Vier Frauen und der Rock 'N' Roll

Thundermother & Filippa Nässil

(Bild: C. Barz)

Die meisten Bands würden eine komplette Umbesetzung kurz vor einer neuen Albumproduktion vermutlich nicht überstehen, für Filippa Nässil scheint dies erst der Startschuss gewesen zu sein: Seit sie sich 2017 gezwungenermaßen ein neues Line-up für ihre Formation Thundermother suchen musste, nimmt die Karriere der Gitarristin aus Schweden so richtig an Fahrt auf. Und so schafft sie es mit dem aktuellen Album ‚Heat Wave‘ sogar in die Top 10 der deutschen Albumcharts.

Und das wohlgemerkt mit lupenreinem Rock’n’Roll, wie er einst von Chuck Berry oder den Rolling Stones begründet und von AC/DC oder auch Motörhead bis zur Serienreife weiterentwickelt wurde. Wir haben uns mit der 34-Jährigen verabredet und von dieser außergewöhnlichen Musikerin erfahren, wie weit man es mit einer klaren Vision und unverwüstlichem Ehrgeiz bringen kann.

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Filippa, was sind deine frühesten Kindheitserinnerungen was Musik betrifft?

Mein Vater besaß eine große Vinyl-Kollektion, und ich erinnere mich, dass ich oft stundenlang vor seiner Anlage saß und mir alle möglichen Scheiben anhörte. Das fing zunächst mit Cream oder Clapton an, wurde dann aber schnell vor allem Bob Marley. Der Reggae war quasi meine erste große Liebe, als ich so etwa zehn Jahre alt war. Mit 13 bekam ich eine Akustikgitarre, da wir in der Schule im Musikunterricht ein Instrument lernen mussten. Ein Jahr lang versuchte ich mich mit der Klampfe anzufreunden.

Aber im Grunde genommen war ich immer heiß auf eine E-Gitarre. So ca. mit 14 fing ich an, mich für härtere Musik zu interessieren, für Ozzy Osbourne und Rage Against The Machine. Aus heutiger Sicht interessanterweise gehörten AC/DC damals noch nicht zu meinen Favoriten, das kam erst später. Ich liebte das Spiel vor allem von Randy Rhoads und Zakk Wylde.

Bereits mit knapp 16 bist du dann auf ein Musik-College gegangen.

Das stimmt. Ich bewarb mich um einen Platz in der Gitarrenklasse des Musikkonservatoriums in Stockholm, etwa 600 Kilometer von meinem Heimatdorf Tomelilla entfernt. Das Konservatorium war zum Glück stärker auf Rock und Pop als auf Klassik ausgerichtet, was meinen Vorlieben natürlich sehr entgegen kam. Ich war das einzige Mädchen unter 90 Jungs und erhielt allein deshalb sehr viel Aufmerksamkeit.

Wie groß war der künstlerische Anspruch am Konservatorium?

Durchaus herausfordernd. Wir mussten häufig vorspielen, weshalb ich zwischen meinem 15. und 17. Lebensjahr sehr viel geübt habe, mindestens vier Stunden täglich. Ich hatte mir ein kleines Zimmer auf dem Land vor den Toren Stockholms gemietet, mit endlosen Wiesen und Feldern um mich herum und keinerlei Geschäften in der Nähe.

(Bild: Guido Karp)

Wie war die Zeit am College?

Total spannend. Die Schulleitung lud regelmäßig berühmte Musiker ein, es gab fast jede Woche irgendwelche spannenden Clinics. Deep Purple waren beispielsweise auch mal da, um uns zu unterrichten. Wir lernten sehr viel über das Musikbusiness generell, also auch über Belange abseits des reinen Musizierens, zum Beispiel wie man schwere Boxen und ähnliches trägt, ohne sich einen Rückenschaden zuzuziehen.

Einzelunterricht oder in Gruppen?

Es wurde sehr viel in Ensembles unterrichtet und gespielt. Diese Gruppen änderten sich häufig, sodass man immer wieder mit anderen Musikern spielte. Wir nahmen uns Stücke von Eddie Van Halen oder Yngwie Malmsteen vor und lernten auf diese Weise all die großen Rocklegenden und ihr Spiel kennen. Unter den Schülern herrschte ein ziemlich ehrgeiziger Wettbewerb, wer am schnellsten spielen kann. Die Konkurrenz war groß, zumal ich als einziges Mädchen des Jahrgangs von den Jungs auch häufig verarscht wurde. Nach dem Schulabschluss fiel ich dann zunächst in ein tiefes Loch.

