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Hot Rod Mod: Sessionette 75

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Der Sessionette 75 – klein aber oho (Bild: Marc-Oliver Richter)

Unser heutiges Bastelbeispiel ist 80er-Jahre pur. Zudem repräsentiert der kleine Brüllwürfel eine sehr schöne Zeit meiner Jugend. Also Vorsicht: Es könnte ein bisschen emotional werden.

Denn zu meinen besten Schülerband-Zeiten gab es auch einen Auftritt gemeinsam mit unserem damaligen Englischlehrer, der nebenher in einigen angesagten Rockbands sang und Gitarre spielte. Zu den Proben kam er mit einem Sessionette 75, aus dem er mit seiner Les Paul Junior erstklassige Blues- und Rocksounds herausholte.

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Wobei man fairerweise sagen muss, dass sich die Soundauswahl eigentlich nur auf jeweils einen erstklassigen Zerrsound und einen sehr guten Clean-Sound beschränkte – nicht, dass hier jemand meint, der Sessionette wäre ein Ausbund an Vielseitigkeit, da sind wir heute anderes gewöhnt. Aber in meinen damaligen Ohren klang das jedenfalls alles super – und laut war der Kleine, mein lieber Mann! Die 75-Watt-Angabe im Namen ist definitiv keine Übertreibung.

Innen ist alles gut aufgeräumt und kompakt untergebracht. Die kleine Accutronics-Spirale ist links, der dicke Ringkerntrafo auf dem Gehäuseboden. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Umso verblüffter war ich dann, als sich herausstellte, das der Sessionette ein Transistorverstärker war. Wenn man bedenkt, dass in den 70er- und 80er-Jahren die Klangunterschiede zwischen der recht neuen Transistor- und der bewährten Röhrentechnik gerade bei verzerrten Sounds noch deutlich größer waren als heute, kann man die Verblüffung vielleicht verstehen. Natürlich besorgte ich mir später auch einen Sessionette für meine Sammlung. Als die klassischen Transistorverstärker Anfang der 2000er im Zuge der Modelling-Begeisterung zum alten Eisen gehörten, gab es Klassiker wie den Sessionette auch schon mal für sehr kleines Geld.

Heute werden die kompakten Combos wieder zu Liebhaberpreisen zwischen 250 und 350 Euro gehandelt. Defekte Exemplare gibt es natürlich billiger. Ein typischer Defekt sind z. B. auch krachende und knackende Potis, denn die verbauten Original-Potis haben nach 40 Jahren ihren Zenit oft schon überschritten. Das ist auch das Problem meines Sessionette, dem wir uns heute widmen wollen.

Das Verstärkermodul ist auf die Gehäuserückwand montiert, die auch gleichzeitig als Kühlfläche für die Leistungstransistoren dient. (Bild: Marc-Oliver Richter)

BRITISH BOOGIE

Die Geschichte des Sessionette ist im Internet gut dokumentiert. Auf der Seite www.award-session.com hat Steward Ward, der Entwickler des Sessionette, so ziemlich alles zusammengetragen, was es zu dem Verstärker zu sagen gibt. Über die Website werden auch Ersatzteile angeboten und Schaltpläne zur Verfügung gestellt. An dieser Stelle daher nur die Kurzusammenfassung:

Der Sessionette 75 ist mit Abstand das bekannteste Produkt der Firma Award Session. Er wurde von 1981 bis 1988 in England in mehreren Versionen gebaut. Neben dem 1x12er Standard mit anfangs Fane- und später einem Celestion-G12K-85-Lausprecher, gab es auch 2×10-, 2×12- und 1×15-Modelle. Auch hinsichtlich des Gehäuse- und Frontgrillbezugs gab es Varianten. Mein Exemplar scheint mit seinem schwarzen Tolex und dem „Fischnetz-Frontgrill“ ein 84er-Modell zu sein. Die Schaltung blieb in der gesamten Produktionszeit grundsätzlich gleich. Lediglich das Endstufenmodul wurde nach einigen Jahren gewechselt.

