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Julia’s Bass Lab: Üben – Get out of your comfort zone!

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Die meisten von uns haben vermutlich den Wunsch, sich an ihrem Instrument zu verbessern, und in diesem Sinne richtet sich diese Folge meiner Kolumne nicht nur an Bassist:innen. Aber wie steigern wir uns eigentlich am besten in unseren Fähigkeiten und welche Lernmethoden sind wirklich effizient?

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Fangen wir vorne an: die Forschungsergebnisse des schwedischen Psychologieprofessors K. Anders Ericsson und des Wirtschaftsredakteurs Robert Pool zeigen zunächst einmal, dass jeder in der Lage ist, professionell zu arbeiten, wenn er bereit ist, die Grenzen seiner Fähigkeiten durch bewusstes Lernen beharrlich zu erweitern. Dabei spielt das unmittelbare Feedback eine große Rolle. Wie übe ich eigentlich?

DAS TALENT

Talent und Begabung werden laut Ericsson völlig überschätzt. Die Ergebnisse zeigen, wer gezielt übt und arbeitet, wird auch belohnt (siehe Abb. 1). Die X-Achse beschreibt das Alter, die Y-Achse die Übungsstunden. Bis zum Beginn des Musikstudiums an einer Hochschule haben die Studierenden insgesamt ca. 10.000 Stunden geübt. Interessant ist auch die Kurve im siebten Lebensjahr. In diesem Alter üben die angehenden Profis etwa doppelt so viel wie die Amateure.

Drei Faktoren sind dafür ausschlaggebend: der eigene Antrieb (die Motivation), die Unterstützung der Eltern und die Beziehung zwischen Lehrer und Schüler. Sich mit aller Kraft anzustrengen, führt oft nicht weiter, auch wenn man an seine Grenzen geht. Es gibt andere, ebenso wichtige Aspekte des Übens und Trainierens, die oft übersehen werden.

Gezieltes Üben hat sich in allen untersuchten Bereichen als der effektivste und effizienteste Weg zur Verbesserung der eigenen Fähigkeiten erwiesen. Es geht nicht darum, sich mehr anzustrengen, sondern sich anders anzustrengen. Es geht also um die richtige Technik. Die beste Methode, ein Hindernis zu überwinden, besteht darin, es aus einer anderen Richtung anzugehen als bisher. Verlasse deine Komfortzone und gehe konzentriert vor, mit klaren Zielen.

ICH WILL SCHNELLER SPIELEN KÖNNEN!

Folgende Situation: Ganz vorbildlich übe ich einen Sechzehntel-Lauf mit Lagenwechsel zunächst ganz langsam mit Metronom und erhöhe das Tempo allmählich. Durch die sukzessive Temposteigerung erreiche ich ein ganz passables Tempo, komme aber über eine bestimmte Grenze nicht hinaus. Mir fehlen noch 10 bpm, um mein gewünschtes Ziel zu erreichen.

Warum erreiche ich mit dieser Methode nicht mein Zieltempo? Ich habe mit großer Wahrscheinlichkeit die falsche Bewegung fixiert. Da wir die Passage sehr langsam begonnen haben, war die Korrektur in jeder Phase der Ausführung möglich (closed loop). Um aber das gewünschte Endtempo zu erreichen, hätte ich früher anfangen sollen, die Noten als Bewegungsmuster zu sehen, das sogenannte Chunking.

Damit habe ich eine schnelle, ballistische Bewegung, wobei ich die Töne eben nicht mehr in jeder Phase korrigieren kann (open loop). Das kann man sich wie den Übergang vom Gehen zum Laufen vorstellen. Beim Gehen erreiche ich nur eine bestimmte Geschwindigkeit, egal wie sehr ich mich anstrenge. Laufen erfordert einen anderen Bewegungsablauf.

JE MEHR DESTO BESSER?

Schon mal vom Penelope-Effekt gehört? Als Penelope-Effekt bezeichnet man das Nachlassen der Effektivität beim Üben. Wenn ein Musiker übt, verbessert er zunächst seine Fähigkeiten, was in Abb.2 an der steil ansteigenden Kurve des Übungseffekts zu erkennen ist. Mit zunehmender Anzahl der Übungseinheiten wird die Kurve flacher und fällt schließlich ab.

