Röhren-Exciter

Clouds Hill Laut im Test

Tja, sie ist nach wie vor nicht wegzudenken. Die Röhre trotzt standhaft den Bits und Bytes der Digitaltechnik, hält ihren Stellenwert und wird dies wohl auch weiterhin auf längere Zeit tun. Unter anderem, klar, weil man ihr die Fähigkeit zuspricht, Signale zu „vitalisieren“. Genau dies soll das Credo unseres Testprobanden sein. Ein Röhren-Preamp/Booster im Pedalformat: „Laut“ macht angeblich nicht nur laut, sondern vor allem schön.

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Wer kommt auf die Idee, so etwas zu bauen? Nein, in diesem Falle kein großer Hersteller oder eine renommierte Boutiquemarke. Der Hersteller ist eigentlich auch in einer ganz anderen Sparte aktiv. Johann Scheerer betreibt im Süden Hamburgs das Clouds Hill Studio, dessen besonderes Markenzeichen es ist, dass in der Ausstattung Vintage-Equipment dominiert. Wozu unter anderem analoge Bandmaschinen gehören und ein Neve 8068 MKII-Mischpult. Na klar, wenn jemand derart der analogen Welt zugetan ist, impliziert sich ja fast schon zwingend Interesse an der Röhrentechnik. Was die Techniker des Clouds Hill Studios in Form des „Laut“ kreiert haben, hält Johann Scheerer für so hochwertig, dass nicht nur die Signale von E-Gitarren und -Bässen davon profitieren sollen, sondern ganz allgemein in vielen Anwendungen das Pedal für Verfeinerung und Optimierung des Klangs sorgen kann. Bis hin zur Bearbeitung von Vocals im Studio und dem Einsatz in HiFi-Anlagen. Hoch gesteckte Ziele für ein Produkt, das im Handel für deutlich unter € 500 zu haben ist.

handwired

Die Funktion des „Laut“-Pedals fußt auf zwei Schwerpunkten. Der eine ist die schon erwähnte Qualitätssteigerung durch die Röhrenschaltung an sich. Der andere ist die Verhinderung von Signalverlusten in langen Signalketten bzw. auf langen Kabelwegen; technisch gesehen geht es dabei lediglich darum, das Signal niederohmig zu machen. Dadurch ist in der Regel eine optimierte Ohmsche Anpassung an den Empfänger des Signals gewährleistet – getreu der Formel: Quelle möglichst niederohmig, Eingang möglichst hochohmig. Diese Aufgabe verrichten im Prinzip alle auf dem Markt befindlichen Line-Booster. Nebenbei bemerkt, leisten dies auch viele FX-Pedale, die nicht auf den True-Bypass setzen, denn in die ist fast immer ein sogenannter Bufferamp (1:1-Pufferverstärker) integriert.

Wenn zusätzlich zur Impedanzwandlung eine regelbare Verstärkung zur Verfügung steht, ist dies vorteilhaft, weil es wiederum aus Gründen der Signalqualität (z. B. Geräuschspannungsabstand) zweckmäßig ist, zum Beispiel ein Pedalboard mit einem satten Eingangssignal zu füttern. Es gibt allerdings auch Situationen, in denen die Impedanzwandlung kontraproduktiv ist, siehe unten.

Womit wir zum technischen Aufbau kommen. Nicht selten arbeiten Röhren in Effektpedalen im sogenannten „Starving-Modus“, d. h. sie werden nicht mit der regulären Hochspannung betrieben, für die sie spezifiziert sind, sondern mit weitaus niedrigeren Spannungswerten. Nicht so beim „Laut“-Pedal. Es wird zwar nur mit 12VAC gespeist (Netzteil gehört zum Lieferumfang), jedoch formt ein Transformator diese Versorgungsspannung nach oben um. Bei der Elektronik handelt es sich um einen SRPP-Class-A-Schaltkreis (Shunt Regulated Push Pull), der laut Clouds Hill aus den 1960er-Jahren stammt und ursprünglich für den HiFi-Bereich gedacht war/ist.

An den Anoden der 12AX7 liegen ca. 100 bzw. 200 VDC an, was grob dem entspricht, was man in den ersten beiden Verstärkungsstufen vieler Röhren-Amps vorfindet. Das Laut besitzt insofern auch ein recht aufwendiges Netzteil mit nachhaltiger Elko-Siebung. Einige Kohlepresswiderstände und ein paar Kondensatoren dazu, Fußschalter, Buchsen, Status-LED, der Schaltungsaufwand ist überschaubar. Doch wenn wie hier alles von Hand verdrahtet/verlötet wird, kostet selbst so ein relativ schlichter Aufbau doch viel Zeit, sprich die Herstellung ist kostenintensiv. Erst recht, wenn die Arbeiten so vorbildlich sauber ausgeführt werden wie wir es hier sehen, Respekt.

