Omega-Ampworks-Granophyre-Plugin im Test

Metal Guitars: Neural DSP Plugins

(Bild: Simon Hawemann)

Spätestens seit dem Fortin Amplification Nameless Plugin ist der Name Neural DSP in aller Munde. Klar, handelt es sich dabei doch um die Plugin-Version des Meshuggah-Signature-Verstärkers, der sonst nur für viel Geld und in geringer Stückzahl verfügbar ist. Neural DSP ist damit jedenfalls ein enorm starkes Debüt auf dem Markt der Verstärker-Plugins gelungen. Alle Beteiligten bestanden von Anfang an darauf, dass das Nameless Plugin den Sound des Originals enorm akkurat wiedergibt und Neural stellen sogar die selbstbewusste These auf, dass ihre Algorithmen perfekt sind. Aber ähnliche Aussagen kennen wir ja nun seit jeher von verschiedensten Modeling-Amp-Herstellern, angefangen mit Line 6 und dem Pod. Hat sich seitdem denn so viel getan?

Testen möchte ich heute vor allem das Omega-Ampworks-Granophyre-Plugin von Neural DSP, denn dieses basiert auf einem Amp, der hier zu Hause bei mir „in echt“ steht, wenn auch mit dem alten Namen ‚Iridium‘ ― Ich habe das Topteil ja bereits in dieser Kolumne (G&B 02/2020) vorgestellt. Die großen Fragen sind: Wie nah an das Original kommt das Plugin heran? Welche Unterschiede gibt es? Ist es eine adäquate Alternative zum mikrofonierten Original? Finden wir es heraus! Und da es momentan ebenfalls in aller Munde ist, habe ich mir bei der Gelegenheit auch gleich noch das deutlich umfangreichere Archetyp-Nolly-Plugin genauer angesehen.

Anzeige

Das Original: Das Omega-Ampworks-Granophyre-Topteil – hier noch unter dem alten Namen „Iridium“. (Bild: Simon Hawemann)

ERSTMAL DEN AMP INSTALLIEREN…

Puristen werden sich mit dem Gedanken wohl erst anfreunden müssen, aber ja, diese „Verstärker“ sind aus dem Internet heruntergeladen und werden schlichtweg auf der Festplatte installiert. Immerhin ist das deutlich rückenfreundlicher, billiger und darüber hinaus auch noch überaus simpel: Man braucht lediglich die Software selbst, eine gekaufte Lizenz und das iLok-Lizenzverwaltungsprogramm, mit dem man dann die Neural-DSP-Plugins während des Installationsvorgangs freischalten kann (man kann sie vorher übrigens für großzügige 14 Tage gratis testen).

Gesagt, getan – als erstes installiere ich also das Omega-Granophyre-Plugin und nachdem ich Logic Pro X – das Programm mit dem ich Gitarren aufnehme und ganze Songs/Alben vorproduziere – öffne, erscheint das Plugin von Neural auch schon in meiner Geräteliste. Funktionieren tut das Plugin übrigens mit dem DI-Signal der Gitarre. Sprich, man geht mit dieser direkt ins Audio-Interface und weist dem entsprechenden Kanal in der DAW (Digital Audio Workstation – der offizielle Begriff für Programme wie Logic, Cubase, etc.) das Neural-DSP-Plugin zu. Wenn man alternativ schon eine Aufnahme mit DI-Spuren zum reampen parat hat – dies ist bei mir der Fall – macht das den Start besonders einfach: Omega-Granophyre-Plugin auf die Spur, auf Play drücken, in Echtzeit zuhören und erstmal in Ruhe die Benutzeroberfläche erschließen.

Das Archetype-Plugin hält für alle Gain-Klassen den passenden Amp bereit.

Und ich muss sagen, da hat man im Hause Neural ganze Arbeit geleistet! Das Plugin ist schick anzusehen, äußerst übersichtlich und darüber hinaus intuitiv zu bedienen, sofern man ein Basisverständnis von Verstärkern und der entsprechenden Peripherie mitbringt. Der Omega-Granophyre-Verstärker selbst ist originalgetreu abgebildet und somit für mich auch direkt vertraut. Neben dem Amp, für den man zwischen 6L6-, EL34- und KT66-Röhren wählen kann, gibt es einen Tab für Pedals, in dem sich ein Plumes Overdrive von Earthquaker Devices befindet, sowie eine Sektion mit einem 9-Band-EQ.

Läd man beide Plugins gleichzeitig, kann man auch die Pedale aus dem Archetype-Plugin mit dem Omega Granophyre benutzen.

Zu guter Letzt findet man noch einen Tab für die Mikrofonierung der virtuellen 4x12er-Box. Hier kann man nicht nur zwischen zwei Lautsprechern sowie 14 verschiedenen Mikrofon-Presets wählen, sondern auch die horizontale und vertikale Positions des Mikrofons verändern – mit sehr realistischen Ergebnissen wohlgemerkt.

