Loud & Slow

Sunn O))) – die Drone Legende

Wer sich gerade kurz über eine Story zum legendären Verstärker-Hersteller aus Tuatalin, Oregon gefreut hat, kann jetzt zumindest teilweise enttäuscht weiterklicken. Die gleichnamige Band Sunn hat sich nämlich nicht nur nach ihren Lieblings-Amps benannt sondern einfach gleich noch das Logo verwendet. Wer allerdings Lust hat, sich mit einer der experimentellsten und extremsten Erscheinungen der aktuellen Musikszene zu befassen und zudem noch ein wenig über Sunn O))) – dieses mal sind tatsächlich die Verstärker gemeint – erfahren möchte, darf hier gerne weiterlesen.

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(Bild: SOUTHERNLORD.COM)

Ihre Konzerte zählen zu den lautesten der Welt, ihre Alben werden sowohl von Fachpresse als auch vom Feuilleton entweder geliebt oder gnadenlos verrissen und Musiker wie Musik-Fans sind begeistert oder schütteln verständnislos den Kopf. Sunn O))) (das „O“ ist stumm, der Name wird lediglich „Sun“ ausgesprochen) polarisieren seit ihrer Gründung Mitte der 90er-Jahre. Das ursprüngliche Duo bestehend aus Greg Anderson und Stephen O’Malley hat sowohl das eine als auch das andere selten interessiert.

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Die Formel für ihre Musik ist dabei im Grunde leicht auf den Punkt zu bringen: Zwei von Kunstnebel umhüllte Gitarristen in übergroßen Mönchskutten spielen über eine Vielzahl von Full-Stacks und Bass-Anlagen tiefgestimmte Riffs, die so langsam dahinfließen, dass sie als solche nicht mehr wahrnehmbar sind, sondern eher einer Orgie aus Feedbacks und stehenden Tönen gleichen. Dazu gesellen sich zahlreiche Gastmusiker die vornehmlich Moog-Synthesizer bedienen oder Gesang beisteuern. Die Kompositionen dauern oft weit über zehn Minuten, ein Schlagzeug sucht man vergebens. Gerade die Kombination aus Langsamkeit, Monotonie und der Abwesenheit von Rhythmus wirft die Frage auf, ob so etwas denn überhaupt noch Musik sei – ob dies aber abschließend zu klären ist, dürfte fraglich sein. Das kennt jeder Musiker von diversen, oft ausufernden Kneipendiskussionen mit Kollegen.

Zumindest die Tatsache, dass sich mittlerweile der Großteil der etablierten Musikpresse für die Band interessiert, spricht dafür, dass auch diese Extremform von Musik ihre Anhängerschaft gefunden hat. Höchste Zeit auch für uns, mal einen genaueren Blick auf die beiden Kapuzenmänner aus Seattle und ihre Gehilfen zu werfen.

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HISTO)))RY

Gegründet um in erster Linie ihren beiden Vorbildern, Black Sabbath und Earth, zu huldigen, entwickelte sich Sunn O))) schnell zu einem Geheimtipp in der experimentellen Musikszene. Bereits ihre erste Veröffentlichung ,The GrimmRobe Demos‘ und das Album ,ØØ Void‘ erreichten zu Beginn der 2000er-Jahre Kultstatus. Der Sound war roh und sehr auf die tief gestimmten Gitarren beschränkt. Schon in dieser Zeit waren die Konzerte der Band legendär. Die riesige Backline und die immense Lautstärke zogen Musik-Fans aus allen möglichen Genres an und nicht selten wurden Sunn-O)))-Konzerte vom Publikum im Sitzen oder sogar im Liegen genossen. Durch Greg Andersons Label Southern Lord war es der Band möglich, schon früh regelmäßig Alben zu veröffentlichen. Im Jahre 2005 erreichte die Gruppe mit ,Black One‘ vor allem in der Metal-Szene einen großen Bekanntheitsstatus. Auf der Platte finden sich zahllose Referenzen an das Black-Metal-Genre wie z.B. das Cover von Immortals ,Cursed Realms Of The Winterdemons‘.

Der Gesang auf Black One wurde von Malefic, Sänger der Black-Metal-Band Xasthur, beigesteuert und in einer sargähnlichen Kiste eingesungen um ein Gefühl der Beklemmung zu erzeugen. Auch das Artwork entspricht der typischen Ästhetik des Genres. Ab diesem Zeitpunkt folgten neben diversen Live-Alben unzählige Kollaborationen mit Künstlern wie Atthila Csihar (Mayhem), Ulver, dem Avantgarde-Musiker Oren Ambarchi, Boris sowie der Gesangslegende Scott Walker.

