Der goldene Kompromiss

G&B-Basics: Saitenlage

Prüfung des Saitenabstandes der hohen E-Saite (Bild: Jochen Imhof)

Erst wenn die Bundierung, der Halswinkel und die Krümmung stimmig sind, kann mit der Feinjustage der Saitenlage begonnen werden. Sie ist das wohl entscheidende Merkmal, um die Spielbarkeit einer Gitarre zu beurteilen. Meist weiß man schon nach wenigen Sekunden, ob man sich auf einem Instrument wohlfühlt oder eher nicht.

Die Saitenlage ist eine sehr sensible Angelegenheit und kann je nach Geschmack deutlich variieren. Während manche es eher übertrieben flach mögen und dann beim Anschlag hauptsächlich ein undefinierbares Scheppern entsteht, schrauben sich andere die Saiten schön hoch, damit nicht mal ein Ansatz von Schepperei zu hören ist. Der bequeme Spielkomfort scheint in diesem Fall zweitrangig zu sein.

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Der goldene Kompromiss liegt wohl wie immer irgendwo in der Mitte. Das Ziel einer guten Einstellung sollte also sein, eine komfortable Bespielbarkeit mit einer sauberen Tonentfaltung zu paaren. Dafür gibt es am Steg einer Gitarre diverse Einstellmöglichkeiten. Man kann grob drei Arten der Höheneinstellung unterscheiden, bedingt durch die verschiedenen Steg-Bauweisen:

  • Brücken mit Reitern für jeweils zwei Saiten (Vintage-Tele-Bridge)
  • Brücken mit einzeln verstellbaren Reitern (z. B. Vintage-Trems, Einteiler-Brücken etc.)
  • Brücken, bei denen nur die gesamte Einheit in der Höhe verstellbar ist (z. B. Tuneo-matic- und Wraparound-Brücken)
Zwei Einteiler-Brücken mit sechs individuell einstellbaren Saitenreitern (links), oben rechts eine Vintage-Tele-Brücke mit paarweiser Einstellung und rechts unten eine Wraparound-Brücke, die nur insgesamt in ihrer Höhe eingestellt werden kann. (Bild: Jochen Imhof)

Das Einstellen beginnt man am besten mit den äußeren Saiten, wobei die dünne e-Saite tendenziell flacher liegen kann als die dicke E-Saite; denn die braucht mehr Platz zum Griffbrett hin, da sie weiter ausschwingt. Mit den entsprechenden Werkzeugen werden dazu die Saitenreiter dieser beiden Saiten soweit herunter geschraubt, dass beim Anspielen über alle Bünde ein komfortables Spielgefühl entsteht und die Töne ohne nennenswerte Scheppergeräusche sauber ausschwingen können.

Wie oben schon gesagt, setzen wir eine eingestellte Halskrümmung und einen richtig gekerbten Sattel voraus. An das Ergebnis muss man sich langsam herantasten, immer wieder ausprobieren, anspielen, einstellen. Dabei bitte darauf achten, dass die Inbusschlüssel oder Schraubenzieher auch wirklich gut passen und keine Schrauben vergurkt werden. Also vorsichtig sein und niemals Gewalt anwenden!

Ein guter mittlerer Abstandswert, gemessen von der Kuppe des 12. Bundes bis zur darüberliegenden Unterkante der Saite, ist ca. 1,8 mm für die tiefe und ca. 1,4 mm für die hohe E-Saite.

Bei Tune-o-matic- und Wraparound-Brücken ist nun schon Schluss mit der Einstellerei, da diese Brücken feste Einheiten ohne individuelle Höheneinstellung pro Saite bieten. Anders bei den Brücken mit verstellbaren Reitern. Da müssen die zwischen den E-Saiten liegenden Saiten in einer leichten Wölbung dem Griffbrettradius angepasst werden (siehe Zeichnung). Dies kann man mit einem flachen Blick über den Steg sehr gut selbst kontrollieren.

Die Höhe der einzelnen Saiten soll sich der Wölbung des Griffbrettes anpassen, um eine optimale, ausgewogene Saitenlage zu ermöglichen. (Bild: Jochen Imhof)

Apropos Griffbrettwölbung – bei Gitarren mit einem kleinen Griffbrettradius (z. B. 7,25″ bei Fender-Vintage-Necks) kann bei kräftigen Bendings in den oberen Lagen der Ton absterben, weil aufgrund der relativ starken Wölbung die Saiten die benachbarten Bünde berühren. Hier hilft nur, die Saite ein wenig höher zu stellen, da gibt es leider keine andere Möglichkeit. Auch hier muss man sich an den besten Wert herantasten, bis das Bending wieder frei klingt. Flache, modernere Radien sind da entschieden komfortabler einstellbar, nicht umsonst verwendet selbst Fender bei den zeitgenössischen Gitarren größere Werte.

Da fragt man sich, warum es denn überhaupt noch diese Vintage-Radien gibt? Zum einen wollen viele, die auf Vintage-Gitarren stehen, dieses bekannte Spielgefühl, zum anderen gibt es auch tatsächlich einen kleinen Vorteil: Barreé-Akkorde fühlen sich durchaus entspannter an, vor allem in den unteren Lagen, weil die Finger etwas gekrümmter und damit bequemer auf dem Griffbrett aufliegen.

Die meisten Gitarrenproduktionen haben sich jedoch heute auf Werte zwischen 10″ und 12″ eingeschossen, ein weiterer goldener Kompromiss. Aber auch hier gilt: die Geschmäcker sind verschieden. So mögen Shredder sehr gerne dünne, flache Griffbretter mit bis zu 18″-Radius.

Wenn nun beim Ausloten der niedrigsten Saitenlage die Grenze erreicht ist, bei der die Saiten gerade so eben bei härterem Anschlag anfangen zu scheppern, sollte auch noch einmal die Halskrümmung gecheckt werden. Es kann sein, dass sie erneut etwas korrigiert werden muss, um zu einem optimalen Ergebnis zu kommen.

Bei Bässen ist der ganze Ablauf im Grunde gleich, aber wegen der wesentlich dickeren Saiten muss das Ganze natürlich etwas höher eingestellt werden. Hier ergeben sich günstige Abstandswerte von 2,5 mm für die tiefe E-, bzw. 2 mm für die G-Saite.

Grundsätzlich gibt es bei Gitarren-Setups keine konkreten Standardwerte, die man einfach so übernehmen kann; meine Werte sollen lediglich Annäherungs-Charakter haben, aber nicht mehr. Denn jedes Instrument hat durch seine Konstruktion und Materialauswahl sowie unzählige andere Faktoren einen eigenen Charakter, der erheblichen Einfluss auf die Saitenschwingung ausübt. Manche Gitarren zicken auf der Suche nach der optimalen Einstellung richtig rum und zisseln schon sehr früh auf den Bünden. Ein gutes Beispiel dafür sind Gitarren mit Maple-Necks, die bei der Einstellung tendenziell weniger gutmütig sind als ihre Palisander-Kollegen. Wegen ihres etwas perkussiveren Tons geben sie auch Schnarrgeräusche stärker wieder.

Aber auch die verschiedenen Saitenmarken und -arten haben Einfluss auf das finale Einstellergebnis. Also – wer selber Hand anlegen möchte, sollte vor allem ein bisschen Geduld aufbringen. Aber kaputt machen kann man eigentlich nichts, und eine nach der Prozedur gut spielbare Gitarre ist ein reicher Lohn für all die Mühe.


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2014)


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