Workshop

Guitar Basics: Das Potenzial verminderter Dreiklänge

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In den ersten drei Folgen dieser Workshop-Reihe haben wir uns mit Dur- und Moll-Dreiklängen beschäftigt. Und heute lernen wir mit dem Verminderten Dreiklang einen etwas exotischeren Akkord-Typ kennen, der in der Pop- und Rock-Musik nicht ganz so häufig verwendet wird.

Ableiten kann man ihn vom Moll-Dreiklang, der aus dem Grundton (1), der für das Tongeschlecht maßgeblichen Moll-Terz (b3) und einer reinen Quint (5) besteht. Vermindern wir die reine Quint um einen Halbton, wird der Moll-Dreiklang zum Verminderten Dreiklang mit der neuen Formel: 1, b3, b5

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Verminderter Dreiklang Grundstellung

 

Verminderter Dreiklang 1. Umkehrung

Verminderter Dreiklang 2. Umkehrung

 

Beispiel 1 zeigt die drei möglichen Formen von B Vermindert (= Bo ) auf der Saitengruppe G/H/E. Wieder starten wir mit der sogenannten Grundstellung (GS), bei der der Grundton unten, die Moll-Terz in der Mitte und die verminderte Quint oben ist (1, b3, b5). Für die erste Umkehrung (1. UK) wandert der Grundton eine Oktave nach oben (b3, b5, 1), und für die zweite Umkehrung (2. UK) dann die Moll-Terz eine Oktave nach oben (b5, 1, b3).

In einer Dur-Tonleiter finden wir einen Verminderten Dreiklang auf der VII. Stufe, alle anderen aus der Tonleiter gebildeten Dreiklänge sind entweder Dur- oder Moll-Dreiklänge. Beispiel 2 zeigt alle aus der C-Dur-Tonleiter gebildeten Dreiklänge in Noten, Tabs und Griff-Diagrammen. Auch auf die Gefahr hin, dass ich mich wiederhole: Diese Akkorde intensiv zu üben, bis man sie im Schlaf kann, kostet zwar Zeit, die aber gut investiert ist.

Außer der ganz oben geschilderten Möglichkeit, Verminderte Dreiklänge aus Moll-Dreiklängen abzuleiten, gibt es aber noch eine zweite: Wenn man bei einem Durdreiklang (1, 3, 5) den Grundton um einen Halbton erhöht, erhält man ebenfalls einen Verminderten Dreiklang, wie die folgende Abbildung zeigt, in der wir Bb-Dur in B Vermindert verwandeln.

Mit diesem Wissen können wir die zwei mal drei Dur-Dreiklangs-Formen auf den Saitengruppen D/G/H und G/H/E aus der ersten und zweiten Folge dieser Workshop-Reihe (G&B 01/2022 und 02/2022) durch Erhöhen des Grundtons in sechs Verminderte Dreiklangs-Formen verwandeln.

Verminderte Dreiklänge sind das Schweizer Taschenmesser unter den Dreiklängen, man kann sie auf verschiedenste Arten einsetzen und erhält oft sehr wohlklingende und elegante Akkordverbindungen. Beispiel gefällig? Wir suchen eine möglichst nahtlose Connection zwischen den beiden Akkorden C-Dur und D-Moll. Dann verwandeln wir einfach C durch die Erhöhung des Grundtons in C#o , und so entsteht die Akkordverbindung C, C#o , Dm.

(Die Noten können durch Anklicken vergrößert werden)

Beispiel 3 zeigt diese Verbindung in Grundstellung, 1. Umkehrung und 2. Umkehrung. Wenn wir umgekehrt eine elegante Verbindung von Dm zurück zu C brauchen, verwandeln wir D-Moll durch die Verminderung der reinen Quint in D Vermindert und erhalten folgende Akkordverbindung: D, Do , C.

Beispiel 4 zeigt diese wieder in Grundstellung, 1. Umkehrung und 2. Umkehrung.

Und in Beispiel 5 sehen wir eine längere Akkordverbindung, in der Verminderte Dreiklänge als Bindeglieder zwischen den Akkorden funktionieren. Es lohnt sich, mit Verminderten Dreiklängen zu experimentieren und mit diesem Schweizertaschenmesser eigene Akkordverbindungen zu schnitzen. Regeln braucht man dafür eigentlich nicht wirklich, erlaubt ist, was gut klingt und gefällt.

Mit Beispiel 6 wenden wir uns der Praxis zu. Der Mega-Hit ‚All Star‘ der US-Alternative-Band Smash Mouth ist in F#-Dur komponiert. Der Verse besteht aus leitereigenen Dur- und Moll-Dreiklängen. Im Chorus kommt unsere als zweites geschilderte Methode zum Einsatz, in der der Grundton eines Dur-Dreiklangs (hier B-Dur) um einen Halbton erhöht wird. So entsteht B#o , und die simple aber markante Akkordfolge lautet:

| F# B | B#o B |

In Beispiel 7 habe ich die Originallinie von Radioheads ‚Iron Lung‘ auf dem Griffbrett eine Oktave nach oben gelegt. So kommt die Leersaite G zum Einsatz. Im Original wird die A-Saite der Gitarre um einen Ganzton nach unten auf G gestimmt und dann das Signal durch einen Pitch-Shifter um eine Oktave (= 12 Halbtöne) nach oben transponiert, so entsteht der verfremdete Gitarren-Sound. Bis auf das dreistimmige Voicing von G7 (mit F, G und B) kommen nur uns schon bekannte Dreiklänge zum Einsatz.

Im vierten Takt wird Ao in der zweiten Umkehrung arpeggiert und der Griff für Co einfach um drei Bünde nach oben geschoben. Verminderte Dreiklänge klingen spannungsgeladen und etwas düster. Wohl jeder Rock-Gitarrist kennt außerdem das berühmte Intro von ‚Red House‘, einem Slow Blues, den Jimi Hendrix schon vor Gründung seiner Band Experience schrieb.

Beispiel 8 zeigt die ersten vier Takte der Studio-Version, für die er – wie fast immer – seine Gitarre um einen Halbton tiefer auf Eb gestimmt hat. Zunächst stehen die Verminderten Dreiklänge D#o und D in der 1. Umkehrung komplett für sich, erst später im Song wird klar, dass diese nur Teilmengen größerer Akkorde sind, deren Grundtöne der Bass spielt: D#o mit B im Bass ergibt in der Summe den Sound von B7. Do mit E im Bass ergibt in der Summe den Sound von E7b9.

(erschienen in Gitarre & Bass 04/2022)

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