04/2021

Die Platten des Monats: Jazz

FRANK WINGOLD: TO BE FRANK

(Bild: Bernd Arnold)

Solo, Duo, Trio und mehr, Sounds, Standards, Song-Begleitung, freie Improvisation … der in Köln lebende Gitarrist Frank Wingold gehört zu den vielseitigeren Instrumentalisten der Jazz-Szene. „Solo Guitar“, heißt der Untertitel seines neuen Albums, und Wingold hat sich für dieses Projekt auf zwei siebensaitige Gitarren konzentriert: eine stahlbesaitete Jazz-Archtop und eine klassische Nylonstring-Gitarre, die vom klanglichen Ideal eigentlich gar nicht so weit auseinanderliegen müssen.

Dazu kommt, dass Wingold die Saiten seiner Instrumente mit den Fingern und Fingernägeln zupft, anschlägt, bearbeitet, was ihm, gegenüber dem Plektrumspiel, einige zusätzliche Gestaltungsmöglichkeiten eröffnet und Melodien, Basslines und Akkorde einzeln sowie in Kombination ermöglicht. Dadurch hat sein Gitarrenspiel auf ,To Be Frank‘ einen wirklich orchestralen Ansatz. Das gelingt Wingold, ohne Leichtigkeit und Zugänglichkeit aufzugeben, die seine Musik durchziehen.

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Das Album besteht jeweils zur Hälfte aus Improvisationen und Kompositionen – und man erlebt, dass auch freiere, tonal offenere Musik ganz schön gute Laune machen kann. Die Annahme, hier und da ein paar Overdubs zu hören, ist falsch: Frank spielt auf diesem Album live. Der Aufnahme-Sound ist warm und ansprechend, man hat das Gefühl, der Künstler säße direkt vor einem. Wohnzimmerkonzert!

,To Be Frank‘ kommt in einem sehr schön gestalteten DigiPak mit Booklet und beginnt mit acht Standards sowie einer Eigenkomposition, in denen Frank Wingold ganz unterschiedlich zur Sache geht: mal fast folkig, virtuos fingerpickend, dann im dezent klassisch angehauchten und mit feinen mediterranen Vibrati gewürzten Joe-Pass-Virtuoso-Style, um schließlich bei ,Joshua‘ und nachfolgenden Tracks absolut groovend eine tragende Basslinie mit pianistischen Akkorden, Melodien, Flageoletts und Improvisation zu kombinieren. Überragend finde ich Wingolds Interpretation der Wayne-Shorter-Komposition ,Pinocchio’, die fast nahtlos in die sechs improvisierten Tracks des Albums überleitet. Entdecken! www.wingold.de lt

 

 

PAT METHENY: ROAD TO THE SUN

Wo soll es für einen Gitarristen der Größe von Pat Metheny noch hingehen? 20 Grammy Awards und eine Stellung als einer der einflussreichsten Jazz-Musiker aller Zeiten sprechen eine deutliche Sprache. Auf ‚Road To The Sun‘ lässt der 66-Jährige nun Anderen den Vortritt: Sein titelgebendes Stück, bestehend aus sechs Sätzen, wird vom weltbekannten Los Angeles Guitar Quartett gespielt. Ähnlich verhält es sich mit der Solo-Suite ‚Four Paths Of Light‘, deren vier Sätze von Jason Vieaux interpretiert werden.

Der von vielen Seiten als einer der besten neuen klassischen Gitarristen der Gegenwart bezeichnete Musiker spielt die zart geschriebenen, von Quart-Harmonik durchzogenen Kompositionen Methenys in der Tat auf meisterhafte Weise. So begehrt der zweite Teil nach zaghaftem Intro in nachdenkliche Melodiebögen auf, deren gleichzeitige Zugänglichkeit und musikalische Substanz sich wohl als eines von Methenys größten Leistungen durch seine Diskographie ziehen. Die schwebenden Akkorde von ‚Road To The Sun‘ und der heitere bis tragische Charakter des zweiten Teils sind jedoch das Herzstück dieses außergewöhnlichen Albums. Bei den sechs beteiligten Gitarren-Riesen war etwas anderes wohl auch nicht zu erwarten. jk

 

 

FRANCO AMBROSETTI BAND: LOST WITHIN YOU

Mal abgesehen davon, dass der Schweizer Trompeter und Bandleader Franco Ambrosetti ein großartiger Musiker mit einer sehr interessanten Biografie ist, landete er insbesondere wegen eines Sideman in diesem Gitarristenmagazin: Mit John Scofield verbindet Ambrosetti eine langjährige Zusammenarbeit, die 1987 mit dem Album ,Movies‘ begann, es folgten ein Jahr darauf ,Movies, Too‘ und ,Cheers‘ (2017) – alle auf dem Münchener Label Enja erschienen, bei dem auch Scofield zu Beginn seiner Karriere eine Menge genialer Musik veröffentlicht hat, die erstaunlicherweise viele seiner jüngeren Fans gar nicht kennen.

Mit Franco Ambrosetti traf er dann noch mal zu ,Long Waves‘ (2019) zusammen, und jetzt sind sie auf ,Lost Within You‘ zu hören. Neben dem Bandleader (diesmal ausschließlich am Flügelhorn) und Scofield (mit warmem, relativ cleanem, aber dennoch atmendem Gitarrenton) waren noch Uri Caine (p), Renee Rosnes (p), Jack DeJohnette (dr/p) und Scott Colley (b) mit im Studio. Entstanden ist ein Balladen-Album, ruhig, swingend, mit teils weniger bekannten Kompositionen von Horace Silver, Miles Davis, Bill Evans oder McCoy Tyner.

Wer die ruhigere, etwas traditioneller jazzige Seite von John Scofield noch nicht kennt – hier gibt es eine Unterrichtsstunde in dezenter, respektvoller Standards-Interpretation mit eigener Handschrift – das übrigens auch von Bassist Scott Colley. Franco Ambrosettis ,Lost Within You‘ ist die Antwort auf die Frage, ob man denn immer noch diese alten Standards spielen muss. Ja, denn wenn man es kann, wie die hier zu hörenden Weltklasse-Interpreten, sind sie lebendige Herausforderungen für zeitlose, spannende, berührende Musik. lt

 

 

PHILIPP WISSER: JUST A GLIMPSE

Schon im ersten Stück von ,Just A Glimpse‘ wird deutlich, dass auf diesem Debütalbum des Essener Gitarristen Philipp Wisser Dinge wie Dynamik, Interaktion und der Wechsel zwischen Melodie und Improvisation im Vordergrund stehen. Daneben rückt auch der Groove mal nach vorne, etwa im rhythmisch herausfordernden ,The Whistler‘ oder dem klassisch swingenden ,Flow‘. Schön auch wie sich im langsamen ,Old Memories‘ die Instrumente überlappen und sich so Klangflächen bilden, die sich nach und nach auflösen, um der nächsten Verdichtung entgegenzustreben – ganz so wie alte Erinnerungen nacheinander auftauchen.

Überhaupt strahlen die geradezu plastisch klingenden Aufnahmen eine große Ruhe aus. Wisser hat mit Ruven Weithöner (tr, flh), Christoph Klenner (ts), Malte Winter (b) und Marvin Andrä (dr) genau die richtigen Musiker gefunden für seine Vorstellung von Jazz. Philipp begleitet mit Pickings, dezentem Strumming und stehenden Akkorden. Und er hat einen eigenen Ton, etwa wenn er Bendings länger aushält oder dezent sharp oder flat intoniert. Philipp Wisser ist ein berührendes und spannendes Jazz-Album gelungen. am

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