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Bass Basics: Das „Zu früh auf der Eins sein“- Phänomen

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Jeder Bassist hat von Natur aus entweder die Tendenz, leicht vor dem Beat zu spielen, also gerne mal zu früh zu sein, oder eben wie der Volksmund sagt, zu „schleppen“. Der Begriff „schleppen“ beschreibt dann das Zu-Spät-Sein. Wenn du eine der beiden Tendenzen bei dir feststellst, ist das also nichts schlimmes, sondern völlig normal.

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„Von Natur aus“ würde ich als den untrainierten oder auch unbewussten Zustand definieren wollen. Denn beide Tendenzen lassen sich durch gezieltes, methodisches Üben korrigieren. Wie du daran arbeiten kannst, thematisieren wir in der nächsten Folge von Bass Basics. Am Anfang steht natürlich erstmal das Bewusstmachen: Welcher Typ bin ich eigentlich? Wozu neige ich? Um das herauszubekommen, könntest du von einer Basslinie deiner Wahl Aufnahmen machen. Das Aufnehmen an sich ist sowieso stets ein gutes Hilfsmittel, um dein Spiel zu überprüfen. Nicht nur in rhythmischer Hinsicht.

Wähle dazu eine Basslinie, die du schon sehr lange spielst und genau kennst. Es reichen übrigens kleine Ausschnitte von zwei- oder viertaktigen Loops. Für die Ist-Stand-Bestimmung ist es nicht nötig, den ganzen Song zu spielen. Spiele dieses Bass-Riff in halber Geschwindigkeit zum Click und nehme es mit dem Rechner auf. Warum das halbe Tempo? Weil die Tendenzen und eventuellen Insuffizienzen, die in höheren Tempi auftauchen, hier im halben Tempo offensichtlicher werden und leichter zu erkennen sind – wie unter einer Lupe. Die Abstände sind schlicht größer!

Am Anfang kann es auch vorkommen, dass du selbst nicht hören kannst, ob du zu früh oder zu spät dran bist. Du kannst es aber vielleicht sehen! Wenn du die Möglichkeit hast, in einer DAW aufzunehmen, (z.B. Garage Band, Logic oder Cubase) kannst du dir die Aufnahme in Wellenform auch ansehen. Vergleiche den Beginn deiner Bass-Welle mal mit dem Beginn des Klicks. Wir sind so visuell orientiert, dass dir hier vielleicht eher ein „Licht“ aufgeht, als beim reinen Hören. Allein diese Erkenntnis kann schon sehr helfen, dein Spiel zu verändern!

Diese Feinheiten dann auch hören zu können, kannst du trainieren. Wenn du von dir denkst, kein gutes Rhythmusgefühl zu haben, lass dir bitte nicht erzählen, dass man das nicht verbessern könnte. Oft wird erzählt, dass man rhythmische Kompetenz entweder „hat oder eben nicht hat“ – das ist gelinde gesagt völliger Quatsch. Die meisten Menschen können ein gutes Rhythmusgefühl entwickeln und erlernen. Aber zur Wahrheit gehört auch, dass du gerade bei den Themen „Rhythmus“ und „Hören“ Zeit, Geduld und viel Disziplin aufbringen musst.

Gegenmittel

Das erste, was ich dir dazu empfehlen möchte, ist das Üben und Spielen mit einem Click/Metronom! Warum nicht mit einem tollen Drum-Loop oder mit einem Drum-Computer? Das macht doch viel mehr Spaß! Wenn du zu einem toll klingenden Drum-Pattern spielst, hast du sehr schnell das Gefühl, dass es super klingt. Die Bassdrum und die Snare haben aber so deutliche und klare Attacks, dass sie den Attack des Basses schnell überdecken und dein Spiel eventuell besser klingen lassen, als es wirklich ist. Zum Spaß haben ist das super, zum Üben nimmst du aber besser nur ein Metronom. Das lenkt nicht ab, beschönigt nicht und ist sehr klar.

Ein Tipp: lerne bitte zuerst die Fähigkeit, wirklich genau „drauf“ zu spielen. Erst wenn du sehr sicher darin bist, konstant „tight“ zu spielen, kannst du versuchen, an deiner Mikrotime zu arbeiten. Darüber hinaus gibt es aber auch das Phänomen, dass du – oder vielleicht sogar die ganze Band – immer an einer bestimmten Stelle im Song zu früh bist. Da fragt man sich doch: Wie kann das sein? Am besten hört man das meistens bei einer „Eins“, also dem Anfang eines Taktes. Das Problem mit dieser „Eins“ ist aber nicht die „Eins“ an sich – sie ist nur das Symptom. In dem, was rhythmisch vor dieser „Eins“ passiert, ist die Ursache zu finden. Es gibt rhythmische Muster, die einen Musiker dazu verleiten, schneller zu werden. Das Wechseln der Notenwerte von z.B. Viertel- zu Sechzehntel-Noten könnte dich schon zum zu schnell spielen verleiten. Aber auch das Spielen von aufeinanderfolgenden Achtel-Off-Beats können dich mal zu früh auf der nächsten „Eins“ landen lassen.

