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Stromgitarren in der DDR

Mittelpunkt des E-Gitarrenbaus der DDR war Markneukirchen im Vogtland, das vom traditionellen Instrumentenbau geprägt ist. Neben der seriellen Herstellung im „VEB Musikinstrumentenbau Markneukirchen“, kurz Musima, gab es auch Gitarrenbaumeister wie Otto Windisch und Heinz Seifert, die exzellente Instrumente auf Bestellung fertigten.

Frau mit Gitarre, DDR
(Bild: Marotz, Archiv)

Der Mangel an brauchbaren Instrumenten und Verstärkern aus einheimischer Produktion ließ viele Musiker zum Lötkolben oder besser gleich zu den großen West-Marken greifen. Schätzungen zufolge lag deren Anteil im Profi-Bereich bei etwa 80 bis 90%. Das Equipment aus dem kapitalistischen Westen wurde somit ironischerweise die Grundlage zum Erfolg im Osten.

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„Niemand in unserem Staate hat etwas gegen eine gepflegte Beat-Musik“ (Erich Honecker)

Irgendwie erinnert der Honecker-Satz über die „gepflegte Beat-Musik“ an das „gepflegte Bier“ aus dem Zapfhahn in der Eckkneipe. Nur lässt sich weder das Bier noch die Beat-Musik pflegen. Vielmehr wollte Erich Honecker, der letzte Staatsfürst der DDR, gegenüber dem Nachwuchs auf Schmusekurs gehen, schließlich war er als ehemaliger Vorsitzender der FDJ (Freie Deutsche Jugend) der Berufsjugendlichkeit verpflichtet. Beat-Musik ist nicht pflegbar.

Diese Erkenntnis trug Walter Ulbricht im Dezember 1965 auf derselben Veranstaltung (11. Plenum des ZK der SED) vor, als er die bis dahin florierende Beat-Szene der DDR waidgerecht zerlegte: „Ich bin der Meinung, Genossen, mit der Monotonie des ‚yeah, yeah, yeah‘ und wie das alles heißt, sollte man doch Schluss machen … Ist es denn wirklich so, dass wir jeden Dreck, der vom Westen kommt, kopieren müssen?“ Danach war einige Jahre Sendepause für die Jungs mit ihren lärmenden Gitarren.

Ab 1970 begann wieder ein Aufschwung, der bis zur Krise des traditionellen DDR-Rock Ende der achtziger Jahre anhielt und auch von der Ausbürgerung Wolf Biermanns nicht nennenswert gestoppt werden konnte. Diese Krise hing wesentlich mit der beginnenden Implosion des Landes zusammen, die Ursachen waren zum Teil auch hausgemacht.

So wurde Rock-Musik im Voraus, oft von der FDJ, eingekauft und bezahlt, egal wie viele Zuhörer erwartet wurden. Auch der Konkurrenzdruck war gering. Sobald sich Rock-Musiker in ein bestimmtes Schema eingeordnet hatten, gab es feste Gagen für die „Muggen“. Entscheidend für deren Höhe war die „Einstufung“ (Spielberechtigung). Dieses an sich aberwitzige System, das die Instrumentenbeherrschung und nicht den Publikumserfolg bewertete, sorgte für eine böse Diskrepanz: „Die Bombastjauler Elektra z. B. spielten im Berliner Kulturpark vor dreißig Zuschauern für weit mehr als 7000 Mark, während Konzerte von ‚Die anderen‘ und ‚Die Art‘ immer überfüllt waren …“ schrieb Heinrich Hecht 1999 in der Zeitung „Junge Welt“. Hier entstand parallel zu den etablierten Alt-Rockern eine neue Szene, die sich nicht integrieren lassen wollte. „In beiden Lagern wurde sich totgemuggt …

Jürgen Kerth mit eigens gebauter Double-Neck-Gitarre
Auch der Blues-Gitarrist Jürgen Kerth baute sich seine Gitarren selbst. Hier ein Doppelhals-Modell. (Bild: Marotz, Archiv)

WestBands purzelten nach der Wende ins Essen, wenn ihnen Zwanzigjährige erzählten, sie hätten 1500 Konzerte absolviert …“ schrieb Hecht dazu weiter. Während die FDJ ab 1987 in Berlin große Rock-Konzerte mit internationalen Musikern veranstaltete, wollte die Cottbusser Punk-Band Sandow mit Ihrem Song ,Born In The GDR‘ (der Titel bezog sich auf Bruce Springsteens ,Born In The USA‘) hierzu einen Gegenpol schaffen. Der Film „Flüstern & Schreien – Ein Rock-Report“ (1988), der die Gruppen Feeling B, Silly, Chicoree und eben Sandow porträtierte, skizzierte die Deformation des Arbeiter- und Bauernstaates. „Wo wir gespielt haben, brannte die Luft und die Dielen wurden herausgeruppt für ein paar schräge Akkorde und die Wahrheit gratis dazu.

