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Blues Bootcamp: Die Sache mit dem Umschaltspiel

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Larry Carlton – Meister in der Umsetzung des Changes-Ansatzes (Bild: McGuire)

Wie? Geht es heute etwa um Fußball? Nee, nicht ganz … oder nur ein bisschen … Für die meisten noch nicht so fortgeschrittenen Improvisierenden stellt sich die Situation in der Regel so dar, dass sie beim Spielen bei einem Konzept/System – meist in Form einer einfachen Tonleiter – bleiben. Das ist auch völlig okay, man ist ja schließlich froh, überhaupt an den Punkt gekommen zu sein, keine falschen Töne mehr spielen zu müssen. Außerdem ist das einfach auch ein in Stilen wie Rock, Pop und Blues sehr populärer Ansatz, mit dem Blues-Gitarristen wie Albert King, Stevie Ray Vaughan und deren Follower Weltkarrieren bestritten haben. Je weiter man sich entwickelt und neue Konzepte dazulernt, desto kürzer wird jedoch die Verweildauer bei jeder einzelnen Idee und man schaltet im Kopf schneller zwischen den jeweiligen Konzepten hin und her.

Damit nähern wir uns diesen beiden Polen beim Improvisieren: Keycenter/Stammtonart vs. Changes spielen (also auf die Akkordwechsel eingehen), wie es im Jazz üblich ist.

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Keycenter vs. Changes

Oh, da war es wieder – das J-Wort! Das Problem mit der Jazz-Improvisation bzw. dem Konzept von Changes-Spielen ist oft Überforderung, und es existieren falsche Vorstellungen, wie das wohl funktionieren soll. Man muss sich Schritt für Schritt an diese Art des Improvisierens herantasten, denn das Umschalten im Kopf von einer Idee oder einem Akkord zum nächsten muss wirklich geübt werden. Das Denken in zweitaktigen Phrasen, das wir in der letzten Episode angesprochen haben, hilft dabei übrigens auch enorm. So braucht man immer nur eine kleine Lösung für zwei Takte zu finden und nicht für eine ganze Songform mit unter Umständen mehreren Tonartwechseln.

Einen ersten Schritt in Richtung Umschaltspiel unternehmen wir diesmal. Die beiden Soli der letzten Episode basierten auf der Grundidee, mehr oder weniger pauschal über das gesamte Blues-Schema eine Blues-Skala zu „denken“. Beeinflusst durch B.B. King findet man bei Blues-Rock-Gitarristen wie Eric Clapton, Peter Green und Mick Taylor gegen Ende der 1960er-Jahre einen deutlich melodischeren Sound in ihren Soli. Heutzutage findet man diese Klänge in weiterentwickelter Form bei Gitarristen wie Robben Ford, Larry Carlton, Joe Bonamassa, Greg Koch, Josh Smith uvm. Möchte man ähnliche Sounds erzeugen wie sie, ist es nötig, den pauschalen Keycenter-Ansatz zu verlassen und sich dem eher jazzigen Ansatz anzunähern. Aber keine Panik – das kriegen wir leicht hin. Schritt für Schritt.

Changes/Jazz zu „denken“ bedeutet übrigens NICHT, dass man dann auch jazzig spielen muss. Alles was Blues-Artikulation betrifft, kann natürlich bleiben wie es ist – später mehr davon.

Dazu empfehle ich auf jeden Fall, mal in die Songs der o.g. Musiker auf der Spotify-Playlist zu dieser Kolumne zu hören.

Der Wechsel zwischen Dur und Moll

Der erste Schritt besteht nun darin, sich von der vertrauten Käseglocke der A-Blues-Skala erstmal zu verabschieden, und pauschal über die I und V im Blues (A7 und E7) die A-Dur-Pentatonik zu spielen und lediglich über IV (D7) die A-Moll-Pentatonik. Doch keine Sorge, es ist kein Abschied für immer, keine Entweder/Oder-Entscheidung, was wir hier angehen, sondern nur eine Option. Die Probleme, die dabei auftauchen, sind: Wie spiele ich die Dur-Pentatonik? Und gibt es griffige, bekannte Licks? Die Lösung: Die Töne der A-Dur-Pentatonik sind identisch mit den Tönen der F#-Moll-Pentatonik. Man braucht also lediglich die Lage zu wechseln von der fünften (A-Moll-Pentatonik) in die zweite Lage (F#-Moll-/A-Dur-Pentatonik). Schau dir dazu Beispiel 1 an.

