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Rare Bird! 1967 Fender Vibro Champ

1967 Fender Vibro Champ
Zwei wunderbar erhaltene Blackface Vibro Champs von 1967

Es ist schon eine ganze Weile her, dass ich zum Thema „Bedroom-Amps“ mehrere Kolumnen verfasst habe. Seither wurde ich immer wieder nach praktikablen Lösungen für leise Klänge im heimischen Musikzimmer gefragt. Und sehr oft habe ich dann den Fender Vibro Champ empfohlen. Nur leider hatte ich bisher keines dieser mittlerweile seltenen Exemplare zu Hause. Umso schöner, dass ich jetzt gleich zwei dieser schmucken Combos vorstellen darf.

Eines vorweg: Ich kann mir keinen besseren Amp für leise, klare Klänge vorstellen als diese beiden Vintage-Schätzchen. Diese Amps sind kaum größer als ein Schuhkarton, sehr robust verarbeitet, optisch ansprechend und dank der vorhandenen Klangregelung durchaus flexibel für ganz verschiedene Anwendungen.

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Der Aufbau ist denkbar einfach. Die Endstufe, betrieben mit einer single-ended Class-A verschalteten 6V6-Röhre, folgt genau den Vorgaben des berühmten Tweed-Champ. 5 Watt Leistung sind für zu Hause absolut ausreichend. Die Vorstufe entspricht exakt dem Layout der meisten Blackface-Amps und bietet daher die Möglichkeit zu klassischen Einstellungen von Mark Knopfler, Stevie Ray Vaughan oder B.B.King bis hin zu den Stones, den Allman Brothers oder Peter Green.

Zudem überzeugt der kleine Amp durch seine selbst mit Humbuckern unnachahmliche Klarheit bis fast Lautstärke „10“. Treble- und Bass-Regelung ersetzen hier gegenüber dem Tweed-Champ den Ton-Regler.

1967 Fender Vibro Champ

Ergänzt wird das Paket durch ein sogenanntes Bias-Tremolo oder -Vibrato, das seit jeher für die meisten Anwender als beste Lösung für diesen Effekt gilt. Im kleinen Gehäuse ist zwar nur für einen Achtzöller Platz, aber in kleineren Räumen entwickelt dieser Speaker durchaus genügend Fülle zum Üben. Leider sind die meisten Lautsprecher der alten Amps aus den Sechzigern und Siebzigern zwar noch funktionstüchtig, aber alles andere als zufriedenstellend.

Bereits neuwertig entsprachen die Speaker schon damals kaum den Vorstellungen von Gitarristen mit moderneren Ansprüchen. Sie taugen bis Lautstärke 3 oder 4, danach knicken sie ein, flattern in den Bässen und präsentieren kaum Mitten. Haben die Pappen dann noch 50 oder 60 Jahre auf dem Buckel, ist Austausch angesagt. Die Schwächen dieser Speaker haben sich im Laufe der Jahre durch Abnutzung noch verstärkt.

Daher musste ich für beide abgebildeten Amps nach einem Ersatz suchen. Der findet sich leicht im Programm der Jensen Replikas, die Modelle P8R (mit Alnico Magnet) oder C8R (mit Keramik-Magnet) passen hier wie die Faust aufs Auge. Zum Glück, denn es mangelt anderenorts auch an Alternativen. Es werden einfach kaum noch Speaker in dieser Größe hergestellt. Ein kleiner Nachteil ist der auf eine Cinch-Buchse ausgelegte Speaker-Ausgang, denn der Anschluss an ein externes Lautsprechergehäuse kann selbst diesen 5-Watt-Zwerg tauglich für eine Studio-Session oder eine Bandprobe machen. Entweder lötet man sich hierfür ein Adapter-Kabel oder tauscht gleich die ganze Buchse gegen einen üblichen Klinkenausgang.

1967 Fender Vibro Champ
Die Rückseite mit dem leider unbrauchbaren Jensen-Speaker

Das Innenleben dieser Verstärker ist so übersichtlich und leicht zugänglich gestaltet, dass eine Reparatur oder Restaurierung meist sehr einfach und daher auch preiswert ist. In der Regel müssen ein paar Elkos getauscht werden, sowie Masseleitungen und Röhren überprüft werden.

