Produkt: Gitarre & Bass 04/2020
Gitarre & Bass 04/2020
Test: Ibanez RG6PPBFX Premium, Jackson RRT3 & JS32T, Orange The Bass Butler u.v.m. +++ Story: Back In Black: The Black Crowes +++ Auf Sinatras Spuren: Robert Cray +++ Showroom-Eröffnung: Guitardoc Vintage & LuK Guitars +++
Die legendären Jahrgänge

Parts Lounge: Das PAF-System Teil 2

Es ist nun schon knapp 15 Jahre her, dass ich an dieser Stelle 19 PAF-Replika-Pickups vorgestellt habe. Kaum zu glauben, was ich mir da angetan habe. Alle einlöten, einstellen und durchhören. Ab Pickup Nummer 5 hat man bereits vergessen wie Nummer 1 geklungen hat.

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Ich habe daher Aufnahmen gemacht und ins Netz gestellt. Irgendjemand schrieb damals dazu: „Was soll das? Die klingen doch alle gleich!“ Wohl wahr! Im mp3-Format und über Computer-Lautsprecher waren die Unterschiede äußerst gering. Nicht so im Studio, und vor allem dann, wenn man selbst spielt. Natürlich neigt man dazu, die Unterschiede durch seine Spielweise zu kompensieren. Aber ich kann mich gut erinnern, dass sich alle Sets unterschiedlich „anfühlten“, anders auf Anschlag und Amp-Einstellung reagierten.

Natürlich hat jeder seine eigene Vorstellung, wie ein Vintage-PAF-Tonabnehmer klingen sollte. Und doch kommt jede Woche mindestens ein Gitarrist in meine Werkstatt und fragt nach einem besseren Set. Die Ansprüche sind hoch und sicher in den letzten Jahren noch gestiegen. Der eine möchte einen frischeren Front-Pickup, der andere mehr Dampf in der Bridge-Position und der nächste möchte eine Les Paul, die eigentlich wie eine fette Telecaster klingt… Und die Zeiten, in denen man schnell mal die paar Pickups auf dem Markt kauft und durchhört sind endgültig vorbei.

Würde ich heute so eine Übersicht wiederholen wollen, könnte ich locker 100 Pickups bestellen. Wer soll da noch durchblicken? Manche Hersteller haben allein schon zehn unterschiedliche, in Nuancen voneinander abweichende Modelle im Angebot.

Daher beginnen wir hier noch einmal mit dem Grundsätzlichen. Schließlich hat sich an den Vorbildern seither nichts verändert. Die Rede ist von den legendären PAF-Pickups aus den Jahren 1957 bis etwa 1962. Je mehr sich einige Hersteller auch mit den unterschiedlichen Baujahren befassen, desto feiner werden auch die Abstufungen bei den angebotenen Repliken. Da heißt es beispielsweise, dass ein 57er-PAF ganz anders klingt als einer von 1959 oder einer von 1962.

PAF-Replika Pickup mit verschiedenen alten Magneten

Da hört dann für die meisten Liebhaber schon der Spaß auf. Schließlich hat kaum noch jemand Zugang zu solchen Pickups, erst recht nicht gleichzeitig zu allen unterschiedlichen Baujahren. Und dann fängt man an, YouTube-Videos anzuschauen. Aber das nützt wenig, denn auch hier hört man ja in erster Linie den Spieler und nicht die Pick-ups. Das hört man besonders da gut, wo berühmte Les Pauls wie etwa Bernie Marsdens 1959er „The Beast“-Les Paul von unterschiedlichen Gitarristen vorgestellt werden.

Jedes Mal ist das ein neues Erlebnis. Der eine stimmt Jazziges an, der nächste spielt Blues-Licks, ein anderer rockt deftig drauf los und wieder ein anderer schreddert High-Gain-Licks. Wo ist da der PAF-Sound? Irgendwo in der Mitte? Zu dumm, dass man da nicht selber mal ran darf, um sich sein eigenes Urteil zu bilden.

