G&B-Basics

Vorstufenröhren – Funktion, Einsatz & Vergleich

Abb.1: Elf verschiedene ECC83/12AX7 (Bild: Peter Arends)

Wir wollen das Herzstück eines Röhrenverstärkers ein wenig näher beleuchten. Denn wie ihr euch sicher denken könnt, sind Röhren nur ein Bauteil unter vielen in einem Verstärker. Aber jenseits von Widerständen, Trafos und Kondensatoren lassen gerade diese ominösen Glühlampen unser Herz höher schlagen.

FUNKTION

Woran liegt das? Als erstes einmal daran, dass im Gegensatz zu den anderen genannten Bauteilen eben diese Röhre ein aktives Bauelement ist. Das heißt nichts anderes, als dass unser kleines, mit Fingern, Saiten und Pickups erzeugtes Signal in Form einer Single-Note oder eines Akkords hier nicht begrenzt, beschnitten oder bedämpft wird, sondern verstärkt.

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Wie funktioniert das? Das sogenannte Gitter der Röhre wird von einer kleinen elektrischen Spannung angesteuert, die das Ebenbild unseres gespielten Tons darstellt. Um das Phänomen Stromfluss ein bisschen weniger abstrakt erscheinen zu lassen, ziehen wir dazu ein mechanisches Beispiel heran: Das Gitter fungiert ähnlich wie das Ventil eines Wasserhahns. Es fließt umso mehr Wasser, je weiter der Hahn geöffnet wird. Wie viel absolut mehr fließt, hängt jetzt lediglich von Rahmenbedingungen wie zum Beispiel Wasserdruck oder der Größe des Rohres ab. Wenn wir nun diesen Hahn permanent auf und zu drehen würden und das mal mehr oder weniger weit, würde der Wasserstrahl nach diesem Ventil ein Abbild unserer Bewegung darstellen.

Worin liegen also nun die Unterschiede zwischen verschiedenen Ventilen, sprich Röhren? Ich habe zu diesem Zweck einmal 12 Probanden aus der ECC83/12AX7-Familie unterschiedlichen Messungen unterzogen.


Kapitel 1 – VERSTÄRKUNG & DYNAMIK

Als erstes wurde natürlich mal der Frequenzgang über den Audio Bereich gemessen. Wie die meisten sicher wissen (oder auch nicht), hat eine ECC83/12AX7 zwei Triodensysteme, das bedeutet zwei vollwertige, unabhängige Verstärkungsstufen. Bei den Messungen habe ich mich natürlich auf eine Triode beschränkt, da beide theoretisch identisch arbeiten. Das Ergebnis der Messung des Frequenzgangs seht ihr in Bild 2.

Abb.2: Frequenzgang der verschiedenen ECC83/12AX7

Jede Farbe stellt dabei den Frequenzgang einer Röhre dar. Verblüffend, oder? Um einmal die Verhältnismäßigkeiten zu demonstrieren, habe ich zum Vergleich den Frequenzgang eines typischen Gitarren-Lautsprechers in Bild 3 dem gegenübergestellt. Wir erkennen, dass keine der Röhren ein bestimmtes Frequenzband betont, sondern alle fast linear arbeiten. Lediglich die Verstärkung differiert, was nichts anderes bedeutet, als dass das Ausgangssignal unterschiedlich „laut“ ist. Diese Toleranz liegt bei ca. 20 % und ist nicht, wie so häufig kolportiert, Hersteller- oder Typenabhängig, sondern grundsätzlich eine konstruktionsbedingte Variabilität.

Abb.3: Frequenzgang eines 12“-Gitarrenlautsprechers
Abb.4: Klirrfaktor über den Frequenzgang

Die zweite Messung in Bild 4 zeigt den Klirrfaktor über den gesamten Frequenzbereich. Auch hier sehen wir nur marginale Unterschiede, wenn wir davon ausgehen, dass unser menschliches Ohr erst Verzerrungen ab der Größenordnung 1 % wahrnimmt.

Abb.5: Transkonduktanz: Wie viel Änderung im Eingang hat wie viel Änderung im Ausgang zur Folge?

