Arm dran? Ganz und gar nicht!

Vintage Spezial: Die Fender „Hardtail“ Stratocaster

Sammler und Insider entwickeln mit der Zeit ihren eigenen Jargon mit Schlagworten und Codewörtern, die eigentlich nur den Experten geläufig sind. Autofans der Marke Mercedes brauchen keine weiteren Erläuterungen, um bei Begriffen wie „Flügeltürer“ oder „Pagodendach“ zustimmend zu nicken. In der Gitarrenfraktion weiß jeder, was los ist, wenn bei einer 335 zwischen „Dotmarker“ und „Blockmarker“ unterschieden wird. Fällt gar der Begriff „Burst“ werden alle andächtig. In der Welt der Fender-Amps gibt es „Brownface“, „Blackface“, „Silverface“. Alles keine offiziellen Namen, aber jeder weiß Bescheid. Und „Spaghetti Logo“ ist nicht die knappe Antwort, ob man eine Portion Nudeln will.

The Glamour Twins – links 1972, rechts 1958 (Bild: Carlo May)

Bei Fenders Flaggschiff, der Stratocaster, hört man ab und zu das Stichwort „Hardtail“, und um diese eher seltene Variante der Strat soll es hier gehen.

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Leo Fenders Genie und seine Verdienste um die Entwicklungen von Gitarren, Bässen und Verstärkern kann man gar nicht oft genug würdigen. Ohne ihn hätten wir in den letzten 60 Jahren wohl eine andere Popmusik zu hören bekommen. Einer seiner großen Würfe ist das Vibratosystem (er nannte es Tremolo) der Stratocaster, die er 1953/54 als Ergänzung zur erfolgreichen Telecaster zu entwickeln begann. Neben drei Tonabnehmern und einem ergonomisch perfekten Korpus ohne harte Kanten sollte sie ein Vibratosystem bekommen. Anfang der 50er gab es eigentlich nur ein halbwegs funktionierendes System, nämlich das von Paul Bigsby, das auch von Gibson oder Gretsch zugekauft wurde. Selbst Fender hat mehrere Jahrzehnte lang seine Telecaster auf Wunsch damit ausgerüstet.

Für sein neues Gitarrenmodell sollte eine Neukonstruktion her. Nicht so klobig wie ein Bigsby, stimmstabil und ohne Nachteile für die Tonentwicklung der Gitarre. Seine Idee war radikal und gleichzeitig genial: Das System verschwand komplett im Gitarrenkorpus, bei geringem Gewicht und größtmöglicher Stimmstabilität. Heute, fast 70 Jahre später, ist diese Entwicklung immer noch Standard und erfüllt die Anforderungen fast aller Musikstile. Damals – viel mehr als Country gab es noch nicht – waren Vibratosysteme sehr begehrt, denn der Gitarrist konnte damit Klänge der Steelguitar, die für Gitarrensoli eingesetzt wurde, ein Stück weit nachahmen.

Leo stand immer in engem Kontakt zu Musikern und wusste, was die haben wollten. Außerdem hatte er Freddie Tavares, einen bekannten hawaiianischen Steelguitar-Spieler, in sein Team geholt. Gleichzeitig war er immer ein skeptischer Zeitgenosse, der seine eigenen Entwicklungen immer wieder kritisch unter die Lupe nahm. Traute er seiner Strat mit Vibrato nicht? Zweifelte er am Erfolg? Jedenfalls konnte der Kunde von Anfang an, ab 1954, eine Stratocaster auch ohne Vibratosystem kaufen. In den Katalogen war zwar immer die Gitarre mit Vibrato abgebildet, aber ein lapidarer Satz wies auf die Möglichkeit hin, sie auch ohne ordern zu können.

Selbstredend war die reduzierte Version etwas preiswerter, statt 249,50 Dollar etwa 25 Dollar weniger. Wie wir heute wissen, entschied sich der allergrößte Teil der Kundschaft für das „Synchronized Tremolo“. Es existieren zwar keine verlässlichen Produktionszahlen, aber Strats ohne Vibrato waren immer schon seltene Vögel.

