Im Interview

Hellmut Hattler: Die Rückkehr der alten Dame

(Bild: Siyou / Bassball Recordings)

Der Ulmer Bassist Hellmut Hattler feierte im letzten Jahr seinen „vierten Wiedergeburtstag“, am 19. Oktober 2017 war er nach der Behandlung von zwei Leukämien mit drei Chemos und einer Blutstammzell-Transplantation aus dem Krankenhaus entlassen worden. Und ein Jahr nach Veröffentlichung des Kraan-Albums ‚Sandglass‘ erschien mit ‚Sundae‘ ein neues Album seines Projekts Hattler, auf dem auch sein legendärer Rickenbacker-Bass, der Jahrzehnte verschollen war, zum Einsatz kam.

Und tatsächlich geht es auf diesem Album viel um Reminiszenzen: „Ich habe versucht, meine ganzen Erfahrungen und Prägungen einfließen zu lassen. Ab einem bestimmten Alter tendieren Menschen und so auch ich dazu, auch mal dem Rückblick zu frönen, auch auf das, was ich kenne, aber bisher noch nie gemacht habe. ‚Acid Blues No. 1‘ zum Beispiel ist eine Entsprechung zum Acid Jazz der 90er-Jahre. Hier habe ich den Blues charmant durch die Mangel gedreht. Wenn ich meine Ideen weiterreiche, zum Beispiel an Martin Meixner, der Hammond gespielt hat, an den Trompeter Joo Kraus, an den Gitarristen Torsten de Winkel, dann wissen die sofort, was sie beitragen müssen. Das passiert, weil bestimmte Stilistiken in einer Art kollektiven DNA bereits verankert sind.“

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Wie ist der ‚Acid Blues No. 1‘ entstanden?

Ich sitze in Portugal auf einer Bank, Füße in der Sonne, Kopf im Schatten. Ich habe da gejammt. Das altmodische Wort Urlaub existiert in meinem Wortschatz eigentlich gar nicht, aber zu der Situation passte es. Wir haben vor zwei Jahren Freunde dort besucht. Und die Urlaubsidee habe ich dann weiterverfolgt und bin drangeblieben.

Was war denn der Kern der Idee?

Wie fast immer jammte ich auf dem Bass und sang dann eine Melodie dazu, die mir spontan einfiel.

Und wie gibst du dann die Idee an deine Mitmusiker weiter?

Ich spiele sie entweder auf dem Bass oder singe sie meinen Vocal-Künstlern vor. Ich weiß, dass Fola Dada, meine Sängerin bei Hattler, das dann diskret behandelt, schließlich bin ich ja kein richtig guter Sänger. Ich summe die Melodie vor oder singe sie mit Text, sofern ich schon einen habe, und sie hebt das dann auf ein professionelles Level.

Aber einige männliche Vocals sind von dir?

Ja, alle bis auf den Song ‚Can We Run‘.

Fühltest du dich dabei ermutigt durch das letzte Kraan-Album? 

Ja, aber auch weil ich eine Veränderung in meiner Stimme bemerkt habe. Als ich aus dem Krankenhaus kam, war meine Stimme rauer und hatte mehr Obertöne, und mit dieser Färbung kann man auch mal leicht daneben singen, das ist dann nicht so schlimm! (lacht) Dazu kam, dass ich niemanden kannte, der diese Art von Sprechgesang übernehmen konnte. Fola ist keine Rapperin. Einen echten Rapper wollte ich auch nicht, und auch niemandem erklären müssen, wie ich mir diese charmante Mischung aus Gesangslinie und Sprechgesang vorstellte. Also habe ich es selbst gemacht, und mir gefällt der Kontrast meines Gesangs zu einer richtig großen Stimme wie der Folas.

Erzähl doch mal, was hinter ‚Rotten Rolls‘ steckt. Stimmt es, dass du dich mit dem ziemlich virtuosen Bass-Thema früher immer aufgewärmt hast? Im Pressetext zum Album sprach der Autor ja von einer „Reifeprüfung für Fortgeschrittene an den vier Saiten“?

