Lauschangriff!

Brunetti Pleximan im Test

In letzter Zeit war es hierzulande um die italienische Marke recht still. Zu still möchte man sagen, angesichts der Tatsache, dass Marco Brunetti mit seinem Team seit Jahren hochwertige Produkte baut. „Röhrentechnik mit dem gewissen Extra“ könnte sein Credo lauten. Immer am Zahn der Zeit, offen für Neues und innovativ. Wie es der Pleximan mit seinen speziellen Detaillösungen auch wieder demonstriert.

Brunetti Pleximan
FOTO: Dieter Stork

Neben Custom-Anfertigungen umfasst Brunettis Programm nach wie vor mehrere High-Tech-Röhren-Amps, mehrkanalig, mit luxuriöser Ausstattung, wie den XL R-Evo, und das Stereo-Topteil Star TRack. Auch der hauseigene Klassiker, das Modell 059, bei dem man zwischen zwei Endstufen (EL34/EL84) wählen kann, ist nach wie vor im Programm. Als der Trend zu Kompakt-Amps und -Combos in Fahrt kam, brachte Brunetti ein ganz heißes Eisen auf den Mark, den Singleman, einen leichten 1¥12″-Combo, der tonal und in der Ansprache fast schon bilderbuchhaft kultiviert aufspielt.

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In dessen Erbfolge ist der Pleximan zu sehen. Nur handelt es sich hierbei nicht um ein puristisches Einkanal-Konzept, sondern trotz seiner geringen Größe um ein ausgefuchstes Zweikanal-Topteil mit 50 Watt. Zuviel Power für manche Situationen? Non c’è problema, man kann den Amp auf fünf Watt umschalten.

 

2 in 1

Das ist ein wesentlicher Teil des Konzepts: die Endstufe, die nicht eine simple Leistungsumschaltung besitzt, sondern regelrecht in zwei unterschiedlichen Betriebsarten arbeiten kann. Einerseits klassisch britisch in Class-AB-Beschaltung mit 50 Watt aus zwei EL34, andererseits als Eintakt-Endstufe mit nur einer EL34 und fünf Watt. Sinnigerweise hat sich Marco Brunetti Gedanken darum gemacht, dass bei verringerter Leistung das Klangbild abmagert. Ein entsprechende Schaltung, das sogenannte „Frequency Compensation System“, soll die Klangfülle erhalten.

Als die Röhrenverstärker das Schrumpfen lernten, probierten die Hersteller allerlei Konzepte aus, um auf kleinem und kleinstem Raum den Leistungsumfang eines großen Mehrkanal-Topteils zu bewahren. Dabei hat sich inzwischen ein Detail weithin eingebürgert, nämlich ein Clean-Kanal mit nur einem Tone-Poti, ohne Mehr-/Dreibandklangregelung (Orange macht das z. B. schon lange). Hier beim Pleximan, wird das Poti von dem sogenannten Dense-Schalter unterstützt, der, direkt übersetzt, die Dichte des Klangbildes verändern soll.

Auch der für die verzerrten Sounds zuständige CH 2 besitzt Schalter, die seine Variabilität erhöhen sollen: Hotrod steigert massiv die Gain-Reserven, Extra boostet Mittenfrequenzen, Mellow – man kann es sich denken – mildert die Höhenwiedergabe. Ansonsten präsentiert sich der Channel 2 so, wie man es von Distortion-Kanälen gewohnt ist, mit einer Dreibandklangregelung, Gain und Volume. Bleibt noch das Solo-Poti, das per Fußschalter ein-/ausgeschaltet werden kann und eine Anhebung des Ausgangspegels erlaubt. An der Rückseite stehen ein serieller FXWeg und zwei in der Impedanz umschaltbare Speaker-Outs (4/8/18 Ohm) zur Verfügung.

Drei Fußschalteranschlüsse ermöglichen über eine Stereobuchse die Fernbedienung des Kanalwechsels und der Solo-Funktion, über zwei Mono-Klinken sind die Schaltfunktionen Hotrod und Dense ansprechbar. Wie erfreulich, ein sehr solides Dreifach-Schaltpedal gehört bereits zum Lieferumfang. Das Kabel ist knapp 5 m lang und von allerbester Qualität. Nur Dense braucht letztlich, falls man darauf Wert legt, einen zusätzliches Schaltpedal.