Zudem bieten die Amps eine hervorragende Basis für Tunings. Wer es etwas flexibler oder rockiger mag, kann sich statt des Tremolos einen Mitten- und Masterregler installieren lassen. Auch der kleine Champ klingt nämlich am besten, wenn der Volume-Regler möglichst weit aufgedreht ist, was in einer Stadtwohnung dann schon zu laut werden könnte.

Die Mitten werden über einen 15K-Widerstand „fixed“ eingestellt, was gerade diesen wichtigen Frequenz-Bereich für eine E-Gitarre festlegt. Wird dieser Widerstand durch ein 25K-Poti ersetzt, erhält man ein enorm hohes Spektrum an Möglichkeiten zur Anpassung an bestimmte Gitarren-Typen oder das Lieblings-Overdrive-Pedal.

Dank der im Kathoden-Bias-Betrieb geschalteten Endstufe kann man ohne Justage nach Lust und Laune 6V6-Röhren ausprobieren. Man wird staunen, wie unterschiedlich sogar einzelne Röhren desselben Herstellers die Klangergebnisse verändern können, je nach Arbeitspunkt oder Leistung.

1967 Fender Vibro Champ
Das Innenleben des Vibro Champs

Das einzige, was dem kleinen Amp fehlt, ist eine Halleinheit. Aber hierfür gibt es ja bereits zahlreiche Lösungen im Pedal-Format, und da diese Amps stets clean bleiben, ist die Ansteuerung meist kein Problem.

Fender bietet zurzeit mit der Vibro Champ XD-Serie durchaus brauchbare Alternativen zum kleinen Preis und sogar mir Röhrentechnik, diese Verstärker bieten jedoch nicht ganz die Klarheit und Klangschönheit eines alten Blackface- oder Silverface-Originals. Leider muss man sich ein solches Schätzchen auf dem Gebrauchtmarkt suchen und zahlt dann je nach Zustand, Alter und Ausführung zwischen etwa 400 und 900 Euro.

1967 Fender Vibro Champ
Ausgebauter Jensen Alnico Lautsprecher

Die höchsten Preise liegen dabei jedoch gleichauf mit einem neuen Fender Custom Shop Tweed Champ und erscheinen in diesem Vergleich nicht einmal zu teuer. Der Tweed Champ ist aufgrund der fehlenden Klangregelung wesentlich schwieriger zu bedienen und natürlich auch noch eine ganze Portion lauter, was vielen Gitarristen für echte Bedroom-Lautstärke meist schon zu deftig ausfällt.

Entscheidet man sich für ein etwas jüngeres Silverface-Modell, spart man nicht nur Geld, sondern bekommt oft auch ein Modell mit einem Export-Netztrafo mit 230 Volt. Die Blackface-Modelle kommen fast alle mit dem original US-Trafo für 120 Volt und benötigen daher einen Vorschalttrafo.

Während meiner Testphase mit diesen Amps konnte ich feststellen, dass mir die Lautstärke vollkommen ausreichte. Es fehlt zwar etwas die gewohnte Physis, die einen Amp nicht nur hörbar, sondern auch „spürbar“ macht, die Amps erfüllten aber sonst in jeder Hinsicht meine Bedürfnisse nach wunderschönen Vintage-Clean-Sounds. Frisch restauriert und eingestellt vernimmt man kein Rauschen oder Brummen und kann zu später Stunde wunderbar üben, ohne Nachbarn oder bereits schlafende Mitbewohner zu stören. Besser ist das kaum denkbar.

Trotz der Fehlanpassung trumpften die Champs auch über meine 4×12-Box auf, wo sie sich sogar als überzeugende Rock-Maschinen entpuppten. Hat man, wie in meinem Beispiel, sogar zwei davon, machen auch Stereo-Effekte wieder Spaß. Ein Luxus? Klar, aber einer, der meist mehr bringt als die stillgelegten High-Power-Amps, die bei vielen Gitarristen aufgrund fehlender Live-Aktivitäten überflüssig geworden sind … Bis zum nächsten Mal!

1967 Fender Vibro Champ
Das Layout in der Grafik (hier in der Darstellung von Ceriatone, einem Anbieter für Tube-Amp-Kits)

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(erschienen in Gitarre & Bass 04/2018)

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