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Test: Boss Katana-100/-50, Gitarren-Amps

Low Budget, High Performance, das Verhältnis der Preise zum Funktionsumfang wirkt in der Sparte „Modeling Amps“ unvergleichlich günstig. Features ohne Ende, All-Inklusive-Pakete sozusagen, was braucht man mehr? Aber Achtung – nicht blenden lassen! Die opulente Ausstattung auf dem Papier garantiert noch lange keinen guten Ton. Für die neuen Katanas stehen die Zeichen jedoch günstig, schließlich hat Boss auf dem Sektor ja schon einige Meriten gesammelt.

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Die Katana-Serie umfasst vier Produkte, die auf zwei unterschiedlichen Verstärkerchassis basieren. Der luxuriöser ausgestattete 100-Watt-Verstärker wird in einem 1¥12″-Combo und einem 2¥12″Combo verbaut, daneben ist er auch als Topteil erhältlich. Die abgespeckte 50Watt-Version ist ausschließlich als 1¥12″Combo lieferbar.

großzügig

Klar, die digitale Technik komprimiert den elektronischen Aufwand und ist genau deswegen in der Lage, eine Vielzahl an Funktionen auf kleinem Raum bereitzustellen. Die Katanas bilden da keine Ausnahme. Ihr Konzept birgt indes kein Novum. Man kennt es so mittlerweile von vielen Modelern: Es besteht die Wahl zwischen verschiedenen Grund-Sounds, die dann meist mit einer Dreibandklangregelung bearbeitet werden können. Dazu gesellt sich eine Effektsektion. Erstellte Sound-Einstellungen können in einem mehr oder weniger weiten Rahmen abgespeichert werden. Hier spielt die Preisklasse eine Rolle. In den unteren Kategorien bekommt man oft weniger Speicherkapazität als in gehobeneren. Das erklärt, warum der Katana-100 lediglich vier Speicherplätze (Taster CH1 – CH4) anbietet und der Katana-50 gar mit nur zweien auskommen muss. Wie weit tat sächlich digitales Modeling die Tonformung bestimmt, ist leider aus den Infos, die wir von Boss bekamen, nicht klar herauszulesen. Es ist von Class-AB statt ClassD zu lesen (es gibt demnach analoge Bereiche), wobei nicht ganz deutlich wird, ob Sektionen der Vorstufe und/oder die Endstufe gemeint sind. Na gut, ist ja eigentlich auch gar nicht so wichtig. Am Ende zählt doch nur wie gut es tönt, egal wie die Sound-Qualität erreicht/erzeugt wird, richtig?!

Bedienfeld Katana-100: Viele Funktionen übersichtlich gegliedert.

Gehen wir in die Details des Katana-100. Seine vier Amp-Typen/Grundeinstellungen heißen Clean, Crunch, Lead, und Brown. Als fünfter im Bunde gesellt sich der Typ Acoustic dazu, vorgesehen für die Verstärkung von akustischen Gitarren mit Pickup-System. Die FX-Sektion hält voreingestellte Effekte bereit, d. h. man kann sie hier am Amp nur bedingt feinabstimmen. Die Bandbreite ist großzügig gewählt. In der Abteilung Booster/Mod hat man die Wahl zwischen drei Verzerrungstypen (Bluesdrive, Overdrive, Distortion) und drei Modulationsarten (Chorus, Flanger, Phaser). Unter der Bezeichnung Delay/FX finden sich die Effektarten Digital Delay (betont sauberes Echo), Analog Delay (wärmeres, weniger präzises Echo), Tape Echo (bildet den Ton und die Gleichlaufschwankungen eines Bandechogeräts nach), Tremolo (pulsierende Lautstärke), T.Wah (von der Stärke des Eingangsignals gesteuertes Wah) und Octave (fügt einen um eine Oktave tieferen Ton hinzu, Achtung: monofon!); die Echozeiten sind mit dem kleinen Tap-Taster einstellbar. Die Reverb-Typen heißen Plate Reverb (Hallplatte), Spring Reverb (Federhall, Hallspirale) Hall Reverb (Konzerthalle). Damit keine Missverständnisse entstehen, sei darauf hingewiesen, dass innerhalb jeder der drei FX-Sektionen immer nur einer der angebotenen Effekttypen in Aktion treten kann.

