„Es kostet mich gerade einmal 20 Sekunden, um den Gitarrensound hinzukriegen, den ich mag. Mehr Zeit bin ich auch nicht bereit, zu investieren.“
Der Träumer: Chris Goss (Masters of Reality) im Interview
von Marcel Anders, Artikel aus dem Archiv
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(Bild: Copyright: Alex Solca 2024. All rights reserved.)
Wer ihn kennt, liebt ihn. Wer ihn nicht kennt, sollte das schnellstmöglich ändern: Chris Goss ist ein Berufsunikum, ein Musikverrückter und ein verkanntes Genie: Einer der wichtigsten Produzenten der 90er/2000er und Kopf einer Band, die nie die Beachtung gefunden hat, die sie verdient: Masters Of Reality. In den letzten 16 Jahren war Goss komplett abgetaucht – jetzt erlebt er ein triumphales Comeback mit ‚The Archer‘.
INTERVIEW
Chris, 16 Jahre ohne neue Musik – wie konnte das passieren bzw. was ist überhaupt passiert?
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Das ist die Frage. Und es gibt mehrere Gründe: Der wichtigste ist wohl, dass sich die Welt in den letzten 16 Jahren sehr verändert hat. Also zumindest für alle, die mit offenen Augen durchs Leben gehen. Und mir hat es regelrecht wehgetan, mitzuverfolgen und zu beobachten, was alles passiert ist. Wer jetzt nicht weiß, wovon ich rede, tut mir leid, aber ich habe ganz genau hingehört und hingeschaut. Ich habe dabei zugesehen, wie sich die Räder drehen – um John Lennon zu zitieren. Natürlich habe ich in der Zeit weiter Musik geschrieben und Ideen mit allem festgehalten, was mir zur Verfügung stand – verschiedene Telefone, Digital-Rekorder und alles andere, womit ich Riffs oder Melodien festhalten konnte.
Von daher habe ich in der Zeit hunderte von Ideen aufgenommen, aber als ich dann – was auch schon eine ganze Weile her ist – gefragt wurde, ob ich dieses Album umsetzen könnte, stand ich vor dem Problem, dass ich so viel Material hatte, dass ich nicht wusste, wo ich anfangen sollte. Es war zu viel, um alles durchzuhören. Eben mehrere Jahre an gesammeltem Kram. Ich habe es nicht einmal bis zur Hälfte geschafft. Aber die Sachen, die auf dem Album gelandet sind, haben etwas gemeinsam – zumindest für mich. Und es ist ein Album, dessen Schwerpunkt eher auf Texten als Riffs liegt – mehr als je zuvor. Eine bewusste Entscheidung. Und das ist es, was so lange gedauert hat: Eine Kombination aus mehreren Sachen.
‚The Archer‘ reicht von Psychedelia über Blues-Noir, Folk-Elementen bis zu Garagenrock. Reflektiert das die lange Entstehungsgeschichte und die unterschiedlichen Phasen, die du durchlaufen hast?
Das würde ich so unterschreiben – es sind verschiedene Stimmungen. Und viel mehr kann ich darüber eigentlich nicht sagen. Mir fällt es schwer, die einzelnen Stücke zu analysieren, weil sie noch so neu sind – und im Grunde für sich selbst sprechen. Aber: Das Ganze hat unterschiedliche Farben und geht in unterschiedliche Richtungen. Zudem hat es eine übergeordnete Geschichte. Und es liegt am Hörer, sie zu erkennen, denn ich bin wirklich nicht sonderlich gut im Erklären. Nur: Wenn die Musik ein Ziel verfolgt, besteht es darin, den Hörer an einen anderen Ort zu transportieren – indem er seinen physischen Körper verlässt und in einen ätherischen schlüpft.
Was spielst du auf dem neuen Album – was Gitarren, Verstärker und Effekte betrifft?
Die drei Gitarren, die ich am meisten eingesetzt habe, waren meine Telecaster, meine wunderbare Godin-Gitarre, aber auch das Modell, das sie für Dave Catching hier in Rancho de la Luna gebaut haben. Wenn ich bei ihm aufnehme, verwende ich auch seine Godin. Bin ich in anderen Studios, habe ich meinen eigenen Kram dabei. Und das war‘s dann. Alain spielt seine alte Jazzmaster – das Teil ist von 1972. Und was Amps betrifft, nutze ich immer meine alten Schätzchen, die längst Antiquitäten sind. Es gibt nichts Besseres als sie. Sie sind mittlerweile um die 70 Jahre alt, ziemlich zerbrechlich und ein Vermögen wert. Das sind meine Babys, die mir den besten Sound bescheren, den man sich nur wünschen kann. Füge ich ein bisschen Distortion hinzu, klingen sie wie Metallica. Wenn ich die Verzerrung rausnehme, haben sie etwas von den Beatles. Es ist so einfach – und es kostet mich gerade einmal 20 Sekunden, um den Gitarrensound hinzukriegen, den ich mag. Mehr Zeit bin ich auch nicht bereit, zu investieren. Einfach, weil mir die Geduld fehlt.