Erst wenn wir die nächste Messung in Bild 5 etwas genauer betrachten, offenbaren sich feine Unterschiede. Die finden sich zwar leider nicht in schmatzenden Mitten und punchigen Bässen, aber in der sogenannten Transkonduktanz oder auch Steilheit der Röhre. Diese nimmt die Änderung des Ausgangsstroms und setzt sie ins Verhältnis zur Änderung der Eingangsspannung. Klingt kompliziert, ist aber eigentlich nur ein Maß für ein Übersetzungsverhältnis. Ähnlich wie die Gangschaltung eines Fahrrads, wo die zurückgelegte Strecke bei einer Umdrehung der Pedale abhängt von der Größe der gewählten Ritzel. Was das für uns Gitarristen bedeutet, ist ein anderes Ansprechverhalten oder anders ausgedrückt eine veränderte Dynamik.

ERGEBNIS

Damit haben wir die zwei wesentlichen Merkmale ausgemacht: Das eine ist die absolute Verstärkung, das andere die Steilheit und damit die Dynamik. Dabei sollte die Dynamik nicht mit Kompression verwechselt werden, bei der die natürliche Verstärkungsgrenze der Röhre durch entsprechend dimensionierte Beschaltung ausgenutzt wird. Es ist vielmehr die Übertragung der Transienten, die hier zum Tragen kommt. Genau diese beiden Aspekte sind es auch, die uns beim Röhrenwechsel leichte Veränderungen im Sound erkennen lassen. Diese kann natürlich mehr oder weniger stark ausfallen, je nachdem wie viele Röhren wir im Signalweg austauschen.

Schauen wir nun welche wir warum austauschen und wie wir sie am besten im Amp positionieren …


Kapitel 2 – SELEKTION & POSITION

Nachdem die Enttäuschung, dass ein Twin Reverb nach Austausch der Vorstufenröhren – im guten alten deutschen Fachjargon auch Kleinsignaltrioden genannt – noch immer nicht nach 2203 klingt, sich jetzt so langsam gelegt haben sollte, wollen wir uns dem Thema mal von der praktischen Seite nähern. Machbar ist ja trotzdem einiges mit den kleinen Glaskolben.

Die wesentlichen Parameter der ECC83/12AX7, bei denen wir Unterschiede ausmachen können, sind die Folgenden:

  • Nebengeräusche
  • Verstärkung
  • Transkonduktanz
  • Innenwiderstand

Wenn uns das bewusst ist, können wir ganz gezielt für jede Position im Amp eine entsprechende Röhre selektieren. Denn eine Gitarrenvorstufe – egal ob einzeln oder in einem Amp mit Endstufe integriert – ist nichts anderes als eine Hintereinanderschaltung verschiedener Verstärkerstufen. Dabei hat jede einzelne Position einen bestimmten Zweck, und die wollen wir uns mal an Hand eines mehrkanaligen Amps vergegenwärtigen.

Natürlich geht es nach dem Eingang erst einmal in eine – wer hätte das gedacht – sogenannte Eingangsstufe oder englisch input stage. Bei mehrkanaligen Amps ist dies für alle Kanäle oftmals ein- und dieselbe, bei manchen wird das Signal aber aufgeteilt in eine Eingangsstufe für den Clean-, eine zweite für den oder die Zerrkanäle.

Danach folgt meist die Verteilung auf die einzelnen Kanäle. Der Cleankanal weist an der Stelle häufig Klang- und Volumenregelung mit nachgeschalteter Triode auf, die Zerrkanäle hingegen die Gain Regelung gefolgt von ein oder mehreren Zerrstufen.

Das Signal des Cleankanals wird nach Bearbeitung durch die Klang- und Volumenregelung in eine weitere sogenannte Aufholstufe (engl. recovery stage) geschickt und steht danach als fertig geformtes Signal zur weiteren Verarbeitung zur Verfügung. Das zu verzerrende Signal hat unterdessen einen weiteren Weg durch mehrere Zerrstufen hinter sich, bevor es ebenso fertig hinter Klang- und Volumenregelung bereitsteht.