Der Katana-100 bietet mit einem seriellen Effektweg die Möglichkeit, zusätzliche Effektgeräte anzuschließen. Weil das Master-Volume wie der Presence-Regler hinter dem FX-Return angeordnet sind, lassen sich die Pegelverhältnisse stets unkompliziert ausgleichen. Es folgt darauf im Signalweg der Phones/Rec Out, der mit einer Frequenzgangkompensation den Sound eines mikrofonierten Lautsprechers nachahmt. Schließlich kann mit dem Schalter Power Control die Leistung
der Endstufe auf 50 Watt bzw. 0,5 Watt reduziert werden. Zusätzlich ist hier als vierte Schalterstellung eine Standby-Funktion integriert.

Schon bis hier hin viel Zeuch, aber nein, wir sind noch nicht fertig. Ich habe oben ja schon darauf hingewiesen, Modeling-Produkte bieten viel Ausstattung. So hat der Katana-100 auch noch einen Line-Out und einen Aux-In (zum Einspielen von Playbacks zum Beispiel) zu bieten, sowie eine USB-Buchse, über die man seinen Sound an einen Computer übertragen kann oder mit der kostenlosen Software die Programmierung vornehmen kann – auf diese Art und Weise erweitert sich dann auch die Speicherkapazität und der Zugriff auf die Funktionalität der Effekte. Noch besser: Mithilfe der „BOSS Tone Studio Editor-Software“ können fertige Download-Sound-/Effekt-Presets von der Boss-Homepage heruntergeladen werden und es warten über 50 weitere Effekttypen auf ihren Einsatz.

Bleiben noch zwei Foot-Control-Buchsen. Die eine ermöglicht alternativ den Anschluss eines Fußschalters zum wechselweisen Aufruf der Kanäle CH1 und CH2 oder eines Expression-Pedals zur Fernsteuerung der Lautstärke. Die Buchse mit der Bezeichnung GA-FC dient dem Anschluss des gleichnamigen Boss-Schaltpedals, das als optionales Zubehör angeboten wird (UVP ca. € 109, Street ca. €99). Es macht die direkte Anwahl aller ToneSettings (CH1 – CH4 + Panel) möglich und kann zusätzlich den Status des FX-Weges und der Effektsektion ändern. Das GA-FC verfügt außerdem über zwei Anschlüsse für Expression-Pedale (Lautstärke; FX-Steuerung wie z. B. Wah-Pedal).

Auf solchen Luxus muss der Katana-50 verzichten. Er hat diesen Anschluss für das GA-FC-Pedal nicht. Er muss außerdem auch ohne den FX-Weg und den Line Out auskommen. Ansonsten sind die beiden Combo-Modelle deckungsgleich, bis hin zum verbauten Boss-Speaker-Typ (zu dem es keine detaillierten Produktinfos gibt). In der Machart muten die beiden Combos schlicht, aber solide an. Die Gehäuse aus Pressspanplatten, hinten großflächig offen, ein bequemer Tragegriff an der Oberseite, Schutzkappen an allen Ecken, die unerwartet aufwendige Elektronik im hängend montierten Stahlblechchassis wertig in der Verarbeitung, nach modernsten Standards aufgebaut, alles gut. Die Entwickler haben sogar daran gedacht, eine Bodenstütze zum Schrägstellen der Combos an der Unterseite anzubringen. Die erweist sich aber leider in der Praxis nur als Gimmick: die Mechanik ist fummelig in der Bedienung und der geringe Neigungswinkel in der Praxis wenig wertvoll.

praxis

Kleine Gehäuse bedingen Abstriche im Tonvolumen. Man darf nicht erwarten, dass so ein kompakter Combo wie der Katana-100 wirklich Bässe aus dem Speaker pustet. Logisch, nicht wahr, weiß man doch?! Tja, Überraschung, hier gilt die Regel nicht. Gleich in der Disziplin, die maximale Anforderungen an die Dynamik stellt, den cleanen Sounds, zeigt der Katana-100 eindrucksvoll Größe. Zum einen, weil er eben doch die Tieffrequenzen sehr gesund, voluminös zur Geltung bringt, zum anderen mit gepflegten Manieren im Allgemeinen. Das oft bei Modeling-Amps etwas anstrengende Timbre in den Hochmitten ist hier fast völlig abwesend, und der Treble-Bereich verwöhnt mit vergleichsweise weichem Glanz. Sehr angenehm. Glockig brillante Singlecoil-Pickups profitieren z. B. sehr davon. Die Clean-Sektion erweist sich darüber hinaus als ziemlich transparent in der Sound-Formung und spricht angenehm nachgiebig an. Variabel ist sie obendrein, dank der effizienten Klangregelung. Kurz, mit diesen Fähigkeiten können nicht nur Anfänger, sondern auch erfahrenere, anspruchsvollere Spieler, viel Freude haben.

Geht ja gut los. Und in ähnlichem Tenor weiter. In den Distortion-Sektionen zeigt sich das Bass-Fundament kaum schwächer (Bass-Poti aufgedreht zwischen 14 und 16 Uhr). Besondere Merkmale zeigen sich insofern, als sich die Verzerrungen betont harmonisch und im Klangeindruck geschmeidig ausbilden. Sie haben Biss, wenn man möchte und dies mittels des Treble-Potis provoziert, wirken aber nicht harsch. Anders ausgedrückt könnte man sagen, sie klingen eher analog denn digital. Noch eine Qualität, die in die Richtung schlägt, liegt in dem weitgehend homogenen Ausklang – die Verzerrungen zerbröseln hinten raus nicht, brechen nicht abrupt ab. Außerdem unterstützen sie recht ordentlich das Sustain. Fast das Wichtigste: Die Distortion-Sektionen „fühlen“ sich beim Noten-Attack angenehm an. Um die Leistungen aber objektiv einzuordnen: Absolut gesehen, gemessen an teureren bzw. tonal weit austrainierten (Röhren-) Verstärkern sind durchaus Schwächen zu verzeichnen, das muss neben dem Lob auch gesagt sein. Das Klangbild wirkt aus dem Blickwinkel betrachtet doch etwas flach, entwickelt nur zurückhaltend Druck und die oberen Mitten klingen ein wenig nasal.

Neben dem Ansteigen der Gain-Reserven (Crunch nach Brown) liegen die charakterbildenden Unterschiede zwischen den Distortion-Modi hauptsächlich darin, wie sich die tiefen Mitten und die Höhen ausbilden. Crunch erzeugt den offenen Charakter, den man bei angezerrten Akkorden braucht und schätzt. Der Kanal liefert überzeugende Ergebnisse bei Rock-Chords wie auch -dank seiner recht sensiblen Ansprache -Blues im weitesten Sinne. Lead folgt, trotz einer guten Dosis „britischer“ Schärfe, in etwa dem traditionellen Boogie-Toncharakter eines MKIII; singend, sustain- und obertonreich. Brown bringt die Distortion-Intensität noch weiter über die Klippe, wirkt erheblich aggressiver und macht den Ton in den Mitten breitbandig fett. Dem Klangeindruck nach könnte der moderne High-Gain-Brit-Sound des FriedmanBrown-Eye BE-100 Pate gestanden haben. Vor dem Hintergrund, dass jeder der Distortion-Modi mithilfe der Klangregelung mehrere unterschiedliche, markante Facetten hervorbringen kann, erreicht der Katana-100 im Sound eine beachtliche Bandbreite. Die natürlich nur dann im direkten Zugriff bereitsteht, wenn man die Software benutzt. Sie einzusetzen ist fast schon ein Muss, denn zu den Sound-Perspektiven gesellen sich ja auch noch die diversen Möglichkeiten der FX-Sektion. Gar nicht möglich, diese hier erschöpfend vorzustellen. Daher nur so viel dazu: Die Qualität ist durchweg bei allen FX-Typen sehr zufriedenstellend. Der Octaver trackt sauber und spontan, der Flanger gibt bei schneller Modulation einen schicken Leslie-Sound von sich, dass Touch-Wah quakt expressiv, die Delays werden ihren Aufgabenstellungen tadellos gerecht. Besonders betonen möchte ich, dass die drei Booster-Effekte das Sound-Potential des Katana-100 noch um einiges vergrößern, weil sie sich im Toncharakter sinnvoll unterscheiden und sowohl in der Clean-Sektion als Verzerrer als auch in den Distortion-Modes als „Vorbrenner“ nützlich machen. Katana-100, die Zahl steht für die maximale Leistung. Großes Versprechen, aber nein, mit der Power einer gleich spezifizierten Röhrenendstufe kann der Combo nicht mithalten. Doch für den Bühneneinsatz in einer nicht überlauten Band reicht der Schalldruck schon aus. Der Katana-50 tut sich da schon schwerer. Klanglich genauso fit wie sein großer Bruder, ist er hinsichtlich der Ausgangsleistung doch etwas schwach auf der Brust. Die Umgebung darf halt nicht zu laut werden. Funktional ergeben sich ansonsten keine bedeutsamen Erkenntnisse.

Die Anschlussperipherie funktioniert bestimmungsgemäß, wobei der Phones/ Rec-Ausgang wegen des doch leicht scharf klingenden Signals etwas Nachregeln am Mischpult-EQ o. ä. brauchen wird. Ein tieferer, wesentlicher Nutzen der Power-Control ließ sich im Test nicht nachweisen.

Schade ist, dass die Combos keinen Ausgang für externe Lautsprecherboxen anbieten. Würde Sinn machen, denn die Katanas könnten an anderen Speakern durchaus anders, interessant aufblühen. So ein Anschluss lässt sich aber mit wenig Aufwand nachrüsten.

alternativen

Ähnlich konzipierte und leistungsfähige Kofferverstärker mit 1¥12″-Bestückung gibt es in den Preisklassen der beiden Katanas kaum. Ein veritabler Konkurrent des Katana-100 ist allerdings der etwas teurere 75 Watt starke Spider Jam von Line 6, der noch üppiger ausgestattet ist, aber im Sound-Charakter andere Schwerpunkte setzt. Der Katana-50 steht zumindest derzeit tatsächlich mehr oder weniger allein auf weiter Flur.

resümee

Wie hieß doch ein Werbe-Slogan in der Auto-Branche: „Vorsprung durch Technik“. Könnte man gut auf die KatanaCombos anwenden. Vor allem, weil Boss der Elektronik eine für die Gerätesparte besonders gepflegte Tonkultur beigebracht hat. Zudem ist das Sound-Angebot breitbandig vielseitig, die Qualität der FX-Sektion am Preis gemessen ganz und gar überzeugend. Und dank der hauseigenen Software erweitert sich die Funktionalität der Combos noch erheblich. Mit seiner umfassenden Ausstattung ist der Katana-100 natürlich ein verlockendes und ganz sicher preiswertes Angebot. Man bedenke aber: Will man seine Fähigkeiten im Live-Betrieb ausschöpfen, muss man dafür zusätzlich das mit €99 einem Drittel von dem was der ganze Combo kostet – alles andere als billige GA-FC-Pedal anschaffen. Für den Katana50 stehen die Zeichen durch und durch positiv. So viel Sound für so wenig Geld findet man selten auf dem Markt. Und nicht nur Beginner können daran Freude haben. Die Katana-Combos dürften auch bei fortgeschrittenen bzw. anspruchsvolleren Gitarristen Freunde finden.

 

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Ein Kommentar zu “Test: Boss Katana-100/-50, Gitarren-Amps”
  1. Mit dem aktuellen Softwareupdate verdoppelt sich die Anzahl der Speicherplätze.
    Die 100er Version hat somit 8, die 50er 4 Möglichkeiten Einstellungen zu speichern.
    (Systemsoftware der Katana-Combo und die neue Version von BossToneStudio).
    Die Software BossToneStudio erlaubt auch die Einstellung von mehr als den genannten 3 Varianten des Boosters. Alle Voreinstellungen sind modifizierbar.
    Die voreingestellten Verstärkertypen sind ebenfalls änderbar, zumindest für abgespeicherte Einstellungen. Es sind insgesamt 30 Verstärertypen vorprogrammiert,
    jedoch nicht direkt über BossToneStudio zugreifbar.
    Eine Anleitung diese zu verwenden findet sich im VGuitarForum unter
    http://www.vguitarforums.com/smf/index.php?topic=20609.msg148375#msg148375

    Insgesamt eine wirklich tolle Combo.

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