Der Pleximan ist ein reinrassiger Röhren-Amp, das Gitarrensignal muss an keiner Stelle Halbleiter passieren. Selbst im Einschleifweg nicht. Schaltvorgänge werden zum Teil von Relais ausgeführt. Die Elektronik ist auf Platinen untergebracht, mit einem relativ geringen Aufwand an freier Verdrahtung, sprich auch die Röhrenfassungen stehen auf den Printplatten (was früher verpönt war … heute stört sich kaum noch einer daran). Wen es interessiert: der Signalweg ist voll von WIMA MKS 4-Kondensatoren (Metallisierte Polyester/PET- Kondensatoren).

Für den Abgleich der Bias-Spannung ist ein fein abstimmbares Spindeltrimmpoti eingebaut. Die Bauteile sind durchweg hochwertig und auch sonst ist der Amp ohne Fehl und Tadel. Ob man es als nachteilig betrachten kann/sollte, dass die Röhren alle frei, ohne Halterungen in den Sockeln stehen? Kaum, denn die Kontakte in den Fassungen packen dermaßen kräftig zu, dass die Glaskolben im Grunde gar keine Chance haben sich darin zu bewegen.

Front
FOTO: Dieter Stork

 

 

Grosses „m“ im Ton

Pleximan, bei dem Namen klingelt es, impliziert er doch die tonale Ausrichtung zu den legendären, allerorts hochgelobten Frühzeit-Marshalls vom Ende der Sechzigerjahre, als deren Blenden an Front und Rückseite eben aus Plexiglas hergestellt wurden. Aber zielt Brunettis Konzept tatsächlich darauf ab, eine Art Replika zu kreieren? Zweifelsfrei nein! Man muss es allgemeiner fassen, eher so, dass mit einem modernen technischen Ansatz typische, als britisch beschriebene Klangeigenschaften die Wiedergabe prägen (…und der Name Pleximan dies griffig beschreibt).

Insbesondere im Channel 2. Der langt kernig hin, macht gehörig Druck und verzerrt mit einer aggressiven Attitüde. Hotrod-off bietet eine SoundEbene, die maximal bis zu sattem Crunch reicht (je nach Leistung der Tonabnehmer). Tendenziell bissig, ohne unangenehm scharf zu klingen. In dem kraftvollen, markigen Retro-Ton liegt eine schöne Transparenz für Akkorde. Schlägt man die Saiten entschlossen an, ist der Attack des Kanals spontan, fast explosiv, ohne dass dem Spieler eine unangenehme Steifheit in der Ansprache entgegenschlägt. Die Tonfarbe hat eine Ähnlichkeit zum Marshall Model 2204, nur ist der Sound dichter, voluminöser in den Mitten, und geschmeidiger, im Sinne dessen, dass zwar tief im Bassbereich Intermodulationen grummeln, diese den Ton aber nicht verwaschen, sondern einfach muskulöser wirken lassen.

Auch sonst ist das Zerrverhalten betont harmonisch. Durch das Aktivieren des Extra-Schalters treten die Hochmitten dominant in den Vordergrund. Schon dies ändert regelrecht den Toncharakter. Und wie gut, dass die Klangregelung sehr effizient arbeitet, denn man muss sie in dem Fall in aller Regel nachführen, also z. B. Treble und Middle etwas zurücknehmen. Die beiden sind sowieso grundsätzlich als interaktives Funktionspaar zu verstehen, das gegenseitig sozusagen feinabgleicht, was der andere bewirkt. Das Vermögen des Mellow-Schalters fällt in die Kategorie Feinabstimmung; gut, dass er da ist, aber der Pleximan würde auch ohne ihn überzeugend funktionieren. Klick, Hotrod aktiviert.

Oha, jetzt zerrt das wilde Tier am Kabel. Massiv mehr Gain, viel höhere Zerrreserven, der Sound wandelt sich durch die prominenteren Mitten vom Retro-Touch in die Moderne und hat, so wie man den Sound subjektiv erlebt, fast noch mehr Druck im Bass als vorher (ohne dass die Wiedergabe grundsätzlich besonders basslastig wäre). Das Sustain wird nur wenig unterstützt, während die sensible Ansprache für lebendige Klangbilder sorgt, die mit Leichtigkeit in Obertöne umschlagen, Flageoletts begünstigen, und die Spielweise des Gitarristen präzise abbilden. Dabei stellt sich eine gefällige Balance aus schneller, reaktiver Dynamik im Attack und Nachgiebigkeit ein. Nein, leicht macht es einem der Pleximan nicht, unangenehm hart ist seine Gegenwehr aber auch nicht.