Schaue Dir dazu bitte Beispiel 1 an. Wie leicht fällt es dir, dieses Beispiel zum Klick zu spielen und trotzdem stets die „Eins“ des neuen Taktes sauber und tight zu erwischen? Ein weiteres rhythmisches Muster, was dich nach vorne treibt, könnten Sechzehntel-Off-Beats sein. In Beispiel 2 findest du mehrere aufeinanderfolgende Sechzehntel-Off-Beats, die es dir vielleicht noch schwerer machen, die folgende „Eins“ sauber zu treffen. Das könnte auch daran liegen, dass du durch dieses schwere rhythmische Muster den Kontakt zu deiner Basis, oder anders gesagt zu den eigentlichen Viertel-Zählzeiten, verlierst. Schaffst du es, deinen Fuß sauber zum Click aufzutippen, die Sechzehntel-Noten laut durchzuzählen (Zähle entweder „1-e-und-t-2-e-und-t-3…“, „Di-cke-Ba-cke“ oder auch „Ta-Ka-Di-Mi“) und gleichzeitig die Off-Beats zu spielen?

In Beispiel 3 habe ich dir eine Dreierverschiebung beginnend auf der „Eins“ notiert. Auch dieses rhythmische Muster könnte ein Hauptverdächtiger dafür sein, den Kontakt zu den Viertel-Zählzeiten zu verlieren und zu früh auf der folgenden „Eins“ anzukommen. In Beispiel 4 findest du eine Dreierverschiebung beginnend auf dem Achel-Off-Beat. Eine Dreier-Verschiebung wird in der Praxis häufig nur mit drei aufeinander folgenden Noten gespielt. Theoretisch wären aber auch vier aufeinanderfolgende Anschläge möglich. Diese habe ich dir in Beispiel 5 transkribiert.

Wenn du merkst, dass du Probleme damit hast, diese rhythmischen Muster zu spielen, könntest du durch folgende Übung herausfinden, wo genau die Ursache dafür liegt. Nimm dafür die Dreier-Verschiebung mal auseinander und übe jeden Schlag einzeln. Stell dir folgendes vor: Als Kind in der Schule lernst du ja zuerst die Buchstaben und setzt diese dann zu Wörtern zusammen. Definiere ich die Dreier-Verschiebung als Wort, welches aus mehreren Buchstaben besteht, wären die einzelnen Schläge die Buchstaben. Möchte ich also das Wort beherrschen, kümmere ich mich doch erstmal um die einzelnen Buchstaben.

In den Beispielen 6a bis 6d habe ich dir jetzt die einzelnen Buchstaben aufgeschrieben. Übe jedes Beispiel halbtaktig, so dass du immer eine Viertel-Zählzeit hast, in der du aktiv, also „on“ bist und eine Zählzeit, in der du eine Reflexions-Pause machen kannst, also „off“ bist. Zähle laut die Subdivision mit und setze deinen Fuß zum Klick auf. Versuche, alle drei Ebenen, also das Zählen, Fuß auftippen und das Spielen, möglichst gut zu synchronisieren. Wenn du das so wie beschrieben übst, wirst du früher oder später nicht nur jeden Buchstaben beherrschen, sondern auch das Wort. Im Video mache ich dir die Übungen ganz genau vor.

Ein Tipp zum Schluss: Wenn dir in der Band eine besondere Stelle in einem Song auffällt, an der ihr stets zu früh seid, dann schau dir genau an, was rhythmisch davor passiert und übe diese Sequenz isoliert und gegebenenfalls zerlegt in die einzelnen „Buchstaben“. Da liegt oftmals die Lösung des Problems.

(Die Noten können durch Anklicken vergrößert werden!)

(erschienen in Gitarre & Bass 09/2022)

Produkt: P.D.A. (We just don’t care) – John Legend
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Kommentar zu diesem Artikel

  1. Hallo Markus.
    Ich hatte mal ein Basslehrer, der sagte, als Bassist muss man den Schlagzeuger immer leicht in den Arsch treten 🙂
    Damit kann er ja nur gemeint haben, man soll leicht vor dem Beat spielen.
    Ich habe bei Aufnahmen die Erfahrung gemacht, dass wenn man alles” zu Tote quantisiert” es langweilig klingt.
    Sprich jeder Ton genau auf den Klick klingt langweilig.
    Muss man nicht letztendlich doch auf sein Gefühl und auf das, was man hört, achten und weniger darauf, wie die Bass-Welle mit dem Beginn des Klicks übereinstimmt?
    Das soll aber keine Kritik sein, den Workshop mit den Notenbeispielen finde sehr gut und es macht Spaß damit zu üben.

    Grüße Reinhardt

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