Kult … oder kann das weg?

Parts Lounge: Overdrive-Pedale im Vergleich

Anzeige

In dieser Folge möchte ich das Thema Overdrive-Pedale mit ein paar Highlights abschließen. Das Ganze habe ich auf dem Guitar Summit 2022 in Mannheim nochmals in einer Masterclass veranschaulicht. Dort konnte man die meisten der hier vorgestellten Pedale im direkten Vergleich anhören …

KULT…ODER KANN DAS WEG?

Wie schon erwähnt, haben sich einige Pedale während der letzten zehn Jahre zu wahrem Kultstatus emporgehangelt. Drei davon möchte ich hier als Beispiele näher beschreiben. Ganz vorne liegt vor allem wegen der extrem hohen Gebrauchtpreise der originale Klon Centaur.

Anzeige

Klon Centaur (Bild: Udo Pipper)

Was ist da eigentlich dran? Immerhin spielen Stars wie Jeff Beck, Warren Hayens, Philip Sayce und John Mayer solche Teile und sind sich einig darüber, dass ein echter Klon das vielleicht beste Pedal am Markt ist. Mit Gain, Tone und Volume ist es sehr spartanisch, aber eben typisch für solche Pedale ausgestattet.

Die Gain-Reserven sind eher moderat, weshalb der Klon auch oft als Booster bezeichnet wird. Das Geheimnis liegt wohl in seinem Klangcharakter. Ich muss schon zugeben, dass man mit diesem Pedal seinen Sound direkter, transparenter und deutlich knackiger gestalten kann, ohne den Grundton besonders zu verbiegen. Die meisten Gitarristen nutzen den Klon also eher als Sound-Veredler im milden Boost-Bereich. Er schneidet die Bässe etwas ab, was bei hohen Lautstärken von Vorteil ist, vor allem bei sehr fett klingenden Amps. Er hat aber nicht diese typische Mittennase eines Tube Screamers. Das Frequenzspektrum bleibt genau da, wo es hingehört. Der Ton bekommt dadurch mehr Charakter und entfaltet sich besser.

Auch in Puncto Dynamik ist der Klon selbst den besten Tube Screamern haushoch überlegen. Der Ton schneidet wie durch Butter durch den Mix und bleibt stets markant. Das sind schon schwergewichtige Argumente für ein solches Pedal. Ob man dafür aber wirklich mehrere Tausend Euro hinblättern würde, bleibt jedem selbst überlassen. Persönlich finde ich das stark übertrieben. Ich habe schon öfters ein Klon-Pedal für längere Zeit geliehen und war meist für meinen musikalischen Kontext relativ unbeeindruckt von dem Sound. Das liegt vor allem daran, dass ich recht leise spiele und daher niemals Probleme mit unerwünschtem Bass-Mulm habe. Außerdem mag ich meinen Sound eher etwas komprimiert und weniger exponiert, weshalb der Klon für mich genau in die falsche Richtung arbeitete.

Ich verstehe aber auch gut, dass Warren Haynes mit seinen 100-Watt-Boliden und 4×12-Boxen, in die er den Hals-Pickup seiner Les Paul schickt, genau diese Eigenschaften braucht. Oder Jeff Beck: Der dreht die Bässe seines Marshalls stets auf „Null“ und schickt das Gitarrensignal dann noch durch den Klon-Schlankmacher. Er schlägt seine Saiten aber auch mit dem flachen Daumen an und sucht daher ein Pedal, das ihn so knackig wie mit einem Plektrum-Anschlag klingen lässt – und das gelingt dem Klon perfekt.

Eine gute Alternative fand ich in dem J. Rockett Archer, einer wirklich gelungenen Nachbildung des Klons. Der Sound dieses vergleichsweise preisgünstigen Pedals ist sehr nah am Original, nur die Klangfarben gelingen nicht ganz so überzeugend. Es klingt vielleicht einen Hauch steriler oder kühler.