Im folgenden FX-Loop kommen noch einmal eine sogenannte Treiber- (oder wie früher so schön gesagt wurde ein Aufsprechverstärker) und Aufholstufe hinzu, um dem Sound bei Bedarf entsprechende Effekte hinzuzufügen. Danach folgen noch zwei parallel geschaltete Trioden, die als Phasenumkehrstufe (engl. Phase inverter) dienen, bevor es zum Schluss auf die Endstufenröhren geht. Lassen wir die beschriebenen Stufen noch mal Revue passieren:

  • Eingangsstufe
  • Cleankanal mit 1 – 2 Stufen
  • Zerrkanal mit 2 – 6 Stufe(n)
  • FX-Loop mit 2 Stufen
  • Phasenumkehrstufe mit 2 Stufen

Mit diesem neu geschaffenen Überblick können wir noch mal einen Schritt zurückgehen und die zuvor angesprochenen Selektionskriterien etwas näher beleuchten. Schließlich ist das Ziel, an der richtigen Stelle eine entsprechend selektierte Röhre zu verwenden.

TUNING THE EASY WAY

Nebengeräusche können sich auf verschiedene Arten äußern; Brummen, Rauschen und/oder Mikrofonie! Gerade Letzteres kann in der Eingangsstufe eines Amps – insbesondere bei erhöhten Gain-Settings – ein hohes Pfeifen verursachen, was den Amp oft unspielbar macht. Hingegen hört man es im Cleankanal, FX-Loop oder der Phasenumkehrstufe in der Regel nicht. Auch Brummen und Rauschen verstärkt sich umso mehr, wenn es in der ersten Stufe entsteht.

Ergo sollten wir insbesondere hier an dieser Stelle eine üblicherweise anderthalb bis doppelt so teure selektierte Version einer ECC83/12AX7 verwenden. Dabei rührt der erhöhte Preis nicht etwa daher, dass hier andere Materialien verwendet werden oder dass der Chef die Röhre persönlich zusammengeklöppelt hat, sondern aus der glücklichen Fügung, dass diese Röhre innerhalb ihrer Toleranzen so gut funktioniert.

By the way sind diese Toleranzen nichts anderes als Fertigungsschwankungen. Da Röhren überwiegend noch in Handarbeit hergestellt werden, kann ein unruhiges Händchen an einem Tag schon einiges versauen. Aber zurück zum Thema.

Ein weiteres wesentliches Merkmal einer Kleinsignaltriode ist die Verstärkung, die herstellerübergreifend eine Toleranz von ca. 20 % ausmacht. Wenn wir also bei einer ECC83 von einem durchschnittlichen Verstärkungsfaktor von 100 ausgehen, bedeutet das nichts anderes, als dass wir Werte zwischen ca. 90 und 110 messen können. Innerhalb eines Modelltyps eines Herstellers sind die Unterschiede nicht ganz so groß, liegen aber immerhin noch bei etwa 10 %.

20% = 1 Fünftel. Das macht schon was aus! Gerade bei High-Gain-Amps kann man alleine über diesen Umweg, ohne irgendeine elektronische Änderung vornehmen zu müssen, auf die Gain-Range Einfluss nehmen; und damit auch indirekt auf die Nebengeräusche! Viele Amps haben heute Zerrreserven, die vielleicht ein Fön brauchen kann, aber mal ehrlich, kein Gitarrist, der die Pubertät als Phase seiner Vergangenheit wähnt. Umgekehrt ist es möglich, Low-Gain-Amps wie dem Marshall 2203 einen Tacken mehr Gain zu spendieren, was ihm – obwohl eh nach wie vor einer der besten Rockamps – doch auch ganz gut zu Gesichte stehen kann.

Bleibt nur noch die Frage, ob überall, oder falls nicht, an welcher Position eingegriffen wird. Leider muss ich an dieser Stelle wieder meine Standardantwort auf die „wasklingtdennbesser“-Frage bringen: Geschmackssache!!!

Dem Ausprobieren sind hier keine Grenzen gesetzt, und wer Interesse daran hat, sollte sich vorher nur klar darüber werden, was denn das Ziel ist. Warum sollten hier andere Regeln gelten als im sonstigen Leben?!