Entwickelt wurde der Sessionette für den Musiker, der mit einem möglichst kleinen aber leistungsfähigen Verstärker in der damaligen Londoner Pub-Szene von Gig zu Gig fährt. Tatsächlich ist der Verstärker – obwohl er kaum größer als der verbaute Lautsprecher ist – ein ernstzunehmender Spielpartner. Auch die Regel- und Anschlussmöglichkeiten waren die eines ausgewachsenen Verstärkers der 80er.

Clean- und Cruch-Kanal teilen sich eine aktive Klangregelung, die auch per Schalter zu einer Voreinstellung deaktiviert werden kann. Der Zerrkanal hat zudem noch ein Filter-Poti, das den Ton bluesig-dumpf bis rockig-grell formen kann. Die beiden fußschaltbaren Kanäle können nicht nur separat gewählt werden, sondern auch zusammen, also übereinander gelegt werden, was einen einzigartigen Zerrsound ermöglicht. Das Signal kann über einen regelbaren Monitorausgang und einen Kopfhörerausgang abgegriffen werden.

Der Sessionette hat alle wichtigen Anschlüssen an Bord. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Abgerundet wird das Angebot, durch einen Einschleifweg, einen weiteren Lautsprecherausgang und einen Accutronics-Federhall. Der Sessionette schlug in den 80ern ziemlich erfolgreich auf dem europäischen Markt ein und erspielte sich mit seinen cremigen Leadsounds den Ehrentitel „British Boogie“.

Insgesamt sollen ca. 50.000 Stück verkauft worden sein. Bekannte Sessionette-Nutzer waren z. B. Jan Ackermann von Focus, Bluesgitarrist Roy Buchanan und die deutsche Jazzlegende Coco Schumann. Eric Clapton soll den kleinen Bruder des Sessionette 75, den Rockette 30, auf seinem 1986er-Album ‚August‘ gespielt haben.

ALT ODER NEU

Mein Modell macht beunruhigende Geräusche und Lautstärkesprünge, die auf verschlissene Potis deuten. Nachdem ich die Potis erstmal intensiv mit Deoxit gereinigt habe, allerdings ohne überzeugenden Erfolg, muss nun also doch der große Aufwand betrieben werden: Die Potis müssen getauscht werden. Die Original-Potis von Omeg sind als Ersatz nicht mehr in allen Ausführungen zu bekommen. Mittlerweile wurde die Produktion eingestellt. Auf der Internetseite von Award-Session wird zwar angeboten, die Potis zur Reparatur zuzuschicken, damit sie für 4,70 Pfund das Stück ein „Re-track“ bekommen. Das erscheint mir aber nicht nur zu teuer, sondern auch technisch gesehen weniger sinnvoll als den kompletten Potitausch gegen gute Alpha-Potis. Ich weiß, es gibt auch andere Meinungen in Sammlerkreisen, aber m. E. sollte bei der Werterhaltung eines Sammlerstücks die Funktionalität Vorrang vor dem Bewahren der Originalteile haben.

Ein Alpha-Poti und ein Omeg-Poti im Vergleich. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Die Bestellung der 16-mm-Alpha-Potis mit geradem Printanschluss ist schnell gemacht. Ich habe auch gleich ein Set Potiknöpfe mitbestellt, da die originalen Knöpfe ohne Aufbohren nicht mehr passen werden. Das Ausbauen der Platine ist dann aber eine ziemlich mühsame Angelegenheit.

Um an die Potis heranzukommen muss die Vorstufenplatine (rechts) ausgebaut werden. Die Endstufenplatine kann gerne drinbleiben. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Der Lötkolben muss schon sehr frühzeitig ran, um die Platine von den Verbindungskabeln zu befreien. Die werden am besten an den Lötstiften der Platine abgelötet. Um nachher alles nochmal richtig zu verkabeln, sollte man bereits von Beginn an die Arbeitsschritte mit Fotos dokumentieren.