Hermida Zendrive 2 (Bild: Udo Pipper)

Dumble-Fans haben sich auf den Hermida Zendrive gestürzt wie ausgehungerte Löwen auf ein Zebra-Filet. Vor allem die Version zwei des Pedals mit einer 12AX7 im Signalweg hat es den Liebhabern angetan. Wie der Klon Centaur wird auch dieses Pedal mittlerweile nicht mehr in seinem ursprünglichen Zustand gebaut.

Wohl dem, der ein altes Original erwischt hat. Auch hier ist es der herausragende Klangcharakter, der die zahlreichen Fans süchtig macht. Das Zendrive klingt ausnahmsweise mal nicht wie eine Tube-Screamer-Abwandlung, sondern erzeugt mit der Röhre diesen typisch komprimierten Dumble-Overdrive, mit sehr prominenten Mitten, die sich immer gut durchsetzen. Entsprechend eingestellt klingt es nach Robben Ford, Larry Carlton oder Allen Hinds – stets mit diesen schmatzigen Höhen, die niemals nerven, sondern immer aufbrechen und das Ohr daher eher umschmeicheln.

Die Bass-Saiten erzeigen dann diesen trockenen „Knorz“, der sofort an eine übersteuerte Dumble-Vorstufe erinnert. Die Overdrive-Reserven sind schon recht ordentlich für eine einzelne 12AX7. Kenner verwenden aber gern auch eine 12AT7 oder sogar eine 12AU7, die beide weniger Gain erzeugen und daher einen äußerst verführerischen Crunch-Ton mit zahlreichen Nuancen bieten können. Man kann hier endlos mit verschiedenen Röhren spielen und so seine eigenen Vorlieben realisieren.

Ein Zendrive 2 ist gebraucht nur noch sehr schwer zu finden – und wenn, dann für ziemlich hohe Preise. Doch Vorsicht! Mittlerweile werden diese Pedale bei Lovepedal gefertigt und sollen daher nicht mehr ganz so perfekt klingen wie die Vorgänger von Hermida. Das kann ich allerdings nicht bestätigen. Ich kenne nur das Original und habe den Nachfolger noch nicht testen können.

Analogman King Of Tone (Bild: Udo Pipper)

Ähnlich begehrt ist der King Of Tone von Analog.Man in jüngster Zeit. Offenbar möchten viele so ein Doppelpedal mit zwei Overdrive-Sektionen, die wahlweise oder im Verbund betrieben werden können. Die Wartezeiten auf ein neues Pedal sind, wie schon erwähnt, zurzeit enorm. Auch hier gründet die Beliebtheit eher auf die Klangveredelung als auf den mitreißenden Overdrive-Sound.

Der ist eher milde ausgelegt (obwohl es auch eine High-Gain-Variante gibt, die mir aber nicht zur Verfügung steht). Besonders unter Blues- und Fusion-Gitarristen findet dieses Pedal immer mehr Anhänger. Es ist meiner Meinung nach ein sehr gelungenes Loudness-Pedal. Man kann eine leise Gitarre an einem leistungsschwächeren Amp damit wirklich groß klingen lassen. Es erzeugt in den meisten Einstellungen einen eher milden, aber äußerst musikalischen Crunch mit dieser röhrenartigen Wärme.

So lassen sich etwa preisgünstigere Amps mit eher flachem oder sterilem Sound deutlich aufwerten. Man könnte auch sagen, dass das Klangfarbenspektrum zunimmt und der Sound daher mehr Charakter erhält. Natürlich taugt der King Of Tone daher auch als Edel-Booster im Blues- oder Bluesrock-Bereich. Zahlreiche Firmen haben sich an dieses Konzept drangehängt und etwa mit dem Browne Amplification Protein oder King Tone Duellist sehr interessante Alternativen entwickelt. Doppelpedale sind also weiterhin im Trend.

MADE IN GERMANY

Wie angekündigt habe ich mich natürlich auch auf dem deutschen Markt nach herausragenden Pedalen umgesehen. Und da gab es wirklich einige Kandidaten, die den vermeintlichen Kultpedalen aus Übersee meiner Meinung nach in keiner Weise nachstehen. Im Gegenteil! Das erste Pedal, das ich bereits 2017 hier im Test vorgestellt habe, war das OKKO Diablo Gregor Hilden Signature Pedal.

