Im Interview

Walter Trout: Spartanisch

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(Bild: Alex Solca)

Der amerikanische Bluesrock-Gitarrist Walter Trout ist in seinem Leben bereits durch so manche tiefe Krise gegangen. Die schwierige Kindheit, die schwere Leberkrankung, die 2014 sogar zu einer Organtransplantation geführt hat, aber auch die jüngste Corona-Krise mit ihrem monatelangen Lockdown haben ihm mental immer wieder hart zugesetzt. Vielleicht entblößt der 71-Jährige deshalb seine Seele auf seinen Alben immer wieder derart schonungslos. Die neueste Scheibe nennt sich ‚Ride‘, glänzt erneut mit einem wunderbaren, traditionellen Bluesrock voll spielerischer Finesse und offenbart textlich abermals einige sehr private Innenansichten des ehemaligen Canned-Heat-/John-Mayall-/John-Lee-Hooker-Musikers.

Wir haben Trout bei seiner Show in der Worpsweder Live Music Hall besucht und uns bei dieser Gelegenheit auch gleich sein spartanisches, aber erstaunlich vielseitig klingendes Equipment angeschaut. Das Fazit: Der Mann hat es immer noch in den Fingern!

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Walter, nach allem, was man so liest, scheint ‚Ride‘ dein bislang persönlichstes Album zu sein. Stimmt das?

In gewisser Weise sind alle meine Alben sehr persönlich. Und im Verhältnis zu den beiden Vorgängern ‚Ordinary Madness‘ und ‚Survivor Blues‘ liegt ‚Ride‘ auf einer ähnlichen Wellenlänge. Wenn man aber von dem persönlichsten Album meiner Karriere sprechen möchte, dann vermutlich am ehesten bei ‚Battle Scars‘ von 2015, auf dem ich sehr eindringlich und schonungslos über meine Krankheit und über meine mentalen Probleme gesungen habe. Dennoch gibt auch ‚Ride‘ viele Einblicke in mein Seelenleben.

Die fangen, wie jeder hören kann, sofort mit dem Opener ‚Ghosts‘ an, einer Art melancholischem Rückblick auf deine Kindheit.

Das stimmt. ‚Ghosts‘ war der erste Song, den ich fürs aktuelle Album fertig hatte. Zunächst war nur der Text da, die Musik entstand dann später dazu. Eigentlich war ich noch gar nicht in der Stimmung, ein neues Album aufzunehmen und hatte mich mit meiner Frau in unser Ferienhaus in Dänemark zurückgezogen. Eines Tages fuhr ich mit dem Auto übers Land und im Radio spielten sie ‚All My Loving‘ von den Beatles. Ich erinnerte mich sofort, dass dies der erste Beatles-Song war, den ich mit 13 hörte. Damals spielten die Beatles gerade in der ‚Ed Sullivan Show‘, und mit diesem Song im Radio kamen jetzt plötzlich Unmengen an Erinnerungen in mir hoch. Ich erinnerte mich an den Tag, nachdem ich die Beatles entdeckt hatte, und wir in der Schule plötzlich alle unsere Haare wie die Beatles gekämmt haben wollten.

Dieser Song, diese Band, sie veränderten meine Generation grundlegend. Mit diesen Erinnerungen kamen auch Rückblicke wieder, die nicht so schön für mich waren, die Gewalt in meinem Elternhaus, als ich noch ein kleines Kind war, die seelischen Schmerzen. Dennoch: Es ist immer wundervoll, wenn man Songs aus seiner Kindheit hört, es ist wie eine Zeitreise, ein Blick zurück auf längst vergangene Zeiten, mit guten, aber auch nicht so guten Erinnerungen.

‚Ghosts‘ war also der Startpunkt für ‚Ride‘?

Ja. Ich fuhr mit dem Beatles-Song im Ohr zurück in unser Ferienhaus in Dänemark, ging ins Bett, wachte plötzlich auf und hatte diese Textzeilen mit dieser Melodie im Kopf. Ich schnappte mir sofort mein kleines Aufnahmegerät und nahm die Idee auf. Die Textzeile „Sometimes I hear a familiar song, it brings back a memory, I close my eyes and it don‘t take long, ghosts appear to me“ war mir quasi im Traum erschienen. Dieses Schnipsel fiel mir dann einige Monate später wieder ein, als ich anfing, Songs für ‚Ride‘ zu schreiben. Ich textete den Song in Dänemark und nahm ihn dann mit nach Los Angeles ins Studio, wo ich das Album eingespielt habe.

Ein besonders bewegender Moment, musikalisch wie textlich, ist auch der abschließende Song ‚Destiny‘, in dem du über eine besonders schicksalhafte Begegnung schreibst.

