Die band aus Aachen im Gespräch

Fjørt im Interview – Intensität mit Haltung!

Anzeige
(Bild: Holger Kochs)

Die Aachener Band Fjørt spielt Post-Hardcore im weiteren Sinne: Brachiale Gitarrenriffs und Schrei-Attacken treffen auf fragil-schwebende Momente, die wortgewaltigen deutschsprachigen Texte pendeln analog dazu zwischen existenzialistischer Selbstbetrachtung und Kommentaren zum gesellschaftlichen/politischen Zeitgeschehen, die Songs können sowohl die Grenze zum Noise streifen als auch Pop-Appeal an den Tag legen.

All dies geschieht mit einer Dringlichkeit die das 2012 gegründete Trio mittlerweile auch zu einem Thema für die Top 10 der Charts macht, wie das vierte und fünfte Album ‚Nichts‘ und ‚Belle époque‘ 2022 beziehungsweise in diesem Februar bewiesen haben.

Anzeige

Grund genug, uns mit Chris Hell (g./v.) und David Frings (b./v.) über Einflüsse, Equipment und eine besondere Beziehung zu Jochen Imhofs Sign Guitars zu unterhalten.


Ihr beiden, wie seid ihr zur Musik gekommen und was hat euch dazu gebracht, selbst Musik zu machen?

David: Meine Schwester hatte damals die ‚Dookie‘ von Green Day. Ich hatte vorher kaum Kontakt mit Rockmucke gehabt, fand das aber megageil. Ich habe nicht verstanden, was eine E-Gitarre machen kann, und wollte es lernen.

Ich bin dann mit meiner Mutter in den örtlichen Musikladen in Aachen gefahren, wo ich mir einen Marshall-VS15-Combo und eine schwarzweiße Ibanez-S-Style-Gitarre für insgesamt ungefähr 650 Mark geholt habe. Das war mein Einstieg, und dann habe ich angefangen, Akkorde zu daddeln.

Chris: Mein Bruder ist ein bisschen älter als ich und war immer ein kleiner Metalhead. Er hat in seinem Zimmer 1990er-Metal-Bands wie Sepultura gehört, während ich als kleiner Stups danebengesessen und ihm beim Headbangen zugeguckt habe.

Die eigentliche Initialzündung ist aber die Linkin-Park-, Limp-Bizkit-Ecke gewesen, dafür war ich komplett Feuer und Flamme. Irgendwann stand eine klassische Gitarre bei uns rum, die nie jemand spielte. Ich habe einfach drauflos geklimpert – sehr schlecht und wenig recht – und gedacht: Das macht ganz schön viel Bock.

Hattet ihr Unterricht?

David: Meine Mutter ist studierte Sängerin und hat mich verdonnert, zumindest kurz in die akustische Gitarre reinzuschauen. Als ich die ersten Akkorde konnte, wurde mir der Unterricht aber zu langweilig.

Dann hat mir die Gitarrenlehrerin Power-Chords beigebracht, und da war die Messe gelesen. Dann wusste ich, was ich brauche, und Unterricht interessierte mich nicht mehr.

Chris: Ich habe Piano gelernt, aber irgendwann mit dem Unterricht aufgehört, und die Gitarre nur malträtiert. Als ich mit Ach und Krach einen Song spielen konnte, dachte ich, ich sollte vielleicht mal eine Gitarrenstunde nehmen.

Das hat mir aber so wenig Bock gemacht, dass ich diese eine Stunde sogar abgebrochen habe. Es ging um irgendwas mit Fingersatz, da war ich komplett raus. Daran sieht man, wie wenig technisch wir unterwegs sind.

Eure eigene Musik hat aber wenig mit 1990er-Melodic-Punk und 2000er-Nu-Metal zu tun, sondern fällt grob in die Post-Hardcore-Sparte und war von Anfang an sehr eigenständig. Wie seid ihr da hingekommen?

Bassist David Frings (Bild: Sophia Roßmann)

David: Ich wurde sehr schnell über die Schule in den DIY-Punkrock-Bereich gedrückt und zu Shows in und um Aachen geschleppt. Ich habe Musik eigentlich live begriffen, nicht so sehr vom Tonband.