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(Bild: SOUTHERNLORD.COM)

SO)))UND

Das Equipment dient als Werkzeug, um die Ideen des Musikers in hörbaren Rhythmus, Harmonie und Melodie zu verwandeln. So oder so ähnlich könnte man versuchen die Rolle der Gitarre bzw. des Verstärkers zu definieren. Dass aber das Equipment die zentrale Rolle einer Band übernimmt, ein Eigenleben entwickelt und im Grunde genauso wichtig wie die Komposition und der Musiker an sich ist, dürfte eher seltener vorkommen. Genau diese Rolle aber nimmt das Equipment im Universum von Sunn O))) ein. Nicht selten stehen zwölf Full-Stacks auf der Bühne und es drängt sich die Frage auf, ob unter den Kapuzen der Roben nicht ein massiver Gehörschutz getragen wird … In frühen Tagen der Band gab es sogar einzelne Konzerte, in denen die Musiker sich hinter der Backline aufhielten und die Verstärker auch optisch die zentrale Rolle auf der Bühne einnahmen.

Zentraler Bestandteil dieser Wall of Sound ist ganz klar der Sunn Model T Verstärker. Dieser ziemlich simpel aufgebaute Amp kam Anfang der 70er-Jahre auf den Markt und liefert mit seinen knapp 150 Watt einen mittigen und eher dunklen GrundSound. Die Besonderheit dieses Amps sind die sehr üppig dimensionierten, ultralinearen Trafos die es ermöglichen, selbst bei extremsten Lautstärken noch einen dynamischen Klang und erstaunlich definierten Sound zu erzeugen. Ergänzend nutzen beide Gitarristen drei Ampeg SVTs mit den passenden 8×10“-Boxen um den Tiefbassbereich ein wenig aufzublasen.

Auf den Pedalboards der beiden Sunn-O)))- Gitarristen finden sich neben diversen Loopern, einem EHX Holy Grail Reverb und dem Fulltone Tape Delay, zwei Überraschungen: Zum einen benutzen beide lediglich ein altes ProCo Rat Pedal um die Sunn-Model-T-Amps so richtig in Fahrt zu bringen und Verzerrung zu erzeugen, zum anderen findet sich auf beiden Boards eine ziemlich große, unbeschriftete silberne Box mit diversen Schaltern und Switches. Hierbei handelt es sich um den von Ned Clayton entwickelten „Phase Wizard“ der nichts weiter ist als ein ABY Switch mit bis zu 8 Ausgängen. Jeder „Kanal“ des Phase Wizard hat zwei Volume-Regler zwischen denen hin und her geschaltet werden kann (man kann so das Signal entweder muten, zwischen zwei Lautstärken hin- und herschalten oder auch boosten) sowie einen Phase-Switch. Sinn und Zweck dieses Pedals ist es, jeden Amp phasenkorrekt ansteuern zu können und so Phasenauslöschungen und damit Lautstärkeverlust zwischen den einzelnen Stacks zu vermeiden.

Bei den Gitarren halten es O’Malley und Anderson seit je her ziemlich einfach. Während Letzterer die vergangenen zehn Jahre eine Les Paul Deluxe Goldtop (mit DiMarzio Super Distortion im P90 Format) benutzt, setzt Stephen O’Malley auf Aluminium. Meist darf hier eine ältere Travis Bean 1000 Dienst tun, in seinen Solo-Shows sieht man den Gitarristen in letzter Zeit fast immer mit verschiedenen Modellen von EGC Guitars. Produzent Randall Dunn weiß übrigens zu berichten, dass nicht nur live sondern auch im Studio die gesamte Backline bei voller Lautstärke betrieben wird. Da beide Gitarristen immer unmittelbar vor ihrer Anlage stehen dürfte klar sein, dass der immense Schallpegel und die dadurch bewegte Luft auch einen nicht gerade unerheblichen Einfluss auf die Instrumente haben dürfte.

Auch die Übersteuerung der Celestion-Greenback-Speaker, die beide Gitarristen bevorzugen, wird hier eine nicht unerhebliche Rolle spielen. Der legendäre Scott Walker soll jedenfalls bei den Aufnahmen zum 2014 erschienenen Kollaborations-Album ,Soused‘ so ziemlich aus allen Wolken gefallen sein, als die Band mit einem LKW voller Verstärker und Boxen angerückt war und die Wände seines Studios zum Beben brachte.

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(Bild: SOUTHERNLORD.COM)

RECO)))RDS

Um sich der Musik von Sunn O))) zu nähern, ist sicher nicht jedes Album der Band geeignet. Zu experimentell oder avantgardistisch sind manche Platten (etwa ,Pentemple‘ oder die Kollaboration mit Boris), zu roh und undifferenziert der Sound der ersten Aufnahmen. Im Folgenden werden drei Alben aufgelistet, die den Einstieg vielleicht ein wenig einfacher machen

Domkirke: Das in der Bergen Cathedral in Norwegen aufgenommene Live-Album erschien im Jahre 2008 auf dem Label Southern Lord und wurde ausschließlich auf Vinyl herausgebracht. Die Tonqualität des Mitschnitts ist exzellent und fängt die beachtliche Akustik der Kirche wunderbar ein. Interessant sind (neben dem unglaublich gewaltigen Live-Sound) der Gesang von Atthila Csihar und die auf der Kirchenorgel und der Posaune gespielten Beiträge von Steve Moore. Insgesamt ein sehr atmosphärisches und facettenreiches Album, welches den gigantischen LiveSound dieser Band gut eingefangen hat

Monoliths & Dimensions: Dieses 2009 erschienene Album kann ohne Zweifel als die aufwendigste und vielseitigste Produktion der Band bezeichnet werden. Neben den typischen, Drone-Gitarren von Anderson und O’Malley fallen vor allem die Verwendung von Blechbläsern, Streichern und einem Chor auf. An der zweijährigen Entstehungsphase wirkten über 30 Gastmusiker mit, unter anderem Rex Ritter, Attila Csihar, Dylan Carlson (Earth) und Oren Ambarchi. Musikalisch macht ,Monolith & Dimensions‘ große Ausflüge in die klassische Musik, wodurch sich eine sehr cineastische Grundstimmung verbreitet. Auch jazzige Klänge dringen subtil durch das dichte Geflecht aus Gitarren, Synthesizern und klassischen Instrumenten. Der große Erfolg der Platte war Fluch und Segen zugleich. Zwar wurde das aufwendige Studio-Konzept von Stammproduzent Randall Dunn und das komplexe Songwriting bei den Fans sehr gut angenommen, der große Erfolg sollte jedoch auch zur Folge haben, dass Greg Anderson und Stephen O’Malley sechs Jahre brauchen würden, um einen würdigen Nachfolger zu schreiben. Der ursprüngliche Plan, jedes Jahr ein Album zu veröffentlichen war damit zunichte gemacht

Kannon: Nach zwei KollaborationsAlben (mit Ulver und Scott Walker) im Jahr zuvor, erschien 2015 das erste reguläre Studiowerk seit ,Monolith & Dimensions‘. Anstatt den opulenten Stil des Vorgängers weiter auszubauen, besinnen sich Sunn O))) auf ,Kannon‘ ihrer Kernkompetenzen: tiefe und wuchtige Gitarren, die sehr natürlich und räumlich klingen. Die Produktion wurde abermals von Randall Dunn übernommen und erinnert in ihrer rauen Manier ein wenig an die früheren Alben der Band, mit dem Unterschied, dass der Gesang von Atthila Csihar eine viel zentralere Rolle spielt und die Produktion viel wuchtiger klingt. Alles in allem stellt ,Kannon‘ ein erstaunlich zugängliches Sunn-O)))-Album dar, welches mit einer Spielzeit von nur 30 Minuten überraschend kurz ausfällt.

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(Bild: SOUTHERNLORD.COM)

Taktlo)))s

Sicher, einfach zu erschließen ist die Welt von Sunn O))) nicht. Gerade beim ersten Hören mag der ein oder andere ob der Andersartigkeit, der Abwesenheit von Rhythmus und der Länge der Lieder verwundert den Kopf schütteln. Auf die Frage, warum seine Kompositionen so lang seien, antwortete Stephen O’Malley in einem Interview 2013: „We are trained to increasingly get less and less focused (…). In fact, twenty minutes isn’t long. It´s just a fraction of time.“ Vielleicht liegt die Herausforderung in der Musik von Sunn O))) darin, sich ihre Alben sehr genau und konzentriert anzuhören und die unzähligen kleinen Details wahrzunehmen. Man muss sich einfach in diese Klangwelt „reinhören“, um sie zu erkennen und genießen zu können.

So, wie wenn man in einen fast dunklen Keller kommt und erst nach und nach Details erkennt und sich orientieren kann. Ist man bereit dies zu tun, erschließt sich ein ganzes Universum an Sounds, Klangfacetten und Stimmungen. Voraussetzung sind hier natürlich eine gute Stereo-Anlage und/oder hochwertige Kopfhörer. Da die Musik der Band sich hauptsächlich im tiefen Frequenzbereich abspielt, ist der Genuss über Laptop-Speaker oder vergleichbare Lautsprecher denkbar gering. Vielleicht entdeckt ja so der ein oder andere den Reiz dieser speziellen Form der Musik für sich … oder hat ein Thema für den nächsten Kneipenabend mit den Musikerkollegen.

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