‚Destiny‘ ist nicht nur der letzte Song auf dem Album, es ist auch der letzte, den ich für diese Scheibe komponiert habe. Zunächst hatte ich nur die Musik, und bei der Suche nach einem geeigneten Text fiel mir die Nacht wieder ein, in der ich meine heutige Frau kennengelernt habe. Ich wollte darüber singen, aber nicht auf so eine zuckersüße, Romantik-verbrämte Weise, sondern einfach so, wie es sich tatsächlich abgespielt hat. Zunächst konnte ich nicht die richtigen Worte finden, und als wir im Studio in den letzten Zügen der Aufnahmen lagen, war klar: Wenn ich jetzt nicht die richtigen Zeilen finde, kommt der Song nicht mit aufs Album. Ich hatte zwei Wochen lang daran herumexperimentiert, ohne Erfolg. Jetzt, da mir die Zeit im Nacken saß und ich mich konzentriert darum kümmerte, fand ich endlich die richtigen Worte. Nach einer Stunde hatte ich den Text fertig.

Also von einer schwierigen zu einer leichten Geburt?

Könnte man so sagen, wobei: ‚Destiny‘ war unter dem Strich die schwierigste Nummer, weil ich unbedingt vermeiden wollte, dass der Text zu kitschig klingt, sondern stattdessen würde- und liebevoll.

Können wir über die Aufnahmen sprechen? Welche Gitarre hast du auf ‚Ride‘ gespielt, welche Amps und welche Effekten?

Zunächst: Es gab keinerlei Effekte. Der Reverb, den du hörst, kommt direkt aus dem Amp, weitere Effekte oder Pedale habe ich nicht eingesetzt. Die unterschiedlichen Sounds sind allein dadurch entstanden, dass ich den Volume-Poti meiner beiden Gitarren mal mehr, mal weniger aufgedreht habe, je nach Situation. Meine Gitarren im Studio in Los Angeles waren meine Fender Stratocaster, die ich seit einigen Jahre spiele, und meine Delaney Walter Trout Signature, mehr gab es da nicht.

Und der einzige Amp, der zum Einsatz kam, war ein alter MESA/ Boogie Mark I, den vorher Lindsay Buckingham von Fleetwood Mac gespielt hat. Hinzu kam eine MESA/ Boogie-4×12“-Box mit Open Back, die wunderbar crunchy, sehr nasty klang. Alles andere mache ich mit den Fingern und dem Volume-Poti. Hör dir mal Songs wie ‚Waiting For The Dawn‘, ‚Better Days Ahead‘ oder ‚Destiny‘ an, wie unterschiedlich die Gitarre da jeweils klingt. Trotzdem ist es immer nur eine meiner beiden Gitarren und der alte MESA/Boogie, nichts anderes. Kaum zu glauben, wie fett und fleischig der Sound ist, oder?

Trouts Mesa/ Boogie-Anlage mit Mark V, 4x12 Box und Revolver-Leslie

Offensichtlich hat da dein Sound-Engineer genau gewusst, was er macht.

In der Tat, Eric Corne ist ein wahrer Meister seines Fachs, er hat das Album ohne externe Nachbearbeitung einfach so gemischt, wie wir es aufgenommen haben. Eine kleine Meisterleistung.

Du musst in deinen beiden Gitarren extrem gute Pickups haben.

Das ist tatsächlich der Fall. In meiner Fender Stratocaster sind es Singlecoils von Seymour Duncan, die Seymour mir persönlich geschenkt hat. Als ich vor einigen Jahren meine alte Fender Strat in Rente schickte und ab dann mit meiner heutigen Strat spielen wollte, sagte Seymour zu mir: „Ich baue dir Pickups, die genauso klingen, wie die deiner alten Strat.“ Dafür bin ich ihm sehr dankbar. In meiner Delaney-Gitarre sind Pickups von Michael Delaney verbaut. Natürlich auch Singlecoils. Diese Gitarre ist eine Art Reissue meiner alten Strat. Michael Delaney besuchte mich bei mir zuhause, nahm meine Strat in die Hand, und baute die Delaney Walter Trout Signature exakt nach deren Vorgaben, also mit den gleichen Maßen des Halses, dem gleichen Sound der Pickups.

2008er Fender Stratocaster mit 1973er-Hals und Seymour-Duncan-Pickups
Die Ersatzgitarre, eine Fender Stratocaster, Baujahr 1973

Auf der aktuellen Tour hast du die Delaney allerdings nicht dabei.

