Drei Vintage-Les-Pauls auf den Zahn gefühlt

Parts Lounge: The Burst Honeymoon

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Zweimal 59, einmal 58, die Probanden auf einen Blick (Bild: Udo Pipper)

Mein Beruf birgt manchmal Überraschungen, die sich zu echten Daseins-Highlights entwickeln. So geschehen Ende Januar diesen Jahres als ich vom Berliner Gitarristen und Violinisten Michael Gechter drei (!) Vintage-Les Pauls als Leihgabe bekam. Offenbar wirkte ich auf ihn vertrauensvoll genug, dass er diesen Schritt nun einmal wagen wollte. Ihn interessierte mein Eindruck von diesen Gitarren, die er schon lange Zeit sein Eigen nennt und die er immer noch live zum Einsatz bringt.

Wir hatten uns 2013 auf einer Video-Podcast-Aufzeichnung in einem Berliner Tonstudio kennengelernt, zu dem er mich überaus freundlich eingeladen hatte. Damals ließ er mich auch gleich bedenkenlos mit seiner gesamten Gitarrensammlung in seiner Berliner Wohnung übernachten.

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Der Autor mit dem „Spender“ Michael Gechter bei der Übergabe (Bild: Udo Pipper)

Daraus entwickelte sich eine sehr freundliche Bekanntschaft, die bis heute anhält. Er wusste schließlich, dass ich ein großer Les-Paul-Liebhaber bin und wollte mir daher diesen „Honeymoon“ endlich einmal in ganzer Ausprägung gönnen. Ein herzliches Dankeschön schon einmal nach Berlin! Wer macht so etwas? Einfach unglaublich! Mittlerweile sind die Gitarren wieder zuhause in Berlin angekommen, und ich bin froh, dass alles ohne Zwischenfälle vonstattenging. Immerhin hat er mir ein stattliches Vermögen geliehen, denn solche Instrumente sind mittlerweile unbezahlbar geworden.

DIE „PROBANDEN“

Eigentlich war geplant, dass Michael mir eine seiner 59er-Les-Pauls überlässt. Das wäre schon Highlight genug. Als ich aber schließlich mit meinem „Ohrwürmer“-Freund und Kollegen Achim Brodam in Berlin eintraf, stellte er uns zu unserer Überraschung drei Koffer vor die Türe: zwei 59er-Les-Pauls und eine 58er-Goldtop. Wow! Damit hatten wir nicht gerechnet. Zudem präsentierte sich der erfahrene Musiker äußerst entspannt und freundlich.

„Viel Spaß damit …“ rief er uns noch nach, und schon bogen wir wieder auf die Autobahn Richtung Köln. Ungläubig musste ich mich immer wieder im Auto umdrehen und vergewissern, dass die wertvolle Fracht, verpackt in wunderbar abgewetzten, braunen Koffern, wirklich auf dem Rücksitz lag. Auch für einen relativ abgebrühten Musikjournalisten wie mich ein ganz besonderes Ereignis.

Die 1959er Les Paul namens „Fritze“ (Bild: Udo Pipper)

Was hatten wir da im Gepäck? Zunächst war da „Fritze“, eine 1959er Les Paul Standard, die Michael Gechter liebevoll nach ihrem Vorbesitzer Fritz Wölffel benannt hatte. Wölffel, selbst ein Profi-Musiker der Berliner Swing- und Beat-Ära der Sechziger hatte die Gitarre 1959 neu bei Musik Schmidt in Frankfurt gekauft und bis zu seinem Tode Mitte der Neunziger eifrig gespielt. Auf der Kopfplattenrückseite prankt noch eine Plakette wie ein Stocknagel mit der Adresse des Händlers. Aus Musik Schmidt wurde dann übrigens Session Musik Frankfurt. Eine tolle Story!

Sie hat die Seriennummer 9 1080 und ist damit nur eine Nummer von der berühmten Joe-Walsh-Burst (9 1081) entfernt, die dieser zu Eagles-Zeiten in den Siebzigern gespielt und irgendwann an den Cheap-Trick-Gitarristen Rick Nielsen verkauft hat. Mittlerweile hat er sie – so glaube ich zumindest – wieder zurückgekauft.

Wie viele 59er Les Pauls hatte Fritze ursprünglich ein Bigsby-Vibrato, das aber später durch ein Stoptailepiece ersetzt wurde. Wölffel konnte auch nicht widerstehen, in die Gitarre einen dritten Mittelpickup einzubauen, weil ihm das an der schwarzen Custom von der Berliner Swing-Legende Coco Schumann so gut gefallen hatte. Dieser wurde später wieder entfernt und die zurückbleibende Öffnung so kunstvoll wieder verschlossen, dass man Mühe hat, die Stelle ausfindig zu machen, wo einst der dritte Pickup saß. Auch das verblichene Icetea-Sunburst wurde schlüssig nachgebessert. Damals konnte man noch nicht ahnen, wie wertvoll diese Instrumente einmal sein würden und hat daher auch eifrig modifiziert. Dabei blieb es aber dann. Die Gitarre ist in allen anderen Bereichen absolut original.