OKKO Diablo Gregor Hilden Signature (Bild: Udo Pipper)

Mit den einzigartigen Reglern für Body oder Feed kann man den Overdrive bis ins kleinste Detail seinen Vorlieben anpassen. Auch lässt es die „Tube-Screamer-Nase“ erfreulicherweise vermissen. Dank dieser Regler kann man diesen Klangcharakter bei Bedarf jedoch ebenfalls erzeugen – ganz nach Wunsch. Man braucht ein bisschen Zeit, bis man die optimale Balance ermittelt hat, erhält dann aber wirklich ein Weltklasse-Pedal mit fantastischen Röhren-Sounds. Ich bin überzeugt davon, dass dieses Pedal bei entsprechenden Vertriebs-Voraussetzungen auch eine riesige Fan-Gemeinde in den USA bekommen könnte.

Vahlbruch Kaluna (Bild: Udo Pipper)

Einen weiteren „Knaller“ fand ich mit dem Kaluna Röhrenpedal von Henning Vahlbruch. Es ist aufgebaut wie eine komplette Verstärkervorstufe mit Klangregelung für Höhen, Mitten und Bass. Im Inneren läuft eine 12AX7-Röhre mit über 200 Volt, die das Gerät aus einem handelsüblichen Netzteil mit mindestens 500 mA generiert. Hier schlägt das Herz von Rockfans höher, denn das Kaluna kann beinahe jeden noch so langweiligen Amp in einen kleinen Marshall verwandeln. Ich kannte dieses Prinzip schon seit geraumer Zeit von Hughes & Kettners Tubeman 1, den ich auch seit Jahrzehnten selbst als Overdrive-Pedal verwende.

Hughes & Kettner Tubeman 1 (Bild: Udo Pipper)

Allerdings hatte der Tubeman ein recht fragiles Netzteil mit 12V Wechselspannung, was die Integration in ein Pedalboard schwierig machte. Zudem ist mein Tubeman knapp 30 Jahre alt und hat mittlerweile kratzige Potis und einige Wackelkontakte. Ich habe sieben Stück davon, die aber alle schwächeln oder defekt sind. Das Kaluna bietet aber die gleichen Qualitäten in moderner Manier. Die Abstimmung ist einfach perfekt und macht es daher unmöglich, mit diesem Pedal schlecht zu klingen. Es ist wirklich eine Geheimwaffe, möchte man seinen kleinen Princeton beim nächsten Club-Gig wie ein Marshall-Stack klingen lassen. Ebenfalls Weltklasse!

Rodenberg Steve Lukather Overdrive (Bild: Udo Pipper)

Das dritte und letzte Pedal, das mich wirklich umgehauen hat, war das Steve Lukather Overdrive von Ulrich Rodenberg. Vermutlich bin ich einer der treuesten TS-808-Verwender des Planeten, denn ich spiele meinen Tube Screamer ununterbrochen seit 1979! Ich habe aber eine Art Hassliebe zu diesem Pedal entwickelt, denn es liefert zwar einen für mich unverzichtbaren Klangcharakter, hat aber die bereits mehrfach erwähnte Mittennase, die vor allem mit der Les Paul vor einem kleinen Amp einfach zuviel des Guten ist. Außerdem ist mein alter TS-808 in Puncto Dynamik einfach zu schwach.

Rodenbergs Lukather-Version schafft da Abhilfe in jeder Beziehung. Sie klingt offener, dynamischer, natürlicher und ist daher wesentlich einfacher einzustellen. Im Grunde kann man drauftreten und es klingt – auch unabhängig von der Regler-Stellung. Zudem handelt es sich um ein Dreifach-Pedal mit einer zweiten Version mit mehr Gain, die für Soli perfekt ist, sowie einem hervorragenden Booster mit Ton- und Level-Reglern. Endlich kann man ein Pedal etwa optimal für die Les Paul einstellen und mittels Booster beim Wechsel auf eine Strat oder Tele den Klang und die Lautstärke an den Wechsel anpassen. Das ist ideal und funktioniert tadellos. Für mich der bessere Tube Screamer als mein betagtes und kultig-teures Original. Dickes Kompliment dafür nach Fulda! Ich käme mit diesem einem Pedal für alle Stilrichtungen klar.