Dieses ständige Improvisieren, dieses Leben als gerechter Indianer und dieser imaginäre Druck einer Staatsmacht vermittelten einem viel mehr amerikanische Werte vom freien Leben, als dem Osten je lieb war und im Westen je erfahrbar sein wird“, stellt Kai-Uwe Kohlschmidt von Sandow treffend fest. Ob staatstragend oder systemkritisch, das war also nicht die Frage: Die E-Gitarre gehörte bei protegierten Gruppen (Puhdys, Karat, City), wie auch bei unangepassten Combos (Renft, Feeling B, Sandow) einfach dazu. Die Beschaffung des Equipments dagegen spielte eine besondere Rolle, die nachfolgend näher betrachtet wird.

West-Gitarren im rockenden Osten

Der Mangel an brauchbaren E-Gitarren, Effektgeräten und Verstärkern einheimischer Produktion sowie deren geringes Prestige ließ fast alle Profi-Musiker zu den großen Namen wie Fender oder Gibson greifen. Aber auch mit einer Ibanez machte man schon ordentlich was her. Die meisten Instrumente und Zubehörteile wurden vermutlich von der Oma oder dem Westonkel als Geschenk in die DDR mitgebracht. Problematisch war es jedoch, dem spendablen, aber technisch unbedarften Verwandten zu benennen, welcher Artikel aus dem großen Angebot konkret gewünscht war. Prospekte oder gar Preislisten standen kaum zur Verfügung. Eine andere Möglichkeit bestand darin, sich die Traumgitarre im Westen selbst zu kaufen oder sie sich mitbringen zu lassen.

Dafür war jedoch Westgeld von Nöten, das teuer auf dem Schwarzmarkt eingetauscht oder im Westen erspielt werden musste. So kaufte sich Uwe Hassbecker (Stern Meissen, Gitarreros, Silly) 1977 anlässlich eines Auftrittes im Westberliner Quartier Latin eine Ibanez im Les-Paul-Look. D-Mark oder genauer Forum-Schecks brauchte auch, wer im Musiker-Intershop in Berlin-Altglienicke einkaufen wollte. In den späten 70er Jahren stand der Kurs noch bei 1:4, Ende der 80er zum Teil schon bei 1:10. Die Anschaffung einer E-Gitarre für 800 DM konnte so durchaus das durchschnittliche Jahreseinkommen eines Arbeiters verschlingen. Daneben soll es auch offiziell über das Kulturministerium bezogene West-Gitarren gegeben haben.

Die sogenannte "Spielerlaubnis"
(Bild: Marotz, Archiv)

Diese Bezugsform war aber sicher noch seltener als die Art, wie Uwe Hassbecker seine Ibanez Roadstar erhielt: Er bekam sie 1987 als Gage für seine Studiomusiker-Parts auf der Solo-LP von Quaster (Puhdys). Natürlich konnte man auch versuchen, die Wunsch-Gitarre über den staatlichen An- und Verkauf oder von einem Musiker für DDR-Mark zu kaufen. Toni Krahl (Gitarrist der Gruppe City) zum Beispiel war eine beliebte Anlaufstelle bei Instrumentenwünschen. Vielfach ging die Gage der Bands drauf, um Kredite für die Musikanlage abzuzahlen und Instrumente zu kaufen. Trotzdem musste keiner am Hungertuch nagen, schließlich ließ sich auch der alte Kram weiterverkaufen. Zuerst aber brauchte man eine „Einstufung“ (Spielberechtigung), um sich zum Beispiel einen 120- Watt-Peavey-Combo-Amp für stolze 6000 DDR-Mark erspielen zu können.

Volkseigene Gitarren

Die beschauliche Kleinstadt Markneukirchen im Vogtland war im umzäunten Teil Deutschlands das Zentrum des Musikinstrumentenbaus. Dieser Produktionszweig blieb auch nach dem Zweiten Weltkrieg erhalten. 1953 erfolgte die Gründung des VEB Musikinstrumentenbau Markneukirchen (Musima). Hier wurden, neben vielen anderen Musikinstrumenten, seit den 60er Jahren E-Gitarren in Serie hergestellt. Instrumentenverstärker und sonstige Bühnentechnik wurden in erster Linie im VEB Vereinigte Mundharmonikawerke (Vermona) in Klingenthal gebaut.

Das Hauptgebäude der Musima
Das Hauptgebäude der Musima (Bild: Marotz, Archiv)

Anders als bei den akustischen Gitarren oder den Geigen, wo die handwerkliche Produktion immer eine bedeutende Rolle spielte, wurde die E-Gitarrenproduktion der Musima 1967 in einen DDR-Zweckbau am Stadtrand von Markneukirchen verlegt, der das Hauptgebäude des volkseigenen Betriebes darstellte. Bis dahin produzierte man bereits in einem unscheinbar wirkenden Wohnhaus im Zentrum der Stadt. Die Vielfalt der Baureihen und Modellbezeichnungen mag anfangs Erstaunen hervorrufen. Bei näherer Betrachtung zeigt sich aber, dass die Unterschiede zwischen den Modellen oft marginal waren und schon geringe Ausstattungsänderungen zu neuen Bezeichnungen führten. Bundesdeutsche Firmen wie Höfner oder Framus agierten da nicht anders. Einzelne Modelle konnten sich, von Ausnahmen abgesehen, nur schwer etablieren. So sind die Musima-Modellreihen Elektro-Artist (Hawaii-Gitarre), Eterna, Elgita, Elektra oder Record meist nur Insidern bekannt.

Etwas anders sieht es mit den zuletzt produzierten Modellreihen aus. Kurt Fiedel, letzter Betriebsdirektor der Musima, stellte Ende der 80er Jahre die Leadstar, den Action-Bass sowie das Modell Heavy vor. Speziell die Leadstar ist heute noch ab und an in Proberäumen zu finden, zog doch hier die Qualität noch einmal an. Zuvor wurden vor allem klobige Hälse, unsauber verarbeitete Bundstäbe sowie simple Mechaniken bemängelt. Ob die insgesamt niedrige Qualität eine Folge der „volkseigenen Produktionsweise“ oder des allgemein geringen staatlichen Interesses für E-Gitarren war, ist sicher in hohem Maß Spekulationssache. Die Frage, ob die Instrumentenbauer nicht wollten, nicht konnten oder nicht durften, ist aber letzten Endes so müßig wie die Klage darüber, dass der Trabant zum Schluss schon als Oldtimer ausgeliefert wurde.

Eigenbauten & Meisterstücke

Ohne West-Bühnentechnik war man am Basteln. In jeder Band verstand sich zumindest einer der Musiker darauf. Alles was fehlte, wurde abenteuerlich zusammengelötet. Auch wenn sich die Lage spätestens seit den 80er Jahren etwas entspannte, blieb ein grundlegender Mangel an Equipment aus eigener Produktion bis zum Ende der DDR bestehen. Bevor 1965 die erste Beat-Platte der DDR mit E-Gitarrenmusik erschien, fühlte sich ein auf diesem Album vertretener Gitarrist von der staatlichen Produktion besonders benachteiligt: Dieter Franke vom Franke-Echo-Quintett. Franke spielte damals eine selbstgebaute dreihalsige (!) E-Gitarre.

In der Ausgabe Nr. 23 der Zeitschrift Melodie und Rhythmus von 1964 beklagte er sich darüber, dass der Handel ausschließlich ungeeignete Resonanzgitarren anbot: „…empfindliche Tonabnehmer, gut ansprechende Glissando-Hebel, niedrigste Saitenlage sowie flache Bünde und Hälse waren nun aber einmal Vorraussetzung für den im Kommen befindlichen Gitarren-Sound“. Die Gruppe bediente den Lötkolben anscheinend nicht weniger virtuos als ihre Instrumente, stellte der Autor Michael Rauhut dazu in seinem Buch „Rock in der DDR“ richtig fest. Im Handwerksbereich gab es jedoch auch exzellente Gitarrenbauer, die meist auf Bestellung arbeiteten. Sie wurden in Produktionsgenossenschaften des Handwerks, wie der PGH Marma (Markneukirchen-Mainz) zusammengefasst, waren also nicht dem VEB Musima zugeordnet. Über die Musikinstrumenten-Handwerker-Genossenschaft Migma e.G., die seit 1943 besteht, wurde der gemeinsame Einkauf und Vertrieb abgewickelt, während der Export über die Demusa GmbH (Deutsche Musikinstrumenten- und Spielwaren Außenhandels-Gesellschaft mbH) vorgenommen wurde.

