Am Anfang war alles „Fuzz“

Parts Lounge: Overdrive … oder Overkill?

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Meine persönliche Auswahl von Overdrive-Pedalen

„Mach doch mal etwas über Overdrive-Pedale…“, so lautet bald wöchentlich eine Forderung meiner Leser und Kunden. Bislang habe ich um das Thema einen Bogen gemacht. Da ist doch vermeintlich schon alles bekannt …

Außerdem gibt es dazu gefühlt eine Million YouTube-Videos mit Tests und Anpreisungen. Zuhause verwende ich meist gar keinen Overdrive, und wenn, dann meinen alten getreuen TS-808 Tube Screamer. Meine persönliche Pedal-Historie wäre daher auch schnell erzählt. Kurzum: Ich stecke vermutlich nicht so im Thema.

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Ich sehe, wie stressig das für manche meiner Freunde und Kollegen ist, stets nach dem neuesten Wunderpedal Ausschau zu halten. Die Pedalboards wachsen stetig und beinahe jede Woche steht am Anfang der Kette ein neues Overdrive-Pedal. In den vergangenen beiden Jahren blieb manchen Hobbyisten gar nichts anderes übrig, als zuhause zu experimentieren, angeregt eventuell von nächtlichen YouTube-Sessions. Somit war da mitunter auch der eine oder andere Frustkauf dabei. Wenn schon keine Proben und Gigs, dann wenigstens ein wenig Abwechslung auf dem Board.

Sprich: Man hatte reichlich Zeit zum Basteln. Bei durchschnittlichen Preisen von 50 bis etwa 350 Euro konnte man sich auch bei finanzieller Knappheit mal so eine kleine Kiste gönnen. Zur Not wandert die Anschaffung eben mit kleinem Verlust wieder in die Kleinanzeigen.

Momentan befinden wir uns in einer Ära, in der manche Overdrive-Pedale ähnlich wie Vintage-Gitarren preislich regelrecht durch die Decke gehen. Es scheint ein paar Kult-Geräte zu geben, die für zahlreiche Gitarristen einfach ein Muss sind. Dabei spielen Verarbeitung und Ausstattung offenbar überhaupt keine Rolle. Entscheidend ist allein das Alter und die enorme Seltenheit mancher Pedale. Mein 1979er „Narrow-Box“ TS-808 Tube Screamer wird hier und da schon für 1.500 Euro oder mehr angeboten. Unfassbar!

Ich erinnere mich noch gut, dass ich für das Pedal bei Cream Music in Frankfurt damals 90 Mark bezahlt habe. Ähnliche Preise sehe ich bei alten Big-Muff-Pedalen von Electro Harmonix. Noch üppiger sind die Preise für ganz alte Tone Bender Fuzzface-Pedale aus den Sechzigern oder beim Dallas Arbiter Rangemaster Treblebooster, den ich schon für über 4.500 Euro gesehen habe. Warum? Das sind doch nur zehn Bauteile in einem Blechgehäuse…

Dallas Arbiter Rangemaster Treble Booster

Absoluter Spitzenreiter ist jedoch ein originaler Klon Centaur aus den Neunzigern. Diese Pedale kosten mittlerweile zwischen 4.000 und 9.000 Euro, je nach der Gestaltung des Gehäuses, etwa mit oder ohne Centaur, goldener oder silberner Ausführung oder sogar mit länglichem oder kurzem Pferdeschwänzchen. Wer kann da noch folgen?

Dann gibt es Pedale, die sind aufgrund der großen Nachfrage oder der Knappheit bestimmter Materialien nur mit langer Wartezeit erhältlich. Auf den heiß begehrten Analogman ‚King Of Tone‘ muss man derzeit etwa vier Jahre warten. Und so klettern die Gebrauchtpreise auch für dieses Pedal – alleine wegen der sofortigen Verfügbarkeit – in fast vierstellige Höhen.

Eines scheint gewiss: Der Overdrive-Sound ist für viele Gitarristen mittlerweile offenbar eine der wichtigsten Stilelemente bei der Soundgestaltung. Kaum jemand möchte noch ein Dreikanaler-Topteil samt 4×12“-Box herumschleppen. Alles, was man braucht, ist ein kleiner Amp und ein Board, das für die Klanggestaltung zuständig ist. Die Profis machen es vor, und viele Hobbyisten machen es nach.

Ich habe mir in den letzten Wochen ein paar Gedanken darüber gemacht, wie man diesem Thema gerecht werden könnte, ohne die Übersicht zu verlieren. Es gibt ja zurzeit beinahe unzählige Anbieter.

Also habe ich mal die Historie bemüht und einfach mal nachgeschaut, wie das alles zustande kam. Welche Pedale waren prägend für bestimmte Sounds und wer hat sie benutzt? Welche berühmten Licks wären ohne Overdrive erst gar nicht entstanden? Und dann habe ich festgestellt, dass es auch in dieser Historie bestimmte Erzeugungsprinzipien gab, die Vorreiter waren und die von zahlreichen Herstellern kopiert und variiert wurden. Heute gibt es daher auch Hersteller, die bestimmte Pedale auch erfolgreich modifizieren, wie etwa Analogman, Keeley oder Lovepedal, und daraus dann letztlich eigene Produkte machen. Das gab es aber schon immer – sogar in den Anfangstagen wurde eifrig kopiert und modifiziert.