Das ist immer noch mein Warm-Up. Wenn ich das zwei Minuten spiele, bin ich am Start für den Gig. Manchmal ist man ja klimatisch oder mental nicht so ganz geschmeidig, aber nach diesem Warm-Up flutscht es, und ich bin gewappnet für jede Bühne.

Aber der Ablauf der Linie ist gleich geblieben über die Jahre? Ja, die ist uralt. Eigentlich wollte ich sie schon auf meinem ‚Bassball‘-Album verbraten, und sie war live öfter Bestandteil eines meiner Soli bei Kraan. Die Melodie basiert auf der Blues-Form.

Das Tempo ist mit 212 schon recht flott, und da durchgehende Achtel-Triolen zu spielen, ist nicht ganz trivial. Manche Leser werden sich fragen, wie du das so locker hinkriegst? Hast du das langsam aufgebaut?

Überhaupt nicht. Manche meiner schnellen Lines kann ich gar nicht langsam spielen. Da müsste ich zuerst analysieren, was ich da rein mechanisch veranstalte. Ich wollte aber auf keinen Fall, dass der Song etüdenhaft rüberkommt, so nach dem Motto: „Herr Oberlehrer, ich kann was!“ (lacht) Deshalb habe ich durch den Gesang einen komödiantischen Kontrapunkt gesetzt, das Ganze sollte nicht bierernst, sondern lustig sein.

‚Anaheim Jive‘ ist eine meine Lieblingsnummern auf dem Album.

Ich habe für dieses Album alle meine Bass-Parts nicht daheim in den Laptop, sondern im Studio eingespielt. ‚Anaheim Jive‘ ist die einzige Ausnahme. Dessen Bass-Tracks schlummerten bestimmt schon drei Jahre auf meinem Rechner. Die habe ich in Anaheim in einem Hotel aufgenommen. Ich war zur NAMM-Show eingeladen worden und fand es total ätzend, da eine Woche lang durch die immer gleichen Hallen mit den immer gleichen eitlen Menschen zu wandern. Das habe ich alles nicht kapiert und zog mich zurück ins Hotel.

Die Idee hatte ich schon im Kopf, und sie vorher auch schon mal beim Soundcheck mit Oli (Rubow, Schlagzeuger bei Hattler, Anm. d. Red.) angespielt. Ich dachte, das Ganze habe ich in einer halben Stunde „reingenagelt“, wie der Ami sagt: „Nail the shit in, man!“. Aber weit gefehlt, ich habe ewig an dem Track gearbeitet, bis jeder Ton saß. Das Gehirn spielt einem manchmal Streiche. Du denkst, du kannst es, weil du weißt, wie es geht. Aber beim Anhören merkst du dann: Hoppla, da fehlt doch noch einiges.

Ich hatte Zeit und habe mich dann gleich ans Arrangement gemacht. Ich habe einen tollen Mitarbeiter, den Keyboarder Martin Kasper, der mir schon beim letzten Kraan-Album geholfen hat. Ich habe ihn beim Ali Neander Projekt kennengelernt. Er ist sehr leidensfähig und sehr begabt (lacht) und kennt sich mit Sounds unheimlich gut aus.

Was ist diesmal so ganz anders als auf deinen Vorgängeralben?

Ein Stück, das merkwürdigerweise bei einigen Leuten gerade massiv für Furore sorgt, ist ‚Can We Run‘. Das habe ich zusammen mit Peter Musebrink geschrieben, und ursprünglich war ich mit der Produktion und meinen Texten schon durch, aber über Peters Connection nach Skandinavien hat dann der Sänger Sebastian Lilja in kürzester Zeit den Text gemacht und die Vocals eingesungen. Meine Freundin Siyou ist sonst nicht so schnell aus der Fassung zu bringen, aber sie hat beim Erstkontakt sofort gesagt, der Song muss mit auf die CD!