Da ich während des Vertrautmachens mit der Benutzeroberfläche schon eines meiner Riffs in der Dauerschleife gehört habe, ist mir direkt positiv aufgefallen, dass der Sound des Granophyre-Plugins selbst mit allen Basiseinstellungen und Potis auf 12 Uhr schon einen grundsoliden Eindruck macht. Wenn ich mich da an meine ersten Erfahrungen mit POD Farm vor gut 10 Jahren erinnere, liegen da schon Welten dazwischen. Das Granophyre-Plugin klingt definitiv auf Anhieb schon viel eher nach einem echten Verstärker – nicht so nasal und stumpf wie frühe Modeling-Software.

Das Granophyre-Plugin kommt schon sehr nah an sein Vorbild heran.

Wie schon das Original, bietet auch das Granophyre-Plugin viele Tone-Shaping-Features, wie den High- und Low-Gain-Switch sowie den Voicing-Switch, bei dem man den Klangfokus des Mittenbands von den Hoch- in die Tiefmitten verschieben kann. Als erstes teste ich allerdings die exakten Einstellungen meines echten Topteils. Während diese hier bei mir im Raum schon ausreichend brutal klingen, fehlt es mir in der Software-Variante allerdings noch etwas an Aggressivität. Das sollte auch nicht groß verwundern – schließlich hört man aus dem Plugin eine abmikrofonierte Version des Verstärkers, während ich bei mir vom Topteil und der 2x12er-Box direkt den Raumsound in hoher Lautstärke um die Ohren geblasen bekomme. Den Charakter des Verstärkers hat Neural allerdings wirklich sehr, sehr gut eingefangen ― das kristallisiert sich an dieser Stelle schon heraus.

Richtig entfalten tut sich das Potenzial des Plugins, wenn man sich ans Feinjustieren setzt. Zunächst mal ist der 9-Band-EQ wirklich hilfreich, um entsprechend die Stärken des Verstärkers selbst noch etwas hervorzuheben, oder unschöne Frequenzen zu zähmen. Zu viel „Fizzle“ um 4kHz? Fader etwas runter ziehen und das Problem ist gelöst. Alles sehr einfach und mit deutlich hörbaren Ergebnissen. Und in der Boxen-Sektion des Plugins wird es noch mal richtig interessant! Bei der Wahl zwischen den beiden Lautsprechern macht der VM-1256 (Omegas Custom Speaker) gegenüber dem MS-1260 (Celestion Creamback) den etwas transparenteren Eindruck, wohingegen ich bei der Mikrofon-Auswahl, trotz guter Alternativen, beim bewährten SM57 lande.

Die Optionen in der Boxen-Sektion sind reichhaltig aber dennoch übersichtlich und nicht erschlagend.

Nun besteht sogar noch die Möglichkeit, einen zweiten Speaker zu mikrofonieren und die beiden Signale miteinander zu mischen. Dabei lässt sich auch wieder auf die volle Auswahl an Optionen zugreifen. Damit ist die Boxen-Sektion des Plugins nicht nur auf dem Papier ungemein flexibel – die klanglichen Unterschiede zwischen den verfügbaren Lautsprechern und Mikros erlauben auch wirklich grundverschiedene Sounds.

Aber das ist noch nicht alles! Es besteht darüber hinaus die Möglichkeit eigene „Impulse Responses“ (digitale Abbilder von Lautsprechern) zu laden – und für diese gibt es mittlerweile einen beachtlichen Online-Markt, der teilweise sogar von renommierten Studios bedient wird. Mit der Kombination aus diesen höchst umfangreichen Optionen und der intuitiven Bedienung des Plugins komme ich jedenfalls schnell zu einem guten Ergebnis mit unverkennbarem Röhren-Charakter. Besonders dieses „schmatzen“ tiefer Noten bildet das Neural-Plugin so realistisch ab wie ich das sonst nur von echten Verstärkern gewöhnt bin.

Aber mir sind auch zwei Dinge aufgefallen, die sich vom „Real Deal“ unterscheiden. Zum einen hat der echte Verstärker mehr Reserven in den Höhen und klingt somit etwas luftiger als das Plugin. Dreht man Höhen und Präsenz im Plugin zu weit auf, wird es doch eher etwas fizzelig. Außerdem ist der Effekt des Voicing-Switches beim Plugin etwas extremer als bei meinem Röhrenpendant – das gilt für die Stellung mit Tiefmitten-Fokus, die beim echten Amp nicht ganz so fleischig klingt.