AM ANFANG WAR ALLES „FUZZ“

Um die Zeitenwende der Overdrive-Sounds zu beleuchten, erinnerte ich mich zuerst an ein Interview, das ich vor über zwanzig Jahren mit Jeff Beck geführt habe. Er gehört wahrlich zu den Urvätern der Fußpedale. Aber das auch nur, weil nach seiner Aussage die Londoner Szene Anfang der Sechziger „so wahnsinnig klein und überschaubar“ war. Jeder kannte jeden, die stundenweise vermieteten Proberäume befanden sich fast ausschließlich in der beschaulichen und sehr kurzen Denmark Street. Dort gab es auch ein paar kleine Musikgeschäfte mit Technikern und Bastlern im Hinterzimmer, die nur darauf warteten „mal etwas Neues zu probieren“. Wie man heute weiß, standen sich drei blutjunge Gitarristen sehr nahe, waren sogar befreundet und tauschten sich ständig über die neuesten Trends aus. Namentlich waren das Jimmy Page, Jeff Beck und Eric Clapton.

Zunächst eiferten sie ihren älteren Vorbildern nach: Jeff Beck war und ist bis heute ein glühender Cliff-Gallup-Fan. Er war der Gitarrist in Gene Vincents Blue Caps und für seine virtuosen Rockabilly-Licks mit reichlich Bandecho berühmt. Letzteres hatte sich dieser bei Les Paul abgeschaut. Eric Clapton experimentierte mit Blues-Licks, die er wie B.B.King, Freddie King oder Jimmy Reed über einen weit aufgedrehten Verstärker übersteuerte, während Jimmy Page hauptsächlich mit Studio-Jobs beschäftigt war. Dort traf er auf Big Jim Sullivan und Vic Flick. Letzterer hatte das berühmte James Bond Thema auf seiner Gitarre gespielt. Beide experimentierten mit Pedal-Prototypen, die alle auf dem Gibson Meastro Fuzz beruhten.

Natürlich waren solche Pedale in England nicht oder noch nicht erhältlich. Also fand man einen jungen Schrauber namens Roger Mayer, der aufgefordert wurde, „diesen Sustain-Sound“ irgendwie zu ermöglichen. Page stand hinter bereits viel gebuchten Session-Stars wie Sullivan oder Flick immer noch in der zweiten Reihe. Er konnte nicht mal Noten lesen und war daher auf seine persönliche Kreativität angewiesen. Studiomusiker spielten damals eben nur das, was auf dem Blatt stand.

Musiker wie Page konnten das nicht und mussten sich daher durch ihre Soundideen unentbehrlich machen. Page bekniete Mayer nach eigener Aussage, ihm ein Pedal zu bauen, das dieses „big sustain“, das er auf einer Platte der The Ventures gehört hatte, ermöglichte. Der Song hieß ‚A 200 Pounds Bee‘, auf dem vermutlich eine frühe Gibson Maestro Fuzz Tone Box zum Einsatz kam.

Jeff Beck war ebenfalls interessiert. Und so geschah es, dass Roger Mayer für Jimmy Page und Jeff Beck die beiden ersten Fuzzfaces fertigte. Die Schaltung wurde abgeleitet von dem Gibson-Meastro-Vorbild, laut Mayer in puncto Sound und Sustain jedoch entscheidend verbessert. Weitere Exemplare bekamen Big Jim Sullivan, Dave Dee und Ritchie Blackmore. All dies geschah laut Jeff Beck etwa um 1964.

Roger Mayer Fuzzface

Für Page und Sullivan war ihre neue Effekt-Box ein wahrer Segen, denn nun bekamen sie Studio-Jobs allein aufgrund ihrer hippen Sound-Möglichkeiten. Die Produzenten rissen sich um ein kleines, markantes Fuzz-Riff. Beck und Page setzten ihre Pedale bald in fast jedem Song der Yardbirds ein. Ein berühmtes Beispiel ist das Riff aus ‚Heart Full Of Soul‘. Aus heutiger Sicht klingen diese Gitarren klein und harmlos. Aber damals war das eben der letzte Schrei. Für Jimmy Page war jedenfalls auch der Besitz eines solchen Pedals der Start zum endgültigen Durchbruch. Das Fuzz-Pedal wurde bis hin zum Led-Zeppelin-Klassiker ‚Whole Lotta Love‘ sein Markenzeichen.

