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Repair Talk: Locking-Vibrato Teil 1

Sofort zu Anfang des neuen Repair Talks falle ich mal ohne Umwege direkt mit der Tür ins Haus und formuliere überzeugt aber kontrovers: Floyd Rose? Finde ich gut! In nach wie vor vintage-orientierten Zeiten, in denen sich der eine oder andere Vintage-Dealer damit rühmt, keine Gitarren mit Double-Locking-System im Programm zu haben, ist das ein Einstieg der kurz erklärt werden will.

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Trotz erheblicher persönlicher Anstrengung und Offenheit sowie fast täglichem Kontakt mit unzähligen Vintage-Gitarren ist der „Vintage-Bug“ bei mir nie so richtig übergesprungen. Ohne Frage liegen da oftmals tolle Gitarren vor mir. Diese haben vom Sound über die Haptik bis hin zum Geruch alles, was das Vintage-Herz höher schlagen lässt. Auch ich sehe durchaus den Reiz in solchen Instrumenten, habe aber mehr Spaß, wenn ich etwas Interessantes aus den 1980/90ern aus dem Koffer hebe.

Ist dann zum Beispiel eine Hamer Steve Stevens nach dem Service wieder zum Leben erweckt, kann das finale Probespielen schon mal etwas länger ausfallen. Ich fühle mich auf solchen Instrumenten auch wohler und klinge nicht wie gewollt und doch nicht gekonnt. Mir fehlt es schlicht an den Licks und Techniken, um den Vintage-Vibe aus den Vintage-Instrumenten herauszukitzeln. Das hört man – und das merke ich.

Eine gute 80er-Gitarre, ausreichend Gain und ein bisschen (oder auch etwas mehr) Effekt – und schon bin ich zu Hause. Trotzend der naserümpfenden Kritik aus eher konservativ geprägten Musikerkreisen kann so ein Floyd Rose Spaß machen und richtig in Szene gesetzt auch ohne Sound-Verlust abliefern.

Und so kristallisiert sich auch sehr transparent der Grund für meinen nicht ganz zeitgemäßen Hardware-Geschmack heraus. Ich hatte meine musikalisch aktivste und interessanteste Zeit in der zweiten Hälfte der 1980er. Da war ich in London und habe Gitarrenbau studiert/gelernt.

Als Student mit der nötigen Zeit ausgerüstet konnte ich ausgiebig Gitarre spielen, aber auch so manches (legales und gitarrenbezogenes) ausprobieren. Und das vor dem Hintergrund eines völlig anderen musikalischen Zeitgeistes im Vergleich zur heutigen Situation. In der besagten Epoche wurden auch in der Popmusik Gitarrensoli zugelassen – ja sogar verlangt. Gitarristen wie Eddie Van Halen hatten schon ein paar Jahre zuvor völlig neue Sound-Welten eröffnet. In meiner Erinnerung bestand das Streben weniger darin, alte Gitarrensounds zu kopieren, sondern es ging viel mehr darum, Neues auszuprobieren und musikalisch anzubringen.

ALLES EINE FRAGE DES WERKZEUGS

Um dies umsetzen zu können, brauchte man natürlich das passende Werkzeug. Die angesagten Licks und Tricks mit ihren Tonmodulationen gingen über das Machbare der damals bekannten Gitarren-Hardware hinaus. Da kam auch mein Besteck an seine Grenzen.

Als Vibrato-Gitarre hatte ich damals eine Fender The Strat in Candy Apple Red. Günstig bekommen, aber für die neuen Sound-Sphären der totale Fehlkauf. Für den angehenden Gitarrenbauer jedoch genau die richtige Herausforderung. Übrig geblieben ist eigentlich nur der Originalbody. Dieser bekam einen neuen Hals (natürlich mit spitzer Kopfplatte) und das schwergängige Originalvibrato wurde gegen ein Kahler-System ausgetauscht (Abb. 1 und 2).