Zu guter Letzt ist es noch wert, zu erwähnen, dass ich mit dem Earthquaker Plumes Overdrive nicht wirklich die Ergebnis erziele, die ich erwartet hätte. Statt extra Tightness und Treble verwischt das Signal hier eher etwas. Deswegen neige ich dazu, es grundsätzlich wegzulassen, auch wenn ich unter normalen Umständen mit meinem Röhren-Top definitiv ein Overdrive-Pedal benutze. Man kann alternativ aber im DAW einfach ein weiteres Neural-Plugin vor dem Granophyre platzieren, dort die Verstärker- und Speaker-Simulationen deaktivieren und nur die Pedale benutzen. Und vielleicht könnt ihr es euch schon denken, aber ihr könnt natürlich auch die Cabinet-Simulationen anderer Neural-Plugins benutzen, indem ihr sie in eurem DAW hinter dem Granophyre platziert. Hier ergeben sich also einmal mehr viele weitere Möglichkeiten, euren Sound ganz auf eure Anforderungen anzupassen.

MEHR, MEHR, MEHR…

Zusätzlich zum Granophyre hat man mir auch noch das Neural-Archetype-Nolly-Plugin ans Herz gelegt. Entwickelt wurde es mit Adam „Nolly“ Getgood, seines Zeichens Producer und ehemaliger Bassist der Band Periphery. Im Gegensatz zum Granophyre-Plugin verfügt Nolly’s Archetype gleich über vier verschiedene Amps mit aufsteigenden Gain-Reserven. Auch in Sachen Pedalen lässt sich der gute Mann nicht lumpen. Zwei Overdrives, ein Kompressor, jeweils ein Delay vor und eines hinter dem Amp, wo man zu guter Letzt auch noch ein Reverb findet. Lediglich die EQ- und Boxen-Sektionen sind dem Granophyre-Plugin mehr oder weniger gleich.

Es wird schnell klar, dass sich der Sinn und Zweck beider Plugins doch deutlich unterscheidet. Während der Fokus des Omega Granopyhres eher auf brutalen Hi-Gain-Rhythmusgitarren-Sounds liegt, bietet das Nolly-Archetype-Plugin eine All-in-One-Lösung, mit deren Verstärkersammlung und Optionsumfang man locker ein ganzes Album produzieren könnte. Von glasklaren Clean-Sounds über rockige Crunch-Töne bis hin zu brutalem Hi-Gain steckt in den vier verfügbaren Amps nämlich alles drin, was man braucht. Und mit der zusätzlichen Auswahl an Effekten sowie den umfangreichen Mikrofonierungs-Optionen eröffnen sich enorm breit gefächerte Klangwelten. Wie schon der Granophyre klingt auch Nolly’s Archetype in den Standardeinstellungen schon super.

Mein Ziel ist es nun, mit beiden Plugins eine Aufnahme vom letzten Nightmarer-Album ‚Cacophony of Terror‘ zu reampen. Einen Rhythmus-Sound hatte ich mit der Omega-Ampsimulation schon gefunden, also muss nur noch ein Leadsound mit subtilem Delay her – wofür Nolly’s Plugin wie geschaffen scheint. Statt jetzt in ähnlichen Gain-Regionen wie die der Rhythmusgitarren umherzuwildern, wähle ich nach einigem Experimenten lieber den zweiten der beiden Clean-Amps aus, drehe dessen Gain-Regler in einen angenehmen Crunch-Bereich und booste diesen mit beiden verfügbaren Overdrives im Pedal Tab des Plugins. Delay und Reverb kommen schließlich noch oben drauf und fertig ist ein charakterstarker Lead-Sound.

Anhören könnt ihr euch das Ganze wie immer auf der Gitarre-&- Bass-Website (www.gitarrebass.de), dem G&B-Soundcloud-Kanal, oder indem ihr einfach den QR-Code hier im Artikel scannt. Alle Gitarren-Sounds kommen ohne weitere EQs und Effekte direkt aus den beiden Neural-DSP-Plugins. Einerseits sollte euch das einen guten Eindruck davon vermitteln, wie weit man mit den Plugins selbst kommt – andererseits dürften diejenigen unter euch, die vielleicht etwas ausgiebigeres Home Recording betreiben an dieser Stelle auch das Potenzial erkennen, das sich mit etwaiger Weiterverarbeitung, dem sogenannten Post Processing im DAW erreichen lässt.

FAZIT

Die Plugins von Neural DSP erreichen definitiv ein ganz neues Qualitätslevel in Sachen digital modellierter Verstärker-Sounds. Wir sind hier mittlerweile bei einem Standard angelangt, mit dem man problemlos die Gitarrenaufnahmen ganzer Alben produzieren kann, und zwar ohne dass das Ergebnis für die Ohren der meisten Hörer digital klingen würde. Und das ist sicherlich auch der hauptsächliche Sinn und Zweck dieser Plugins. Sie stellen allerdings auch eine gute Alternative zu kleinen Übungsverstärkern dar. Denn machen wir uns nichts vor: Einen Computer mit DAW haben die meisten von uns zu Hause und die Neural-Plugins kosten mit $ 119 bis $ 159 eher weniger als ein passabler Übungsverstärker fürs Schlafzimmer.

(erschienen in Gitarre & Bass 07/2020)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.