Regler
FOTO: Dieter Stork

Die Erfahrung lehrt, dass man sich grundsätzlich eine gewisse Gewöhnungszeit einräumen sollte, bevor man über die Ansprache eines Verstärkers urteilt. Auch hier gilt wieder einmal: Nicht mit kraftvollen Attacks zu sehr um den Ton kämpfen, locker bleiben, etwas Zeit für die Klangregelung nehmen und in die Situation „hineinwachsen“. Erst dann wird mancher merken und schätzen lernen, wieviel Ton in dem Pleximan steckt. Fürwahr, der Channel 2 ist nicht nur charakterstark im Sound, sondern auch überdurchschnittlich variabel. Ein Wort noch zum Hotrod-Modus, der wohlgemerkt kein extremer High-Gain-Generator ist. Er hebt die Lautstärke ein gutes Stück an, oft genau passend, um für Soli oder andere exponierte Passagen die Gitarre in den Vordergrund zu rücken.

Im Zweifelsfall sollte man das SoloVolume im Hotrod-Off-Modus aktivieren und auf die Weise für die geeignete Balance sorgen. So, und diesem Distortion-Meisterleister steht ein radikal aufs Nötigste reduzierter Channel 1 gegenüber, gerät der total nicht ins Hintertreffen? Klar, ja, hier geht es in jeder Hinsicht ruhiger zu, aber nein, es fehlt andererseits auch nichts. Tone und Dense erweisen sich als geschicktes, effizientes Team. Lieber luftig mit moderaten Low-Mids und Bässen, oder vollfett? Dense macht das. Tone erzeugt nach links gedreht mehr Volumen, vor allem auch im Bassbereich und mildere Brillanz, während sich in der anderen Richtung die Wiedergabe verschlankt und vielmehr Frische in den Höhen bekommt – diese Tonregelung ist wirklich eine elegante Lösung. Ganz ab davon, dass die SoundQualität an sich mit ihrem warmen Timbre und der gepflegt präzisen Transparenz voll im Plus punktet.

Im Übrigen ist der Channel 1 nicht auf Cleansounds festgelegt. Ab etwa 60% des Regelwegs beginnt die Wiedergabe sich zu verdichten, Röhrensättigung setzt ein, feinfühlig, in fließendem Übergang, bis hin zu Overdrive. Natürlich zieht das im 50 WattModus eine erhebliche Lautstärke nach sich. Klar was jetzt kommt: Richtig, der 5 Watt-Eintaktbetrieb macht Winkewinke, „das ist mein Terrain“. Allerdings, denn Marco Brunetti hat den wirklich „gesund“ abgestimmt. Das ist kein Mager-Modus, es steckt ordentlich Kraft dahinter. Trotzdem bildet sich ein anderes Grundtimbre aus.

Die Wiedergabe ist im „Leisebetrieb“ deutlich weniger dicht in den Mitten. Alles bestens bis hierhin. Bleibt nur noch offen, wie sich der FX-Weg bewährt. Nominell lautet die Angabe zu seinem Arbeitspegel -10dB. Das würde den Einsatz von Effektpedalen erlauben. Trifft das zu? Die Praxis beantwortet die Frage mit einem klaren „Jein“. Betreibt man den Pleximan bei moderater Lautstärke können niederpegelige Geräte ohne Weiteres verwendet werden. Doch in höheren Leistungsbereichen wird es heikel, da liegt der Pegel doch eher bei 0dB bis +6dB. Im Zweifelsfall muss ein Line-Booster, als Letzter in der FX-Kette direkt vor dem Return, fehlende Signalstärke aufholen (die sich dadurch ergeben kann, dass man zur Vermeidung von Übersteuerungen in den FX-Geräten die Volume-Regler am Amp relativ niedrig halten muss).

Wäre natürlich praktischer, wenn der Pleximan entsprechend ausgerüstet wäre. Davon abgehen ist die Signalqualität des Einschleifwegs ganz und gar unkritisch.

rationeller, sauberer Aufbau, HQ-Substanz
FOTO: Dieter Stork
rationeller, sauberer Aufbau, HQ-Substanz

 


Soundcheck

 

Hinweise zu den Soundfiles.

Für die Aufnahmen kamen zwei Mikrofone mit Großflächenmembran zum Einsatz, ein AM11 mit von Groove-Tubes/Alesis und ein C414 von AKG, platziert vor einem Celestion-Creamback im klassischen 4×12-Cab.

Die Clips wurden pur, ohne Kompressor o. jegliche EQ-Bearbeitung über das Audio-Interface Pro-24DSP von Focusrite in Logic Pro eingespielt. Die Raumsimulationen steuert das Plug-In „Platinum-Reverb“ bei.