DER SIEMENS UND DER MHO

Wenn wir den Luxus einer mikrofoniearmen und hochverstärkenden Vorstufenröhre unser Eigen nennen dürfen, wäre natürlich eine hohe Transkonduktanz noch wünschenswert. Nur kommt das sehr selten vor, wenn wir unsere Messerfahrungen relativ zueinander betrachten. Ohne jetzt spezielle Versuchsaufbauten mit Fehlerrechnungen und repräsentativem Ergebnis präsentieren zu können (wer schon mal Fehlerrechnung im Studium „betrieben“ hat, weiß warum ich mir das erspart habe 😉), sind das Erfahrungen, die wir bei fast jedem Röhrencheck bestätigt sehen. Danach sind die Unterschiede eher Typen- und Herstellerspezifisch.

Man sollte sich von der Transkonduktanz aber auch nicht all zu viel erwarten; um es einmal geradezurücken, man muss den akustischen Effekt in dieser Größenordnung in den Bereich des „Flöhe-Hustens“ einordnen.

Für die, die’s interessiert, habe ich entsprechende Soundfiles als Beispiel:

Es handelt sich hierbei um eine JJ mit einer Steilheit von 1770 µmho und eine Tung Sol 12AX7 mit 2100 µmho. Beide haben einen vergleichsweise ähnlichen Verstärkungsfaktor.

Da wir die Begrifflichkeit der Transkonduktanz bereits in der letzten Folge geklärt haben, bliebe noch zu ergänzen, dass es sich bei der Konduktanz um den elektrischen Leitwert handelt (Trans… weil wir es bei einer Röhre mit einer Übertragung zu tun haben) und dieser als Kehrwert des Widerstandes (1/R) angegeben wird. Wir Deutschen nennen das Siemens, die Amis machen es sich einfacher und nehmen nicht nur den Kehrwert des Widerstandes, sondern auch den der entsprechenden Einheit Ohm, also Mho!

Ausmessen mit dem digitalen Tube-Tester (Bild: Peter Arends)

In der unten stehenden Tabelle habe ich einmal 10 Probanden exemplarisch durchgemessen und deren Werte aufgelistet. Hierbei handelt es sich jeweils um beide Triodensysteme:

… UND DER OHM?

Was den akustischen Effekt betrifft, sieht die Sache beim Innenwiderstand ähnlich aus. Auch hier tun sich zumeist keine Welten auf, eher kann man im Grenzbereich der Verstärkung der Röhre leichte Differenzen ausmachen. Allerdings ist die Phasenumkehrstufe, solange es sich hier wie in zwei Drittel aller Amps um einen Differenzverstärker handelt, ein geeigneter Ort, um mal zu experimentieren. Da viele Amps genau hier und nicht wie häufig angenommen in den Endstufenröhren die wohltönende Endstufensättigung produzieren, lässt sich mit einer sehr unsymmetrischen ECC83 ein eher „fuzzy“ Sound erreichen, mit einer symmetrischen hingegen ein „sauberer“ Zerrsound.


Kapitel 3 – AUSTAUSCH & VERGLEICH

Viel Rauch um nichts werden vielleicht manche nach der Lektüre der beiden ersten Kapitel sagen. Und sie mögen da noch nicht einmal so falsch liegen. Aber um zu wissen, dass McDonalds überall auf der Welt gleich aussieht, muss man auch erst mal da gewesen sein. Und die Enttäuschung legt sich schnell, hat man erst begriffen, nie wieder im Leben Zeit auf das Herausfinden dessen verwenden zu müssen.

So ganz mit leeren Händen standen wir dann ja auch am Ende nicht da, zumindest ein paar Teilerfolge konnten wir verbuchen. Gemessen daran, können wir allerdings heute geradezu einen Kantersieg einfahren. Wir vergrößern schlicht unseren Kader um ein paar entscheidende Positionen und erweitern die Verstärkung um den Faktor 80 nach unten! Der Kader stellt sich dann folgendermaßen dar:

  • ECC83 / 12AX7 / 7025 / ECC803 / 6057
  • 5751
  • ECC81 / 12AT7 / 6679 / 6201
  • 12AY7 / 6072
  • ECC82 / 12AU7 / 6189
  • 12DW7 / ECC832 / 7247
Die Probanden (GE5751, JJ5751, JJECC81, EH12AY7, GE12AY7, JJECC82, JJECC832) (Bild: Peter Arends)