KAUM SICHTBARER UNTERSCHIED

Vibrato Bridge
'58 Hardtail Bridge
'73 Hardtail Bridge

Von vorn betrachtet sehen sich die beiden Versionen der Strat zum Verwechseln ähnlich. Eigentlich unterscheiden sie sich optisch nur durch den Vibratoarm, der in der Stegkonstruktion steckt. Von hinten betrachtet wird es etwas deutlicher, da gibt es die weiße Kunststoffplatte, die beim Vibrato den Maschinenraum abdeckt. Stattdessen gibt es bei der anderen Version lediglich sechs Hülsen, die die Saiten halten. Wie bei einer Telecaster. Während bei der einen Federn, ein Metallblock und eine bewegliche Stegplatte verbaut sind, hat die andere einen simplen Steg, der mit drei großen Schrauben auf den Korpus montiert ist. Diese Schrauben sieht man nicht einmal, denn sie liegen unter den sechs verstellbaren Saitenreitern.

Blick in den Maschinenraum einer 1958er mit allerlei Metall
Sechs Saitenhülsen, sonst nix

Dieser Steg ist sogar noch einfacher als bei der Telecaster, weniger massiv, sehr viel eleganter. Weil der Steg eigentlich nur ein ein massiv befestigtes Stück Metall ist, haben die Experten dafür irgendwann einmal den Begriff „Hardtail“ in die Welt gesetzt. So, das mit dem Namen ist also auch geklärt. Es gibt allerdings noch einen winzigen optischen Unterschied zwischen den beiden Versionen. Blicken wir dazu auf das Fender-Logo auf der Kopfplatte. Die Vibratostrat legitimiert sich hier durch den Schriftzug „Synchronized Tremolo“ und später dann noch ein paar Patentnummern. Bei der anderen ist dort lediglich die Angabe „Stratocaster“ zu lesen.

Tremolo Schriftzug: Beim Logo bitte auf das Kleingedruckte achten! (Bild: Carlo May)

In den Firmenbüchern von Fender findet sich der Beleg, dass 1954 bereits 80 Fender-Logos ohne Tremolozusatz geordert wurden. Ein selten zu findendes Indiz, dass auf Produktionszahlen schließen lässt. Wobei diese 80 Stück sicherlich nicht alle bereits 1954 aufgebraucht worden sind.

HOLZ UND FARBEN

Abgesehen von den beschriebenen Unterschieden waren beide Stratvarianten exakt identisch. Gleiches Holz, gleicher Hals, gleiche Elektrik, gleiche Tonabnehmer. Die Produktionsprozesse waren nur in einem Punkt unterschiedlich. Entweder wurde ein Fenster und eine Vertiefung auf der Rückseite in den Korpus gefräst, um dem Vibratosystem eine Heimat zu bieten, oder es wurden lediglich sechs Löcher für die Saitenführung durch den Korpus gebohrt. Alle späteren Modifikationen über die Jahre galten natürlich für beide Versionen. Die hier gezeigte 1972er hat, wie damals üblich, eine große Kopfplatte, Dreipunktbefestigung des Halses, andere Saitenreiter.

In den ersten zwei Jahren ab 1954 wurde Esche für den Korpus gewählt, dann wurde Erle der Standard. Leo war kein Fan von Erle, die Maserung von Esche gefiel ihm besser, aber Erle war preiswerter. Das hat ihn überzeugt. Bei den blonden, transparent lackierten Strats war, wegen der Maserung, weiterhin Esche erste Wahl. Dafür kostete die Sonderfarbe allerdings auch 5% Aufpreis. Eigentlich absurd, blond war bei der Telecaster die Standardfarbe und Sunburst kostete Aufpreis, bei der Strat war es umgekehrt. Und 5% mehr kosteten auch die anderen „Custom Colours“, die ab Mitte der 1950er geordert werden konnten. Bei diesen deckend lackierten Exemplaren in rot, schwarz, blau, grün etc. nahm Fender in der Regel Holz, das optisch unattraktiv war oder Fehler in der Maserung hatte. Der Kunde merkte es ja nicht.