Was allerdings den Hinweis auf NOS (New Old Stock) und die hochwertigen handselektierten Bauteile angeht, stellt sich die Sachlage nüchterner dar als man es erwartet. Becher-Elkos von TEAPO und das 1-Euro-Alpha-Poti sind nicht gerade High-End-Ware. NOS ist in dem Pedal allein ein Anodenkondensator (die ersten 20 Pedale haben dort eine Mustard-Typ, die folgenden – wie hier – einen Tropical Fish oder einen von Eroid, Wima, verschiedene Siemens Caps, Sprague B3223I u. a.). Macht nix, bezogen auf das Preisniveau ist trotzdem alles im Lot.

Sehr erfreulich außerdem: Auf Wunsch werden statt 12AX7/ECC83 aus aktueller Fertigung (wie z. B. ECC83S von JJ), „alte“ Röhren von Telefunken, Sylvania, RCA„Black Plate“-Typen usw. aus der Sammlung von Johann Scheerer eingebaut, zu moderaten, angemessenen Aufpreisen ab € 50. Selber mit Röhrentypen zu experimentieren ist kein Problem. Nach Abnehmen der Bodenplatte ist der Wechsel ein Kinderspiel (Achtung! Stromversorgung trennen, man kann sonst ordentlich einen „gewischt“ bekommen). Es dürfen alle Typen der 12A-Familie verwendet werden (AX, AT, AY, AU).

Clouds Hill Laut
(Bild: Dieter Stork)

z. b. fetter

Ein Line-Booster mit niedriger Ausgangsimpedanz sorgt, eingeschleift zwischen (passiver) E-Gitarre und Amp, immer für einen gewissen Aha-Effekt, selbst wenn nur eine 1:1-Verstärkung gewählt ist. Das Klangbild wird in der Regel höhenreicher, transparenter. Ich habe Kollegen erlebt, die aufgrund dieser Tatsache meinten, der Line-Booster selbst verändere den Klang, und es deswegen ablehnten, solche Geräte zu benutzen. Na ja, falscher Ansatz eigentlich, aber das kann natürlich jeder halten wie er will (man könnte ja vielleicht Treble am Amp ein bisschen zurücknehmen?!). Fakt ist, grundsätzlich liegen in der Sache nur Vorteile.

Die Kabellänge wird ab Ausgang-Line-Booster unkritisch, während durch Anheben des Pegels/Gain für eine optimierte Ansteuerung nachfolgender Geräte gesorgt werden kann. Um nur exemplarisch ein Szenario zu nennen: Man ist im Studio, der AC30 steht mikrofoniert im Aufnahmeraum, unsereiner Gitarrist möchte aber in der Regie spielen, der Kabelweg wird dadurch u. U. ziemlich lang. Genau, ein geeigneter Line-Booster ist in der Situation das Mittel der Wahl. Anderes Beispiel: Line Booster vor einem Pedalboard mit True-Bypass-Loops (also kein FX-Pedal mit eigenem Buffer permanent aktiv am Ende der Kette). Das Kabel vom Board zum Amp/Combo darf nun locker 15 Meter – und mehr – lang sein, sodass es großzügig außerhalb des eigenen Aktionsradius und dem der Kollegen auf der Bühne verlegt werden kann. Natürlich leistet dies auch das Laut-Pedal, schüttelt es quasi beiläufig aus dem Ärmel, denn es spannt seine Muskeln im Endeffekt primär bei der Signalbearbeitung.

Es ist in der Tat beeindruckend welche neue Dimension der Sound dadurch bekommt, wobei sich das Klangbild nicht drastisch ändert. Es scheint, dass die im Studio geltenden Qualitätsanforderungen „eher Linearität denn deutliche Kolorierung des Signals“ beim technischen Design das Leitbild waren. Die Balance der Frequenzen, der Frequenzgang, bleibt mehr oder minder erhalten. Aber die Eingangssignale scheinen das Pedal detailreicher zu verlassen, sie wirken auf subtile Art plastischer und voluminöser. Die oberen Mitten und Höhen wirken seidiger und dichter. Das mag zum Teil auf das Konto der in diesem Falle verbauten Röhre gehen, offenbar eine RCA-Blackplate. Ich habe auch andere Röhren probiert. Eine „ordinäre“ 12AX7/Tungsol beispielsweise tönt vielleicht eine Spur härter, kommt aber doch auf ein fast identisches Klangbild. Jedenfalls würde ich im Kontext eines Playbacks bzw. der Band die Unterschiede als nicht wesentlich relevant einstufen. Man muss ja auch berücksichtigen, dass Gitarren-Speaker spätestens ab etwa 6,5 kHz „dicht“ machen. (In dem Zusammenhang noch ein grundsätzlicher Hinweis: Unser Ohr belügt uns, wenn wir Schallereignisse in unterschiedlichen Lautstärken hören. Das leisere Signal empfinden wir fast automatisch als lebloser, unattraktiver. Also sollte man bei Sound-Vergleichen grundsätzlich darauf achten, dass die Schallpegel gleich sind.)

