„When the air becomes electric …“

Remembering Howard Alexander Dumble …

(Bild: CC Argbluesman)

Am 18. Januar erreichte uns die traurige Nachricht, dass der wohl berühmteste Amp-Guru unseres Planeten, Howard Alexander Dumble, von uns gegangen ist. Unser Beileid gilt natürlich seiner Familie.

Niemand außer Jim Marshall oder Leo Fender wurde auch nur annähernd so bekannt in der Verstärker-Branche wie er. Seit gut 40 Jahren steht sein Name sogar für ein Höchstmaß an Qualität – sowohl technisch als auch klanglich.

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STAR-PHÄNOMEN

Dumble-Verstärker sind in aller Munde, vielleicht gerade weil sie so rar und unerreichbar sind. Das allein nährte in all den Jahren ihren Nimbus. Zugleich sind sie auch die mit Abstand teuersten Amps auf dem Markt. Ein neuer Dumble-Amp kostete in den vergangenen Jahren schon eine kleine fünfstellige Summe, die Gebrauchtpreise liegen sogar schon weit im sechsstelligen Bereich – auch, weil sie meist berühmte Vorbesitzer haben. Dumble baute seine Verstärker für einen erlauchten Kundenkreis. Nicht der Kunde wählte einen Dumble, sondern umgekehrt. Hier entschied ausschließlich der Hersteller, wer einen Dumble-Amp bekommt und wer nicht.

Dazu zählten legendäre Saitenkünstler wie etwa Stevie Ray Vaughan, Jackson Browne, Eric Johnson, David Lindley, Robben Ford, Larry Carlton, Carlos Santana, John Mayer und Steve Lukather. In Interviews schwärmten einige davon mir gegenüber, wie stolz und glücklich sie seien, eines dieser „Kunstwerke“ ihr Eigen nennen zu dürfen. Howard Alexander Dumble wurde von seinem Kundenkreis regelrecht verehrt. Robben Ford etwa schätzte sich glücklich, dass er beim Meister persönlich sitzen und Vorschläge über seine Klangvorstellungen loswerden durfte.

Robben Fords Live-Rig mit Dumble Overdrive Special (Bild: CC ArtBrom)

Nicht jedem wurde diese „Ehre“ zuteil. Dumble galt als scheu, ja sogar abweisend. Kunden ließ er ungern ins Haus. Er soll mit einigen sogar Verträge abgeschlossen haben, die es ausdrücklich untersagten, mit ihm Kontakt aufzunehmen. Andernfalls würde die Arbeit am bestellten Amp sofort eingestellt und die meist üppige Anzahlung ersatzlos einbehalten. Robben Ford erzählte mir auch, dass es schon „manchmal etwas dauert, bis Alexander einen zum Service hinterlassenen Amp wieder herausrückt, weil er einfach der eigenen Arbeit so kritisch gegenüberstand, dass er selten mit dem Ergebnis zufrieden war.“

CHEFSACHE

Zwangsläufig musste er autorisierte Service-Techniker rund um den Planeten ernennen, die einen seiner Amps reparieren durften. Modifizierte oder unerlaubt reparierte Amps soll er nicht mehr angenommen haben. Im Grunde konnte er es überhaupt nicht ertragen, dass irgendjemand außer ihm selbst an seinen Amps arbeitete. Daher schuf er seine Kreationen auch von Anfang bis Ende aus eigener Hand. Zweifellos erreichte er mit seinem enormen Knowhow, seiner einzigartigen Geduld und Akribie eine Meisterschaft, die wohl niemand toppen konnte.

Umso mehr litt er darunter, dass vor allem in den letzten 20 Jahren seine Schaltpläne im Netz verteilt wurden, seine Amps von zahlreichen Herstellern kopiert und dann auch in mehr oder weniger abgespeckter Form vertrieben wurden. Selbst diese „poor man’s Dumbles“ wurden weltweit begehrt. Viele Nachahmer zögerten auch nicht, Dumbles Namen in exakter oder leicht veränderter Buchstabierung auf ihre Produkte zu schreiben. Zudem gibt es mittlerweile unzählige Fußpedale, die dem unbedarften Kunden einen „Dumble-Sound“ versprechen. Er musste im Netz die Häme von Musikern und Technikern ertragen, die seine Produkte als reines Blendwerk entlarven wollten, weil die Preise für seine Amps in solch astronomische Sphären entglitten. Daran trug Dumble selbst freilich keine Schuld.