Wohlgemerkt handelt es sich hier pro Zeile um ein- und denselben Röhrentyp. Ohne den Anspruch auf Vollständigkeit aller Namen eines Typs, ist das schon mal eine nützliche Information, um sich im Dschungel der angebotenen Vorstufenröhren zurechtzufinden. Denn Hersteller machen sich die Verwirrung so manch eines Kunden natürlich gern zu Nutze, um ihm Apfelsinen als Orangen zu verkaufen. Auch wenn sich bei den meisten Namen ursprünglich was gedacht wurde, weil zum Beispiel ein neues verbessertes oder wie man heute sagt geupdatetes Modell entwickelt wurde, so ist deren Vergabe heute fast reine Willkür.

NAMENSFINDUNG

Es verhält sich so ähnlich wie die Frage nach der Judäischen Volksfront oder der Volksfront von Judäa. Zur Erklärung ein kleiner Exkurs: Auch wenn heute ein transatlantisches Handelsabkommen mehr denn je diskutiert wird, mussten damals einmal mehr Amerikaner und Europäer ihr eigenes Süppchen kochen. Also entschieden sich die Amis – als ursprünglicher Entwickler der 12AX7 – für einen Modellnamen beginnend mit einer Zahl, Europäer hingegen .. ihr könnt es euch denken!

Um bei unserem Beispiel zu bleiben, steht die „12“ für die Heizspannung, „AX“ ist eine beliebige Modellnummer und die „7“ wiederum steht für die Anzahl der Elemente, sprich je zwei Mal Anode, Gitter, Kathode sowie die Heizung. Europäer hingegen codierten die 6,3 V Heizung mit „E“, nahmen das Synonym „C“ für eine Kleinsignaltriode (2 davon macht „CC“), die „8“ gab den Novalsockel an, gefolgt von wiederum einer beliebigen Modellnummer.

Der aufmerksame Leser wird sich jetzt fragen, wie Pinkompatibilität bei 2 verschiedenen Heizspannungen gehen soll. Nun, des Amis Serielle ist des Europäers Parallele. Heißt nichts anderes, als dass die 12 V zwei hintereinander geschaltete 6,3 V sind.

Weiter hatte natürlich jeder Hersteller verbesserte Pendants in Sachen Rauschen, Mikrofonie, definierte Toleranzen – in der Regel für Militärzwecke – im Angebot, die dann beispielsweise Namen wie 7025 oder E83CC trugen. Heute sind so bezeichnete Röhren selektierte Normalos und keine elektronisch oder mechanisch anders Ausgeführten. Das muss nicht zwangsläufig schlecht oder überhaupt in irgendeiner Weise wertend sein, es soll nur der Vollständigkeit halber Erwähnung finden.

TUNING LIGHT

Ich gehöre ja auch zu den Leuten, die von nix die Finger lassen können und grundsätzlich erst nach (!) Inbetriebnahme eines jedweden technischen Gerätes ins Manual gucken. Naja, immerhin tue ich es. Sofern es sich – gerade in den Anfängen meiner Laufbahn – um eine Art Gitarren- oder Bassverstärker handelte, mussten selbstverständlich erst einmal sämtliche Gainreserven ausgelotet werden, egal ob es pfiff wie Sau, die Bässe kotzten oder der teure Amp nicht anders klang als ein 30-Euro-Fuzz. Heute gehe ich etwas behutsamer an die Sache. Nach Jahren der Gitarrenmusik hat sich so eine Art Grand Canyon der Frequenzen in meinen Gehörgang gefräst, der inquisitionsmäßig über gut und schlecht richtet.

Natürlich sollte der Grundsound eines Amps dem Spieler schon gefallen, aber zum (despektierlich gesagt) rummodden kann man sich eines alten Player-Tricks bedienen. Dem (pinkompatiblen) Austausch einer oder mehrerer Vorstufenröhren.

Denn ganz laienhaft erklärt handelt es sich bei den oben genannten Röhren um ECC83 mit geringerer Verstärkung. Wir greifen deswegen noch einmal die oben aufgeführte Reihenfolge auf und vergleichen mit einem Verstärkungsfaktor von ca. 100, wie sie die ECC83 aufweist.

