(Bild: Anne-Marie Forker)
Mehr als vier Dekaden ist es her, dass die britische Progrock-Band Marillion mit ihrem Welthit ‚Kayleigh‘ den größten Erfolg ihrer Karriere feiern konnte. Nur drei Jahre und ein Album später erlebte die Gruppe dann eine schwerwiegende Zäsur: Ihr schottischer Sänger Fish kündigte und löste damit – wenn auch zeitlich etwas verzögert – einen erheblichen künstlerischen, kommerziellen und organisatorischen Wandel aus. Dennoch hat die Band überlebt, konnte 1989 mit dem Engländer Steve Hogarth einen geeigneten Nachfolger für Fish finden und veröffentlicht seither regelmäßig neue Studioalben.
Im Juni kommen Marillion erneut auf Deutschlandtournee, Anlass genug, mit ihrem Gitarristen und Songschreiber Steve Rothery auf die bewegte Vergangenheit zurückzublicken.
Steve, kannst du dich eigentlich noch an die erste Marillion-Show erinnern?
Die allererste Show fand 1979 kurz nach meinem Einstieg statt, allerdings noch in einer völlig anderen Besetzung, aus der ich heute eine Art letzter Mohikaner bin. Das erste Konzert mit Fish war 1981 in einem Pub namens Red Lion in Bicester. Damit startete für uns eine spannende Abenteuerreise: Plötzlich war dieser fast 1,90m große schottische Hüne mit schriller Gesichtsbemalung und dramatischen Gesten unser Frontmann. Die neue Konstellation gab uns auf magische Weise eine Energie und Intensität, wie wir sie bis dahin nicht gekannt hatten.
Wie sah damals dein Equipment aus?
Als wir die erste EP aufnahmen, hatte ich eine Yamaha SG2000, einen Orange-Overdrive-Amp mit einer Laney 4x12er-Box und einigen Electro-Harmonix-Pedalen, ein Big Muff, ein Electric Mistress-Flanger und ein Tape-Echo. Dann unterschrieben wir bei der EMI und ich bekam plötzlich mehr Equipment, mehr Pedale, einen Marshall-Verstärker, zum ersten Mal eine hochwertige Stratocaster und ein besseres Tape-Delay.
Nach Veröffentlichung des zweiten Albums gingen wir auf unsere erste US-Tour, bei der ich erstmals einen Roland JC-120 gespielt habe, mit einem Boss-DS-1-Distortion-Pedal und einem Boss-Delay, die mir in Verbindung mit der Stratocaster den perfekten Solo-Sound gaben, wie er von 1984 bis 1999 mein Markenzeichen war. Dazu zählten auch ein Boss CE-300 Rack-Chorus und verschiedene Delay-Units.
Etwa ab 1984/85 folgten digitale Delays wie etwa das Roland SDE-3000. Ab 1985/86 hatte ich dann einen der frühen Boss- bzw. Roland-SCC-700-Pedal-Switcher, mit dem man verschiedene Kombinationen, eine andere Gain-Struktur und spezielle Reihenfolgen der Effekte schalten konnte, was damals ziemlich fortschrittlich war.
Ab 1988 mussten Marillion dann einige signifikante Veränderungen überstehen.
Nach Fishs Ausstieg kam Steve Hogarth, aber das ist schon 37 Jahre her, also mehr als das gesamte Leben der meisten Bands. Auch mit Steve änderte sich nichts an unserer Grundhaltung, an der Entschlossenheit und Leidenschaft unserer Live-Performances. Ich denke noch immer, dass es nichts Großartigeres gibt als eine Live-Band, die ihre eigenen Songs spielt. Die Energie, die man als Zuschauer daraus zieht, ist viel, viel größer als die beim Hören einer Platte.
Ich erinnere mich an ein Interview mit dir vor 15 Jahren, in dem du vom großen Druck berichtet hast, dem sich die Band nach der Veröffentlichung von ‚Misplaced Childhood‘ ausgesetzt fühlte. Und über den Kampf innerhalb der Band, den Druck der Medien, der Plattenfirma und der Fans.
Damals wollte unser Manager den großen Erfolg unbedingt schnell ausnutzen. Wir tourten fast anderthalb Jahre lang um die ganze Welt und mussten sofort anschließend das Nachfolgealbum ‚Clutching At Straws‘ schreiben, obwohl wir eigentlich drei Monate Urlaub gebraucht hätten. Doch diese Zeit bekamen wir nicht, es war der Preis für unseren Erfolg und eine extrem schwierige Zeit.
Speziell Fish war sehr unzufrieden. Er spürte diesen Druck, vor allem aber – glaube ich – war er unzufrieden mit sich selbst und suchte nach Gründen für sein Unglück. Das hat leider die Freundschaften innerhalb der Band zerstört, aber so etwas passiert halt ziemlich oft: Durch große Erfolge entsteht enormer Druck.
(Bild: Anne-Marie Forker)
Im Juni 2026 spielt ihr auch wieder in Berlin, womit für dich sicherlich viele Erinnerungen an ‚Misplaced Childhood‘ verbunden sind, oder?
Richtig! In den Berliner Hansa Studios haben wir 1985, noch vor dem Mauerfall, an ‚Misplaced Childhood‘ gearbeitet. Dorthin zurückzukehren ist für uns jedes Mal wieder ein besonderes Erlebnis. Übrigens war unsere bislang letzte Show im Sommer 2025 auch in Berlin. Mit einem fantastischen Publikum: Menschen kamen nicht nur aus Deutschland, sondern aus ganz Europa angereist, um uns zu sehen. Ausgerechnet in einer Stadt, die uns so viel bedeutet.
Vergisst man in solchen Momenten die schwierigen Jahre, die Marillion unter anderem auch durch Fishs Ausstieg durchlebt haben?
Nein, vergessen sind sie nicht, aber ich habe meinen Frieden damit geschlossen. Natürlich war es schmerzhaft, von unserer Plattenfirma EMI gefeuert zu werden. Wir hatten mit Steve Hogarth die Alben ‚Brave‘ und ‚Afraid Of Sunlight‘ veröffentlicht, die von den Fans als zwei unserer besten Werke gefeiert wurden. Trotzdem ließ uns die EMI fallen, weil das Label verkauft werden sollte. Deshalb strafften sie ihr Portfolio, um für Interessenten lukrativer zu sein, wodurch wir durchs Raster fielen.
Also mussten wir die drei folgenden Alben bei einem kleinen Independent-Label veröffentlichen und bekamen zu spüren, wie komplett anders das Spiel ist, wenn man sich nicht mehr auf Mitarbeiter verlassen kann, die in jedem Land der Welt für das neueste Album arbeiten. In einigen Territorien machten die Beteiligten einen guten Job, in anderen dagegen nicht. Plötzlich rutschten wir von 350.000 verkauften Alben auf unter 100.000.
Das war natürlich ein dramatischer Absturz und für uns der Beginn eines Überlebenskampfes. Wir feuerten unseren Manager und waren kurz davor, nicht mehr zu wissen, wie wir überhaupt weitermachen sollten. Zum Glück erkannten wir die Macht des Internets mit den Möglichkeiten des Crowdfunding. Dadurch konnten wir 1999 ‚Anoraknophobia‘ aufnehmen und an die EMI lizensieren. Das war in gewisser Weise die Wiederbelebung unserer Karriere.
Kannst du etwas über das Programm der bevorstehenden Konzerte sagen?
Unsere Setlist variiert natürlich von Tour zu Tour. Wenn man mit einem neuen Album unterwegs ist, gilt die Priorität dem aktuellen Material. Gleichzeitig muss man das Set mit den Songs ausbalancieren, die unsere Fans unbedingt hören wollen. Wir arbeiten gerade an einer neuen Scheibe, es ist die 19. unserer Karriere. Ich bin seit 47 Jahren bei Marillion, dementsprechend gibt es eine Menge Material. Also versucht man ein Gleichgewicht zwischen dem neuesten Werk und dem herzustellen, was die Leute als unsere Klassiker bezeichnen.
Immerhin gibt es bei Marillion noch regelmäßig neue Alben!
Das ist in der Tat eher ungewöhnlich. Wir sind eine Band, die immer noch auf ihre Aktualität fokussiert ist. Die meisten Gruppen kommen in ihrer Karriere irgendwann an den Punkt, an dem sie zur Coverband ihrer eigenen Klassiker mutieren. Sie spielen ihre erfolgreichsten zwei, drei Alben, und das war‘s. Uns dagegen geht es darum, die Gegenwart der Band zu präsentieren, zu zeigen, wo wir musikalisch derzeit stehen.
Um quasi die Ernte für die geleistete Arbeit einzufahren!
Wenn man auf die Bühne geht, ist das die Bestätigung dessen, was deine Musik für die Menschen bedeutet. Auf der Bühne kann man die Leidenschaft, die das Publikum für deine Musik empfindet, am eigenen Leib erleben, nicht nur in seinem privaten Umfeld, sondern auf der ganzen Welt.
Wir haben in Mexiko-Stadt vor etwa dreieinhalbtausend Menschen gespielt, zahllose Fans in ihren Dreißigern und Vierzigern. Ich weiß nicht mal, wie gut ihr Englisch ist, aber sie waren so vertieft in unsere Musik und die Texte, dass ihnen Tränen übers Gesicht liefen. Wenn man so etwas erlebt, versteht man, wie viel es Musikern bedeutet, Teil einer Live-Band zu sein.
Trotzdem komponiere und produziere ich lieber, denn wenn man ein Album aufnimmt, schafft man etwas, das hoffentlich auch dann noch Bestand hat, wenn wir alle zu Staub und Asche geworden sind. Wohingegen eine Live-Performance nur ein Schnappschuss ist, ein kurzer Moment, eine vorübergehende Angelegenheit. Auch wenn vielen Menschen dieser kurze Moment vielleicht ein Leben lang in Erinnerung bleibt.
Aber gibt es bei Marillion nicht auch auf der Bühne Raum für Kreativität, für Improvisationen und spielerische Freiheiten?
Ehrlich gesagt gibt es bei uns nicht allzu viele Improvisation, lediglich kurze Abschnitte oder bestimmte Songs, in denen so etwas möglich ist. Für mich sind viele meiner Soli fester Bestandteil des Arrangements, die Zuschauer wollen exakt die Melodien hören, die ich auf der Platte gespielt habe. Natürlich kann man kleine Variationen einbauen, aber gleichzeitig fühlt man sich verantwortlich, den Fans die bekannte Melodie und damit ein Gefühl zu geben, das nur entsteht, wenn man den betreffenden Part exakt so wie auf dem Album spielt.
Hat sich über die Jahre im gleichen Maße wie dein Equipment auch dein Spiel verändert?
Ich denke, meine melodische Sensibilität ist gegenüber unseren früheren Werken die offensichtlichste Weiterentwicklung. Vielleicht ist auch meine Klangpalette etwas vielfältiger: Ab 1999 habe ich damit begonnen, einen Groove-Tubes-Trio-Preamp, ein TC Electronic TC 2290, eine Lexicon-MPX-G2-Multi-Effekt-Unit und verschiedene Pedale einzusetzen, darunter ein Roger Linn AdrenaLinn und ein Tube Rotosphere von Hughes & Kettner.
Dadurch hat sich mein Vokabular an Klängen und Texturen enorm vergrößert. Mein Ziel war immer schon, das zu spielen, was der Song verlangt. Marillion-Songs sind für mich ein Medium, mit dem ich versuche, das gleiche Gefühl zu erzeugen, das sich bei mir einstellt, wenn ich anderen großartigen Musikern zuhöre.
Zum Beispiel Dave Gilmour!
Ja, Gilmour ist definitiv einer von ihnen! Aufgewachsen bin ich mit ihm, mit Steve Hackett und Andy Latimer von Camel, meinen drei Lieblingsmusikern. Auch Jeff Beck, den ich immer für einen herausragenden Künstler gehalten habe, hat sein inneres Feuer nie verloren. Vielleicht lag es daran, dass er in seiner Karriere erst später die größten Erfolge feierte.
Die beiden anderen Yardbird-Gitarristen Eric Clapton und Jimmy Page hatten zwar auch ihre Momente, schienen dann aber aufgrund ihres großen Erfolges auszubrennen. Für mich war Jeff Beck immer eine große Inspiration. Die Herausforderung ist, immer wieder etwas Frisches und Interessantes zu finden, was einer der Gründe ist, warum ich ein Vermögen für Effektpedale ausgebe.
Meine Frau fragt oft: „Braucht man wirklich fünf verschiedene Arten von Overdrive-Pedalen, oder sechs verschiedene Arten von Delays?“ Für mich ist das wie die Farbpalette für einen Maler. Ich suche nach Klangmöglichkeiten, die mich inspirieren. Der Sound hilft mir, meine eigene Rolle zu finden.
Auf dem Album ‚Gentō‘, das ich letztes Jahr mit einem Projekt namens Bioscope veröffentlicht habe, mit Gedanken und Fragen von Tangerine Dream, gibt es viele Sounds, die ich vorher noch nie verwendet hatte, sogar ein Eventide-H90-Pedal, das wahrscheinlich mein aktuelles Lieblingspedal ist und auch auf meinem neuen Album mit Steve Hackett zum Einsatz kam. Mich inspirieren diese Geräte, sie halten mich frisch – so etwas kann eine neue Gitarre sein, ein neues Pedal oder ein neuer Verstärker.
Wir leben leider in einer Welt, in der vieles synthetisch zu werden scheint. Die Realität des Tourens bedeutet für die meisten Musiker heutzutage, dass sie keinen echten Verstärker benutzen können. Ich kann das mit Marillion zum Glück immer noch, da wir ein großes Publikum und eine eigene Crew haben. Aber wenn ich zum Beispiel mit meiner Solo-Band auf Tour gehe, betreibe ich ein Hybridsystem, mit einem Quad Cortex, einer Röhren-Endstufe, einer 4×12-Box und meinem Roland JC-120.
Die Welt, in der wir leben, hat sich drastisch verändert. Früher haben Leute physische Produkte gekauft, heutzutage streamen die meisten Menschen unter 35 einfach das, was sie hören wollen. Jetzt ist die gesamte Kreativbranche auch noch durch KI bedroht. Man muss also versuchen, sich anzupassen.
Aber ich denke, echte Musiker echte Musik spielen zu sehen, ist für viele Fans immer noch das ultimative Erlebnis. Vielleicht bietet moderne Technologie tatsächlich mehr kreative Möglichkeiten, von frühen Samplern über die Drum-Machines bis zu Auto-Tune und DAWs, um Drum-Takes oder Performances zu bearbeiten. All diese Dinge haben uns auf einen neuen Weg geführt. Aber letztlich geht es nur darum, die Magie der bestmöglichen Darbietungen großartiger Musiker einzufangen.
(erschienen in Gitarre & Bass 05/2026)