Ich hatte schon Kunden hier, die sich von meinem PAF-Set (für immerhin knapp 5000 Euro gekauft) völlig unbeeindruckt zeigten. Denen war das 57er-Replika-Set oder ein Burstbucker lieber. Dann gibt es Kunden, die schwören auf Seymour Duncan, weil Angus Young sie spielt und natürlich Robben Ford. Für andere muss es unbedingt ein Kloppmann-Set sein, weil diese Pickups schon in der Strat so schön klingen. Und natürlich kommen da jede Menge „Detektive“, die aus dem Les-Paul-Forum den neuesten Geheim-Tipp erfahren haben wollen und in den USA das hippe, natürlich auf einer alten Original-Wickelmaschine entstandene Wunder-Set bestellt haben.

Neulich äußerte einer meiner Kunden den Wunsch, dass es doch irgendwo einen Shop geben müsste, in dem 100 Les Pauls mit allen erhältlichen Pickup-Sets stehen sollten. Vielleicht mal eine Anregung für einen Master-Class Workshop auf dem Guitar Summit. Nein, nur ein Scherz. Wer will sich das antun? Und wie wir alle wissen, entfernt kein mir bekannter Sammler die Pickups aus seiner Vintage-Les-Paul, nur um zu probieren, wie sie mit einem Kloppman- oder Amber-Set klingt. Diese Erbsenzählerei ist schließlich auch Teil des Hobbys. Gerne treffen sich Les-Paul-Spieler, diskutieren und vergleichen ihre Geheimtipps. Das macht ja auch Spaß! Wer ist näher dran? Nur fehlt meist ein altes Original-Set zum Gegenhören.

Aber wie muss es denn nun wirklich klingen? Ich habe mich in den vergangenen Wochen nochmals intensiv damit auseinandergesetzt und zahlreiche Original-Sets mit aktuellen Repliken verglichen. Und da ich nach all dem immer noch keinen perfekten Tipp auf Lager habe, versuche ich es mal mit einer Annäherung.

Zunächst habe ich mich mit alten Sets beschäftigt. Und da war ich, mit Ausnahme meines eigenen Sets, das von 1962 stammt, auf Leihgaben von Sammlern angewiesen. Darunter waren 57er-, 58er- und 59er-Sets, natürlich alle in die jeweils zugehörigen Gitarren eingebaut (57er-Les-Paul-Standard-Goldtop, 58er-ES335 und 59er-Les-Paul-Standard). Und hier konnte ich wirklich feststellen, dass es da teils erhebliche Unterschiede gab.

Der legendäre 57er-PAF

Das Set von 1957 (mein erklärter Liebling) klang recht zahm und etwas leiser als alle übrigen Sets. Dafür war der Ton mit diesen Pickups unvergleichlich schmatzig, heißer und schmutziger. Die Mitten sind etwas weniger ausgeprägt als bei den Folgejahren und im ersten Eindruck meint man, dass man es da tatsächlich mit heißeren Telecaster-Pickups zu tun hat.

In Puncto Dynamik waren diese Pickups eher zurückhaltend, dafür überzeugen sie mit einer auffallend deutlichen Kompresssion, die sie an praktisch jedem Amp gut klingen lässt. Sogar über einen Silverface Twin Reverb mit JBL Lautsprechern. Da tut einfach nichts weh! Und sie sind kinderleicht zu spielen. Das heißt, der Spieler wird wenig gefordert. Der süße Vintage-Ton kommt anscheinend wie von selbst. Gary-Moore-Riffs oder gar AC/DC-Sounds sind überhaupt nicht ihr Terrain.

Ich konnte dieses Set sogar in mehreren Reissue-Les-Pauls testen. Auch das funktionierte vortrefflich. Unter Berücksichtigung der in der letzten Folge beschrieben Potentiometer- und Tone-Kondensator-Ausstattung, klangen diese Gitarren tatsächlich „alt“ – das heißt rauchiger, angenehmer und authentischer.