1959er Greeny-Zwilling mit betörender Flamung (Bild: Udo Pipper)

Die zweite 59er hat die Seriennummer 9 2213, und ist damit nur wenige Nummern von der berühmten „Peter Green/Gary Moore“-Les Paul entfernt, die heute Metallica Gitarrist Kirk Hammett besitzt. Sie gleicht der berühmten Schwester in Farbe und Flammung so sehr, dass man meinen könnte, es sei ein Zwilling der seit jeher „Greeny“ genannten Burst. Vermutlich wurde sie am selben Tag, ganz sicher aber in derselben Woche wie die Greeny-Burst gebaut. Witzig ist, dass auch diese Gitarre mal einen dritten Mittelpickup verbaut hatte. Hier war es ein Singlecoil, der ähnlich wie in Alvin Lees berühmter ES335 schräg eingebaut worden war. Auch das wurde wieder rückgängig gemacht und kunstvoll retouchiert. Diese Gitarre hat eine dunklere Rückseite und einen etwas schmaleren Hals als Fritze.

Die 1958er Goldtop (Bild: Udo Pipper)

Die dritte Gitarre war eine 1958er Goldtop in Originalzustand. Ein sehr gepflegtes Instrument ohne größere Spielspuren. Wie wir erfahren durften, Gechters Liebling, wegen ihres ausgesprochen klaren Sounds. Hier war der Hals, ganz anders als in den Büchern beschrieben, sogar noch schlanker als bei den beiden 59ern und leicht V-förmig.

HONEYMOON – ACTION

Was macht man nun mit solchen Schätzen in den heimischen vier Wänden? Natürlich wollte ich erst mal in Ruhe testen. Wie klingen diese Legenden denn nun wirklich? Meist kann man Bursts – falls es sich mal ergeben sollte – nur ein paar Minuten oder Stunden bei einem Sammler in die Hand nehmen, um sich ein Urteil zu bilden. Hier war das etwas ganz anderes. Für die nächsten fünf Wochen konnte ich in aller Ruhe diesen Gitarren auf den Zahn fühlen und somit viel tiefere Eindrücke gewinnen. Und schließlich möchte ich diese hier mit Euch teilen. Denn die Urteile im Netz reichen von „alles übertriebener Hype“ bis „endloser Verzückung“.

Solchen Gitarren werden Bücher und Bildbände gewidmet, zahllose Videos auf YouTube und natürlich eifrige Preisdiskussionen unter betuchten Investoren. Mich interessierte hier wahrlich nur der Klang. Einzig und allein. Was sie kosten, war mir schnuppe, denn ob 200.000 oder 300.000 ist für mich keine Alternative und daher auch keine Frage. Niemals könnte und wollte ich mir ein Instrument zu solchen Preisen kaufen. Die Optik war zumindest bei diesen drei Instrumenten durchaus betörend schön, aber das allein reicht für mich noch nicht aus. Mir war diesmal egal, ob die Haarrisse für das Baujahr typisch waren oder das Fading überzeugend. Auch die Farben der Pickuprings oder des Schlagbretts waren mir gleichgültig. Ich nahm die Gitarren zur Hand und spielte und lauschte einfach. Meist über einen 63er Fender Tremolux, der ebenfalls als Leihgabe zurzeit bei mir steht und der ein absolut perfekter Spielpartner für diese Gitarren war.

Ich rief Freunde an, die mithören sollten. Ein paar Urteile waren mir da wichtig. Zum Beispiel kamen mein Kollege Christian Tolle und der einstige U.D.O. Gitarrist Mathias Dieth, die übrigens beide schnell genauso begeistert von den Klangergebnissen waren wie ich selbst. Ich fuhr in dieser Zeit zu Peter Weihe, mit dem ich im Mai auf dem Chitarre-e-Vino-Workshop in der Toskana aufspielen werde. Dort kamen Andreas Kloppmann, Harald Schliekelmann und Thomas Weilbier von No.1 in Hamburg dazu sowie drei weitere Bursts, die allesamt ebenfalls umwerfend gut klangen.

Mit drei weiteren Bursts bei Peter Weihe (Bild: Udo Pipper)

Wir testeten bis zum Abwinken und verglichen die Gitarren natürlich auch mit neuen und teils schon akribisch modifizierten Les Pauls. Die Resultate haben mich wieder mal überrascht, denn erst „in der Zeit“ erweisen sich die alten Instrumente wirklich in allen Paramatern als überlegen. Sie haben tatsächlich einen Ton, der einzigartig ist. Mit diesen Sounds bin ich groß geworden: Jimmy Page, Eric Clapton, Jeff Beck, Peter Green, Mick Taylor, Billy Gibbons, Paul Kossoff, Rick Derringer, George Harrison und viele, viele mehr, die solche Gitarren damals spielten.