Die ausgebaute Vorstufenplatine (Bild: Marc-Oliver Richter)

Ist die Platine endlich vom Gehäuse befreit, können von der Rückseite her die Potis ausgelötet und sukzessive durch die neuen Alpha-Potis ersetzt werden. Die Werte sind auf den alten Potis noch gut ablesbar: Reverb: 10k lin, Bass 220k log, Middle 10k lin, Treble 220k lin, Gain 10k log, Filter 10k lin, Gain 2 10k log, Gain 1 470k log.

Die Bauteilewerte sind auf den alten Omeg-Potis noch gut zu erkennen. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Die Werte der Alpha-Potis passen nicht ganz genau. Statt der originalen 470k nehme ich 500k und statt der 220k dürfen 250k rein. Die kleinen Unterschiede sind nicht wirklich hörbar.

Entlötlitze hilft die Potis schonend auszulöten. (Bild: Marc-Oliver Richter)

Da die Leiterbahnen der Platine sehr dünn und filigran sind, ist beim Aus- und Einlöten Vorsicht geboten. Ein guter Fein-Lötkolben, Entlötlitze oder eine Entlötpumpe, sind hier die richtigen Werkzeuge. Wenn alle Potis getauscht sind, erfolgt der Einbau der Platine und das Verlöten der Anschlusskabel. Da die Alpha-Potis einen kleineren Durchmesser als die alten Omeg-Potis haben, muss man die Vorstufenplatine etwas sorgfältiger ausrichten und die Potis gut festziehen. Die Verwendung der alten Omeg-Federscheiben kann auch bei den Alpha-Potis nicht schaden. Die Nase an den Alpha-Potis, die als Verdrehschutz dient, bricht man einfach mit einem kleinen Seitenschneider oder einer Spitzzange ab. Dann sitzen die Potis auch gerade in den ein wenig zu großen Bohrlöchern.

MODDING

Wenn die Platine wegen der Poti-Reparatur schon mal offen vor uns liegt, könnte man ja noch ein paar Mods ausprobieren. Ein Tipp im Netz besagt, dass für mehr Gain R8 und R9 auf je 100k und C11 auf 22 nF geändert werden sollen. Das solle ca. 15 dB Boost bringen. Die Änderung von R11 3k3 und C18 auf 330nF bringen dann nochmal 10 dB. Statt der 330nF wären auch 220nF für weniger oder 470nF für mehr Bass denkbar. Ich entscheide mich gegen die Mod, da ich mehr Gain für den Sessionette nicht für sinnvoll halte. Für einen moderneren Hi-Gain-Sound würde ich eher einen entsprechenden Verzerrer vor den Cleankanal hängen.

Wer die Mod dennoch probieren will, hat aber etwas Arbeit vor sich. Da die Platine nicht mit den Bauteilenummern beschriftet ist, muss man sich die Bauteile im Schaltplan suchen. Der Schaltplan ist auf der Internetseite angegeben. Stewart Ward bietet aber auch selbst eine Werks-Mod für den Sessionette an, die „Retro-Tone-Mod“ soll die Schärfe aus dem Leadkanal und Brillanz aus dem Clean-Canal nehmen, um den Ton etwas klassischer und mehr vintage klingen zu lassen. Dafür muss das Verstärkermodul nach England geschickt werden, ein Umbaukit wird leider nicht angeboten. Stewart Ward argumentiert, dass er damit seine langjährige Arbeit beim Verfeinern des Sessionette-Tones honoriert haben möchte. Das gilt es m. E. zu respektieren.

Dem wohl oft geäußerten Wunsch nach mehr Bass stellt Stewart Ward übrigens entgegen, dass aus dem kleinen Combo-Gehäuse nicht mehr Bass zu erwarten ist. Dem Vorteil der guten Transportmöglichkeit steht halt der Nachteil der Bassschwäche konstruktionsbedingt gegenüber. Wer mehr Bass will, soll einen externen Speaker in einem großen Gehäuse anschließen. Ja, das ist ein guter Rat und vielleicht der beste „Modding“-Tipp.


(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

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