Die spiele ich immer nur bei den US-Dates. In Europa habe ich als Ersatz für meine aktuelle Fender Strat, die aus einem 2008er-Korpus und einem 1973er-Hals besteht, bei dem ich darauf großen Wert lege, dass er nie gereinigt wird, eine 1973er-Fender-Stratocaster im Gepäck. Übrigens spiele ich auf der aktuellen Europatournee zusätzlich einen kleinen MESA/ Boogie Revolver, eine Art natürliche Chorus-Simulation. Das einzige richtige Effektpedal ist ein Ibanez TS 808.

Einziges Effektpedal: Ibanez TS808 (Bild: Matthias Mineur)

In den meisten Songs spielst du in Standard-Tuning, nicht wahr.

Ja, das ist richtig, ich mag diese Down-Tunings nicht. Allerdings gibt es ein paar Nummern, die ich in einem Open-Tuning gespielt habe, wie beispielsweise das bereits mehrfach erwähnte ‚Ghosts‘. Es ist eine Art Open G, mit der A-Saite runter auf G und der tiefen E-Saite runter auf D, während die hohe E-Saite unverändert bleibt. So kann ich die E-Saite offen anschlagen und die anderen Saiten greifen.

Was kannst du über die Tonarten deiner neuen Songs sagen?

Die sind natürlich immer abhängig vom jeweiligen Song, von der Melodie und vor allem von meiner Stimme. Die Melodie darf nicht zu hoch sein, sonst muss ich eine tiefere Tonart wählen. Bis zu B-flat komme ich mit meiner natürlichen Stimme, darüber hinaus muss ich ins Falsett wechseln, oder – wie erwähnt – die Tonart des Songs ändern.

Wie müssen deine Gitarren baulich beschaffen sein, damit du dich mit ihnen wohlfühlst?

Ich empfehle immer: Geh in einen Gitarrenladen, greife dir irgendeine Gitarre, spiele sie trocken an, und wenn sich der Hals gut anfühlt und das Sustain stimmt, hast du deine Gitarre gefunden. Wenn man erst lange daran herumschrauben muss, bis sie passt, sollte man lieber Abstand davon nehmen. Außerdem sollte sie – zumindest für mich – nicht zu schwer sein. Meine Delaney ist superleicht, anders würde es auch gar nicht gehen, denn mein Rücken ist n ach 53 Jahren Gitarrenspielen total marode. Deshalb trage ich ja auch einen Gurt, der über beide Schultern geht. Er nennt sich Dare und stammt von D‘Addario. Ich trage ihn bereits seit 20 Jahren, er ist meine Lebensversicherung und kostet nur schlappe 30 Euro. Dieser Gurt hat mein Leben gerettet, weshalb ich ihn auch immer allen Bassisten mit ihren schweren Instrumenten empfehle.

Gibt es weitere Tipps, die du jungen Gitarristen geben kannst?

Und ob! Meine Meinung: Wenn man eine billige Gitarre entdeckt, die einen guten Hals hat, empfehle ich: kaufen! Man tauscht einfach die Pickups gegen die von Seymour Duncan aus und hat die perfekte Gitarre gefunden, die mit jeder deutlich teureren mithalten kann.

Eine gewagte These, die sicherlich nicht allen Sammlern von Vintage-Gitarren gefallen dürfte.

Ich erzähle dir mal eine kleine Geschichte: Vor einigen Jahren, es müssen mittlerweile 35 sein, habe ich mal einem Gitarrensammlermagazin ein Interview gegeben. Dort sagte ich: „Kauf dir eine billige Mexico-Strat mit gutem Hals, tausche die Pickups gegen Seymour Duncans aus, und die Gitarre klingt wie eine 54er-Strat, für die man Unmengen hinblättern müsste.“ Du kannst dir kaum vorstellen, wie viele böse Briefe ich daraufhin bekommen habe, wie viele Sammler mich zum Teufel gewünscht haben. Und das Magazin hat anschließend nie wieder über mich oder meine Musik berichtet. Nur einmal, als ich schwer krank im Hospital lag, gab es in diesem Magazin eine kleine Notiz, sinngemäß: „Lange macht er es nicht mehr!“ Für mich sind Gitarren wie Menschen: Jeder ist anders, und aus jedem kann man mit relativ einfachen Mitteln das Beste herausholen. Meine alte Strat, die ich vor einiger Zeit in Rente geschickt habe, habe ich 1973 für 200 Dollar gekauft. Mit Case!

Es gab aber auch Jahre, in denen du Les Pauls, Telecaster und sogar ES-335 gespielt hast, nicht wahr?