Und sogar meine jüngste Tochter Zoé und meine große Tochter Mia, übrigens auch eine Bassistin, die beide ansonsten auf ganz anderen musikalischen Trips sind, waren auch spontan angetan von dem Song und wollten ihn unbedingt aufs Handy gebeamt haben. Und mein anderer Studiomann ruft mich seit Tagen an und will den Track unbedingt international vermarkten. Solche Reaktionen auf meine Musik kenne ich sonst eher nicht.

Lass uns über deinen legendären Rickenbacker reden!

Ja, den habe ich tatsächlich auf dem Album gespielt, kurz nachdem er wieder nach Hause gekommen war. Den Titeltrack ‚Sundae‘ und auch ‚Rotten Rolls‘ habe ich mit dem Ricky eingespielt, und zwar mit den Saiten, die ich vor 40 Jahren aufgespannt habe.

(Bild: Siyou / Bassball Recordings)

Im Ernst?

Ja, im Ernst. Er klingt aber nicht in allen Lagen geil, trotz neuer Saiten, die mittlerweile drauf sind. Er ist halt schon eine ältere Dame.

Erzähl doch mal die Lebensgeschichte dieser älteren Dame!

Ich habe den Bass 1975 ganz normal in einem kleinen Laden in Ulm gekauft, das war kurz nach ‚Kraan Live‘ (1974). Auf ‚Let It Out‘ (1975) ist er dann zum ersten Mal auf Platte zu hören. Ich habe den Bass ewig gespielt, hatte zwischendurch mal einen Hamer mit Explorer-Form. Aber auch die ganzen Flageolett-Geschichten auf ‚Flyday‘ von 1978 habe ich mit ihm gespielt, verstärkt über einen Roland JC-120, den ich auf einen Tisch gestellt habe, um meine Ohren in dem Stereo-Chorus-Sound zu baden.

1982 bin ich dann Ibanez-Endorser geworden und fand zum Leidwesen der Firma damals den billigsten Bass geil, den Blazer, eigentlich ein Bass im Precision-Style. Ibanez wusste, dass der Rickenbacker mein Hauptinstrument war, und sie befürchteten, dass ich den Rickenbacker heimlich weiter spielen würde. Um dem Ibanez-Vertrieb die Sicherheit zu geben, dass ich in Zukunft exklusiv ihre Instrumente spiele, ließ ich den Rickenbacker als Pfand in Neustadt.

Später wechselte ich zu Warwick und schließlich zu Status, aber der Rickenbacker blieb all die Jahre bei Meinl. Ich habe dann Alexander Meinl kontaktiert und ihn gefragt, ob der Rickenbacker denn noch bei ihnen stehen würde, und sagte ihm, dass ich den, auch wegen des anstehenden 50-jährigen Kraan-Jubiläums gerne wiederhaben wollte. Und tatsächlich kam nach zwei Tagen ein Paket. Ich hätte es aber fast zurückgehen lassen, denn meine Freundin hatte aus Versehen falsche Regalteile bestellt. Dann schaute ich auf den Absender, und da stand Meinl drauf. Also nahm ich an, und so kam der Bass nach locker vier Jahrzehnten wieder zu mir zurück. So schließen sich manchmal sehr erfreuliche Kreise.

(Bild: Siyou / Bassball Recordings)

transkription

Beispiel 1 zeigt den spektakulären Bass-Part von ‚Rotten Rolls‘. Hellmut spielt die fast konstant durchlaufenden Achtel-Triolen in konsequentem Wechselschlag.

Beispiel 2 stellt zwei spannende Teile von ‚Anaheim Jive‘ vor. Die Bass-Line ab 00:15 besteht aus Tönen der E-Moll-Pentatonik, also E, G, A, B und D, sowie dem Zusatzton F# und besticht durch raffinierte 1/16-Rhythmik. Ab 02:44 hören wir zunächst ein Bass-Solo-Lick, an das sich ein Thema anschließt, das der Bass unisono mit der von Ex-Tab-Two-Partner Joo Kraus gespielten, gedämpften Trompete spielt.

(Die Noten können durch anklicken vergrößert werden)

(erschienen in Gitarre & Bass 12/2021)

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