Den Ton liefern eine Fender-CS-Relic-Strat-1956 am Steg auf-/umgerüstet mit einem JB-Humbucker im SC-Format und eine (unglaubliche 😉 Signature-Les Paul-„Lee Roy Parnell“ aus Gibsons Custom-Shop.

 

Bedeutung der Buchstabenkürzel:

5P: Die fünf TA-Positionen der Strat sind der Reihe nach zu hören.

CR: Crunchsound, etwas mehr Gain als bei Overdrive

GitVol: Im Clip wird das Guitar-Volume-Poti benutzt, um die Verzerrungsintensitäten zu ändern.

HG: High Gain, intensive Verzerrungen, hohe Gain-Ebene.

SW-XXX: Eine Schaltfunktion wird im Laufe des Clips aktiviert.

 

Clip #1 und #2 präsentieren den Channel 1 in cleaner Einstellung.

 

In den Clips #3 bis #5 erleben wir den Channel 2 in moderater Gain-Einstellung. Erstklassige Dynamik und Transparenz.

 

Die Clips #6 bis #8 zeigen, dass der Pleximan sehr intensive und dichte Verzerrungen produzieren kann und dabei tonal  lobenswerterweise markant und ausdruckstark bleibt.

 

Clip #9 präsentiert mein Referenz-Riff“ (RefRiff), das ich mit jedem Test-Amp/-Distortion-Pedal einspiele, damit man den Charakter (die Verzerrungen selbst sind hier gemeint) der von uns getesteten Produkte quasi auf einer neutralen Ebene vergleichen kann.

 

Zum Abschluss folgen drei Clips, die demonstrieren wie sich die „einfache“ Tone-Klangregelung und der Dense-Schalter im Channel 1 nützlich machen (#10) bzw. die Schalter „Extra“ und „HotRod“ im Channel 2.

 

 

Ich wünsche viel Vergnügen, und…,  wenn möglich, bitte laut anhören, über Boxen, nicht Kopfhörer! ;-).

Fragen, Anregungen  und  ja, auch Kritik sind wie stets willkommen. Nachrichten bitte an frag.ebo@gitarrebass.de.  Es klappt nicht immer,  aber ich werde mich bemühen möglichst kurzfristig zu antworten.

 


 

 

Alternativen

Brunetti hat womöglich bei der Entwicklung des Pleximan darauf geachtet, Alleinstellungsmerkmale zu integrieren. Wie auch immer, es gibt auf dem Markt jedenfalls keinen annähernd konzeptidentischen Amp. Schon gar nicht in diesen kompakten Abmessungen. Es finden sich aber durchaus Produkte, die im Sound annähernd verwandt sind und auch eine vergleichbare Ausstattung bieten. Zuerst kommt mir da der Dual 45 von Hook in den Sinn, an zweiter Stelle der Series One 50 von Blackstar.

 

Resümee

Brunetti feiert mit dem Pleximan sein 25- jähriges Firmenbestehen. Herzlichen Glückwunsch, das ist ein würdiges Produkt zu diesem Jubiläum. Wer sich für den Pleximan entscheidet, trifft jedenfalls eine sehr gute Wahl, denn der Amp erwies sich im Test als professionelles Soundtool, das charakterstark, tonal souverän und vielseitig mit Retro- bis 90erJahre-Distortion britische Tugenden pflegt. Im Channel 1 erzeugt der Pleximan kraftvolle, ausgewogene Clean- bis Overdrive-Sounds. Die Ausstattung sorgt für weitere Pluspunkte, wobei die ClassAB-/Eintaktendstufenumschaltung besonders hervorsticht. Erstklassige Verarbeitung, wertige Substanz, im Lieferumfang das Dreifach-Schaltpedal bereits enthalten, das Preis-Leistungsverhältnis ist zweifelsfrei gesund.

 

Plus

  • Sound, Variabilität
  • Dynamik, Transparenz, Durchsetzungsvermögen
  • sehr obertonfreundlich
  • Zerrverhalten harmonisch
  • Darstellung d. Instrumentendetails
  • Konzept/Ausstattung (Endstufenumschaltung)
  • hohe Leistungsreserven
  • geringe Nebengeräusche
  • Verarbeitung •Qualität d. Bauteile

 Minus

  • kein FX-ReturnPegelregler

 

Profil
Ein Kommentar zu “Brunetti Pleximan im Test”
  1. Die verbauten Potis sind Billigheimer und zudem auf einer Platine verlötet, die dann noch über ziemlich lange Kabel mit der Hauptplatine verbunden sind. Gut geht anders. Übrigens ist es immer noch verpönt die Röhrensockel auf der Platine zu verlöten, da beim Wechsel derselben die Lötkontakte schon mal wegbrechen.

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