“Diese Songs liegen mir im Blut” (Bild: Jarmo Katila)
Children Of Bodom waren mit ihrer unverwechselbaren Mischung aus melodischem Death Metal und klassischen 1980er-Einflüssen eine der bedeutendsten Metal-Bands Finnlands. Bandleader und Hauptkomponist Alexi Laiho beeinflusste mit seinem virtuosen Spiel eine neue Generation von Gitarristen auf der ganzen Welt und starb 2020 mit nur 41 Jahren an den Folgen seines ausschweifenden Lebensstils, was auch das Ende der Band bedeutete. Im Frühjahr 2026 ehrten die verbliebenen Mitglieder Laihos Erbe mit zwei Konzerten im Club Tavastia in Helsinki, wozu sie mit Samy Elbanna von der finnischen Thrash-Metal-Band Lost Society einen langjährigen Freund und glühenden Bewunderer des Verstorbenen als Frontmann auf die Bühne holten.
Im Interview spricht der 30-Jährige über seine musikalischen Anfänge, die enge Verbindung zu Children of Bodom, die Vorbereitung auf die Shows und darüber, was Alexi Laiho zu einem der einflussreichsten Gitarristen seiner Generation gemacht hat.
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Samy, was hat dich überhaupt zur Musik und zum Metal gebracht? Wie bist du zur Gitarre gekommen, und welche Rolle hat Children of Bodom dabei gespielt?
Ich hatte das große Glück, einen sechs Jahre älteren Bruder zu haben, der mir als Kind Mixtapes zusammengestellt hat. Ich weiß noch, als ich sieben war, gab er mir eine Kassette, und das erste Lied darauf war ‚The Prisoner’ von Iron Maiden, und so abgedroschen es klingen mag: Das hat mein Leben verändert. Anschließend wurden die Tapes immer härter – Judas Priest, Pantera, System Of A Down und schließlich Children Of Bodom, der nächste entscheidende Moment.
Als ich den Song ‚In Your Face’ hörte, dachte ich, es sei eine amerikanische Band, und das Musikvideo dazu – Alexis Outfit und seine Jackson Rhoads – hat mich nachhaltig geprägt. Ich lernte die Band zunächst über die späteren Alben kennen und arbeitete mich dann zurück zu den frühen Sachen.
Mein Bruder hatte ein paar Jahre vor mir angefangen, Gitarre zu spielen, eine Linkshänder-Strat von Squier. Meine Eltern wollten mir keine kaufen, also sparte ich und legte mir mit elf ein Anfänger-Set von Behringer zu: Gitarre, Verstärker, Gurt und Kabel. So fing alles an.
Hast du Musikunterricht bekommen oder dir alles selbst beigebracht?
Ich bin ein reiner Autodidakt. Mein Bruder hat mir grundlegende Techniken und Übungen beigebracht, auf die ich heute noch zurückgreife, doch letzten Endes habe ich mich allein durchgebissen, indem ich trocken ohne Amp mit einem Metronom übte. Rückblickend war das klug, denn so lernte ich, die Dynamik mit den Fingern zu kontrollieren, statt mich aufs Equipment zu verlassen.
Deine eigene Band Lost Society durfte schon früh im Vorprogramm von Children Of Bodom auftreten, wie kam das?
Das war Ende 2013, ich wurde gerade erst volljährig. Kurz vor unserer allerersten Show im Ausland auf dem Beastival in Geiselwind rief unser Manager an und erzählte von dem Angebot, die Band bei sechs Konzerten in Finnland zu supporten. Wir spielten in allen relevanten Großstädten des Landes und werden Children Of Bodom ewig dankbar dafür sein, dass sie uns unter ihre Fittiche nahmen.
Sie hatten damals mehr als 20 Jahre Erfahrung, wir waren absolute Anfänger, aber sie sahen etwas von sich selbst in uns, halfen uns bei geschäftlichen Dingen und bewiesen damit, dass Idole sehr nette Menschen sein können; sie waren einfach ganz normale Leute, die Metal liebten. Wir sind später wiederholt mit ihnen in Finnland aufgetreten und in Amerika getourt, außerdem waren Alexi und ich Mitglieder von The Local Band, wo wir zusammen mit The-69-Eyes-Drummer Jussi 69 und Reckless-Love-Frontmann Olli Herman Stücke von Bon Jovi, Poison und Mötley Crüe coverten. Dann kam die Pandemie, woraufhin sich mein Kontakt zu Alexi bis zu seinem Tod auf E-Mails und WhatsApp beschränkte.
Wie hast du reagiert, als die verbliebenen Mitglieder dich bei den Tribute-Shows dabeihaben wollten?
Ich dachte immer, es sei nur eine Frage der Zeit, bis sie so etwas tun würden, und ließ die Band über unseren Manager wissen, dass ich bereit war, falls sie solche Konzerte planten. Anfang 2025 wurde die Idee spruchreif, und mein Name stand tatsächlich zur Debatte. Ich sagte ihnen, dass ich der richtige für den Job sei, weil mich Alexi enorm stark beeinflusst hat, und nahm ihr Angebot bedenkenlos an.