Dann gab es ein Mixtape mit Hot Water Music, Taking Back Sunday, diese ganzen Emo-Bands aus den Staaten – die fand ich total geil. Wir hatten einen lokalen Plattenladen in Aachen, die Plattenbörse. Da ist man hingegangen und hat lokale Bands auf Vinyl geholt.

Da gab es Eaves, die haben krasse Schrei-Mucke gemacht. Als ich deren Split mit Francis Brady hörte, brauchte ich fünf, sechs Durchläufe, bis ich überhaupt verstanden habe, was da abging – aber dann war ich komplett gefangen, von dieser Intensität.

Der entscheidende Moment kam auf dem Karamba Festival in Herzogenrath, wo ich backstage helfen durfte. Endstand aus Finnland kamen mit einem weißen Sprinter, volltätowierte Leute steigen aus, und der Sänger meint, sie hätten gestern in Prag gespielt; das sind bis Aachen 15, 16 Stunden Fahrt. In diesem Moment dachte ich: „Genau das will ich machen – im Bus sitzen, mit Leuten unterwegs sein und Punkrock machen.“

Chris: Die Faszination für intensive, emotionale Mucke war bei mir schon immer da. Die Band Eaves waren wirklich eine der wichtigsten Initialzündungen, die mich zu genau der Mucke bewegt hat, die wir jetzt machen: Kakophonisch, extrem in jeder Hinsicht in der Hardcore-Richtung, und dann noch mit deutschen Texten.

Die Nachfolgebands, die in eine ähnliche Kerbe schlagen – etwa Trainwreck – haben mich dann auch fasziniert. Der Vibe bei den Shows war: Übertriebene Lautstärke und Hitze, alle sind gemeinsam selig. Wir haben das dann mit unserer Liebe zu Melodien verbunden – Alexis On Fire sind auch eine große Inspiration für mich und mein Spiel.

Als wir unseren ersten Song ‚Demontage‘ geschrieben haben, erkannten wir: Das ist geil, das funktioniert. Von dem Punkt an haben wir nicht mehr viel nachgedacht, sondern unsere Zutaten einfach weiter zusammengeschmissen.

Chris‘ Sign-Gitarre Chris‘ Sign-Gitarre von Jochen Imhof
Duesenberg D-Bass

Wie hat sich euer Equipment im Laufe der Zeit verändert?

David: Ich hatte in all meinen vorigen Bands Gitarre gespielt und bei Fjørt keinen Bock mehr darauf. Es war mir zu filigran, und Chris ist eindeutig der begabtere Gitarrist. Ich habe mir bei eBay für 120 Euro einen Peavey Mark VIII mit einer kleinen 1×15-Box geholt, dazu einen billigen Epiphone Firebird, den ich einfach geil fand.

Der Dude, der mir den Amp verkaufte, gab mir noch den Boss ODB-3 dazu, den ich bis heute spiele. Da mir das im Proberaum zu leise war, habe ich in Köln eine 8×10-Box von Ampeg für 600 Euro gekriegt, die dann aber zusammen mit dem Mark VIII zu schwammig war. Also fuhr ich in den Music Store Köln, probierte alle Vollröhren-Amps aus und merkte, dass mir das nichts brachte.

Schließlich hat mir jemand gesagt: „Check mal den Glockenklang Heart Rock.“ Den habe ich sehr günstig geschossen, und das ist noch immer mein Setup: Boss ODB-3, Glockenklang Heart Rock und eine 8×10 Box. Manchmal schalte ich einen zweiten Gitarren-Amp dazu, wenn Chris Leads spielt, damit mehr Fläche da ist.

