Produkt: Gitarre & Bass 4/2019 Digital
Gitarre & Bass 4/2019 Digital
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Amp-Station

Rare Bird: 1954 Fender Tweed Deluxe Amp

1954 Fender Tweed Deluxe

Fender Tweed Deluxe Amps scheinen beliebter denn je. Die lange Erfolgsgeschichte dieser Verstärker ist leicht nachvollziehbar: Sie sind die perfekte Lösung für kleinere Live-Gigs, den Proberaum und natürlich Recordings. 16 Watt und ein 12“-Lautsprecher scheinen in den meisten Fällen genug, um auf einer Blues-Session oder im Studio zu glänzen. Die Liste der Fans im Profi-Lager liest sich wie ein Who is Who der Rockgeschichte: Neil Young, Larry Carlton, David Lindley, Don Felder, Peter Frampton, Lenny Kravitz, Keith Richards, Pete Townshend, The Edge, Mike Campbell, Jeff Beck, Kenny Wayne Shepard oder Billy Gibbons sind nur eine kleine Auswahl der regelmäßigen Tweed-Deluxe-Nutzer.

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Seine Magie schöpft dieser Verstärker seit jeher aus der im Kathoden-Bias-Betrieb leicht gesättigten Endstufe mit zwei 6V6- Endstufenröhren. Diese Amps singen! Man benötigt keine zusätzlichen Effekte. Sie bieten einen verführerischen Clean-Sound und eine noch bessere Crunch-Kralle bei höheren Lautstärken. Obwohl hier nur ein Lautstärkeregler und ein schlichtes Tone-Poti vorhanden sind, kann man beinahe alle Spielarten damit abdecken. Sogar Kenny Burrell intonierte einst sein berühmtes ,Chitlins Con Carne‘ über einen Tweed Deluxe.

Mit ein paar Unterbrechungen wurden diese Amps seit 1948 produziert. Und meist in der sogenannten Narrow-Panel-Ausführung, wie man seit 1955 die Gehäuse-Form des Tweed-Combos bezeichnete. In den ersten sechs Jahren kamen diese Amps mit 6SN7- oder 6SL7-Vorstufen-Röhren – viele davon im schwarzen Metallgehäuse. Ab 1954 verabschiedete man sich von diesen Kolben und ersetzte sie durch eine 12AY7 in der Vorstufe und eine 12AX7 in der Treiberstufe. Eigentlich ist dies die Geburtsstunde des ersten „richtigen“ Tweed Deluxe Amps, so wie wir ihn heute kennen und lieben.

1954 Fender Tweed Deluxe
1954 Fender Wide Panel Deluxe

Und genau aus diesen Tagen stammt unser Test-Exemplar in dieser Amp-Station-Folge. Der sichtbar betagte Combo stammt aus dem Jahr 1954, hat schon die 12AY7/12AX7-Vorstufen-Kombination und entspricht in Puncto Schaltung schon beinahe der letzten und berühmtesten Schaltungsvariante 5E3 und wird daher noch mit 5D3 bezeichnet. Das Gehäuse ist noch etwas kleiner als bei späteren Modellen und hat breitere obere und untere Querstreben an der Front, weshalb man diese Amps als „Wide-Panel“- Modelle kennt.

Diese Verstärker haben statt vier nur drei Eingänge, die noch keine 1Meg-Eingangswiderstände besaßen. In der Schaltung finden wir noch die berühmten roten Jupiter-Kondensatoren, die später durch die ebenfalls legendären Yellow Astrons abgelöst wurden. Hierin besteht übrigens einer der wesentlichen Unterschiede zwischen dem 5D3- und dem 5E3-Modell. Die Jupiter-Kondensatoren liefern einen etwas dunkleren und mehr in den Mitten betonten Sound. Daher erinnern diese frühen Deluxe auch sehr an alte Vox AC30 oder frühe Marshall-Amps. Sie klingen deshalb jedoch keineswegs dunkel oder matt. Man bekommt nur etwas mehr von dieser Marshall-typischen Mittenkralle, die sich perfekt für Rockriffs eignet, was übrigens kein anderer Gitarrist besser unter Beweis stellte als Tom Pettys Sideman Mike Campbell. Die meisten markanten Crunch-Riffs auf den vielen Tom-Petty-Hits wurden mit diesem Amp aufgenommen.