Gary Hurst Tone Bender Version 1 Reissue

Die Entwicklung von Roger Mayer wurde noch im selben Jahr von einem Elektroniker namens Gary Hurst aufgegriffen und verfeinert. Ebenfalls für Page und Beck fertigte er die ersten Tone-Bender-Pedale noch als Einzelstücke im Holzgehäuse. Mit dem Tonebender 1, 1.5, 2 und 3 entwickelte er das Pedal stetig weiter und vertrieb über Macceri die Pedale bald europaweit. Pete Townshend verwendete die Box bei The Who, die Beatles entdeckten die Fuzz Box etwa für ‚Paperback Writer‘ oder ‚Birthday‘, Sid Barrett und David Gilmour bei Pink Floyd und schließlich Mick Ronson bei David Bowie.

Jeff Beck benutzte seine Tone-Bender-Pedale nach eigener Aussage bis 1976 auf seinem ‚Wired‘-Album: „Meist spielte ich dort über einen kleinen Fender Princeton mit einem Tone Bender oder einem Colorsound Overdriver.“

Colorsound Powerboost wie Jeff Beck es verwendte

Die berühmteste Aufnahme mit einem Fuzzface ist jedoch wahrscheinlich ‚Satisfaction‘ der Rolling Stones, auf der Keith Richards das Hauptriff über einen Meastro Fuzz abfeuerte. Vielleicht könnte man diesen Song sogar als offizielle Geburtsstunde der verzerrten E-Gitarre bezeichnen.

Jimi Hendrix war ebenfalls ab 1967 ein begnadeter Fuzz-Face-User. Auch er wurde von Roger Mayer bedient, der seine Pedale mittlerweile in die in Hammerschlag lackierten „Tellerminen“ unterbrachte. Der recht dünne und harsche Sound der Fuzz-Pedale erforderte jedoch ein gehöriges Maß an Kreativität der Gitarristen. Nicht jeder konnte damit umgehen. Die üblicherweise verwendeten Germanium-Transistoren neigten zudem zu starkem Rauschen und veränderten je nach Betriebstemperatur ihren Sound.

Gegen Ende der Siebzigerjahre wurde der Fuzz-Tone durch neue Pedale mit Dioden-Klipping abgelöst. MXR, Boss und Ibanez waren deren Urväter. Nach dem Macceri Colorsound Overdriver (dem ersten richtigen Overdrive-Pedal) übernahmen der DS-1 von Boss und der Ibanez Tube Screamer das Regiment für einen neuen Sound, der vor allem von Gitarristen wie Steve Lukather (California Overdrive), Buzz Feiten, Carlos Santana oder Michael Landau geprägt wurde.

Für Punk-Musiker oder auch Virtuosen wie Eric Johnson blieb das Fuzzface bis heute die erste Wahl. Mittlerweile gibt es auch in diesem Bereich wieder jede Menge Pedale und Neuauflagen alter Klassiker, die an die ersten Tage der Fuzz-Tones anknüpfen. In der nächsten Folge beschäftigen wir uns mit den bekanntesten und begehrtesten Highlights aus der Overdrive-Szene.

In diesem Sinne …

Udo Pipper


(erschienen in Gitarre & Bass 06/2022)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. Schöner Beitrag von U. Pipper , habe selber ein paar Dinos aus der Zeit wenn auch nicht aus den 60 gern , aber 1 Shin – Ei Champion Fuzz , 1 Jumbo Tone Bender von Colorsound , MXR Distortion + Script Logo , verschiedene Tube Screamer , also die bekannten alten Geräte , sie klingen wirklich anderes als heutige Pedale , ich finde aber die altes Bender kann man auch nur für Oldies der 60 ger verwenden , außer man ist sehr jung und komponiert eigenes , als Cover Musiker mit Baujahr 60 passen eben doch eher z.B. TS , Boss Zerrer , the Rat , Marshall MK1 Sachen usw. Für klassisches der 70 ger Jahre wie Status Quo , später Brian Adams , Bon Jovi , aber ja , die alten Pedale mit ihrem knurrigen oder sägenden Klang haben unglaublichen Charme , jedenfalls für mich , ich freue mich auf neue Beiträge von Overdrives
    Musikalische Grüße , Rainer N.

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  2. Hi, nun der Colorsound “Overdriver” bzw “Powerboost” war zunächst ein 2-stufiger DC-gekoppelter Si- Booster, den man mit Hilfe der variablen Gegenkopplung in einen Fuzz-Bereich steuern konnte. Die Schaltung war aber im Vergleich zum FF oder auch dem Mk1.5 Schaltkreis aufwendiger und „neuzeitlicher“ – weniger „antiquiert“ – ´70er style eben, sodass – wenn man das Gain der Vorstufe hoch einstellte und fuzzen ließ, der Sound „kultivierter“ ablief. Nach besagter zwei-stufigen Elektrik folgte ein aktives Klangnetzwerk, nach Baxandell Typus. … sehr luxuriös …. Von daher, mit all seinen Features, würde ich dieses Pedal – ungeachtet seines Namens, elektrisch nicht zu den Overdrives zählen, da die Overdrive-typische „Dioden-in-der-Gegenkopplung“ Struktur nicht vorhanden ist. Aber trotzdem, das Pedal war ein Renner, wie unzählige user beweisen….
    Grüße,
    Bernd

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