Museumsreif?

Der Klinkenstecker

Den heute antiquiert anmutenden aber aus dem Musikeralltag nicht wegzudenkenden Klinkenstecker haben wir gewissermaßen Alexander Graham Bell zu verdanken.

(Bild: Dommers, Archiv)

Obwohl, an der Entwicklung des Telefons waren de facto diverse Erfinder beteiligt, und das Ganze wurde aus patentrechtlicher Sicht eher zu einem Tohubawohu, aus dem Bell am Ende quasi als Sieger hervorging – auf welche Weise auch immer. Wer allerdings den Klinkenstecker erfunden hat, ist nicht eindeutig belegt, fest steht jedoch, dass der Mechaniker, Erfinder und Unternehmer George W. Coy die weltweit erste Telefonzentrale entworfen, diese als Fernsprechvermittlungsstelle für den kommerziellen Einsatz gebaut und am 28. Januar 1878, zwei Jahre nach Bells „Erfindung“, in New Haven, Connecticut, USA eröffnet hat. Connecticut?! Einen Ort mit passenderem Namen hätte Coy nicht wählen können.

Anzeige

Absolutely Vintage (Bild: Dommers, Archiv)

Somit wurde der Klinkenstecker erstmals in der Telefonie eingesetzt und hört seitdem auf die Namen Phone Jack oder Phone Plug. Sicherlich haben die meisten das Bild vor Augen: Riesige von Klinkenbuchsen übersäte Tafeln, vor denen zahlreiche meist weibliche Beschäftigte Telefonverbindungen herstellten. „Hallo Jenny, verbinden sie mich bitte mit … Lassie.“

D’Addario Circuit Breaker (Bild: Dommers, Archiv)

Klinkenstecker, -buchsen und -kupplungen werden heute primär zur Weiterleitung von Audio- und Videosignalen verwendet, mitunter aber auch zur Spannungsversorgung von Kleingeräten oder zur Übertragung digitaler Signale zu Steuerzwecken. Der Name Klinke stammt vermutlich vom Einrasten in die Kontaktfedern der Buchsen (klinken = sich einklammern), die gleichzeitig auch den einzigen Halt gegen versehentliches Herausziehen bieten. Vorteile sind die einfache Handhabung bei platzsparender Bauform, Nachteile der kurzschließende Steckvorgang – die Spitze kontaktiert beim Einführen in die Buchse schließlich immer zuerst die Abschirmung bzw. Masse – und die relativ schlechte Kontaktqualität, die sich jedoch durch Vergoldung optimieren lässt. Standardstecker und -buchsen besitzen hingegen lediglich vernickelte und damit leicht oxidierende bzw. verschmutzende Kontaktflächen.

D´Addario DIY Solderless Instrument Cable Kit (Bild: Dommers, Archiv)

Ermüdet die Spannung der Kontaktfedern mit der Zeit, verschlechtert sich nicht nur der Kontakt, sondern auch die mechanische Steckfestigkeit, die den Halt des Steckers in der Buchse bezeichnet. Ist besonders hohe Steckfestigkeit gewünscht, empfehlen sich Buchsen mit zusätzlicher mechanischer Verriegelung wie z. B. von Neutrik, der Verschraubung mittels Muffe (Sony Wireless u. a.) oder der Stabilisierung durch federnde Spreizlamellen am Schaft, wie sie von D‘Addario/ Planet Waves verwendet werden.

Engelking Equinox Silent-Plug 1997 – Kontakt geschlossen (Bild: Dommers, Archiv)

Musiker benutzen zumeist Standardklinkenstecker und -buchsen mit einem Schaftdurchmesser von 6,35 mm mit Schaft, Isolierung und Spitze (Mono) oder im TRS-Format (Tip, Ring, Sleeve) mit Spitze, Schaft und isolierten Zwischenringen (Stereo oder symmetrisch). Bei Verstärkern oder Multieffekten kommen immer häufiger 3,5 mm Stereoanschlüsse (Mini-Klinke) für Kopfhörer, Aux In oder Line Out zum Einsatz. Z. B. für batteriebetriebene Onboard-Gitarren-Preamps gibt es auch Klinkenbuchsen mit Schaltkontakten. Zieht man in diesem Fall den Stecker, wird die Spannungsversorgung unterbrochen und damit die Batterie geschont.

(Bild: Dommers, Archiv)

Subminiaturklinken von 2,5 mm Durchmesser werden fast nur noch zur Spannungsversorgung von Kleingeräten im Niedervoltbereich verwendet. Beim Einsatz abgeschirmter Instrumenten- oder Mikrofonkabel empfehlen sich Stecker mit verschraubbaren Metallhülsen, deren Kontakt zur Masse bzw. zum Abschirmgeflecht des Kabels eine Unterbrechung der Abschirmung ausschließen. Billigversionen mit schraubbaren oder gar vergossenen Kunststoffhülsen eignen sich somit eher für Schaltzwecke (z. B. Fußschalter). Aber auch unter den Ganzmetallsteckern gibt es erhebliche Qualitätsunterschiede. Preisgünstige Modelle bieten relativ dünne metallene Schraubhülsen, eine Isolierung aus Kunststoffschlauch, einen spiralförmigen Knickschutz aus Federstahl und eine Spitze, die mit den Lötösen bzw. der Kabelzugentlastung vernietet, bestenfalls jedoch verschraubt ist. Mit zu den hochwertigeren Steckern dieser Kategorie zählen die vom 1946 in Chicago gegründeten Traditionshersteller Switchcraft, vor allem beliebt wegen ihrer kompakten Bauform.