Die nächst genannte 5751 war ursprünglich eine spezielle Military Version der 12AX7, allerdings mit ca. 30 % weniger Verstärkung. Außerdem soll sie ein bisschen rauschärmer und mikrofonieunempfindlicher (gewesen) sein. Ich zitiere hierbei aus Überlieferungen, da ich zur Hochzeit der Glaskolben noch nicht unter den Lebenden weilte, allerdings sollte man anmerken, dass sich zumindest Zweiteres allein schon aus der Tatsache ergibt, dass die Verstärkung deutlich geringer ist. Bei Messungen mit mir heute zur Verfügung stehenden „NOS“- Röhren habe ich jedenfalls keine signifikant besseren Eigenschaften zu Produktionen neueren Datums erkennen können.

Auch hier habe ich mal 3 verschiedene Soundfiles – wohlgemerkt, wundert euch nicht – von Rauschen zusammengestellt:

Der Rauschvergleich wurde in einem Marshall JVM410H durchgeführt. Dafür wurde in der Eingangsstufe je eine Svetlana 12AX7 (Originalbestückung), eine GE 5751 und eine JJ 5751 eingesetzt. Ich habe natürlich den red mode in Kanal 4 gewählt und einfach alles aufgedreht … wie früher!

Marshall JVM410H: Bei weitem nicht nur für Rauschmessungen gut, ein weiterer Fav. (Bild: Peter Arends)

Egal wie, die 7025 ist eine sehr gute Alternative zur 12AX7 um zum Beispiel bei High-Gain-Amps ein bisschen aufzuräumen. Und was sie natürlich erst recht zum ultimativen „Insidertyp“ macht, ist, dass ein gewisser Stevie Ray Vaughan sie in seinen, natürlich allesamt vor 1968 gebauten, Fender-Amps gespielt hat. Wenn man so manche Website liest, könnte man zwar fast den Eindruck gewinnen, dass sein Spiel ohne diese Röhre eben nur durchschnittliches Geklimper gewesen wäre, aber wir wollen der 5751 auch nicht unrecht tun. Eine gute Röhre, deren Preise bei älteren General Electric, Philips oder RCA mir allerdings immer die Tränen in die Augen treiben.

Dabei haben wir heute – ein Glück – auch hier wieder gute und vor allem günstige Alternativen von JJ, Electro-Harmonix oder Sovtek, selbst wenn die natürlich nie so gut klingen werden wie „die Alten“, es sei denn, die Produktion einer endet eines Tages, dann wird just in diesem Augenblick eben diese Röhre eine geradezu Aschenputtel-ähnliche Metamorphose hin zu engelsgleichem Wohlklang durchleben.

Im Ernst, ich habe euch ein paar Soundfiles vorbereitet, sodass ihr euer eigenes Ohr entscheiden lassen könnt:

Die folgende ECC81/12AT7 ist mit Sicherheit am bekanntesten aus Fender Black- oder Silverface Amps. Hier arbeitet sie als Treiber für die Hallspirale, sowie als Phasenumkehr der Endstufe. Sie liegt mit einem Verstärkungsfaktor von 60 knapp hinter der 5751 und kann somit fast entsprechend eingesetzt werden.

Der Bekanntheitsgrad der folgenden 12AY7 entstammt bestimmt in erster Linie der Fender Tweed Ära und hier ganz besonders des Models Deluxe 5E3, was sich gerade seit einigen Jahren wieder zunehmender Beliebtheit erfreut. Bei diesem Amp arbeitet die Röhre in der Eingangsstufe, und gerade hier haben wir ein gutes Beispiel, was bei einer Zunahme der Verstärkung durch ein Upgrade auf 12AX7 passieren kann. Denn diese sorgt im Eingang eingesetzt und insbesondere bei Verwendung von Humbuckern für fette, kaputte, fuzzige Zerre, die die Vermutung nahelegt, es hätte einer den Rasenmäher angeschmissen. Mit ihrem Verstärkungsfaktor von ca. 45 ist sie gegenüber einer 12AX7 aber auch so viel schwächer, dass man hier sicher nicht mehr nur von Nuancen sprechen kann.