Weshalb?

Einerseits wurde ich irgendwann müde, immer nur dieses ultraschnelle Skalengedudel von Malmsteen & Co. zu spielen. Andererseits wurde mir klar, dass es total schwierig werden würde, als Musikerin eine feste Anstellung zu bekommen. Ich war nicht sonderlich gut im Notenlesen. Damit stand fest, dass ich für Studiojobs eigentlich nicht geeignet bin. Außerdem war ich als Jugendliche noch total schüchtern und ängstlich und fürchtete mich vor allem.

Ich kann mich noch gut an meinen allerersten Auftritt erinnern, als ich nach der ersten Strophe und dem ersten Refrain aus Angst die Bühne verließ, weil ich mich dem Druck der Öffentlichkeit nicht gewachsen fühlte. Meine Kommilitonen waren total überrascht, kamen zu mir und fragten: „Warum hast du die Bühne verlassen? Du hast doch total gut gespielt!“ Mit der Zeit konnte ich diese Angst ablegen, beziehungsweise ich habe gelernt, sie zu überwinden und mit ihr zu leben. Im letzten Jahr am Konservatorium wechselte ich in eine Klasse, die auf Studioarbeit und Produktionen spezialisiert war. Dort habe ich viel über Mikrofone, Frequenzgänge, Effektgeräte und so weiter gelernt. Viele trauen mir das nicht zu, aber ich besitze ziemlich profunde Kenntnisse über Studioarbeit.

Trotzdem hast du zwischenzeitlich zwei Jahre lang überhaupt keine Gitarre mehr gespielt.

Ja, das war so. Ich war müde, wollte etwas anderes machen und hatte mich musikalisch in eine Sackgasse manövriert. Doch dann entdeckte ich AC/DC und das Feuer in mir loderte wieder auf. Als Jugendliche waren mir AC/DC immer zu simpel gewesen, ich stand auf komplexere Musik wie Toto, wollte andererseits aber kein weiblicher Van Halen werden. Ich liebte Creedence Clearwater Revival und Bad Company und lernte nun über AC/DC, was es bedeutet, wenn man einfach den Grad der Verzerrung an der Gitarre zurücknimmt und einen rockigeren Klang wählt. Also kaufte ich mir eine Gibson-Gitarre und habe es bis heute geschafft, keine dieser flachen Überschall-Klampfen mit ihren aktiven EMG-Pickups mehr anzufassen.

2014er Gibson Explorer
Engelhard Thunder Lady mit TV-Jones-Pickup

Welche Gitarre hattest du bis dahin gespielt?

Eine Peavey Wolfgang mit Floyd-Rose. Leider besitze ich sie nicht mehr. Aber ich kenne den Typen, der sie mir abgekauft hat und könnte sie zurückkaufen, wenn ich wollte.

Wie kam es dann zur Gründung von Thundermother?

Nach dem Studium bekam ich keinen Job, egal auf wie viele Stellen ich mich bewarb. Also mietete ich mir einen Kellerraum für mein Equipment und überlegte mir, was ich mit meinem Leben anfangen soll. Ich entschied mich, eine Band zu gründen und Songs im Stile von AC/DC zu spielen. Ich erinnere mich, dass ich 2009 auf meinem Bett saß und an einem Abend gleich drei Songs auf einmal komponierte, nämlich ‚Shoot To Kill‘, ‚Rock‘n‘Roll Disaster‘ und ‚Thunderous‘, die letztlich alle drei auf dem ersten Thundermother-Album ‚Rock‘n‘Roll Disaster‘ gelandet sind.

Waren Thundermother immer schon eine reine Frauenband?

Ganz am Anfang hatte ich männliche und weibliche Musiker in der Band. Wir nahmen ein Demo auf, aber es war schwierig, dafür eine Plattenfirma zu finden. Deshalb habe ich einige Jahre Gitarrenunterricht geben müssen, um mich finanziell über Wasser zu halten. Ich hing ja ständig in den unterschiedlichsten Musikgeschäften ab, bis mich einer der Angestellten fragte: „Willst du nicht einfach ein paar Gitarrenschüler unterrichten?“ So bekam ich meinen ersten richtigen Job im Musikbusiness.