Ich besitze auch jetzt noch ein paar alte Les Pauls. In meinen jungen Jahren war Michael Bloomfield mein großer Held. Ich entdeckte ihn auf dem Album ‚The Paul Butterfield Blues Band‘. Auf dem Foto der Rückseite konnte man Bloomfield mit einer Telecaster sehen. Also fuhr ich sofort zu einem Musikgeschäft und kaufte mir eine Tele für 150 Dollar, die ich von meinem Taschengeld mühsam zusammengespart hatte.

Als das nächste Album mit Bloomfield auf den Markt kam, es war die Scheibe ‚Super Session‘ mit Bloomfield, Al Kooper und Stephen Stills, sah man ihn mit einer Les Paul. Also kaufte auch ich mir eine Les Paul. Ein paar Jahre später fiel sie mir aus der Hand und der Hals brach. Ich ließ sie jedoch nicht reparieren, weil ich zu diesem Zeitpunkt gerade Eric Clapton bei Cream und Freddie King entdeckt hatte, die seinerzeit beide eine ES-335 spielten. Also musste auch ich eine besitzen und habe sie einige Jahre durchgehend gespielt. 1973, mit 22, ging ich dann nach Kalifornien.

Dort spielte ich eine Reihe von Jamsessions und lernte dabei unter anderem Bill Browning kennen. Er fragte: „Möchtest du mal meine Strat testen, eine Gitarre wie sie auch Jimi Hendrix spielt?“ Ich nahm mir die Gitarre, spielte ein paar Minuten und hatte mit ihr meinen lebenslangen Partner gefunden. Die besagte ES-335 habe ich daraufhin wieder verkauft. In meinem Haus in Kalifornien habe ich übrigens eine sehr schöne Les Paul, die ich aber noch nie in der Öffentlichkeit gespielt habe. Und es gibt auch einen Song von mir namens ‚Can’t Have It All‘ vom Album ‚The Outsider‘ aus dem Jahr 2008, in dem man mich mit einer 1958er ES-335 spielen hört.

Neben deinen Mesa/Boogies hast du nur sehr selten andere Amps gespielt. Gab es keine Angebote anderer Firmen?

Nein, die gab es nie. Aber: Mein guter Freund Robben Ford hatte einen Dumble, den er großartig fand und mir dringend empfahl. Doch das Original war zu teuer für mich, also bekam ich eine günstigere Kopie des Dumbles. Ich habe ihn drei oder vier Gigs lang ausprobiert und dann zu meinem Gitarrentechniker gesagt: „Bitte hol sofort meinen Boogie wieder raus!“ Ich habe meine Dumble-Kopie anschließend an einen berühmten Gitarristen verkauft. Den Namen verrate ich aber nicht. Lass mich bitte noch einen kurzen Satz zu Mesa/ Boogie sagen!

Gerne!

Auf meinem neuen Album ‚Ride‘ sind sämtliche Gitarren, also alle Rhythmus- und auch alle Leadgitarren nur mit dem erwähnten Mesa/Boogie Mark I von Lindsay Buckingham gespielt worden. Es ist der vielseitigste und bestklingende Amp, den man sich vorstellen kann. Hör dir das gesamte Album bitte mal an, man kann kaum glauben, dass es immer derselbe Amp ist, bei allen Songs!

Danke Walter, für das interessante Gespräch! Es ist schön zu hören, dass du dein Equipment schon so lange und mit so viel Überzeugung einsetzt.

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2023)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Wieder ein gutes Interview zu einem ausgezeichneten Musiker. Walter Trout ist als Blues Gitarrist eine feste Größe, und natürlich höchst respektiert..
    Leider wurde von Gitarre & Bass das „Bass“ im Interview völlig ignoriert, bzw. nicht darüber berichtet.
    Walter Trout hat als festes Mitglied seiner Band den superben Basser Johnny Griparic an Board. Ein wahrer Könner und immer eine Story wert.
    Auf dem Album „Ride“ konnte dieser jedoch bei den Aufnahmen, aus gesundheitlichen Gründen, nicht mit dran teilnehmen.
    Deshalb sprang als Ersatz Jamie Hunting für ihn ein. Ein 12-string Bassspiel-Spezialist aus Kalifornien mit einer beeidnruckenden Vita (z.B. Eddie Money, Roger Daltrey). Eine Vorstellung oder kleines Interview auf alle Fälle wert.
    Hier hat G&B seine Hausaufgaben leider nicht ordentlich gemacht, und das mögliche Potential nicht vollends ausgeschöpft. Schade.

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  2. Schön, dass Ihr mal was über diesen großen Blueser bringt …
    “She takes more than she gives” ist eines meiner Lieblingsstücke … ganz tolles Blues-Kino!

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