Wie hast du die doch sehr umfangreiche Setlist einstudiert? Der Zeitrahmen war relativ eng, und wir reden hier über technisch ziemlich anspruchsvolles Material.
Der Vorteil war, dass mir diese Songs im Blut liegen. Die Strukturen kannte ich, doch die kleinen Nuancen und Dynamikwechsel hinzubekommen erforderte genaues Hinhören und in meinem Fall auch Visualisieren: Als Gitarrist sehe ich beim Musikhören immer ein Griffbrett vor mir, während ich bei Riffs, Leads und Solos in Farben und Zahlen denke. Zuerst vollziehe ich im Kopf nach, wie ein Song funktioniert, dann notiere ich ihn beziehungsweise fertige Tabulaturen an.
(Bild: Jarmo Katila)
Da ich keinen Unterricht hatte, waren Guitar Pro und Videos meine Lehrer; ich bin froh, im Jahr 2026 zu leben, denn im Internet findet man etliche isolierte Gitarrenspuren aus Originalaufnahmen, die man verlangsamen und Note für Note lernen kann. Meine Methode ist vielleicht ungewöhnlich: Ich nehme mir ein Lied vor und spiele es durch, fange aber wieder ganz von vorne an, sobald ich einen Fehler mache. Das hat etwas von Selbstbestrafung, ist aber sehr effektiv. So habe ich mir die mehr als 20 Songs erarbeitet und sie sechs Monate lang fast täglich gespielt.
Welcher war der schwierigste, und musstest du dein Spiel in irgendeiner Weise an Alexis Stil anpassen?
Das Schwierigste war, gleichzeitig zu spielen und zu singen. Alexi hat das aber gut durchdacht, denn bei Gesangsparts wird es auf der Gitarre in der Regel etwas einfacher, wohingegen die Instrumentalpassagen umso fordernder sind. Der kniffligste Song war ‚Blooddrunk’, weil die Gitarrenriffs und der Gesang in den Strophen gegenläufig sind.
Ich musste ganz langsam spielen und mich Silbe für Silbe durcharbeiten. Überraschenderweise waren die besonders schnellen Momente am leichtesten, weil sie für mich irgendwie intuitiv Sinn ergaben.
Hattest du Spielraum, um deine eigene Persönlichkeit einzubringen?
Das ist in kleinen Details passiert, die viele gar nicht bemerken, etwa im Anschlag, in der Dynamik oder Phrasierung. Als Gitarristen sind wir unterm Strich die Summe unserer Einflüsse, und bei mir steht Alexi an erster Stelle, gefolgt von George Lynch, Paul Gilbert, Mark Knopfler oder auch David Gilmour.
Selbst wenn ich also ein Solo spiele, das Alexi geschrieben hat, steckt etwas von Samy Elbanna drin: meine Art, Wechselschlag, Triolen und Sweeps zu spielen. Gerade die Soli wollte ich respektvoll behandeln, aber auch nicht haargenau kopieren; so ähnlich, wie es Zakk Wylde bei Pantera mit Dimebag Darrells Parts tut.
Welche Rolle spielten Gitarren, Amps und Effekte? Hast du darauf geachtet, mehr oder weniger das Gleiche zu spielen wie Alexi?
Die Gitarristen, mit denen ich aufgewachsen bin, haben kein Arsenal aus Pedalen benutzt. Mein Motto war deshalb immer: Mach’s so einfach wie möglich. Bei analogen Verstärkern verwende ich immer nur den Overdrive-Kanal – Gain auf etwa zwölf Uhr, eine Gitarre und ein Funksystem. Daran hat sich im Zuge meines Wechsels zu digitalen Geräten nicht viel geändert; ich habe einen Rhythmus-Sound und einen Lead-Sound, der etwas lauter und mit Delay versehen ist.
Für die Tribute-Shows bekam ich eine Custom-Flying-V von ESP mit 24 Bünden, Floyd-Rose, einem EMG-H2-Pickup, den ich seit sechs, sieben Jahren benutze, und Alexis ESP MM-04 Preamp Booster. Der passive Sound ist recht straff, bekommt aber durch den Booster mehr Charakter und Attack. Üblicherweise spiele ich über einen Neural DSP Quad Cortex mit einem Preset eines Peavey 5150, dazu ein bisschen Overdrive und EQ. Mehr braucht man nicht, wenn die Songs an sich stimmen.
Die handwerkliche Seite ist eine Sache, doch wie würdest du dieses Erlebnis auf der emotionalen Ebene beschreiben?
Als wir uns zum ersten Mal trafen und zu spielen anfingen, kam es uns wohl allen merkwürdig vor. Wir kennen uns seit fast 15 Jahren, also herrschte eine entspannte Atmosphäre, aber trotzdem war klar, dass ich eigentlich nicht dort hingehörte. Ich versprach den Jungs schon im Vorfeld: Ich werde euch das Leben so leicht wie möglich machen, indem ich die Songs aus dem Effeff kenne und genau das tue, was ich tun soll.