Bei Pedalen bin ich kein Boutique-Typ. Ich glaube wirklich, dass das Meiste aus den Händen und aus dem Kopf kommt. Wenn ich manchen Leuten erzähle, mein Hauptsound ist ein Boss ODB-3, sagen die: „Das ist das beschissenste Basspedal, was ich je gehört habe.“ Und dann antworte ich: „Keine Ahnung, ich habe das relativ lange eingestellt und bin echt happy damit.“

Das Board von David mit TheGigRig G3, Boss TU-3, Boss RV-5, Boss DD-6 Digital Delay, Harley Benton Tap Switch, Boss ODB-3, Boss BD-2, Line 6 HX One, DigiTech Drop, Elec tro-Harmonix POG2, Way Huge Swollen Pickle Jumbo Fuzz
Das Board von Chris mit TheGigRig G3, Boss RC-30 Loop Station, Neunaber WET Reverb, Boss RV-5, Electro-Harmonix POG2, DigiTech Drop, Boss DD-200, Boss Chromatic Tuner, ZVEX Fuzz Factory, Bogner Wessex

Man will immer neue Sachen ausprobieren, greift aber sehr oft doch auf Altbewährtes zurück. Ins Studio bringt man sein ganzes Arsenal mit, baut alles einen Tag lang auf, checkt verschiedene Pedale und landet bei einem wilden Setup, wo tausende Kabel herumfliegen.

Der Sound ist auch echt amtlich, nachdem man ihn durch tausend Sachen gehauen hat, doch unser Produzent ist dann immer so geil und sagt: „Jetzt mal alles weg, mach nur dein Board an.“ So haben wir das auf ‚Belle époque‘ auch wieder gemacht: Mein Board an zwei Gitarren-Cabs, zwei verschiedene Heads, Stereo-Setup mit meinen Verzerren an den Gitarrenamps – wie ich es live auch mache – und mein Glockenklang mit ODB-3. Er hat die Regler hochgezogen und gefragt: „Was haben wir den letzten Tag hier gemacht?“

Chris: Eigentlich bin ich nicht so Technik-affin. Ich kann mich für neue Sounds begeistern und suche sie auch manchmal zusammen mit David, wenn wir an einer Platte arbeiten. Aber grundsätzlich ist es so, dass ich, wenn mir was gefällt, dabei bleibe.

Zu meinem Setup gehören immer Reverb, Delay und der Boss RV-5, den ich in meiner allerersten Band gekauft habe; er war seitdem auf jedem Brett, den werde ich nie weglassen. Hinzu kommt der Bogner Wessex, ich brauche immer einen relativ dichten Zerr-Sound, wahrscheinlich zu viel für die meisten, aber für meine Lead-Sachen und mein Spielgefühl ist das immer geil gewesen.

Manchmal kommt noch ein zweiter Reverb dazu ein Neunaber Wet Stereo, wenn der RV-5 schon aufgerissen ist, der Sound aber noch nicht genug schwimmt. Und an drei, vier Stellen im Set benutze ich einen Octaver für ein bisschen mehr Fett bei Solo-Stellen.

Du spielst ein Instrument von Sign Guitars. Lag das nahe, weil Jochen Imhof auch aus Aachen kommt?

Gitarrist Chris Hell (Bild: Sophia Roßmann)

Chris: Wir haben uns kennengelernt, weil wir in der Ecke proben, wo er seine Werkstatt hat, und weil er selbst in Bands umtriebig ist. Ich wollte eine Gitarre mit Jazzmaster-Form und habe mich von ihm ein bisschen leiten lassen. Für mich ist Spielgefühl fast noch wichtiger als das Holz.

Wir haben relativ viel Zeit investiert: Die Form genau festgelegt, wo die Gurtpins sind, wie die Gitarre ausbalanciert ist, wenn man sie umhängt, und die Abschrägung oben, damit man den Arm gut auflegen kann. Das Spielgefühl muss mega-smooth sein, ich will mich einfach komplett fallenlassen können.

Mit zwei Potis kann ich eigentlich nichts anfangen, und der Pickup-Switch ist meistens vorne angesiedelt, also sagte ich: „Der muss aus dem Weg, ich bleibe sonst daran hängen.“ Klanglich ist die Gitarre auch perfekt. Ich habe sie vors Board geklemmt und gedacht: „Geil, macht Spaß.“

Nach einer Tour war der Lack überall abgesprungen, weshalb mich Jochen fragte, was ich damit gemacht hätte. Ich benutze die Gitarre halt, und das ist eben nicht der pfleglichste Umgang.

David, dich sieht man auf der Bühne mit Instrumenten im P-Bass-Stil, sind die auch von Jochen?