Früher Dumble „Silverface“ 50 Watt-Combo Overdrive Special

Ich kann mich noch gut erinnern, dass ein Dumble-50-Watt-Combo in Deutschland um 1978/79 circa 2.500 Mark gekostet hat. Das war in etwa die Preisregion von Jim Kelley oder Mesa Boogie. Ja, das war damals schon ziemlich teuer, aber das waren all die wenigen Boutique-Amps seit jeher.

PERSÖNLICHKEIT

Seine Scheuheit führte auch zu reichlich Spekulationen über seine Persönlichkeit – abgesehen von seinen zweifellos harschen Verträgen jedoch meist zu unrecht. Er fühlte sich vermutlich allein in seiner Werkstatt umgeben von seinen Produkten am wohlsten. Das Internet trug wesentlich dazu bei, ihn so manches Mal regelrecht an den Pranger zu stellen. Seine Kunden indes schwiegen sich über seine Persönlichkeit aus. Larry Carlton etwa wich mir in einem Interview auf Fragen nach Dumble stets aus: „Das musst du ihn schon selber fragen“, hieß es dann.

Larry Carltons Dumble-Topteile

Doch wie war der mysteriöse Amp-Genius nun wirklich? Das interessierte mich auch persönlich. Vor allem als mir Siggi Schwarz, von Siggi Schwarz Music Heidenheim, circa 1997 einen seiner Overdrive Special 100 Amp zuschickte, um darüber zu schreiben. Während ich den Amp zum Test zuhause hatte, traf ich für ein erstes Interview Robben Ford, der auf Fragen nach seinen Amps – außer ein paar lobenden Worten – ebenfalls auswich: „What should I say? Those Amps are well done by Mister Dumble himself. They are custom made for my purposes.“

Mehr war auch ihm nicht zu entlocken. Also entschied ich mich, ihn wirklich einmal selbst zu fragen. Von irgendjemandem bekam ich eine Telefonnummer. Ich muss zugeben, dass ich tagelang um mein Telefon herumschlich, weil ich Angst vor harschen Tönen oder einer Abweisung hatte. Kann man diesen mysteriösen Dumble einfach mal so anrufen? So sehr war auch ich schon von den zahlreichen Warnhinweisen bezüglich seiner Person vereinnahmt. Schließlich wagte ich es doch. Ich glaube, es hat nur zweimal gebimmelt, dann ging er dran: „Hello?“

Gut, er war anfangs etwas misstrauisch: „Who is it?“ Als ich das geklärt hatte und ihm mitteilte, dass ich für ein deutsches Musikmagazin etwas über ihn schreiben wollte, entspannte sich die Situation. Er wurde geradezu freundlich und sanftmütig. An genaue Einzelheiten aus diesem etwa nur fünf- bis zehnminütigen Telefonat kann ich mich heute gar nicht mehr erinnern. Ich kann nur so viel sagen: Ich hatte letztlich einen durchaus freundlichen und höflichen Mann am Telefon.

Gregor Hildens Dumble Overdrive Special 100 (Bild: Pipper)

Er erzählte mir, dass der Overdrive Special entstanden sei, weil David Lindley ihn einmal gefragt hätte, ob er seinen geliebten Fender Tweed Deluxe mit 100 Watt und Klangregelung bauen könne. Und das wäre gar nicht so einfach gewesen. Robben Ford erzählt dagegen, dass er selbst die Anregung dazu gegeben hätte, als Dumble ihn einmal über einen alten blonden Fender Bassman habe spielen hören. Was nun stimmt, ist letztlich egal. Erst recht bei einer Person wie Dumble, über die es so viele widersprüchliche Geschichten „vom Hörensagen“ gibt.

Am Ende bedankte ich mich für das Gespräch, worauf Dumble ein entspanntes „you’re welcome“ entgegnete. Hinterher ärgerte es mich, dass ich mich für das Telefonat so schlecht vorbereitet hatte. Vielleicht auch, weil ich annahm, dass ich ihn sowieso nicht erreiche. Jedenfalls hatte ich schnell das Gefühl, dass es ihm jetzt reicht, worauf ich das Telefonat auch beendete. Gut, ich hatte ihn an der Strippe, die Chance auf wirkliche Hintergründe jedoch verpasst.

CUSTOM SOUND

Der Overdrive Special, den mir Siggi Schwarz damals zur Verfügung gestellt hatte, war jedenfalls einzigartig gut verarbeitet. Heavy Duty! Und dieser Amp war weit mehr als ein Overdrive-Modus. Das Netzteil, die Bauteilauswahl, das ganze Schaltungskonzept, das Gehäuse, die Verarbeitung der Metallteile, ja, sogar die Art der Beschriftung: hier war alles überaus perfekt gestaltet. Man konnte diesem Produkt die Qualität quasi ansehen.

Es heißt aus unsicheren und unbestätigten Quellen, Dumble hätte im Laufe seines Lebens etwa 300 Amps gebaut. Manchmal schaffte er nur zwei oder drei davon pro Jahr. Entweder lag das an der streng selektierten Kundschaft oder an seinem Eifer, diese Amps selbst nach ihrer Entstehung durch kleinere Modifikationen immer weiter zu verfeinern. Am liebsten war es ihm übrigens, wenn er seinen Kunden und dessen Spielweise genau kannte. „Bauen beginnt beim Hören“, soll er einmal gesagt haben. Er wollte für den Anschlag und die Spielweise des jeweiligen Kunden genau die richtige Abstimmung finden – das war die Dumble-Kunst!

Da nutzt ein Schaltplan nur wenig. Außerdem waren die Handvoll Originale, die ich in meinem Leben gesehen habe, alle ein wenig anders. Ohne seine Absicht dahinter zu kennen, kann man diese Konstruktionen kaum verstehen. Robben Ford deutete mir gegenüber jedenfalls an, dass seine Amps trotz äußerlicher Gleichheit ganz anders abgestimmt seien als beispielsweise die von Larry Carlton. Es gibt also nicht DEN Dumble-Amp, sondern zahlreiche Versionen, die den Ansprüchen der Kunden jeweils möglichst genau folgen.

In den letzten Jahren hat Dumble wieder vorwiegend modifziert und getuned – natürlich am liebsten Fender-Amps. So entstanden etwa der Tweedle-Dee-Deluxe, den Kenny Wayne Shepard lange Zeit spielte oder die Ultra-Phoenix-Tunings für vorzugsweise Blackface-Bandmaster-Topteile, von denen John Mayer eines besitzt. Viele Stars haben ihre Dumbles mittlerweile verkauft – warum bleibt unklar. Robben Ford spielt jetzt kleinere Little-Walter-Combos und Larry Carlton sogar eine Dumble-like-Kopie von Bludotone. Steve Farris und Eric Johnson sollen ihre Modelle verkauft haben und auch Bonamassa zählt zu den Fans, die hin und wieder mal verkaufen und wieder ankaufen. Derzeit steht mitunter wieder ein Overdrive-Special-Combo neben seinem Tweed Twin auf der Bühne.

Ich denke mal, dass ein Verkaufspreis von 150.000 Dollar oder mehr auch für manchen Gitarren-Star ein Argument sein könnte, sich von seinem Dumble zu trennen. Die Verlockung scheint natürlich groß. Die Zeit der Einzigartigkeit dieser Amps scheint auch vorüber. Vor 40 Jahren waren Dumbles Ideen ähnlich wie die von Randall Smith oder Paul Rivera sicherlich revolutionär. Heute gibt es im Boutique-Segment tatsächlich so viele Alternativen, dass man sich auch ein Leben ohne Dumble vorstellen kann. Robben Ford habe ich später mal mit einem Fender Twin Reverb Reissue und einem Zendrive Pedal live erlebt und hatte den Eindruck, dass er gut wie immer damit klang – die Magie liegt am Ende wohl doch in den Fingern.

FAREWELL

Zweifellos geht mit dem Ableben von Howard Alexander Dumble eine Ära zu Ende. Legenden schürende Persönlichkeiten wie ihn, die so gut wie nie ein Interview gegeben haben und sich in ihrer Privatsphäre verborgen hielten, gibt es – vor allem in der Verstärker-Branche – kaum noch. Er war ein Künstler, der vielleicht auch deshalb so stark polarisierte, weil er stets so leise blieb. Und leise sein genügt heute ja schon beinahe, um geheimnisvoll zu wirken. Und geheimnisvoll wird dieser Mann wohl für immer bleiben. Er soll 76 Jahre alt geworden sein. Aber auch das bleibt ungewiss. Rest in Peace, Howard Alexander Dumble …


(erschienen in Gitarre & Bass 03/2022)

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Kommentare zu diesem Artikel

  1. In welchem Jahr war denn dieses Telefonat? Die meisten stars verkauften Dumbles weil sie eben mit verspaetungen von 1-2 Jahren von der Reparartur/Service wieder zurueckkamen. Ich weis auch das 2 Stars die Dumbles verkauft haben wegen Geld. Meist wegen Scheidungen. Kosted viel in den USA.

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  2. Vielen Dank für diesen gefühlvollen und kompetenten Nachruf!

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  3. Naja, man sollte diese Amps nicht zu sehr überbewerten. Letztendlich sind sie auch “nur” hochgezüchtigte, überarbeitete Fender Amps. Mehr nicht. Klingen gut, sind gut verarbeitet. Aber die Preise sind absolute Mondpreise.

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