WAS IST DENN NUN DAS BESONDERE?

Vom akustischen Standpunkt gesehen ist eine Hardtail-Strat das Optimum einer E-Gitarre. Die Saiten laufen durch den Korpus und knicken fast rechtwinklig über dem Steg ab. Das ergibt maximalen Druck auf den Steg und eine perfekte Schwingungsübertragung der Saitenenergie. Besser noch als bei einer Telecaster, wo der Saitenverlauf identisch ist. Allerdings haben wir hier eine große Stegplatte, die (leider) nicht immer plan auf dem Korpus aufliegt. Die Übertragung der Saitenschwingung ist anders. Nicht notwendigerweise schlechter, sondern einfach anders! Der Hardtail-Steg ist klein, zweckmäßig, perfekt einstellbar. Besser geht es nicht. Das Vibratosystem mit dem frei aufgehängten Metallblock im Inneren formt logischerweise einen anderen Ton. Auch hier: nicht schlechter!

Beim Sustain wird der Unterschied besonders deutlich. Die Vibratofedern absorbieren zwangsläufig Saitenenergie und verkürzen das Sustain. Bei der Hardtail dagegen haben wir vollkommen ungehinderte Interaktion zwischen Saite und Korpus. Das bringt Sustain, fast wie bei einer Les Paul. Der Klang ist etwas mittiger, holziger, während eine Vibrato-Strat etwas metallischer klingt. Allerdings sind diese Vergleiche mit Vorsicht zu nehmen, da jedes Instrument individuell klingt, und der Unterschied zwischen Erlen- und Eschenkorpus ebenfalls zu berücksichtigen ist.

THE HITMAKER

„Die am besten klingenden Strats, die ich je gespielt habe, entweder meine eigenen oder von anderen, hatten eins gemeinsam: Es waren alles Hardtail-Strats!“ Das sagte Joe Bonamassa kürzlich in einem Interview mit dem Deutschlandfunk. Nun, wenn jemand unzählige Gitarren in der Hand hatte und der sich ein Urteil erlauben kann, dann er. Geht er auf Tour, nimmt er einen stets wechselnden Fuhrpark an Edelgitarren mit. Eine ist immer dabei: seine 1955er-Hardtail.

1955 scheint ein gutes Jahr gewesen zu sein, auch Billy Gibbons (wer sonst?) hat eine in seinem Fundus. Es ist immer noch eine seiner Lieblingsgitarren, auf ‚La Grange‘ kann man sie hören. Noch ein Fachmann gefällig, der sich alle Gitarren dieser Welt leisten könnte und der auf Hardtail schwört? Ron Wood. Seine LieblingsStrat, die er immer mit auf Tour nimmt, ist eine Hardtail. Von 1955 – keine weiteren Fragen. Kenny Wayne Shepherd schwört auf dieses Werkzeug, Robert Cray ebenfalls. Ihm hat Fender sogar ein SignatureModell spendiert.

Ein weiteres Hardtail-Signature-Modell ist „The Hitmaker“, der Nachbau der Lieblingsgitarre von Nile Rodgers. Er hatte sich vor langer Zeit in Miami eine gebrauchte, blonde Strat von 1960 zugelegt, auf die er einen 59er-Hals mit Ahorngriffbrett geschraubt hatte. Diese Hybridstrat ohne Vibrato hat er auf zahllosen Konzerten, vor allem aber bei unzähligen Studiosessions benutzt. Man kann sie hören bei ‚Like a Virgin‘ von Madonna, bei ‚We are Family‘ von Sister Sledge, bei ‚Let‘s Dance‘ von David Bowie, bei Daft Punk, bei Duran Duran, bei den eigenen Bands von Rodgers, quasi überall.