Abb. 1: Mit Vibrato-HiTech gegen Verstimmungsprobleme: Das Kahler 2700

Mit der Gitarre gäbe es heute hier und da ein Proberaumverbot aber damals lag sie voll im Trend. Das neue Herzstück des Instruments – das Kahler Double-Locking-System – hat als Besonderheit sehr niedrige und lange Reiter (Abb. 2). So erschien der Aufbau nicht so hoch wie bei ähnlichen Vibratoeinheiten, was für mich das gewohnte, abgedämpfte Spiel komfortabler machte. Der Clou des Systems ist aber, dass es in alle drei Richtungen individuell einstellbar ist. Intonation, Reiterhöhe und Reiterabstand können optimal an Griffbrettbreite und Griffbrettradius angepasst werden. Klasse!

Abb. 2: Die Besonderheiten: niedrige Aufbauhöhe und dreidimensional einstellbar

Vielleicht waren es diese umfassenden Einstelloptionen oder einfach die funktionierenden Modulationsmöglichkeiten – das Kahler 2700 war über Jahrzehnte in verschiedenen Ausführungen und Konfigurationen die zuverlässige Vibratoeinheit meiner Wahl. Klangverluste oder das alte Sprichwort „Floyd Rose = freudlos“ kann ich nicht bestätigen, und ich könnte eine lange Liste mit aussagefähigen bekannten Sound-Beispielen liefern.

Da Sound aber zum allergrößten Teil eine Geschmacksfrage ist, wird das beiseite gestellt und der Fokus auf den technischen Teil gelegt. Ein Kunde hat einmal das Locking-System mit einem hochgezüchteten Sportwagen verglichen. Ist alles gut, läuft alles perfekt. Ein schwächelnder Parameter lässt die Situation aber im Nu kippen, und dann wird es in der Tat recht schnell „freudlos“.

DIE FRAGE NACH DEM „WARUM“

Mit einem Augenzwinkern hoffe ich sehr, dass der Tag kommt, an dem auch die Popmusik der E-Gitarre wieder mehr Raum gibt, Soli wieder erlaubt sind und noch dazu länger als drei Noten sein dürfen. Vielleicht ist dann ja plötzlich auch ein Locking-System wieder salonfähig. Damit man dann in vorderster Reihe mitmischen kann, hilft es, das System mit seinen Bauteilen und deren Funktion zu verstehen und erfolgreich zu bändigen.

Dazu ist es ratsam, an die Anfänge zurückzugehen und sich klar zu machen, warum Locking-Systeme entworfen wurden und wie sie vorhandene Problematiken in den Griff bekommen. Wie eingangs schon geschildert, ließ der Musikgeschmack der 1980er exzessive Gitarrenarbeit zu.

Die hippen Modulationsorgien überforderten die damalige Gitarren-Hardware. Reibung und mechanisches Spiel führten beim Vorstoßen in ungeahnte Soundwelten mittels Vibrato zu Verstimmungsproblemen. Findige Tüftler machten hauptsächlich drei Fehlerquellen ausfindig und eliminierten diese durch neuartige Technologien.

Zum einen der Problembereich Kopfplatte: Die Kombination aus (damals noch) einfachen Mechaniken plus Saitenniederhalter plus Sattel (Abb. 3) ist anfällig für mechanisches Spiel und Reibung (also Verklemmen) im Sattel. Konsequent wurde der Sattel durch einen Klemmsattel ersetzt (Abb. 4) der – einmal angezogen und geklemmt – Spiel im Bereich der Kopfplatte eliminiert.

Abb. 3: Mechanisches Spiel im Bereich Kopfplatte/Sattel …
Abb. 4: … wird durch einen Klemmsattel eliminiert

Dann ging es an die Vibratoaufhängung. Die traditionelle 6-PunktAufhängung (Abb. 5), bei der das System mehr oder weniger auf dem Korpus wippt, funktioniert natürlich. Sie ist aber funktionsabhängig von gut sitzenden Schrauben (nicht immer gegeben) und selbst im Idealfall immer noch zu schwergängig für viele Dives der damals angesagten Griffbrettakrobatik.