David: Im Studio spiele ich eigentlich immer einen Duesenberg D-Bass. Den gibt es inzwischen, glaube ich, gar nicht mehr. Ich stand damals bei Duesenberg in Kontakt mit jemandem, der Artist Care gemacht hat und früh Leute mit wenig Kohle unterstützen wollte – so habe ich den Bass zu einem sehr günstigen Kurs gekriegt.

Dann habe ich den auch zu Jochen mitgenommen: Die zwei Tone-Potis raus, ein Master-Volume-Poti rein und zwei Häusel-Pickups. Das Problem ist nur, dass er schwer ist. Ich brauche sehr leichte Instrumente, live spiele ich daher eher den Duesenberg Dragster.

Und irgendwann soll Jochen auch mal einen Bass für mich entwickeln: Im Preci-Style, mit einem Humbucker und einem Single Coil für Split-Möglichkeiten. Jochen ist da auch heiß drauf. Vielleicht spielen wir irgendwann beide nur noch Jochen-Instrumente.

Er ist auch kein typischer Service-Dude. Wenn man bei ihm reinkommt, interessiert ihn zuerst überhaupt nicht die Gitarre, sondern wie es mit der Band läuft. Und dann erzählt er von seiner eigenen The Lost Tapes, wenn die irgendwo in einem Schuhkarton in Aachen gespielt hat.

Irgendwann hat er mich auch mal angeschrieben und gefragt, was ist, wenn Chris’ Gitarre live kaputtgeht, was noch nie passiert ist; wir haben eine Gibson SG als Backup. Er meinte dann: „Lasst uns noch eine machen.“ Er denkt mit, das ist so ein guter Mensch.

Welche Stimmungen verwendet ihr? Da geht’s teilweise recht tief in den Keller.

Chris: Die ersten Riffs, die ich zur Probe mitgebracht habe, waren in Drop D. Von da haben wir uns zu Drop C vorgearbeitet, und das ist seitdem quasi unser Standard-Tuning. Das hat viel Bock gemacht, weil wir dachten: „Das muss sehr sehr krass sein, und je tiefer, desto besser.“

David: Es gibt auch Stücke in Drop B und Drop A. Für Chris ist das live geil, weil er den Digitech The Drop hat. Für mich bedeutet es, dass ich ständig umstimmen muss.

Dabei hatte ich immer den Anspruch, die ganze Show mit einem Instrument zu spielen; wenn jemand von hinten angerannt kommt und dir eine andere Gitarre umhängt, ist mir das ein bisschen zu sehr Rockstar. Für Bässe gibt es kein Drop-Pedal, das gut genug trackt. Da kommen Artefakte durch, du kriegst keinen Druck drauf, die Latenz ist zu hoch.

Ich habe echt viel probiert, es geht nicht. Also stimme ich fleißig um, in jedem Interlude.

Erzählt mir abschließend noch was übers Songwriting, vor allem die Drum-Arrangements. Euer Schlagzeuger Frank Schophaus macht einen wichtigen Teil eures Sounds aus, finde ich.

David: In Sachen Melodieführung, Texte und Vibe hängen wir zwei schon eng aneinander. Ab einem gewissen Punkt geht die Musik aber natürlich zu Frank. Teilweise haben wir schon Beat-Ideen, die wir mit Addictive Drums programmieren, um ihm zu zeigen: In diese Richtung könnte es gehen. Er greift das auf und überträgt es in seinen Stil.

Früher hat man ein Riff auf dem Diktiergerät in den Proberaum gebracht und alles von Grund auf entwickelt. Seit einigen Jahren arbeiten wir mit Rechnern, um Ideen möglichst gut klingend vorzustellen, vielleicht auch schon mit Gesang. Da liegt dann der Griff zu MIDI-Drums nahe, was aber natürlich nie so geil wird, wie wenn man es gemeinsam im Raum spielt.

Chris: Je länger wir schreiben, desto höher wird unser Anspruch, uns nicht zu wiederholen. Deswegen entstehen immer mehr Ideen am Rechner, doch die Drums werden erst lebendig, wenn Frank das Programmierte aufbereitet und selbst spielt.


(erschienen in Gitarre & Bass 08/2026)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.