Sprichst du von Vintage-Fender-Verstärkern?
Nein, ich bin ein Supro-Mann – und für mich gibt es nichts anderes. Damit meine ich die Original-Modelle, nicht die neuen Teile. Das sind die Teile, die auch Jimmy Page und Jimi Hendrix im Studio benutzt haben – und ich habe schon vor langer Zeit herausgefunden, warum. Meine ersten Supros habe ich in den 1980ern gekauft – für nahezu gar nichts. Damals wollte sie keiner mehr haben – heute kostet jeder von ihnen mehrere Tausend Dollar; gerade die richtig alten Teile. Und ich mag, was aus ihnen herauskommt. Sie sind abgerockt und hohl. Wenn ich etwas eher Sauberes oder etwas mit Low-End brauche, postiere ich auch mal ein Mikrofon vor einem alten Fender. Alles von einem Champ bis zu einem Twin – einfach, um das Ganze fetter klingen zu lassen.
Also dreht sich bei dir alles um Verstärker?
Oh ja. Wobei es letztlich aber nur darauf ankommt, wie jemand sein Instrument handhabt. Bei 99 Prozent davon – egal ob Schlagzeug oder Gitarre – dreht sich alles darum, was der Spieler macht. Also wie sein Handgelenk und seine Finger die Saiten attackieren, und wie er sie abdämpft. Das ist das Entscheidende – nicht das Instrument. Das Beispiel, das ich gerne bemühe, ist John Bonham. Es kommt immer wieder vor, dass sich Leute hinstellen und sagen: „Ich will einen Bonham-Drum-Sound.“ Und da kann man nur viel Glück wünschen. Denn zunächst einmal wusste John, wie er sein Schlagzeug stimmen musste – nämlich richtig gut.
Dann sind es seine Gelenke, seine Ohren und natürlich der Moment, wenn seine Sticks auf die Felle treffen − und wie er sie wieder zurückzieht. Es ist das Detail, auf das es ankommt. Und das ist im Grunde unmöglich zu analysieren, weil es mit der Persönlichkeit des Musikers zusammenhängt. Insofern hängt alles von der Hand und den Gelenken ab – von den Fingern und dem Griff. Das macht 99 Prozent des Sounds aus. Und deshalb ist es auch so, dass viele Leute einen Supro verwenden können, aber nicht mal ansatzweise wie Jimi Hendrix oder Jimmy Page klingen. Selbst die beiden haben ja völlig unterschiedlich geklungen – obwohl sie auf denselben Amp zurückgegriffen haben. Insofern: Es geht um den Spieler, nicht um die Gerätschaft.
Wie umfangreich ist dein Gitarren-Arsenal mittlerweile? Bist du ein Sammler?
Kein bisschen. Ich habe nicht sonderlich viele Gitarren, und bin sehr glücklich mit den paar, die ich benutze. Alles andere würde nur in der Ecke stehen und Staub fangen. Deswegen sammle ich auch nicht – ich habe vielleicht zehn Gitarren, inklusive der akustischen. Das einzige, was ich horte, sind Verstärker. Davon kriege ich nicht genug.
Über Godin-Gitarren, Ginger Baker und mehr auf Seite 2 …
CHRIS GOSS 1: Masters of Reality (Bild: Tracy Tchai)
Was hat es mit der Godin-Gitarre auf sich – wie bist du zu ihr gekommen bzw. was macht sie so besonders?
Die Teile kommen aus Montreal und sind einfach wunderbar. Ich habe vor Jahren gesehen, wie John McLaughlin eine gespielt hat und dachte: „Wenn das seine bevorzugte Gitarre ist, muss das einen Grund haben.“ Und dann bekam ich mit, dass sich Dave Catching ebenfalls eine zugelegt hat. Also habe ich sie mir gegriffen und ein bisschen darauf herumgespielt. Es war wie: „Heilige Scheiße, ich mag das Teil.“ Und seine ist eine große Hollowbody − fast wie die Gibson, die Steve Howe immer gespielt hat. Ein richtig fettes Teil − und ein weiterer großartiger Gitarrist. Aber was die Godins betrifft, so sind sie wirklich toll verarbeitet und ich habe mich regelrecht in Daves Gitarre verliebt. Also habe ich Godin durch Dave kontaktiert und gesagt: „Hey, baut ihr mir auch eine von diesen?“ Aber natürlich wollte ich eine andere Farbe und nicht genau denselben Stil wie das Teil von Dave. So etwas hatten sie nicht im Katalog, also haben sie mir eine Maßanfertigung gebaut. Das hat fast ein Jahr gedauert, aber das Ergebnis ist großartig. Die Gitarre kommt auf dem gesamten Album zum Einsatz.
Warum sind die Masters nie so groß geworden, wie sie es verdient hätten – gerade in den Jahren 1992/93, in denen Ginger Baker am Schlagzeug gesessen hat?