Wir wurden mit jeder weiteren Probe tighter, was die Stimmung auflockerte und jegliche Zweifel aus dem Weg räumte wir erkannten, dass wir es Alexi und den Songs zuliebe taten. Ich war nicht dort, um jemanden zu ersetzen, sondern besetzte eine Position, damit die Musik live aufgeführt werden konnte.
Gab es Stücke, die du gerne gespielt hättest, die aber nicht in die Setlist gepasst haben?
Etliche. Diese Setlist war ohnehin bereits die längste, die Children Of Bodom je gespielt haben, und die Auswahl einzugrenzen glich einem Alptraum. Wir hätten die Alben ‚Hate Crew Deathroll’ und ‚Follow The Reaper’ vollständig spielen können, haben aber, glaube ich, das Beste vom Besten für ein 90-minütiges Programm zusammengestellt. Diese Nummern hätte ich auch gerne als Fan bei einem Konzert der Band gehört.
Haben die Vorbereitungen auf diese Shows deine Einstellung zum Spielen und Komponieren verändert?
Ja, sehr. Wie stark sie sich auf mein Songwriting ausgewirkt haben, werde ich erst einschätzen können, wenn ich mich hinsetze und am nächsten Lost-Society-Album arbeite. Children Of Bodom steckten schon immer in allem, was ich geschrieben habe, und jetzt habe ich sie vermutlich noch tiefer verinnerlicht.
Ansonsten kann ich sicher sagen, dass ich ganz einfach ein besserer Gitarrist geworden bin. Ich habe seit meiner Kindheit nicht mehr so intensiv geübt wie für diese Konzerte. Dadurch, dass ich quasi zu meinen Wurzeln zurückgekehrt bin – zu den Songs und Soli, die mich als Kind inspiriert haben –, habe ich meine frühere Leidenschaft wiederentdeckt. Ich spiele die Songs noch immer regelmäßig, auch wenn wir keine Shows mehr spielen.
Was hat Alexi deines Erachtens zu einem so außergewöhnlichen Gitarristen gemacht, und warum hatte er weltweit einen so starken Einfluss?
Er hat Melodic Death Metal mit seiner Liebe zur Musik der 1980er kombiniert. Man hört CC DeVille und Mick Mars in seinem Spiel. Er kümmerte sich nicht um die Normen des Genres, sondern brachte einfach seine Einflüsse ein. So entsteht immer etwas Einzigartiges.
Man kann Alexis Soli mitsingen, was im Death Metal normalerweise nicht geht. Er hatte ein Faible für eingängige Melodien wie in den 1980ern, und seine Technik mit der rechten Hand war beeindruckend; ich höre in seinem Anschlag Slash und Zakk Wylde, aber auch das Filigrane von Steve Vai, verbunden mit viel Aggressivität.
(Bild: Seta Wang)
Und er war eine sprichwörtliche Rampensau, die das Publikum aufstacheln konnte.
Nicht zu vergessen die Tatsache, dass er als Musiker völlig hehre Absichten hatte. Er liebte es einfach, Gitarre zu spielen, in einer Band zu sein, Metal zu machen. Egomanie war ihm fremd, und er hat sich auch nie verstellt, sondern war ein normaler Metalhead aus Finnland mit Cargohosen und einer coolen Gitarre. Das hatte etwas sehr Unschuldiges an sich, das viele Leute angesprochen hat.
Wenn dich ein junger Gitarrist fragen würde, wo man anfangen sollte, um Alexis Musik zu lernen, was wäre deine Empfehlung?
Such einen Song aus, schnapp dir ein Metronom und übe so langsam wie möglich. Steigere das Tempo schrittweise, denn immer wenn mich jemand fragt, wie man lernt, in möglichst kurzer Zeit schnell zu spielen, muss ich ehrlich sagen, dass es lange dauert. Man muss Ausdauer aufbauen und sein Muskelgedächtnis trainieren. Geh erst zum nächsten Part über, wenn du den ersten sauber spielen kannst.
Außerdem sollte man komplexe Sachen in kleine Teile zerlegen, statt alles auf einmal beherrschen zu wollen. Das erfordert Disziplin, auch wenn man am Ende des Tages nicht vergessen darf: Es ist Rock’n’Roll und soll Spaß machen.
Falls es eine Fortsetzung der Tribute-Shows geben sollte, wie würdest du sie dir vorstellen?
Wir waren so stark darauf konzentriert, die zwei Konzerte zu etwas wirklich Besonderem zu machen, dass wir noch nicht weit darüber hinaus gedacht haben. 2027 wird für die Band in jedem Fall ein großes Jahr, weil ihr Debütalbum ‚Something Wild’ dann 30 wird. Ich bin mir sicher, dass sie das entsprechend feiern wird.
Und falls wir wieder gemeinsam auftreten, wird sich wohl nichts daran ändern, dass wir dabei in erster Linie daran erinnern wollen, wie gut die Songs, die Soli und die Alben waren. Heute gibt es mehr Metal als je zuvor, doch Children Of Bodoms Schaffen bleibt relevant. Die Fähigkeit, einen tollen Song zu schreiben, und die Beherrschung eines Instruments werden nie außer Mode geraten.