Nach dem Musikmediziner Eckart Altenmüller führt also eine zu hohe Wiederholungszahl der zu übenden Abläufe nicht nur zu keiner weiteren Leistungssteigerung, sondern sogar zu einer Abnahme oder Verschlechterung der bereits erworbenen Fertigkeiten. Zuerst ermüdet die Muskulatur, dann verschlechtert sich die Koordination. So können sich Fehler und Ungenauigkeiten einschleichen, die dann im Bewegungsgedächtnis gespeichert werden.

Die Kunst besteht darin, im richtigen Moment aufzuhören. Das ist jeden Tag und zu jeder Tageszeit anders. Je nachdem, welche Technik oder welches Stück ich übe, brauche ich früher oder später eine Pause. Da muss man flexibel sein und auf seinen Körper hören. Optimal wäre es, sich in den Pausen mit etwas anderem zu beschäftigen und danach mit einem neuen Übungsthema weiterzumachen, das auch eine andere koordinative Fähigkeit erfordert.

Zum Beispiel zuerst eine Slap-Übung und danach eine Arpeggio-Übung für die linke Hand. Es ist besser, für eine kürzere Zeit auf einem 100%-Niveau zu üben, als für eine längere Zeit auf einem 70%-Niveau.

ÜBUNGSBUCH, AUFNAHMEGERÄT, METRONOM

Drei Dinge dürfen in meinen Übungsstunden auf keinen Fall fehlen. Mein Übebuch zur Dokumentation von Tempo, Technik, Song und meinen Übezielen, ein Metronom und das Smartphone im Flugmodus mit Aufnahmefunktion. So kann ich am Ende meiner Übungseinheit die Basslinien aufnehmen, anhören und für die nächste Übungseinheit festlegen, was ich noch verändern möchte.

SCHEINWERFER DER ROTIERENDEN AUFMERKSAMKEIT

Der Cellist Gerhard Mantel beschreibt in seinem Buch ‚Einfach Üben‘ die Methode der rotierenden Aufmerksamkeit. Dabei geht es darum, eine bestimmte Stelle auszuwählen und diese mit vorher festgelegten Zielen in einer Schleife auf verschiedene Weise zu üben. Einmal konzentriere ich mich nur auf das Timing, dann auf die Phrasierung und zum Schluss zum Beispiel auf meinen Ausdruck/meine Bühnenpräsenz. So habe ich die Möglichkeit, jeden einzelnen Aspekt bewusst zu steuern. Durch eine leicht andere oder sogar deutlich veränderte Wiederholung kann neue Aufmerksamkeit gewonnen werden.

VORHÖREN

Der Lernprozess ist eng mit einer klaren und genauen inneren Vorstellung verbunden, denn das Gehirn übermittelt die Informationen über ein Vorstellungsbild an das zentrale Nervensystem weiter, wodurch Bewegungen eingeprägt und anschließend nur mithilfe der Vorstellung optimal ausgeführt werden können. Eine Klangvorstellung wird durch das Vorspielen der Lehrkraft oder durch Hörerlebnisse wie Konzerte oder Tonaufnahmen vermittelt, später kann mithilfe analytischer und interpretatorischer Fähigkeiten eine eigene Klangvorstellung gebildet werden.

PERFORMATIVE – DER AUDIOVISUELLE INTERPRET

Achtest du darauf, wie du aussiehst, wenn du spielst? Gerade bei Laien wird der Höreindruck zusätzlich mit dem visuellen Eindruck verknüpft. Dazu gibt es eine sehr interessante Studie von Friedrich Platz, Professor für Musikpädagogik und Musikpsychologie in Stuttgart. Er hat beim Internationalen Joseph Joachim Violinwettbewerb in Hannover alle Teilnehmer:innen vom Betreten der Bühne bis zum Ansetzen der Geige gefilmt. Das heißt, auf den Videos war kein einziger Ton der TeilnehmerInnen zu hören, nur der Auftritt.

Danach sollten die Bewerter:innen ausschließlich aufgrund des Auftritts entscheiden, wer den Preis gewinnt. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Bewerter:innen erkannt haben, wer den Preis gewinnt, war signifikant hoch. Das Auftreten und die Gestik sollten also auch geübt werden. Wie möchte ich mich auf der Bühne bewegen und wie möchte ich wahrgenommen werden? Üben ist etwas extrem Tolles und eine Quelle des Glücks, die es zu erforschen lohnt. Viel Erfolg dabei!

Anregungen und Kritik kannst du gerne unter juliasbasslab@gmail.com loswerden!

(erschienen in Gitarre & Bass 06/2023)

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