Ich habe nichts als Respekt für Ginger. Er war ein Rebell und auch er musste erkennen, dass sich die Welt verändert hatte – also zwischen 1968 und 1993; gerade was Tourneen betrifft. In den 25 Jahren seit Cream war viel passiert und es war interessant, seine Reaktion darauf zu beobachten. Ich meine, ich hatte Glück: Ich wusste, wann ich ihn ansprechen konnte und wann nicht. Deshalb sind wir ziemlich gut miteinander klargekommen. Ansonsten hat Ginger regelrecht gebissen, wenn man ihm auf die falsche Art und Weise kam. Und dazu habe ich ihm nie Gelegenheit gegeben.
Im Gegenteil: Ich fand ihn wunderbar – und sau-lustig. Wie ja die meisten schlechtgelaunten Typen im Grunde extrem lustig sind. Und er hat mit allem gekämpft, was ihm zu Amerikanisch war. Schließlich war er im England des zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Und zu beobachten, was er hier in den Staaten durchmachen musste, war tough. Ich habe ihn 1990 kennengelernt und angefangen, mit ihm zu jammen. Wir sind sehr gut miteinander klargekommen.
Und: Wie denkst du darüber, dass Masters als „Kultband“ bezeichnet wird? Als Band, die es nie in den Mainstream geschafft hat?
Das ist einzig und allein meine Schuld. Als Ginger die Band verließ, hätte ich die Tournee für ‚Sunrise On The Sufferbus‘ mit einem anderen Drummer fortsetzen können. Die Entscheidung lag bei mir. Aber zu der Zeit waren wir fast „Masters Of Reality featuring Ginger Baker“. Das war der Vibe. Doch dann ist die Tour mit Alice In Chains im absoluten Desaster geendet. Layne Staley hatte während einer Show in Kansas City so viel Heroin genommen, dass er auf der Bühne eingeschlafen ist. Das sorgte für einen Abbruch und ein riesiges Chaos – die Tour wurde abgesagt. Für Ginger war es das ebenfalls. Er rief mich am nächsten Morgen von zu Hause an und meinte: „Das heutige Musikgeschäft ist ein Albtraum. Wir hätten nie mit Alice In Chains touren dürfen.“
Tja, ich liebe Alice In Chains und tue es noch immer – aber war das die richtige Band für uns? Nein! Wir hätten besser mit Neil Young oder ZZ-Top touren sollen, mit einem altmodischen Künstler, dessen Publikum eine gute Blues-Rock-Band zu schätzen weiß. Also eine dreiköpfige Blues-Rock-Band, die wir ja waren. Aber hey, ich habe ja auch Blues-Rock-Alben für Grunge-Kids gemacht – das zeigt, was für ein cleverer Geschäftsmann ich bin. Aber Ginger hat die Brocken hingeschmissen, weil er mit der Rockwelt von 1993 nichts mehr zu tun haben wollte. Deshalb hatte ich die Wahl: Entweder mit einem anderen Schlagzeuger weiter zu touren oder das Album sterben zu lassen.
Und zu genau der Zeit bekam ich plötzlich jede Menge lukrative Offerten, was Producer-Jobs betraf – solche, bei denen ich in zwei Monaten mehr verdiene als in einem ganzen Jahr auf Tour mit Masters Of Reality. Von daher hatte sich das Weitermachen mit der Band erledigt. Ich hatte eh keine Lust, mir jeden Abend vom Publikum anzuhören, wo denn Ginger sei. Darunter hätte auch der Schlagzeuger gelitten, der eingesprungen wäre. Aber im Nachhinein bereue ich es schon, nicht einfach weitergetourt zu sein. Dann wäre vielleicht vieles anders gelaufen – und Masters wäre heute weitaus bekannter. Nur: Hinterher ist man immer klüger.
Stimmt es, dass du auch für Nirvanas ‚Nevermind‘ im Gespräch warst, oder ist das einer dieser vielen Rock‘n‘Roll-Mythen?
Ach, das hat mir Dave Grohl Jahre später erzählt. Eben: „Hey Goss, wir hätten dich fast für ‚Nevermind‘ engagiert.“ Was soll ich anderes dazu sagen als: „Danke, Danke.“ Und wer weiß, was dann aus mir geworden wäre? Wahrscheinlich würde ich heute nicht hier sitzen. Dann hätte ich ein verfluchtes Vermögen verdient, wäre nach Frankreich gezogen und hätte mir genug Heroin für mein gesamtes restliches Leben gekauft. Aber: Über solche Sachen – wie etwa ‚Nevermind‘ zu produzieren – hat man halt keine Kontrolle. Sie passieren oder nicht. Und das hat dann gravierende Auswirkungen auf dein Leben und was du daraus machst. Aber ich bin schon stolz darauf, dass sie Fans meiner Arbeit waren bzw. dass Kurt Cobain Masters und Kyuss mochte. Die Tatsache, dass er so ein schreckliches Ende genommen hat, bewegt mich immer noch. Ich meine, dass so ein junger, talentierter und gutaussehender Bursche Suizid begangen hat, sagt viel über die Welt und über das Musikgeschäft. Eben, dass da wirklich eine Menge falsch läuft. ●