Der chronische Devisenmangel der DDR und die Handelsverpflichtungen mit der Sowjetunion führten dazu, dass kaum gute Musikinstrumente im Land blieben. Obwohl sie nicht eigenständig auf Messen in Erscheinung treten konnten, waren die Werkstätten von Otto Windisch (Otwin), Oswald-Bachmann-Markneukirchen (Osbama) und Heinz Seifert gefragte Adressen für handgemachte Jazz-Gitarren mit Tonabnehmern. Vor allem der 2002 verstorbene Heinz Seifert baute individuelle Instrumente auf Bestellung und entwickelte sich zu einer Anlaufstelle für DDR-Musiker, die sich auch Westgitarren von ihm nachbauen ließen. Dass diese Tradition nach der Wende im Vogtland abriss, lag nicht nur an den veränderten Marktbedingungen, sondern auch daran, dass viele Handwerksmeister bereits nicht mehr am Leben waren oder ihr Glück in den alten Bundesländen suchten.

Aus den privaten Kleinbetrieben mit 15 bis 20 Mitarbeitern wurden in den 70er Jahren volkseigene Betriebe. Nur Familienbetriebe (Vater & Sohn) konnten sich als privates Handwerk halten, da neue Gewerbescheine nicht mehr vergeben wurden. Die Kinder der Gitarrenbaumeister durften auch nicht bei ihren Vätern in die Lehre gehen und mussten somit bei der Musima als volkseigenem Betrieb lernen. Hier waren aber die Lehrinhalte auf eine industrielle Fließbandfertigung ausgerichtet, so dass der Auszubildende nur in einem Bereich der Produktion lernte.

Peter Gun
Peter Gun/Ungarisches Hirtenlied – eine Erfolgs-Single des Franke-Echo-Quintetts von 1964, gespielt auf teils selbstgebauten Instrumenten (Bild: Marotz, Archiv)

Nachdem die Fachschule für Instrumentenbau in Markneukirchen in den 60er Jahren geschlossen wurde, übernahmen die volkseigenen Betriebe diese Ausbildung selbst. 1988, im Endstadium der DDR, wurde in Markneukirchen wieder die Außenstelle einer Fachschule eröffnet. Diese Ausbildung im kunsthandwerklichen Musikinstrumentenbau schloss an die Zupfinstrumentenmacherlehre an und führte nach vier Jahren zur Meisterprüfung.

Was blieb übrig?

Direkt nach der Wende führte das Wegbrechen der Märkte im Osten, wie im ehemaligen Westen zu einer schnellen Auflösung des E-Gitarrenbaus. Zum Teil konnte auf eine andere Produktion umgestellt werden. So brachte es die neue Lage am heimischen Markt mit sich, dass in Schöneck (Vogtland) nun Satellitenanlagen statt Musikinstrumente hergestellt wurden. Wer heute nach Spuren der DDR-Stromgitarrenproduktion im vogtländischen Musikwinkel sucht, wird wahrscheinlich wenig Erfolg haben oder bei Warwick bzw. Framus in Markneukirchen landen.

Der Traditionsbetrieb aus dem Fränkischen siedelte sich nach der Wende hier im Gewerbegebiet an. Das Hauptgebäude der Musima in Markneukirchen steht zwar noch, die Produktion von akustischen Gitarren wurde aber 2003 eingestellt, da die Musima Bärwinkel KG als letzter Nachfolger Konkurs anmelden musste und eine Übernahme nicht in Sicht ist. Selbst im Musikinstrumentenmuseum Markneukirchen reicht der Platz nicht aus, um die vorhandenen E-Gitarren auszustellen.

So bleiben nur einzelne museale Initiativen wie 2003 eine Ibanez-Sonderausstellung im Technischen Landesmuseum Schwerin oder die Präsentation des Basses von Klaus Jentzsch (Gruppe „Renft“) im Zeitgeschichtlichen Forum Leipzig. Eine Sammlerszene, wie es sie in der alten Bundesrepublik gab, war in der DDR nicht auszumachen, da die spielbereiten Instrumente selten ungenutzt blieben.

 

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