Laut macht natürlich auch laut. Die Verstärkung liegt relativ hoch. Ca. 32 Volt konnte ich am Ausgang messen, bevor Oberwellen/Verzerrungen eintraten, dies bei ca. 1,5Volt/1kHz am Eingang. Daraus ergibt sich ein maximaler Verstärkungsfaktor von deutlich über 20 und die Feststellung, dass das Pedal linear arbeitet, wenn es von E-Gitarren mit passiver Tonabnehmerelektrik gefüttert wird. Es erzeugt also von sich aus keine Verzerrungen. Und noch ein wesentlicher Punkt: Laut ist im Leerlauf superstill, Nebengeräusche spielen keine Rolle. Ein letzter Hinweis noch zu „Gegenanzeigen“. Unverträglichkeit stellt sich bei Line Boostern mit niederohmigem Ausgang ein, wenn zum Beispiel ein Fuzz-Pedal dahinter im Signalweg platziert ist. Fuzzes müssen fast immer direkt von der (passiven) Gitarre angesteuert werden. Sonst können sie ihren Ton und die Ansprache nicht bestimmungsgemäß entwickeln. Manche klingen dann regelrecht kaputt und krank.

alternativen

In seiner Eigenschaft als sehr nebengeräuscharmer, linearer Booster eignet sich das Laut-Pedal unter anderem auch hervorragend dazu, Röhren-Amps, insbesondere Vintage-Modelle, durch Übersteuern des Eingangs „heiß“ zu machen, also die Sättigungs-/Verzerrungsintensität zu steigern. Und Kolorierungen der Klangfarbe können durchaus auch vorteilhaft sein. Ein Urvertreter der Spezies, der Daniel D. (ca. € 199) von Reußenzehn macht das sehr elegant, indem er das Hochtonspektrum betont und da oben bei harten Attacks subtil zerrt. Git-Volume ein kleines Stück zurück und das Signal wird clean. Auch sehr empfehlenswert ist das Real-Drive-Deluxe-Pedal von Soundwork (ca. € 324, Graz/Austria). Im Sound-Charakter sehr geschmeidig und edel, kann es beides: linear boosten und sanft in Overdrive wechseln.

resümee

Höchste Signalgüte prägt die Funktion des Laut. Präzision, Transparenz und Tiefe in feiner bis feinster Ausprägung, schmeichelnde Tonkultur, qualitativ für diese Preisklasse absolut überzeugend. Am Maximum liefert es mehr als 20-fache Verstärkung, damit ist man für jedwede Booster-Situation bestens gerüstet. Schade nur, dass die Status LED eher unscheinbar denn hell leuchtet. Das ändert natürlich so gut wie gar nichts am positiven Endergebnis: Preis und Leistung stehen für dieses in filigraner Handarbeit gefertigte Produkt ganz sicher in einem gesunden Verhältnis.

Clouds Hill Laut

Clouds Hill Laut


Hinweise zu den Soundfiles

Für die Aufnahmen kam ein C414 von AKG zum Einsatz, platziert vor einem Celestion-G12H im klassischen 4×12-Cab. Der Verstärker ist ein Artist Edition 50 von Engl. Die verwendete Gitarre eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 (m. JB-Humbucker v. Seymour Duncan am Steg).

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor und EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt und gemastert. Das Plug-In „Platinum-Reverb“ steuerte die Raumsimulationen bei.

Alle Clips vergleichen die Funktion im Off-Status mit der des On-Status, sprich wir hören erst eine Passage ohne laut, dann mit. Man hört in der Mitte wie ich das Pedal aktiviere.

Im Clip 1 bis eine minimale Verstärkung eingestellt, im Clip 2 habe ich das laut vorher so ein gemessen, dass der Pegel beim Ein-/Aus-Schalten präzise 1:1 blieb. Der Rest dürfte selbsterklärend sein. Also dann, viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

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(erschienen in Gitarre & Bass 01/2018)

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