Bei der Konzeption von Pedalboards haben sich lötfreie Stecker und frei konfektionierbares Kabelmaterial etabliert, um Signalwege möglichst kurz und den Platz zwischen den Pedalen gering zu halten. Derartige Produkte werden inzwischen von diversen Herstellern wie George L‘s, Hicon, Evidence Audio, D‘Addario/ Planet Waves, Lava Cables, MoenFX u. a. angeboten. Die platzsparendsten und mit konfektionierten Flachkabeln versehenen Winkelstecker kommen aktuell von EBS und RockBoard. Apropos: Für welche Einsatzbereiche sich gerade oder um 90° gewinkelte Stecker am besten eignen, lässt sich nicht pauschal beantworten. Vorab wäre zu klären, welcher mechanischen Belastung Stecker und Kabel ausgesetzt sind, und ob die Klinkenbuchse den Stecker horizontal (Verstärker, Effektpedal, Gitarre mit deckenseitiger Buchse o. ä.) oder vertikal aufnimmt (z. B. Instrument mit Zargenbuchse). Horizontal positionierte Stecker und Buchsen sollte man nicht mit schweren Kabeln wie beispielsweise Lautsprecherkabeln belasten. Sofern ausreichend Platz vorhanden, empfehlen sich dafür gewinkelte Modelle. Auch Zugentlastung und Knickschutz sind für die Qualität eines Steckers von Bedeutung. In jedem Fall ist eine variabel einstellbare 3- Punkt-Zugentlastung der gequetschten Umklammerung von Billigsteckern vorzuziehen, obwohl selbige oftmals einen besseren Knickschutz in Form einer aus der Hülse herausragenden Spiralfeder bieten.

(Bild: Dommers, Archiv)

Die Königsklasse unter den Klinkensteckern nehmen sicherlich die sogenannten Silent Plugs ein. Das unangenehm krachende Geräusch eines bei laufendem Verstärker in die Gitarrenbuchse eingeführten bzw. herausgezogenen Steckers dürfte jedem Gitarristen und Bassisten bekannt sein, vor allem dann, wenn während des Gigs häufig Instrumente gewechselt werden müssen. Während man noch vor einigen Jahrzehnten nicht umhin kam, zuerst das Kabel aus dem Amp und dann erst aus der Gitarre zu entfernen oder den Standby-Schalter, das Volume-Pedal oder einen entsprechenden Fußschalter zu bemühen, hilft heute der besagte Silent Plug. Erste Modelle dieser Art waren noch mit einem federnden Kontaktstift unmittelbar neben dem Steckerschaft ausgestattet, der sich beim Einführen in die Buchse ins Innere des Steckers verschob, um dort den geräuschunterdrückenden Kurzschlusskontakt zwischen Spitze (+) und Abschirmung (-) freizugeben.

Diesem Modell war jedoch keine lange Lebensdauer beschert, denn oftmals verkantete sich der Stift in seiner Führung und gab den Kurzschluss nicht mehr frei. Eine optimierte Variante, der Equinox Silent-Plug der deutschen Firma Engelking, kam 1997 auf den Markt. Bei dieser verschob sich die komplette Außenhülle des Schaftes, die im kurzgeschlossenen Zustand direkten Kontakt zur Steckerspitze aufnahm und dabei den Isolierring verdeckte. Das Nonplusultra dieser Steckergattung präsentierte jedoch 2005 der Schweizer Hersteller Neutrik, nämlich den NP2X-AU. Wird dieser in die Klinkenbuchse eingeführt, verschiebt sich ein Magnetring, der im Innern einen hermetisch abgedichteten Reed-Schalter aktiviert. Dieser verbindet den Leiter mit der Abschirmung und lässt so das Signal völlig geräuschlos verstummen. Diese Silent Plugs sind bei mir seit Jahren im Dauereinsatz und haben mich noch nie enttäuscht, es sei denn, die Gitarre ist mit einer Buchse ausgestattet, deren Kontaktfedern ungünstig gebogen sind, sodass der Kontaktlöser des Steckers nicht korrekt positioniert ist. In diesem Fall hilft Korrigieren der Feder mit entsprechenden Rund- und/oder Flachzangen.

(Bild: Dommers, Archiv)

Den Silent Plug gibt es übrigens auch in gewinkelter Form und als Budget-Version namens Rean by Neutrik Silent NYS224S. Eine weitere Variante ist der Circuit Breaker von Planet Waves (D´Addario). Bei ihm hat man im stabilen metallenen Steckergehäuse seitlich einen manuell zu bedienenden Schalter untergebracht, der das Signal zum Amp unterbricht. Nachteil: Umständlich, da man vor dem erneuten Einstöpseln nicht selten vergisst, das Signal wieder freizuschalten. Inzwischen konnte Neutrik mit den Modellen Timbre Plug und Ultimate Plug sogar noch nachlegen, diese sind jedoch ausschließlich als gewinkelte Stecker erhältlich. Beide besitzen die Timbre-Schaltung, die mittels dreier „Presets“ die Klänge verschieden langer Kabel oder was auch immer simulieren.

Letzteres ist zusätzlich mit dem Silent- Kontakt ausgestattet, bietet also quasi die Vollbedienung. Weitere Steckervarianten sind als 4.4 mm Bantam Miniatur TRS-Klinkenstecker bekannt, die jedoch neben früheren Telefonvermittlungszentralen primär in TTSteckfeldern großer analoger Studiomischpulte Verwendung finden. Zu den bekanntesten Herstellern von Klinkensteckern zählen Adam Hall, Amphenol, Cliff, Conrad, D‘Addario/Planet Waves, George L‘s, Hicon, Lava Cables, Lumberg, Neutrik, Oehlbach, Paccs, Rean, Rean by Neutrik und Switchcraft.


Aus Gitarre & Bass 11/2016


>>Hier geht’s zum Gitarre & Bass Kabel Special<<

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte Sie auch interessieren: