Konkurrenz? Klanglich kaum.

Big Brother: Fractal Audio FM9 im Test

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(Bild: Dieter Stork)

Seien wir mal ehrlich: Das Fractal Audio FM3 ist super, aber einige hatten ein wenig mehr von der Firma aus New Hampshire erwartet. Mehr Leistung, mehr Fußschalter, vielleicht auch einfach nur die Möglichkeit, zwei Amp-Sims gleichzeitig nutzen zu können. All das wird nun mit dem FM9 wahr. Werden nun endlich alle glücklich?

Kurzum: Vermutlich ja. Natürlich wird es immer Anwendungsfälle geben, für die das „große“ Axe-Fx III noch besser geeignet ist, und für viele reicht auch ein FM3. Aber das FM9 positioniert sich als vollumfängliches Live-Tool im Rundum-Sorglos-Paket. Um diesem Ideal gerecht zu werden, kommt es in einem deutlich größeren Gehäuse und auch entsprechend teurer daher.

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HARDWARE

Wie man das von Fractal Audio und G66 kennt, kommt das FM9 super verpackt, mit Kurzanleitung und Netzkabel bei einem an. Eine deutsche Version der Bedienungsanleitung gibt es zur Zeit noch nicht, eine englische kann auf der Herstellerseite heruntergeladen werden.

War das FM3 schon deutlich größer als die „kleinen“ Angebote anderer Hersteller (Line 6 HX Stomp … ), so muss man beim FM9 schon ordentlich heben. Es wirkt sehr breit und massiv und lässt keine Fragen zum Anwendungsgebiet offen – das will man nicht auf dem Schreibtisch stehen haben, das gehört auf eine Bühne!

(Bild: Dieter Stork)

Passend dazu liefert es alle denkbaren Anschlüsse. Von diversen Ins, Outs, über einen Kopfhöreranschluss, drei Pedalanschlüsse, Faslink, S/PDIF, MIDI und natürlich USB ist alles da, was man sich wünscht. Ganz am Rand finden sich der Netzkabelanschluss und der Power-Schalter. Und ich muss es einfach einmal mehr sagen: Ein eingebautes Netzteil finde ich persönlich deutlich angenehmer als diese großen, externen Kästen die immer im Weg – und im schlimmsten Fall weg – sind. Dazu noch die Möglichkeit das Gerät direkt ein- und auszuschalten. Super.

Die zusätzliche Rechenleistung wird durch einen weiteren Griffin DSP (mit mehreren Kernen) erzielt. Das FM9 hat also theoretisch die doppelte Leistung eines FM3. Amp, Delay und Reverb laufen jeweils auf eigenen Cores, sodass diese maximal genutzt werden können (aber man sich gegebenenfalls manchmal fragt, wieso man die „übrige“ Prozessorleistung nicht mehr nutzen kann). Der zusätzliche Prozessor muss auch entsprechend gekühlt werden, und so befinden sich schicke Öffnungen in Form des Fractal-Audio-Logos an den Seiten. Beim Einschalten in einem völlig stillen Raum kann man leise den Lüfter vernehmen, das spielt danach aber keinerlei Rolle mehr.

BEDIENUNG

Wer das Axe-Fx III oder das FM3 kennt, wird sich hier sofort zuhause fühlen. Das FM9 bietet dasselbe große Farbdisplay und generell dieselben Bedieneinheiten. Nur eben mehr Fußschalter. Wenn man noch nie ein Fractal-Audio-Gerät bedient hat: Man kann mittels der kleinen Taster schnell durch alle Menüs, Presets etc. navigieren oder nutzt insbesondere für Letzteres das große Value-Drehrad.

(Bild: Dieter Stork)

Unter dem Display finden sich fünf Potis, die jeweils Funktionen, die darüber zu sehen sind zugeordnet werden (so beispielsweise klassische Verstärker-Potis, wenn man gerade einen Amp einstellen möchte). Schaut man sich die Konkurrenz an, so kann man langsam infrage stellen, wann es Zeit für ein Touch-Display wird, aber mit ein wenig Einarbeitung kann man auch bei Fractal sehr schnell Presets erstellen. Das tut man übrigens völlig frei auf einem 14×6-Grid. Dieses hat nun dieselbe Größe wie beim Axe-Fx und ist somit gegenüber dem FM3 gewachsen. Anders als bei der Konkurrenz ist hier nichts vorgegeben. Weder eine Reihenfolge, noch Blöcke die notwendigerweise genutzt werden müssen. Das ermöglicht natürlich eine unglaubliche Flexibilität, erlaubt es aber auch, ganz simple Presets nur mit Amp und Cab zu bauen.

Für das Basteln am Rechner gibt’s einen extra Editor

Deutlich komfortabler geht das Editieren am Rechner vonstatten. Zu diesem Zweck wird mit „FM9- Edit“ ein sehr guter Editor für PC und Mac geboten. Auch diesem kann man langsam vorwerfen, dass ein grafisches Update vielleicht mal an der Zeit wäre, aber bei der gebotenen Komplexität ist jede User-Interface-Entscheidung natürlich auch immer ein Kompromiss. Sofern man bei seinen Axe-Fx-Presets die CPU nicht auslastet, lassen sich diese übrigens bequem per FM9-Edit laden.

Wirklich neu in der Bedienung sind also „nur“ die sechs zusätzlichen Fußschalter. Aber genau diese werden für viele Nutzer einen entscheidenden Unterschied machen. Musste man vorher das (teure aber gute) FC6 oder gar FC12 als Erweiterung der Fußschalter dazukaufen, oder bei Drittanbietern damit leben, dass „nur“ MIDI funktioniert und somit eben keine Preset-Namen etc. übertragen werden, so hat man nun „All in one“. Und wer ein wenig in der Fractal-Welt unterwegs ist, der hat vielleicht schon mal vom „OMG-9“-Setup mit dem FC6 gehört. Dieses ist eine super einfache Konfigurationsmöglichkeit des FM3+FC6 (macht „Oh my god 9“). Dieses wurde hier nun von Werk aus als „OFM9G“ bereitgestellt und muss nur direkt am Gerät aktiviert werden. Man kann nun ganz einfach bei den oberen Switches umschalten, ob man Scenes, Effekte, oder Presets schalten möchte. Die untere Reihe bietet dann einen Direktzugriff. Sehr cool. Und wenn man Spezialwünsche hat, kann man sich die Schalter natürlich programmieren, wie man möchte. Die farbigen Ringe um die Schalter und die kleinen Displays helfen enorm, sich schnell zurechtzufinden.

Ich höre schon den einen oder anderen rufen: „aber wo ist das Expression Pedal?!“. Klar, ein Helix hat sowas gleich eingebaut, aber mir persönlich ist es immer lieber, wenn ich ein wenig Platz sparen und ein Pedal wählen kann, welches mir wirklich gut gefällt. Geschmackssache.

AMPS, EFFEKTE & RECHENLEISTUNG

Mehr ist mehr. Und das gilt hier sowohl für die zur Verfügung stehende Rechenleistung, als auch für die Anzahl an Amps und Effekten. Über die potentielle Power der CPUs sprachen wir ja bereits weiter oben. Und dank kontinuierlicher Updates und Verbesserungen sind wir mittlerweile bei 289 Amp(-kanal)-Models angelangt. Als wir das FM3 getestet haben, waren es noch zwölf weniger. Auch bei den Effekten ist einiges passiert, und so kommt das FM9 in seiner aktuellen 1.0er Firmware mit 57 Drives, 21 Delays, 54 Reverbs und vielen weiteren Effekten daher.

Wer von anderen Modellern kommt, wird sich vielleicht wundern, wie tiefgehend man hier tweaken kann. So gibt es beispielsweise ein „Pi Fuzz“, welches man ganz normal in Sustain, Tone und Volume regeln kann. Aber wer möchte kann eben noch in die Tiefen weiterer EQs einsteigen, den Mix festlegen oder den Clip Type ändern (Röhre, Hard, Soft, Germanium, Silikon, Diode, LED, FET … – allein hier gibt es 13 Möglichkeiten). Wenn man sich also fragt: „Gibt es dies und jenes beim FM9 modelliert?“, ist die Antwort vermutlich „ja“. Spätestens durch die über 2000 Impulsantworten wird man ziemlich sicher seinen Sound finden. Und wenn nicht? Dann steht einem die Welt der Drittanbieter für Presets und IRs offen.

Und wie viel davon passt nun in ein Preset? Nun, das folgende „Allzweck-Setup“ benötigt knapp 74% CPU: Input, Kompressor, Wah, zwei Drives, zwei Amps, zwei Cab-Blocks (vier Impulsantworten), EQ, Chorus, Flanger, Delay, Reverb, Looper. Da ist also durchaus noch Platz für mehr. Ja, mit dem Axe-Fx III kann man noch deutlich mehr kombinieren, aber für die allermeisten Nutzer dürfte hier der Sweetspot gut getroffen worden sein.


FM9 vs. FM3 vs. AXE-FX III

ᐅ Wir nehmen mal an, Geld spielt keine Rolle, und du würdest gerne das passende Fractal-Audio-Produkt für dich finden.

Eigentlich ist es einfach: Volle Leistung, Möglichkeiten und Anschlüsse? AxeFx III (mittlerweile sogar als „Turbo“-Version erhältlich). Für den Boden und immer noch nah dran am Axe-Fx? Dann das FM9. Hier hat man ein paar Anschlüsse weniger (man hat „nur“ einen Input, „nur“ zwei zusätzliche I/Os, kein dediziertes MIDI Thru und kein AES). Zudem fehlen die folgenden Effekte: Vocoder, Tone Match, IR Capture, Real-Time Analyzer, IR Player und die Looper-Zeit ist geringer, ebenso wie die maximale Delay-Zeit. Aktuell nutzen die Bodengeräte auch noch den älteren Pitch-Algorithmus. Der ist nicht schlecht, aber der neue ist besser. Im Amp-Block fehlen Input Dynamics und Master Bias Excursion.

Das FM3 ist nochmal reduzierter. Einmal natürlich durch seine geringere Zahl an Fußschaltern, andererseits in erster Linie durch die fehlende Möglichkeit zwei Ampsimulationen oder zwei Cab-Blöcke zugleich zu betreiben. Es hat auch noch ein paar Inputs weniger und durch die reduzierte Prozessorleistung auch weniger „Platz“ in Presets. Zudem fehlt der Crossover Block und einige spezielle Parameter in Effekten (Diffusion beim Delay zum Beispiel). Dafür ist es natürlich am handlichsten und mit externem Controller (Morningstar MC-6 bspw.) ist man sehr kompakt unterwegs.


REFERENZ-SOUND

Auf meinem Schreibtisch (und natürlich auch mal im Rack) steht seit Erscheinen ein Axe-Fx III. Dementsprechend gut kenne ich die Möglichkeiten und Sounds der Fractal-Audio-Geräte. Und spätestens nach dem Test des FM3 wird es wenig überraschen: Egal ob Axe-Fx, FM3 oder FM9 – sie klingen alle sehr gut. Man findet für jeden Anwendungsfall den passenden Sound und kann diesen nach Belieben verfeinern. Wer bereits mit Fractal-Geräten gearbeitet hat, wird sich hier sofort zuhause und bestens abgeholt fühlen. Für mich bietet das FM9 Referenzsounds ohne Ende. Lediglich das Axe-Fx III ist an einigen Ecken noch besser ausgestattet (aktuellerer Pitch-Algorithmus, während ich dies schreibe. Zudem fehlen dem FM9 der Vocoder, Tone Match, IR-Capture, Real-Time Analyzer und IR-Player).

RESÜMEE

Der erste optische Eindruck war: „groß“. Klar, hier geht es ja auch darum, dem Live-Musiker genug unter die Füße zu legen, um für alle Lagen gewappnet zu sein. Dafür bringt das FM9 deutlich mehr Schalter und Rechenleistung mit als das FM3. Und die Sounds sind auf gewohnt hohem Niveau.

Konkurrenz? Klanglich kaum. Wer gerne „fertige“ Sounds mag, sollte sich den Kemper Profiler Stage anschauen. Als direktere Konkurrenz sehe ich eher das Line 6 Helix. Es kommt mit mehr Schaltern, eingebautem Pedal und einem moderneren UI daher. Zudem sind die Fußschalter ziemlich cool und es kostet rund 500 Euro weniger. Die klangliche Lücke zwischen Line 6 und Fractal wird immer kleiner, aber andere Firmen wie Mooer etc. müssen wir in diesem Vergleich erst gar nicht berücksichtigen.

Wer ein erstklassiges all-in-one Live-Setup sucht, der sollte das FM9 antesten. Es ist nicht günstig, aber es ist sein Geld wert.

PLUS

  • Ampsounds
  • Effektsounds
  • Leistung
  • Tweaking-Möglichkeiten


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

Produkt: Effekt Pedale ABC – Alles über Effektpedale Digital
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Hallo, ist das FM9 auch für die Bassfraktion interessant?

    Bassige Grüße

    Steff

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Ich hatte mir letztes Jahr den HX-Stomp zugelegt und für meine (Studio) Bedürfnisse, mein technisches Verständnis und das was mir an Gitarrensounds für meine Musik gefällt passt das Teil. Da stecken noch ohne Ende weitere Möglichkeiten drin die ich mir aber noch nicht draufgeschafft habe.
    Mit dem FM9 wäre ich wahrscheinlich überfordert.
    Ich vergleich das mal mit Excel, ich nutzte es zwar für einfache Tabellen aber was es wirklich kann ist gigantisch. Ich könnte mir vorstellen so geht es den meisten (Hobby) Musikern. Live spiele ich einen Röhrenamp mit Bodentretern.

    Auf diesen Kommentar antworten
    1. Quad Cortex ist kein Konkurrent mit dem man sich beschäftigen müsste ? Spannend….

      Auf diesen Kommentar antworten
      1. Nagel auf den Kopf getroffen! Ich bin von Fractal AX8 zu Quad Cortex konvertiert, und mehr als happy – vor allem komme ich wieder zum Gitarre spielen (kein endloses programmieren mehr…)

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  3. @ Stephan: Ja, natürlich! Ich nutze zwar nach wie vor “nur” ein Axe FX II XL+, aber das mit E-Gitarre, A-Gitarre, Mandoline und Bass. Die Qualität der Wiedergabe und Simulationen ist bei jedem Instrument perfekt und EXTREM rauscharm (außer das Rauschen kommt schon von den PUs oder einem Preamp im Instrument).

    @ Dirk: Ja, die Möglichkeiten bei Fractal sind unendlich, aber es hängt vom Anwender ab, wie tief er einsteigt. Grundsätzlich ist ein Preset so einfach zu erstellen, wie man einen Amp und die erforderlichen Bodentreter zusammensteckt. Auch der Amp und die Effekte können so einfach eingestellt werden, solange man in der ersten Menüebene bleibt. Will man tiefer einsteigen, hat man normalerweise mehr Ahnung und findet sich dann in den weiteren Menüebenen auch zurecht. In den Untermenüs kitzelt man für meinen Eindruck aber ohnehin nur die letzten 1-2% raus…

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