Ein Schlaumeier hat irgendwann mal ausgerechnet, das alle Produktionen, auf der die Gitarre zu hören ist, gut zwei Milliarden Dollar Umsatz generiert haben. Der Name „Hitmaker“, den Rodgers seiner Blonden gegeben hat, ist somit wohl absolut berechtigt. Also, die Hardtail-Strat ist zwar armlos, aber ganz und gar nicht harmlos!

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2021)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. “Das ergibt maximalen Druck auf den Steg und eine perfekte Schwingungsübertragung der Saitenenergie”. Der über Jahrzehnte tradierte Unsinn, die Schwingungsenergie müsse auf den Korpus übertragen werden. Nein, muss sie nicht. Denn wenn die Saite ihre Schwingungsenergie auf den Korpus überträgt, hat sie keine mehr – und schwingt folglich nicht mehr. Je >weniger< Schwingungsenergie auf den Korpus übertragen wird, desto länger ist das Sustain.
    "Das bringt Sustain, fast wie bei einer Les Paul". Was heißt da "fast"? Die Les Paul hat gegenüber der Strat das kürzere Sustain, der ABR-1-Steg und das Stop-Tailpiece vernichten mehr Schwingungsenergie als das Strat-Tremolo (aka Vibrato). Glaubt ihr nicht? Videos unter http://www.gitarrenphysik.de
    Prof. Dr. Manfred Zollner

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    1. Sehr coole Seite! Bravo!!! 😀

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      1. Dem schliesse ich mich an. Vielen Dank Herr Professor!
        Es ist ein Genuß, wenn sich im Behauptungszeitalter jemand die Mühe macht, Fakten wissenschaftlich zu belegen.

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  2. Ein sehr interessantes Thema! Habe diesen Fotobericht sehr gerne und aufmerksam gelesen.Ich besitze eine alte originale Fender 12-String Stratocaster (Made in Japan!) bei der das Dutzend Saiten über eine sehr massive Brücke ebenfalls durch den Korpus ohne Probleme eingefädelt werden.Auf der Korpusrückseite sitzen die Saiten dann (wie bei einer Telecaster) ebenfalls in Metallhülsen,in so genannten Bushings.

    Das Sustain ist wirklich enorm! Selten hatte ich eine elektrische 12-String-Solid Body Gitarre,die dermaßen akkurat klingt! Mich verwundert es jedoch,weshalb diese besagte 12-saitige Fender damalig in sehr geringer Stückzahl ausschließlich in Japan gefertigt wurde.

    Vielleicht war es damals nur ein Versuch gewesen,um herauszufinden,wie groß das Interesse an eben dieser 12-String bei den Gitarristen war.
    Ich würde meine Fender 12-String Solid Body Stratocaster jedenfalls nie wieder hergeben.Es ist eine sehr außergewöhnliche „Hardtail“ Strat mit einem satten Klangverhalten,das bereits bei sanfter Anschlagstechnik mit wenigen Akkorden klangmäßig voll überzeugt!

    Und wie es leider so häufig ist,existierte auch diese beschriebene Fender Strat in schlichtem 3-Tone-Sunburst mit ihren 12 Saiten nur kurzfristig,und erschien m.E. noch nicht einmal in irgendeinem Fender Produktekatalog.

    Heute zählt sie deshalb zu den echten Raritäten unter den 12-String Solid Guitars mit (einteiligem!) Strat-Korpus.Durch Zufall konnte ich eine dieser seltenen Fender Stratocaster 12 String „Hardtail“ Gitarren in Bestzustand als Gebrauchte vor etwa 2 Jahren via Internet-Sofortkauf für immerhin 1.500,-€ von einem Privatsammler ordern.

    Ich habe es bis jetzt ehrlich nicht bereut!

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  3. Was lernen wir daraus? Mindestens folgendes:

    1. Legenden sind manchmal Legende.
    2. Überlege Dir genau, was Du öffentlich behauptest!
    3. Sei ruhig auch mal skeptisch gegenüber dem, was Du gerade liest!

    Danke, Herr Professor Zollner, da hamwer was gelernt…!

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