Im Gehäuse arbeitet wie in allen Fender-Tweed-Combos ein Jensen Alnico-Lautsprecher, der zwar unvergleichlich klar und offen tönt, dafür aber auch recht leise und instabil klingt. Daher wurden diese Lautsprecher nicht selten durch stärkere Celestions oder aktuelle Entsprechungen von Weber SVT ersetzt. Der Speaker im Test-Amp läuft trotz seines hohen Alters überraschend gut, ist aber nur etwa halb so laut wie ein Celestion Alnico Blue. Daher muss man in Sachen Lautstärke bei diesen Amps deutlich Abstriche machen. So verführerisch dieser „Glockenton“ auch sein mag, mehr als zimmerlaut ist einfach nicht drin.

1954 Fender Tweed Deluxe
Schaltung mit JupiterKondensatoren

Dennoch kann man sich für eine Probe zu Hause oder die Aufnahme von Blues- oder Rockabilly-Licks kaum etwas Besseres vorstellen. Ich habe über diese Amps sogar schon Akustik-Gitarren aufgenommen, ohne, dass sie hinterher elektrisch verstärkt wirkten – so offen und natürlich geben diese Lautsprecher jedes Instrument wieder. 1954 war offenbar noch nicht so viel Lautstärke gefragt – der Rock’n’Roll klopfte zunächst leise an die Tür.

Das Gehäuse wurde aus massiver Pinie gefertigt, wodurch die Deluxe Amps auch heute noch ein bisschen wie ein „Geigenkasten“ tönen: Das Gehäuse schwingt fleißig mit und trägt dadurch zu dieser berühmten dreidimensionalen Abstrahlung bei. Wer etwas mehr Headroom oder Stabilität möchte, kann die beiden 6V6-Röhren gegen 6L6 und die 5Y3-Gleichrichterröhre durch eine GZ34 oder 5V4 ersetzen. Zusammen mit einem effizienteren Speaker kann man den Amp somit leicht in einen Live-Amp verwandeln.

Es verwundert kaum, dass die Boutique-Amp-Legenden der Siebzigerjahre wie Alexander Dumble, Jim Kelley oder Randall Smith bei ihren Entwicklungen auch stets dem Tweed-Deluxe-Sound nacheiferten. So ist etwa der berühmte Dumble-Overdrive-Kanal einem voll aufgedrehten Tweed Deluxe nachempfunden. Und ob man es glaubt oder nicht, diese frühen Wide-Panel-Modelle „dumbeln“ aufgrund der prominenten Mitten sogar noch etwas mehr als die späteren 5E3-Modelle.

1954 Fender Tweed Deluxe
Der Jensen Alnico-Speaker

In meiner Rubrik „Rare Bird“ taucht dieser Amp deshalb auf, weil er in dieser Ausführung nur ein knappes Jahr gebaut wurde und daher wesentlich seltener ist als ein Narrow-Panel-Verstärker. Und aufgrund des kleineren Gehäuses sind diese Amps offenbar etwas weniger begehrt als ihre Nachfolger. Auf dem Vintage-Markt sind sie deshalb auch noch nicht so übertrieben teuer. Ist das Gehäuse etwa ähnlich heruntergekommen wie bei dem abgebildeten Amp, kann man ein Exemplar schon für etwa € 2000 ergattern. Und das ist preiswerter als das aktuelle Reissue-Modell von Fender. Leider findet man solche Schnäppchen meist nur noch auf dem amerikanischen Markt und muss daher Transport- und Zollgebühren aufschlagen.

Unser Test-Proband stammt von meinem Kollegen Dr. Carlo May, für den ich ihn vor einiger Zeit restaurieren durfte. Zwei, drei Kondensatoren und ein paar rauschanfällige Widerstände mussten getauscht werden. Hinterher klang er wieder perfekt und so crunchy und rockig wie kaum ein anderer Amp in meiner Werkstatt. Wer ganz genau wissen will, wie ein WidePanel-Deluxe in Höchstform klingt, sollte sich Tom Pettys ,Wildflowers‘-Album anhören. Im Intro von ,Honey Bee‘ hört man den Amp in Vollendung. Weitere Beispiele sind das Intro von ‚Mary Jane’s Last Dance‘ oder Billy Gibbons’ ‚La Grange‘. Alles Rocksounds vom Allerfeinsten!

