlecoil-Brummen“.

Jeder Pickup hat etwa 800 Wicklungen auf der Spule aus Hartpapppe, zum Schutz des empfindlichen Kupferdrahts dient eine Lackschicht und die Plastikkappe mit acht Löchern für die Alnico-Magnete. Die Pickups sind parallel verdrahtet, mit 250K-Potis für Lautstärke und Master-Tone.

Bei diesen alten Pickups kann der Widerstand unterschiedlich sein, obwohl sie die gleichen Wicklungen haben. Das liegt an minimalen Abweichungen in der Stärke des verwendeten Kupferdrahts (42 AWG), die unter der Toleranzgrenze liegen, oder an Kurzschlüssen in der Spule, die etwa entstehen können, wenn man versucht, die Magnete zu bewegen.“

Soweit der Chef. Diese Oldies haben auch all ihren charakteristischen Sound – jeder klingt ein wenig anders. Die damaligen Pickup-Wickelmaschinen waren nicht wie heute computergesteuert – da stand ein Operator an der Maschine und kontrollierte die Drahtführung und Wicklungszahl.

Und wenn der Operator sich eine Kippe ansteckte, dan hatte eine Spule halt hundert Wicklungen mehr – never mind, der bass klingt deshalb heut etwas „rotziger“.

Konstruktion

Der Korpus war aus Erle oder Esche, der Hals aus „Rock Maple“, mit einem Griffbrett aus Palisander. Die frühen Jazz Bässe hatten breite, schlanke Hälse mit Punkteinlagen, 1965 wurden die Hälse etwas schmaler, bekamen „Bindings“, seitliche Einfassungen und große, rechteckige Blockeinlagen aus Perlmutt.

Echte Fender-Freaks wissen ja, dass 1965 das Jahr war, wo Leo Fender seinen Laden an CBS verkaufte. Die Fender Bässe, die vor diesem Termin produziert wurden, werden heute als „pre-CBS-Modell“ gehandelt und sind wertvoller als spätere Fender-Instrumente, die man wiederum durch kleine Unterschiede auseinanderhalten kann.

Der Bass im ersten Video ist ein Jazz Bass von ´66, mit eingefasstem Hals, Blockinlays und einem Pickguard mit einem helleren Rand. Die Seriennummer ist sechsstellig, und auf der Neckplate ist ein „F“ eingraviert – man beachte auch die Runden Lollipop-Stimmflügel der Mechaniken.

Fender war auch der erste, der bunte Gitarren anbot. 1960 konnte man aus etwa fünfzehn verschiedenen Farben wählen. Der 63er JAZZ BASS im zweiten Video hat die Speziallackierung „sonic blue“, gut passend zu ausgewaschenen jeans. Auch die Schlagplatte hat einen leichten Blauschimmer. Und die Kopfplatte wurde bei diesen „custom colors“ meist mitlackiert.

Im dritten Video ist die Mutter aller Jazz Bässe zu sehen: Ein 61er Modell mit concentric-tone-knobs. Bobby Vega hat sein Schätzchen stellenweise bis auf das blanke Holz heruntergespielt und den originalen Fender-Steg mit einer massigen Badass-Brücke ersetzt.

Video vier: Ein typisch modifizierter Jazz Bass, basierend auf dem Fender Geddy Lee Signature-Modell: Auch hier musste die wackelige Blechbrücke einer Badass Bridge aus verchromtem Messing weichen. Die Single-Coils wurden durch aktive EMG-Humbucker ersetzt. Nicht sichtbar, aber tief hörbar: ein Hipshot D-Tuner.

Mit diesen veredelten Teilen ist auch ein alter Jazz Bazz gut für diverse Live- oder Aufnahmezwecke gerüstet, ohne Probleme wie brummende Pickups oder sich beim Spiel selbsttätig runterdrehende Saitenreiter. Für´s Museum kann er dann wieder in den Originalzustand versetzt werden, wenn man die Kleinteile gut aufhebt. Auch die Lackierung, und sei sie auch noch so abgeschabt, sollte nie abgebeizt oder überlackiert oder sonstwie verändert werden.

Von Umbauten, die Holzarbeiten in Anspruch nehmen, rate ich grundsätzlich ab: Die Leute, die damals diese Instrumente bauten, wussten, was sie wollten, und liebten ihre Arbeit. Und das fühlt man auch, wenn man diese Bässe ansieht, und spielt.

Das Holz fühlt sich warm und lebendig an, das Instrument hat „Vibrations“ und diese Vibrations inspirieren den erleuchteten Bassisten . . .

Jazz Bass Kopfplatten (2)
Von Links nach rechts: Jazz Bass 1962: Logo in Gold mit schwarzem Rand, Die kleinen Zahlen unter dem „Fender“ sind Patent-nummern. Jazz Bass 1963: Auch hier der gleiche Abrubbel-Schriftzug auf der Sonic Blue-Lackierung. Jazz Bass 1965: Ein sog. ,,Transition-Logo“, denn Fender gehört nun zum CBS-Konzern. Kleine Änderungen haben sich eingeschlichen: Die Bezeichnung ,,offset contour body“ wurde weggelassen, statt Punkteinlagen hat das Griffbrett nun eckige Perlmutteinlagen. Der Hals ist minimal schmaler geworden und hat ein weißes Binding bekommen. Die Flügel der Kluson-Tuner sind rund. Jazz Bass 1966: Mittlerweile haben die Flügel der Mechaniken wieder ihre ursprüngliche Form, und auch der Vermerk ,,offset contour body“ ist wieder da, allerdings mit dem Zusatz ,,patented“. Der Name Fender ist auch geschützt, erkennbar am ,,R“ im Kreis und ,,Jazz Bass“ erscheint jetzt fett gedruckt. Der komplette Schriftzug liegt nun unter dem Lack und ist dadurch viel besser vor Verwitterung geschützt.

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Irgendwie kommt mir der Text bekannt vor…! Tatsächlich, das hab ich ja selber geschrieben! Damals, 1987, im Musiker Magazin… Fühle mich sehr geehrt! Danke!

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  2. Ok, ich verstehe die Story so: eigentlich ein preiswert konstruiertes Instrument, welches deshalb so legendär wurde, weil es von später berühmten Musikern gespielt wurde, die ihr Genre beherrschten. Hätte Jaco einen Harley Benton gespielt, würde es auch nach Jaco klingen. Bloß weil Fender drauf steht, wird aus einem dem Grunde nach preiswert konstruierten Instrument keine technische Meisterleistung.

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  3. soso, 800 wicklungen?? da hat der seymour dir aber einen schönen bären aufgebunden.
    sollte man mal versuchen, bin gespannt, was da rauskäme!!

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