Das Set von 1958 entpuppte sich als eine Art Riff-König, denn es erlaubte diese unglaublich tiefe Darstellung fetter Akkorde, ohne dabei zu matschen. Der Sound war dunkler und mächtiger als beim Vorgänger, litt aber nicht unter diesem vor allem bei modernen Humbuckern bemängelten Mulm. Das war schon beeindruckend. Die verführerischen Umlaute (Ü, Ö und Ä) des Vorgängers fehlten fast gänzlich. Im Vordergrund stand stets das für alle möglichen Riffs so gesuchte Brett. Unumstößlich und markant.

Das 59er-Set hatte diese unverkennbare Allman-Brothers-Geige im Ton. Bei fetten Riffs war es kaum besser als ein Custom-Bucker-Set von Gibson, aber für Solo-Linien wohl unschlagbar. Es präsentiert wie kaum ein anderes Set diesen typischen PAF-Bloom beim Saitenziehen und diese knochentrockenen, aber immer an Streichinstrumente erinnernden Bässe. So gesehen vereint es tatsächlich die Tugenden aller Sets in einem einzigen Baujahr.

Vielleicht lag vieles von dem auch an der nahezu magischen Qualität der 59er-Les-Paul. Das ist mit Sicherheit zu berücksichtigen, denn ich konnte diese Pickups nicht herausschrauben und einzeln testen. Die harmonische Ausprägung (man meint stets, da sei ein leichter Chorus auf dem Sound) und der wohlbekannte kehlige Grundton dieser Pickups erklären auch dem ungeübten Zuhörer, warum dieses Baujahr den Zenit der Legenden darstellt. Wer immer das an einem guten Amp bei mir zu hören bekam, war verzückt, egal ob Jazzer oder Hardrocker.

Mein eigenes Set von 1962 besitzt zwar immer noch den Stallgeruch aller Vorgänger, markiert aber eindeutig schon das Ende dieser goldenen Ära. Es klingt nicht so glockig wie die 57er, nicht ganz so trocken und fulminant wie die 58er und auch nicht so kehlig wie das 59er-Set – dennoch immer noch erstklassig, denn es vereint die scheinbar widersprüchlichen Eigenschaften Klarheit und Schmutz, wie man das von einem PAF-Pärchen erwartet. Der typische Charakter bleibt auch hier immer noch erkennbar. Immerhin sind sie aus der gleichen Baureihe wie Claptons 65er-SG- oder 64er-ES-335-Pickups, die man auf vielen Cream- oder Blind-Faith-Aufnahmen hört.

Das 62er-PAF-Set

Die Gründe hierfür liegen für den Kenner klar auf der Hand, sind für den Laien aber oft schwer zu verstehen. Es gab jedoch auch in den goldenen Jahren unterschiedliche Drähte, Magnete und Wickelmaschinen. Sogar der Carbon-Gehalt der Polepiece-Schrauben, die Legierung der unterseitigen Bobbin-Schrauben oder die Zusammensetzung der Bobbins selbst sollen eine Rolle gespielt haben. All diese Unterschiede werden mittlerweile von den Premium-Herstellern berücksichtigt.

Man kann jetzt natürlich zum Hörer greifen und Wolfgang Damm (Amber Pickups) oder Andreas Kloppmann dazu Löcher in den Bauch fragen. Noch besser ist es jedoch, sich ganz in Ruhe vom Halbwissen zum Experten zu lesen.

Ich habe dazu ein Buch geschenkt bekommen, dass in unnachahmlicher Ausführlichkeit die ganze Welt der PAF-Mythen abhandelt. Es heißt ‘„P.A.F“ Humbucking Pickup’, wurde von Mario Milan und James Finnerty verfasst und erschien bei Hal Leonard. In den USA kostet es circa 30 Dollar. Und die sind fantastisch angelegt, sollte man sich für dieses Thema interessieren. Auf 175 Seiten werden sämtliche Parameter von PAF-Pickups erläutert und in ihren Auswirkungen auf den Klang beschrieben. Mehr geht nicht!

„P.A.F.“ Humbucking Pickups – das Buch

In der nächsten Ausgabe widmen wir uns exemplarisch empfehlenswerten PAF-Repliken und vergleichen diese mit den Originalen. Bis zum nächsten Mal!

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2019)

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