Das gilt natürlich ebenso für die 12AU7, die mit 20 am Ende dieser Auflistung rangiert. Wird sie für eine 12AX7 eingesetzt, mutiert zwar ein Rectifier immer noch nicht zum Jazz Chorus, aber deutlich zahmer geht’s schon ans Werk.

Die zum Schluss aufgezählte 12DW7 nimmt eine Sonderstellung ein, da sie eine AX mit einer AU verbindet. Es arbeiten 2 verschiedene Trioden in einem Glaskolben. Da die Reihenfolge hier festgelegt ist, muss man von Fall zu Fall entscheiden, ob sich ein Kauf lohnt. Er kann aber durchaus Sinn machen. Man wird sich wundern, was diese Röhre an so mancher Stelle aus- oder anrichten kann. Da zum Glück nicht alle Gitarristen so konservative Traditionalisten sind wie ich, bekommen hier auch die Soundavantgardisten ein Utensil an die Hand, mit dem sie ihr Trademark verfeinern können.

Wie immer sind der eigenen Kreativität selbstverständlich keine Grenzen gesetzt, und wenn man die aufgeführten Röhren mal zu Grunde legt, hat man beim Mesa Rectifier – lässt man den FX Loop auf Bypass – schon 4096 Möglichkeiten der Soundgestaltung.


Einer meiner Favs, der fast immer herhalten muss, Fender Deluxe Reverb Bj 1966. (Bild: Peter Arends)

Noch ein paar Worte zu den Audio Files: Das Ganze wird mit von mir vorher eingespielten DI-Signalen „gereampt“ (Bitte seht mir Spielfehler nach, ich bin seit ein paar Jahren nicht mehr im „Biz“ unterwegs). Das Ausgangssignal – in diesem Fall ein 1966 Fender Deluxe Reverb, Vibrato Kanal – wird nicht abgemict und auch nicht simuliert, sondern mit einem System namens Smyth Realiser A6 bearbeitet, was wirklich genau den Höreindruck vermittelt, den man vor der Box stehend hat.

Für Mono, Stereo oder Surround: Smyth Research Realiser A6 (Bild: Peter Arends)

Für die authentischsten Ergebnisse sei das Abhören mit einem Kopfhörer empfohlen, am besten ein AKG K271 Mk2, denn darauf wurde die Bearbeitung in diesem Fall abgestimmt. Die einzige Einschränkung des Höreindrucks sind dann lediglich noch eure Ohren, denn das Ganze hier wurde mit meinen Ohren aufgenommen. Ja, ihr habt richtig gelesen, man kann mit den eigenen Ohren messen. Aber die Ergebnisse sind auch so sehr überzeugend.

Die verschiedenen Röhren wurden bis auf eine Ausnahme nur im Vibratokanal eingesetzt. Diese eine Ausnahme ist eine JJ ECC832, ein Vergleichstyp der 12DW7. Die habe ich einmal in der Phasenumkehrstufe eingesetzt und im heftigen Overdrive Modus betrieben. Des Weiteren habe ich einzelne Typen noch mal in ein Overdrive-Rennen im Deluxe Reverb geschickt.


(erschienen in Gitarre & Bass März – Mai 2013)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Auf diese Art und Weise lässt sich ne Tretmine wie der Eden Glowplug
    auch gut pimpen.

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  2. Endlich mal einer, der Flöhehusten und Graswachsen nicht zum heiligen Gral der Gitarristen verklärt. Well done, P.A., science rules!
    Gerne unterstütze ich diese Arbeiten mit einem Video, das bisher nicht öffentlich zugänglich war. Hier die exklusive Version für G&B-Leser (und -innen): https://youtu.be/lv-TSSKu-lI (Monitor auf HD schalten!)
    Ergänzungen: https://youtu.be/c61LqqUkFuM
    Manfred Zollner
    http://www.gitarrenphysik.de

    Auf diesen Kommentar antworten
  3. Ich weiss ja nicht, was der werte Autor da so gemessen hat. Eine ECC83 hat einen Frequenzgang, der weit in den Bereich von mehreren 100 kHz reicht, je nach Beschaltung. Wenn ich so etwas sehe, brauche ich nicht mehr weiterzulesen…

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