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Blues Bootcamp: The Blues – From Rock To Jazz

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Die C7-Akkorde spiele ich mit den Fingern (Bild: Fischer)

Hey folks! Als ich 1989/90 am GIT in Los Angeles studiert habe, ging ein für mich lang gehegter Traum in Erfüllung. Obwohl damals schon populäre Gitarristen wie Scott Henderson, Jennifer Batten etc. während meiner Zeit dort unterrichteten, hatte ich mich im Vorfeld schon besonders auf einen Dozenten dort gefreut, der glücklicherweise dann auch recht regelmäßig vor Ort war: Don Mock.

Schon als Teenager hatte ich mir einige seiner Bücher wie ‚Artful Arpeggios‘, ‚Hot Licks‘, ‚REH Hotlines Fusion‘ oder das mittlerweile legendäre ‚TEN‘-Buch besorgt und sie mit meinen begrenzten Fähigkeiten so gut es ging durchgearbeitet.

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Ich werde recht regelmäßig nach meinen gitarristischen Einflüssen gefragt. Für meinen beruflichen Werdegang (als Autor und Lehrer) und die generelle Sichtweise auf die Gitarre waren Don Mock und GIT-Gründer Howard Roberts allerdings viel wichtiger für mich. Ihre Art, komplexe musikalische Themen mit leicht verständlichen Worten darzustellen, hat mich sehr stark geprägt.

Eines von Don Mocks Lieblingsthemen während seiner Open-Counseling-Stunden waren Chord Scales – also Akkordskalen. Ein Thema, von dem ich zuvor noch nie gehört hatte. In seinem 1992 veröffentlichten REH-Lehrvideo ‚The Blues – From Rock To Jazz‘ stellt er dieses Konzept zum ersten Mal außerhalb des GIT-Umfelds vor (neben vielen anderen Dingen). Für diejenigen, die der englischen Sprache nicht so mächtig sind, habe ich in meiner Lick-Of-The-Week-Reihe mal ein ziemlich ausführliches Video dazu gemacht:

Zum besseren Verständnis der Thematik kann ich beide Videos sehr empfehlen. In der Lick-Of-The-Week-Folge geht es um die Anwendung für Rhythmusgitarre im Allgemeinen, hier im Blues Bootcamp geht es um die Anwendung im 12-taktigen Blues.

In Interviews hatte ich pre-GIT häufig davon gelesen, dass Gitarristen wie Joe Pass, Larry Carlton u. a. bei ihren Begleitungen anstrebten, wie ein Bläsersatz oder ein Pianist zu klingen. Ich war vollkommen ahnungslos, wie das wohl funktionieren sollte. Hier kommt die Lösung: Die Idee besteht darin, Akkorden unterschiedliche Töne als höchste Stimme, als Melodieton hinzuzufügen, um dann in einem nächsten Schritt Akkordbegleitungen spielen zu können, in denen sich sozusagen als Nebenbaustelle kleine Melodiebewegungen und Motive befinden.

Um (optische) Klarheit zu schaffen, wechseln wir mal eben kurz von unserer bislang verwendeten Tonart A nach C. Den Akkord C7 findet man als fünften Stufenakkord in der Tonart F-Dur. Spielt man die F-Dur-Tonleiter ab dem Ton C, entsteht automatisch die Tonleiter C-Mixolydisch. Damit gleich unkompliziert Akkord-Voicings hinzugefügt werden können, ist hier diese Tonleiter entlang der H-Saite notiert (Beispiel 1).

(zum Vergrößern klicken!)

Dominant-Akkordskalen Level 1:

Unter diese Noten wird jetzt immer ein C7 Akkord platziert. Dadurch entstehen automatisch an manchen Stellen und durch manche Töne bekannte Akkorderweiterungen (Beispiel 2). Ich persönlich spiele diese Akkorde in der Regel mit Fingern. Siehe Foto. Der Fingernagel meines kleinen Fingers ist übrigens so lang, dass die innere Nagelkante die H-Saite etwas berührt. Dadurch werden die Melodietöne automatisch leicht hervorgehoben.

Dominant-Akkordskalen Level 2:

Um diesen Grundsound etwas moderner zu machen, verändere ich jetzt einige Akkorde: Bei den Melodietönen D und F nehme ich anstelle eines C7 einen Bb-Dur-Dreiklang mit C im Bass. Auf diesen Akkordtyp (Dom9sus11 oder umgangssprachlich 11er-Akkord genannt) bin ich in der letzten Episode schon einmal kurz eingegangen. Zwischen den Melodietönen C, E und G sorgt er für einen angenehm schwebenden Sound.

Bei den Melodietönen G und Bb wende ich ein Konzept an, das diatonische (tonleitereigene) Akkordsubstitution genannt wird.

Dabei wird der C7 einmal durch einen Em7b5 (Melodieton G) und einmal durch Gm7 (Melodieton Bb) ersetzt. Beide Akkorde sind Stufenakkorde der Stammtonart F-Dur. Dies ist ein sehr populärer Vorgang. Vereinfacht gesagt kann man also ohne weiteres – vorausgesetzt man strebt einen etwas weniger traditionellen Klang an – einen C7 durch einen Em7b5 oder einen Gm7 ersetzen. Ein Bbmaj7 würde theoretisch auch funktionieren, kommt in unserem Beispiel nur diesmal nicht vor (Beispiel 3).

Dominant-Akkordskalen Level 3:

In Blues und Jazz ist der Einsatz von chromatischen Durchgangstönen sehr typisch und stilprägend. Setzt man in die mixolydische Tonleiter an einigen Stellen chromatische Durchgangstöne ein, entsteht ein recht vertrauter, leicht jazziger Klang. Pauschal kann man all diese chromatischen Töne mit einem verminderten Septakkord harmonisieren, dessen oberste Note die chromatische Durchgangsnote ist. Ich persönlich finde allerdings, dass der Ton Gb besser mit einem Ebm7b5 klingt. Ist aber Geschmackssache. Ich mag einfach manchmal den Sound gerückter Akkorde (siehe Episode 3). In Beispiel 4 findest du die komplette Version.


An dieser Stelle möchte ich nochmals auf die eingangs schon angesprochene LickOf-The-Week-Folge hinweisen. Da kann man das alles nochmal sehen und hören. So weit so gut. Zurück zum Blues. Der nächste Schritt besteht darin, diese Akkordskalen für C7 in unsere im Blues in A enthaltenen Tonarten A, D und E zu transponieren. Das findest du dann in Beispiel 5.

(zum Vergrößern klicken!)

Da ich es persönlich klanglich nicht so attraktiv finde, Rhythmusgitarre jenseits des 12. Bundes zu spielen, sind einige Akkord-Voicings um eine Oktave nach unten transponiert oder auf andere Saiten verschoben. An dieser Stelle geht es nun zurück in die letzte Episode: einfach eine Grundrhythmik auswählen und sie mit den neuen Voicings kombinieren, kleine Melodien erfinden und sich beim Spielen auf diese konzentrieren. Klingt eigentlich recht schnell recht gut.

Zum Abschluss gibt es in Beispiel 6 wieder einen kompletten Chorus für einen Blues in A. Ich habe ihn diesmal auf meiner Tele gespielt, damit es ansatzweise etwas nach Greg Koch oder Robben Ford klingt. In Takt 4 gibt es einen hübschen Aufgang zu D7, den ich mal von Brian Setzer geklaut habe. Enjoy!

In der nächsten Folge geht es dann ENDLICH mal mit Sologitarre los. Bis dahin, greetings, das pe.


(erschienen in Gitarre & Bass 10/2022)

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