Dann merkte ich, dass ich als Frau eigentlich lieber eine reine Frauenband hätte. Einige meiner ersten Bandmitglieder, mit denen es ständig Streit gegeben hatte, verließen die Gruppe, also ging ich wieder zurück nach Stockholm mit dem Ziel, dort einen Proberaum zu mieten und mir neue Bandmitglieder zu suchen. Dann klapperte ich einfach die geilsten Musikläden der Gegend ab und fragte dort, ob jemand geeignete Musikerinnen für eine Rockband kennt. Nach zwei Monaten hatte ich die erste Besetzung zusammen. Ich fuhr überall herum, erzählte in jedem Club: „Hört mal, ich spiele in einer Band namens Thundermother, wollt ihr uns nicht mal bei euch auftreten lassen?“

Dennoch hat es im Laufe der Jahre diverse Umbesetzungen gegeben. Zuletzt 2017, als dir das gesamte Line-Up weggebrochen ist.

Das stimmt, und das muss ich mir leider vorwerfen lassen. Denn ich habe einige Fehler gemacht. Ich habe nur meine eigenen Ideen akzeptiert und Vorschläge anderer pauschal abgelehnt. Ich musste mich öffnen und lernen, auch die Meinungen anderer zuzulassen. Aber ich habe gelernt und kann jetzt akzeptieren, wenn jemand anderes meine Visionen nicht teilt. Ich konnte mich einfach nicht dazu durchringen, auch die anderen am Songwriting teilhaben zu lassen.

Die ersten beiden Thundermother-Alben hatte ich ja alleine geschrieben und auch produziert, aber ich musste einsehen, dass es ohne Teamwork nicht funktioniert. Das war hart für mich, denn ich war ja der Meinung, alles richtig gemacht zu haben. Motörhead hatten schon 2015 öffentlich erklärt, dass sie Thundermother lieben. In Flames oder auch Zakk Wylde wollten mich unbedingt kennenlernen, und Bands wie D-A-D, Danko Jones oder The Dead Daisies wollten uns auf ihren Tourneen dabeihaben.

Kein Wunder also, dass ich mir meiner Sache total sicher war. Und dass es in diesem harten Musikbusiness immer und überall sehr schwierig ist, das hatte ich schon als Naturgesetz abgespeichert. Dabei weiß ich heute, nach den Erfahrungen der zurückliegenden zwei Jahre, dass mit den richtigen Bandmitgliedern und einem guten Manager, der die Mädels versteht, vieles leichter sein kann.

Wie wichtig ist aus deiner Sicht der visuelle Aspekt einer reinen Frauenband?

Sehr wichtig. Ich habe verstanden, dass man als Musikerin nicht nur sein Instrument beherrschen, sondern auch eine gute Entertainerin sein muss. Trotzdem sind wir vier Frauen von Thundermother allesamt keine Models, dafür aber sehr gute Musikerinnen. Wir spielen wirklich super-tight und viel besser als viele unserer männlichen Kollegen.

Marshall JMP 100 W, Baujahr 1975
Skipper Amps Lil Hellevator

Was brauchst du, um dich auf der Bühne wohlzufühlen?

Vor allem einen guten und möglichst lauten Gitarrensound. Die Zuschauer loben immer meinen Sound, und ich wiederum liebe es, wenn ich meine Gitarre auf der Bühne mit Haut und Knochen spüren kann. Ich bin die Einzige in der Band, die auf der Bühne zwei Monitore hat, und darüber hinaus super laut spielt bzw. den Amp sehr weit aufgerissen hat. Aber für mich ist ein fetter G-Akkord ein geradezu spirituelles Erlebnis. Ich hasse es, wenn der Monitormann zu mir sagt: „Hey Filippa, kannst du bitte mal deinen Amp etwas leiser machen!?“ (lacht)

Danke, Filippa, und alles Gute für die Zukunft!

EQUIPMENT

● Gibson Explorer, Baujahr 2014
● Gibson SG Standard, Baujahr 2013
● Engelhard Thunder Lady mit TV-Jones-Pickup, Baujahr 2019
● Engelhard Motherbird mit P90-Pickup und Guitar-Killswitch-Volume-Poti, Baujahr 2018
● Marshall JCM 800
● Marshall JCM 900 50 W, Baujahr 1987
● Marshall JMP 100 W, Baujahr 1975
● Skipper Amps Lil Hellevator 15 W
● One Control (by BJF) Granith Grey Booster
● One Control (by BJF) Orange Amp In A Box
● One Control (by BJF) Russian Blue Reverb
● One Control (by BJF) Lemon Yellow Compressor
● Xvive Stereo Undulator Tremolo
● Cry Baby Mini Wah
● MXR Phase 90 (EVH Signature)
● Electro-Harmonix Nano POG
● Skull Filippa Nässil Signature Strings, .010 – .042
● Shure Wireless System

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2020)

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