Abb. 5: Für 80s-Rock nur eingeschränkt brauchbar: Das Vintage-Vibrato

Zielführend wurde die aufliegende Wippe durch eine freischwebende und nur durch zwei reibungsarme Bolzen gehaltene Grundplatte ersetzt (Abb. 6).

Abb. 6: Leichtgängige Lagerung freischwebend auf zwei Bolzen

Dadurch wird das System wesentlich leichtgängiger und kehrt – da nahezu reibungslos – auch nach exzessivem Gebrauch sehr zuverlässig in seine Ursprungsposition zurück. Das Resultat: Weniger Verstimmungsprobleme.

Neben der Leichtgängigkeit wurde das Vibrato aber auch noch in puncto mechanischem Spiel optimiert. Bei extremen Modulationen (zum Beispiel Divebombs mit völliger Erschlaffung der Saiten) kann es vorkommen, dass der dann nicht mehr belastete Reiter wandert oder die Schraube zur Höheneinstellung arbeitet. Es reichen kleine Abweichungen und die Gitarre ist verstimmt. Zwar nur leicht, aber störend.

Beim Locking-System wird der Reiter mittels Schraube fixiert und die Saite wird geklemmt (Abb. 7). Da gibt nichts nach oder wandert – das System ist auch nach dem Auftauchen aus der völligen Erschlaffung gut sortiert und an Ort und Stelle. All diese Optimierungen ergeben aber nur dann Sinn, wenn das System optimal eingestellt ist. Um dies auch dem interessierten Gitarristen und nicht nur dem versierten Tuner zu ermöglichen, werden in den folgenden Repair Talks die nötigen Hintergrundinfos und Praxistipps geliefert.

Abb. 7: Alles fest: Saiten und Reiter werden ohne Spiel geklemmt

DIE BASICS

Als Optimierungskandidat kommt eine farbenfrohe, nagelneue Charvel (Abb. 8) wie gerufen. Der Eigentümer vermisst noch etwas Geschmeidigkeit in Sachen Spielkomfort. Selbsteingeleitete Tuning-Versuche des technisch durchaus versierten Besitzers scheiterten – da muss mehr drin sein.

Abb. 8: Farbenfroher Optimierungskandidat: Charvel mit Locking-System

Um die Gitarre besser kennenzulernen, wird sie erst einmal auf Stimmung gebracht. Dieser Vorgang ist etwas umfangreicher als bei traditionellen Gitarren, besteht im Grunde aber auch nur aus den drei folgenden Schritten:

1. Bei geöffnetem Klemmsattel wird die Gitarre ganz herkömmlich gestimmt. (Abb. 9)

Abb. 9: Schritt 1 – wie gehabt: Stimmen an den Mechaniken

2. Anschließend werden die Klemmschrauben am Sattel handfest angezogen. (Abb. 10)

Abb. 10: Schritt 2 – Klemmen am Sattel

Beim Anziehen der Schrauben kommt es in der Regel zu einer leichten Verstimmung der Gitarre, was dann im folgenden Schritt

3. Nachstimmen an den Finetunern (Abb. 11)

nachjustiert werden kann.

Abb. 11: Schritt 3 – Nachstimmen an den Finetunern

Dieser Stimmvorgang wirkt im Ansatz ggf. etwas kompliziert, geht aber nach einiger Übung in Routine über – auch wenn es bei den ersten Anwendungen nicht ganz so gradlinig zur guten Stimmung führt. Das gibt sich.

Einmal auf Stimmung gebracht, zeigt die Charvel einen recht hoch montierten Klemmsattel (Abb. 12), den ich als mögliche Ursache für die fehlende Geschmeidigkeit einkreise. In Absprache mit dem Kunden bekommt die Charvel ein komplettes Finetuning. Aber jetzt erst einmal eine kurze Pause, bevor es dann mit der Problematik an und um den Klemmsattel weitergeht.

Abb. 12: Lässt keine Geschmeidigkeit aufkommen: Zu hoch montierter Klemmsattel.

Bis dahin, der Doc

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2020)

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