Dies funktioniert natürlich auch mit den beiden Hauptverkehrsstraßen aus der letzten Episode und allen anderen Fingersätzen. Problem: Normale Bewegungsautomatismen in A-Moll lösen sich gerne auf dem Grundton A auf. In F#-Moll würde man gerne von der Bewegung her auf dem F# auflösen. F# ist über A7 zwar keine falsche Note, klanglich aber eher nur suboptimal. Lösung: Auf der G-Saite im zweiten Bund findet man ein A. Einfach die bekannten Phrasen und Licks etwas modifizieren und dort landen. Oder man zieht einfach das F# um einen halben Ton auf G. Klingt auch gut.

In Beispiel 2 findest du ein sehr einfach gehaltenes Solo, das vielleicht keine Grammy-Nominierung bekommt, aber den Wechsel zwischen Dur und Moll über das einfache Wechseln der Lagen eindeutig demonstriert.

Zurück zur Blues-Artikulation: Zwei echte Gamechanger für mich persönlich waren folgende minimale Justierungen in meinem Spiel: Irgendwann habe ich aufgehört, die kleine Terz der Moll – Pentatonik normal zu spielen. Stattdessen garniere ich sie eigentlich fast immer mit einem kleinen ¼-Ton-Bending. Egal aus welcher Richtung ich komme oder wohin ich gehe. Das nimmt der Pentatonik sofort ihren naiven Klang. Genau genommen bearbeite ich so eigentlich fast jede Note der Moll-Pentatonik, um den Sound etwas unpräziser bzw. stimmenartiger zu machen.

Die nächste Angewohnheit: Ich spiele eigentlich so gut wie keine normale, unbearbeitete Dur-Terz in der Dur-Pentatonik (in unserem Fall der Ton C#) und wenn ich ehrlich bin, auch in keiner anderen Tonleiter, Melodie etc. Fast immer spiele ich vor der Dur-Terz die kleine Terz, entweder in Form eines Slides oder Hammer-Ons. Die Dur-Pentatonik oder andere Tools wie die Durtonleiter, die Mixolydische Skala etc. klingen ja so ganz pur gespielt sehr unbluesig. Diese kleine Veränderung ist wirklich sehr effektiv und gibt jeder Melodie ein gewisses Extra – also mir gefällt das. Praktisch: Die Blue-Note, b5 der F#-Blues-Skala ist rein zufälligerweise dieser Ton C. Dieses Verfahren, also der Wechsel zwischen Dur- und Moll-Pentatoniken klingt auch wirklich hervorragend im Classic Rock im Stile von AC/DC, Kiss, Aerosmith und vielen anderen Bands dieses Genres. Also unbedingt mal über ‚Highway To Hell‘ und Co. ausprobieren!

In Beispiel 3 findest du das Konzept des Dur-Moll-Wechsels kombiniert mit der Road-Map der letzten Episode. Als Auftakt – phrase dient bei diesem Solo Auftaktphrase Nr.2. der letzten Folge. Der Turnaround des aktuellen Solos ist übrigens so etwas wie die durige Version des SRV-Style-Licks aus Takt 9 des zweiten Solos aus der letzten Folge. Die beiden Licks kann man auch schön gegeneinander austauschen. So viel für heute. Enjoy! Im nächsten Heft gibt es eine neue Tonleiter zum Spielen. Freut euch drauf!

(Die Noten können durch Anklicken vergrößert werden)

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2022)

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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Die Blues Bootcamp Reihe von Peter Fischer ist spitze. Sehr verständlich erklärt, auch für Anfänger, Praxisnah mit guten Beispielen. Bitte weiter so.

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