Wie vor vier Monaten erwähnt war ich in Sachen Overdrive-Pedale eher ein Purist und Langweiler. Mittlerweile habe ich hunderte Pedale getestet (vielen Dank an alle meine Freunde für die zahlreichen Leihgaben) und konnte mir einen aktuellen Überblick zumindest der beliebtesten Pedale verschaffen. Natürlich gibt es da noch viel, viel mehr. Aber da kommt man einfach nicht mehr nach. Interessant fand ich vor allem den letzten Abschnitt meiner Versuche, denn es gibt hierzulande aus meiner Sicht die wirklich besten Pedale. Das Gute liegt auch hier so nah. Für mich gibt es keinen Grund mehr, irgendwo sonst nach Pedalen zu suchen.

Mein kleines Pedalboard befand sich gerade im Umbau und wurde (unter anderem) auf dem Guitar Summit präsentiert. Was mir noch fehlt, ist Thomas Blugs Amp1, der – so versprach Thomas – auch reduziert als Fußtreter vor meinem Tweed-Amp beste Dienste leisten könne. Aber das hole ich nach und werde berichten.


(erschienen in Gitarre & Bass 09/2022)

Produkt: Effekt Pedale ABC – Alles über Effektpedale Digital
Effekt Pedale ABC – Alles über Effektpedale Digital
Alles über Effektpedale: Planung und Optimierung, Fuzzology, Vintage Pedals, Chipology Setup+++Tipps & Tricks von Profis+++DIY-Pedals+++VIP Effekt-Boards, u.v.m

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Mittlerweile ist der heutige Markt an teuren Bodentreterpedalen so maßlos übersättigt,daß einem schon richtig schwindelig werden kann.
    Ich finde einige wenige Pedals (Dunlop Cry Baby Wah mit roter Faselspule,und Marshall Guv‘nor/Made in England/First Edition) ja auch ganz interessant und manchmal sogar sinnvoll,jedoch bringt das ganze Gezerre mit diesen „Tretminen“ letztendlich nur noch einen nervenden Soundbrei hervor.

    Sinnvoll finde ich noch ein gutes einfaches altes Chorus Pedal,das eine schöne Klangfülle besitzt.

    Der pure Röhren-Amp-Sound eines guten 50 Watt Combos scheint mir hier aber das non-plus-Ultra zu sein.
    Denn dieses ständig nervige drehen an den Potiknöpfen der unzähligen Pedale, um irgendwann dann evtl. den richtig „amtlichen Sound“ gefunden zu haben,erscheint mir viel zu zeitraubend und albern.

    In den Anfängen der analogen E.-Gitarrenverstärker gab es doch auch nur ganz wenige Knöpfchen am Amp einzustellen.Da hat es immer gepasst,und der Klang war prima.

    Klar,experimentieren kann mitunter auch sehr „lustig“ sein,jedoch ich persönlich benötige diese riesigen Armeen an „Bodentreterpedalen“ nicht wirklich.

    Aber,wer hat,der hat.

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Einen 50 Watt Röhrenamp ohne Master so in die Sättigung zu bringen, dass es nach natürlich komprimierter Verzerrung klingt, ist unmenschlich laut. Durch die Begrenzung der Power (falls technisch vorhanden) geht viel Dynamik verloren.
    Ich hab ein paar wenige bezahlbare Overdrives auf dem Board (Mojo Mojo, Möller, Diva, Muff), die alle unterschiedlich klingen und jeder für sich schlicht hervorragend ist. Ich möchte das nicht missen und die Bandkollegen freuen sich auf einen geilen und lautstärkemäßig erträglichen Ton 😉

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren