Leslie West: Ein persönlicher Nachruf

(Bild: Justin Borucki)

7 Schläge auf der Cowbell, ein heavy Pentatonik-Riff und dann setzt nach einem kurzen Snare-Fill eine unglaublich fette Leadgitarre ein – um Leslie Wests Stil zu beschreiben, bedarf es nicht vieler Worte, sondern eigentlich nur die ersten 17 Sekunden seines größten Hits ,Mississippi Queen‘. Am 23.12.2020 ist der in New York als Leslie Weinstein geborene Musiker nach langer Krankheit gestorben.

Auf die Musik von Leslie West bin ich persönlich erst zu Beginn der 90er gestoßen. Ich war engagierter Jazz-Student mit Punk- und Indie-Vergangenheit und hatte durchaus Lücken was die Rockgeschichte anging. Bei einem Treffen mit einem Freund und Studienkollegen sprachen wir wie so oft über Tonleitern und kamen auf das Thema Dur-Pentatonik. Ich wusste nicht so genau, was das ist, aber mein Freund – der ein paar Jahre älter war und mit einer Rockband durch die Clubs tingelte – schon. Er spielte mir den Anfang von ‚Mississippi Queen‘ vor und eine neue Soundwelt tat sich auf.

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Ich kaufte mir ‚Climbing‘, das erste Album von Mountain und stellte fest, dass der kräftige Gitarrist noch viel mehr zu bieten hatte, als nur den bekannten Hit. Abseits der kräftigen Riffs mit dreckig verzerrtem Sound, war Leslie West ein toller Sänger mit beeindruckendem Organ, spielte die Akustikgitarre mit leicht indischem Einschlag und hatte als Solist eine ganz eigene Stimme. Da zählte jeder Ton, und obwohl sich fast alle Leslie-West-Solos in dem Pentatonik-Fingersatz abspielen, den jeder Gitarrenanfänger als erstes lernt, klang es melodisch und fast komponiert.

Es gibt sicher schnellere und virtuosere Gitarristen, als es Leslie West war, aber die Eingängigkeit seiner Solos muss man erst mal hinkriegen. Vom Ton und dem ausgefuchsten Vibrato wollen wir gar nicht reden. Zeit für einen Rückblick auf das Leben des Mountain-Kopfes.

ROCK‘N‘ROLL LIFE

Geboren am 22.10.1945 begann Leslie West seine musikalische Karriere mit der Garagen-Rock-Band The Vagrants. Bei einer Album-Produktion lernte er Felix Pappalardi, den Produzenten von Cream, kennen. West hatte keine Lust mehr auf den beatigen Garagenrock der Vagrants und wollte – stark beeinflusst von Cream und Eric Clapton – in eine andere, härtere Richtung gehen. Pappalardi gefiel der Sound und Stil des Gitarristen und so produzierte und spielte er Bass auf Leslie Wests erstem Soloalbum. Das Album hieß ‚Mountain‘ und wurde zum Namen der gemeinsamen Band.

Mountain begannen aufzutreten und schon die dritte Show fand beim legendären Woodstock-Festival statt. Kurz darauf stieß Corky Laing zur Band und das klassische Line Up war geboren. 1970 nahmen sie das Album ,Climbing‘ auf. West und Pappalardi teilten sich die Leadvocals. Der Cream-Einfluss war vor allem in Pappalardis Kompositionen und Bassspiel zu hören, während Leslie West dem Ganzen eine deutlich amerikanische Note verlieh. Mountain war härter, heavier und vielleicht etwas fokussierter als Cream. Während die drei Engländer sich in langen Improvisationen verloren, komprimierten Mountain ähnliche musikalische Einflüsse in 4-Minuten-Songs, die sowohl für Hippies, als auch für ölverschmierte Biker den passenden Soundtrack boten.

Nach zahlreichen Touren, zwei weiteren Alben und jeder Menge Drogen, lösten sich Mountain 1972 schon wieder auf. Pappalardi kehrte ins Studio zurück, während West und Laing mit Jack Bruce als West, Bruce & Laing weitermachten. 1973 kam es zu einer kurzen Mountain-Reunion, aber 1974 war endgültig Schluss.

West verbrachte die zweite Hälfte der Siebziger mit dem Auskurieren seiner Drogensucht und trat erst Mitte der Achtziger wieder als Solo-Künstler in Erscheinung. Mit einem härteren, moderneren Sound, versuchte er den Anschluss an den aufkommenden Heavy-Metal-Boom zu finden. Mit diesem stilistischen Konzept verbrachte er den Rest seiner Karriere – eine Mischung aus Mountain, Blues und modernen Heavy-Einflüssen sicherten ihm einen Platz im Rockbusiness.

Der ganz große Erfolg blieb zwar aus, aber mit seinem charakteristischen Sound blieb West eine verlässliche Größe in der Gitarren-Gemeinde. Mit Corky Laing ließ er mehrfach die alte Band wiederaufleben. Statt Pappalardi (der 1983 von seiner Frau erschossen wurde) bedienten Randy Coven und Mark Clarke den Bass. 1993 habe ich diese Formation sogar mal live gesehen – neben Leslie Wests Ton blieb mir vor allem die Tatsache im Gedächtnis, dass Randy Coven während des Drumsolos von der Bühne verschwand und mit neuem Hemd und frisch geföhnten Haaren zurückkam.

Hört man sich heute durch Leslie Wests Soloalben, stellt man fest, dass sich der Mann immer treu geblieben ist und der klassische Ton allen Modernisierungsversuchen zum Trotz nicht wegzukriegen war. Stil haben hat eben was für sich. Mit zunehmendem Alter stellten sich bei West zahlreiche gesundheitliche Probleme ein. Stark schwankendes Körpergewicht, eine Diabetes-Erkrankung, die 2011 zur Amputation eines Beines führte und Blasenkrebs machten das Leben als drogenfreier Rockmusiker nicht einfacher.

Leslie machte trotzdem weiter Musik und spielte sogar im Rollstuhl Konzerte. 2015 erschien sein letztes Solo-Album, das ihn allen gesundheitlichen Problemen zum Trotz in musikalisch guter Form zeigte. Kurz vor Weihnachten 2020 erlitt er jedoch einen Herzinfarkt und verstarb zwei Tage später, ohne das Bewusstsein wieder zu erlangen.

WERKZEUGE

Der klassische Leslie-West-Sound der Frühsiebziger entstand mit einer Les Paul Junior und einem Sunn-Coliseum-PA-Topteil mit KT88-Röhren. West wechselte zwischen zwei Les-Paul-Junior-Modellen aus den Fünfzigern, einer 1956 Single Cutaway und einer etwas neueren Double Cutaway. Beide Gitarren waren mit einem P90 und La-Bella-Saiten bestückt. West tauschte die hohe E-Saite gegen eine .010-Banjo-Saite und bewegte die restlichen 5 Saiten einen Slot nach unten. So erhielt er einen Satz, dessen Stärke einem heutigen 0.10-Satz entspricht.

Auf einigen Livevideos ist West auch mit einer Flying V zu sehen. In den 80ern und 90ern entwickelte er ein Faible für Steinberg-Headless-Gitarren. Mehr Verzerrung und Effekte wie Chorus und Delay lassen ihn zu dieser Zeit metallischer klingen. Gegen Ende seiner Karriere verwendete er ein Dean-Signature-Modell und Budda- und Blackstar-Amps.

MUSIK

Um zu verstehen was Leslie musikalisch gemacht hat, spielt man am besten ein paar seiner Riffs nach. Beispiel 1 stammt aus dem Song ,Never In My Life‘ und baut auf der G-Moll-Pentatonik auf. Clever ist die Aufteilung in kleine Motive und das Frage-Antwort-Konzept. Bsp. 2 überzeugt mit einem geschickten, variierten, rhythmischen Motiv und erinnert nicht nur vom Titel an Cream. Bsp. 3 ist das Hauptriff aus ,Mississippi Queen‘. Auch hier beantwortet Leslie die Powerchord-Frage mit unterschiedlichen Pentatonik-Single-Note-Licks. Ein Playalong dazu, findet ihr im G-&-B-Shop.

,Sittin‘ On A Rainbow‘ (Bsp. 4) verbindet ein Dur-Pentatonik-Lick mit Powerchords und Boogie-Pattern, während ‚Nantucket Sleighride‘ (Bsp. 5) eine Menge Melodie aus einer simplen A-Moll-Pentatonik holt. Leslies Solo-Ansatz kannst du in Beispiel 6 studieren. Das erste Solo aus ‚Theme For An Imaginary Western‘ ist ein Musterbeispiel für den melodischen Einsatz der Dur-Pentatonik, die Leslie selbst eher als drei Bünde nach unten verschobene Moll-Pentatonik sah. Wenn das Ergebnis so gut klingt, funktioniert auch dieses eher am Gitarrenhals orientierte Konzept. Toll sind die rhythmischen Variationen und die geschickt eingesetzten Bendings, welche die simple Pentatonik nach viel mehr klingen lassen.

Mach‘s gut Leslie, R.I.P.!

(Die Noten können durch Anklicken vergrößert werden!)

Kommentare zu diesem Artikel

  1. Toller Nachruf! Für einen wirklich außergewöhnlichen Gitarristen, der im Grunde immer Purist im besten Sinne des Musiker-Wortschatzes geblieben ist: Gitarre mit 1 PU + einzig Volumenkontrolle, mit der er z.B. bei ‘Theme For An Imaginary Western‘ seine LP Junior leicht perkussiv am Anfang, dann süß etwas aufgedreht und doch kräftig im Solo einfach hinreißend klingen lässt. Keine Effekte. Einfach einstöpseln und Losspielen. Mördersound.
    Ich liebe zwar Strat- und Telesounds (siehe meine YT-Sound-Demos “gittevarii”) aber Leslie West-Sounds begeistern mich heute wie vor 50 Jahren.
    Eine 70er-Jahre-One-PU Hondo II biete ich gerade in ebay an. Mit der bekommt man den Sound – obwohl kein P90 – auch super hin.
    Mit musikalischen Grüßen an die Fangemeinde von Leslie
    MrHKBlues

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