Es nutzt wenig, sie „mal kurz“ irgendwo in einem VintageShop anzuspielen oder ein Video zu schauen. Man muss das erleben, muss selbst ausloten, wo ihre spezifischen Stärken und ihre ureigenen Stimmen liegen. Obwohl ich selbst schon oft Bursts testen konnte, weiß ich erst jetzt, was mich daran so verzaubert. Vor allem wird das deutlich, wenn sie nicht mehr da sind und man sich wieder mit dem herkömmlichen Instrumentarium begnügen muss. Das kann durchaus schmerzlich sein. So folgte auch hier direkt nach dem Honeymoon schon wieder die Scheidung.

In der Zwischenzeit haben wir jedoch mit Christian Tolle, Mathias Dieth und Achim Brodam einen „Jeff Beck Tribute“ produziert, auf dem wir die alten Les Pauls fast ausschließlich verwendet haben:

Zudem habe ich noch ein ausführliches Video mit Klangbeispielen gedreht:

In der nächsten Ausgabe werde ich mich den Klangerlebnissen näher widmen, denn auch unter diesen Gitarren gab es bemerkenswerte Unterschiede, die ich ausführlich beschreiben werde.


(erschienen in Gitarre & Bass 05/2023)

Produkt: Gitarre & Bass 5/2022 Digital
Gitarre & Bass 5/2022 Digital
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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Eins vorweg, auch mich faszinieren diese alten Klampfen, die haben schon eine Aura, aber auch Fakt ist, als die legendären Aufnahmen von den Claptons, Gibbons usw. mit den Teilen gemacht wurden, waren sie gerade mal ein paar Jahre alt. Es wird der sagenhafte Ton oft mit dem Alter in Verbindung gebracht, wie aber schon gesagt, damals waren sie noch fast neu. Auch Hendrix hat z bsp nur Strats von der Stange gespielt, und klang so, wie wir ihn lieben. Nur mal so, ohne die Aura der alten Teile anzuzweifeln, aber etwas Voodoo steckt schon drin in unserer Heldenverehrung.

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  2. Einfach mal Klartext: völlig unerheblich,wie alt eine E.-Gitarre bereits ist,ausschlaggebend ist das regelmäßige Bespielen eines Saiteninstruments und die notwendige Pflege und Instandhaltung/Wartung derselbigen.

    Faktoren wie das Alter des Holzes,der Hardware und der besonderen Saitenwahl (Saitenstärke/Hersteller) scheinen hier eher zweitrangig für die besonderen Klangeigenschaften zu sein.

    Der Bericht von Udo Pipper wurde zweifellos sehr informativ und ausführlich getextet.Udo hat alles richtig gemacht,er nahm die Gitarren in die Hand und spielte sie einfach.So ist es gut. Ich gehe ebenso total vorurteilsfrei an diese Thematik heran,-zwar war es mir bisher (noch) nicht vergönnt,solche uralten wertvollen Raritäten antesten zu dürfen,jedoch besitze auch ich mehrere seltene Gitarren unterschiedlichster Hersteller,die sehr oft und gerne live gespielt wurden. Das Endergebnis verblüffte mich dann aber nicht wirklich,denn die Relation von häufig benutzten Gitarren zu fabrikfrischen,noch unbespielten Instrumenten ist und war stets das gleiche,die jahrelang live on stage gespielten Gitarren klangen vergleichsweise immer viel intensiver,teilweise voller,weil lauter und perkussiver,eben dynamischer und ausgewogener als ultra moderne,noch unbespielte Gitarren Neuheiten direkt aus der Fabrik.

    Nebenbei bemerkt,stellte ich aber auch fest,daß eine streng limitierte damalige Original Fender U.S.A. Stratocaster (Bj.2014) mit einem einteilig vollmassiven Korpus,gefertigt aus dem uralt edlen Redwood-Holz (alles zertifiziert) aus dem Nachlass/Abbau einer ehemaligen Brücke in Kalifornien der 1930er-Jahre,die die Fa. Fender als altem Restbestand um 2013 für die Fertigung einiger weniger Strats und Tellies verwendete,extrem resonant und sehr wohlig klang. Diese besagte Fender Limited Edition war natürlich binnen kürzester Zeit total ausverkauft.,was mich nicht wirklich überraschte. Im globalen Internet wurde bisher nicht eine einzige gebrauchte Fender Stratocaster oder Telecaster dieser Zeit aus dem nachhaltig verwendeten Mammutbaumholz zum Kauf aufgeboten worden. Der damalige Kaufpreis dieser edlen neuen Elektrischen von Fender aus Corona/California betrug übrigens damals etwa 1.750,-€uro (inkl. Fender Hardshellcase,Gurt,Certificate etc.). Diese extrem seltenen Fender Gitarren im Nature Design sind allesamt echte Unikate und garantiert sammelwürdig. Obendrein mit dem Siegel der hohen Wertsteigerungen versehen. Fazit: überaus glücklich dürfen sich die Besitzer dieser limitierten Fender Sonder Edition schätzen. Begrüßenswert,daß das uralte Holz dieser kleinen Brücken schlußendlich für einige wenige Fender Gitarren weiterverwendet wurde! So funktioniert echte Nachhaltigkeit für die Zukunft! ❤️Herzlichen Dank an die Firma Fender!

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