Bis zum nächsten Mal, Udo Pipper

(erschienen in Gitarre & Bass 02/2018)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Ein interessanter Fotobericht! Da frage ich mich doch jetzt ernsthaft,weshalb die Fa. Fender,vorausgesetzt,daß das Management in Deutschland eure Zeilen du eben diesen tollen alten Amp aufmerksam liest,-dies nicht endlich als Ansporn nimmt,und den kleinen Fender Tweed Deluxe Verstärker zu einem bezahlbaren Preis schnellst möglich exakt nachbaut!?! Die Fans wären begeistert,und das Fender Markenlabel wäre somit garantiert in aller Munde.

    Wen nützt es denn wirklich etwas,wenn man diesen winzigen „seltenen Vogel“ heutzutage evtl. nur noch mit großem Glück,und in einem „traurigen“ Zustand umständlich,und für viel Geld aus den U.S.A. ordern könnte???

    Da die Möglichkeit besteht,etliche Teile an diesem prima Amp heute durch gleichwertig gute Röhren etc. auszutauschen,wäre es doch vermutlich keine unüberwindbare Hürde,den „Rare Bird“ von Fender eiligst wieder als fabrikfrisches „Teil“ zu einem fairen Verkaufspreis anzubieten,oder etwa nicht?!?

    Mich persönlich nervt es zunehmend gewaltig,immer nur lesen zu müssen,daß außerordentlich gute alte Combo Valve Amps derzeit so extrem rar und teuer auf dem Gebrauchtmarkt sind,oder sogar überhaupt nicht mehr verfügbar zu sein scheinen,daß ich mich doch wirklich (zu Recht!) total darüber ärgere,daß die besagten Hersteller nicht auf die Wünsche ihrer Kunden reagieren!

    Und die unglaubwürdige Ausrede,daß man dato leider nicht mehr die technischen Möglichkeiten und notwendigen Erfahrungswerte besitzt,um ad hoc solche „Schatzkisten“ aus längst vergangener Zeit exakt nachzubauen,halte ich für eine große Lüge!

    Schließlich existieren bis heute in etlichen Firmen riesige Archive,die wahrscheinlich nicht ohne Grund aufrecht erhalten werden.
    Mag sein,daß es evtl. an einigen Ersatzteilen aus damaliger Epoche mangeln könnte,jedoch sollte es in unserer „modernen und hochtechnisierten Welt“ doch möglich sein,solche Kleinode,wie die beliebten alten Fender Amps ohne große Schwierigkeiten nachzufertigen.

    Dieses ständige Gefasel von guten alten Vollröhren Combo‘s,die so extrem super klingen,aber letztendlich für den „normalen“ Gitarristen für immer unerreichbar bleiben,stimmt uns Musiker nicht unbedingt froh!

    Genauso verhält es sich hier auch bei alten „Vintage“ Gitarren und Zubehörteilen (Pedale u.s.w.),die zukünftig anscheinend mühelos von den namhaften Firmen nachproduziert werden könnten,vorausgesetzt,diese Hersteller besitzen das notwendige Know How.

    Es ist ein wirklich leidiges Thema,und deshalb besteht hier dringender Bedarf an neuen Produkten,die immer öfter in den Focus der Interessierten rücken,die diese schönen und fantastisch klingenden Nachbauten zukünftig nicht mehr nur aus uralten Katalogen und netten Geschichten bestaunen wollen,sondern real und zu bezahlbaren Preisen kaufen möchten! Ich denke,ich spreche hier für alle Musiker,die mit mir einer Meinung sind.

    Ist das nun endlich bei den verantwortlichen Firmen angekommen?
    Bleibt gesund!

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    1. Hallo Hoffnung,
      super Kommentar, ganz meiner Meinung.
      Es werden die tollsten digitalen und analogen Amps gebaut – wer es braucht – aber einen guten alten Röhrenamp original nachgebaut, das bekommen die Firmen nicht mehr hin. Vermutlich ist die Gewinnspanne zu niedrig oder ??

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