„Es kostet mich gerade einmal 20 Sekunden, um den Gitarrensound hinzukriegen, den ich mag. Mehr Zeit bin ich auch nicht bereit, zu investieren.“

Der Träumer: Chris Goss (Masters of Reality) im Interview

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CHRIS GOSS 1: Masters of Reality (Bild: Tracy Tchai)

Was hat es mit der Godin-Gitarre auf sich – wie bist du zu ihr gekommen bzw. was macht sie so besonders?

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Die Teile kommen aus Montreal und sind einfach wunderbar. Ich habe vor Jahren gesehen, wie John McLaughlin eine gespielt hat und dachte: „Wenn das seine bevorzugte Gitarre ist, muss das einen Grund haben.“ Und dann bekam ich mit, dass sich Dave Catching ebenfalls eine zugelegt hat. Also habe ich sie mir gegriffen und ein bisschen darauf herumgespielt. Es war wie: „Heilige Scheiße, ich mag das Teil.“ Und seine ist eine große Hollowbody − fast wie die Gibson, die Steve Howe immer gespielt hat. Ein richtig fettes Teil − und ein weiterer großartiger Gitarrist. Aber was die Godins betrifft, so sind sie wirklich toll verarbeitet und ich habe mich regelrecht in Daves Gitarre verliebt. Also habe ich Godin durch Dave kontaktiert und gesagt: „Hey, baut ihr mir auch eine von diesen?“ Aber natürlich wollte ich eine andere Farbe und nicht genau denselben Stil wie das Teil von Dave. So etwas hatten sie nicht im Katalog, also haben sie mir eine Maßanfertigung gebaut. Das hat fast ein Jahr gedauert, aber das Ergebnis ist großartig. Die Gitarre kommt auf dem gesamten Album zum Einsatz.

Warum sind die Masters nie so groß geworden, wie sie es verdient hätten – gerade in den Jahren 1992/93, in denen Ginger Baker am Schlagzeug gesessen hat?

Ich habe nichts als Respekt für Ginger. Er war ein Rebell und auch er musste erkennen, dass sich die Welt verändert hatte – also zwischen 1968 und 1993; gerade was Tourneen betrifft. In den 25 Jahren seit Cream war viel passiert und es war interessant, seine Reaktion darauf zu beobachten. Ich meine, ich hatte Glück: Ich wusste, wann ich ihn ansprechen konnte und wann nicht. Deshalb sind wir ziemlich gut miteinander klargekommen. Ansonsten hat Ginger regelrecht gebissen, wenn man ihm auf die falsche Art und Weise kam. Und dazu habe ich ihm nie Gelegenheit gegeben.

Im Gegenteil: Ich fand ihn wunderbar – und sau-lustig. Wie ja die meisten schlechtgelaunten Typen im Grunde extrem lustig sind. Und er hat mit allem gekämpft, was ihm zu Amerikanisch war. Schließlich war er im England des zweiten Weltkriegs aufgewachsen. Und zu beobachten, was er hier in den Staaten durchmachen musste, war tough. Ich habe ihn 1990 kennengelernt und angefangen, mit ihm zu jammen. Wir sind sehr gut miteinander klargekommen.

Und: Wie denkst du darüber, dass Masters als „Kultband“ bezeichnet wird? Als Band, die es nie in den Mainstream geschafft hat?

Das ist einzig und allein meine Schuld. Als Ginger die Band verließ, hätte ich die Tournee für ‚Sunrise On The Sufferbus‘ mit einem anderen Drummer fortsetzen können. Die Entscheidung lag bei mir. Aber zu der Zeit waren wir fast „Masters Of Reality featuring Ginger Baker“. Das war der Vibe. Doch dann ist die Tour mit Alice In Chains im absoluten Desaster geendet. Layne Staley hatte während einer Show in Kansas City so viel Heroin genommen, dass er auf der Bühne eingeschlafen ist. Das sorgte für einen Abbruch und ein riesiges Chaos – die Tour wurde abgesagt. Für Ginger war es das ebenfalls. Er rief mich am nächsten Morgen von zu Hause an und meinte: „Das heutige Musikgeschäft ist ein Albtraum. Wir hätten nie mit Alice In Chains touren dürfen.“

Tja, ich liebe Alice In Chains und tue es noch immer – aber war das die richtige Band für uns? Nein! Wir hätten besser mit Neil Young oder ZZ-Top touren sollen, mit einem altmodischen Künstler, dessen Publikum eine gute Blues-Rock-Band zu schätzen weiß. Also eine dreiköpfige Blues-Rock-Band, die wir ja waren. Aber hey, ich habe ja auch Blues-Rock-Alben für Grunge-Kids gemacht – das zeigt, was für ein cleverer Geschäftsmann ich bin. Aber Ginger hat die Brocken hingeschmissen, weil er mit der Rockwelt von 1993 nichts mehr zu tun haben wollte. Deshalb hatte ich die Wahl: Entweder mit einem anderen Schlagzeuger weiter zu touren oder das Album sterben zu lassen.

Und zu genau der Zeit bekam ich plötzlich jede Menge lukrative Offerten, was Producer-Jobs betraf – solche, bei denen ich in zwei Monaten mehr verdiene als in einem ganzen Jahr auf Tour mit Masters Of Reality. Von daher hatte sich das Weitermachen mit der Band erledigt. Ich hatte eh keine Lust, mir jeden Abend vom Publikum anzuhören, wo denn Ginger sei. Darunter hätte auch der Schlagzeuger gelitten, der eingesprungen wäre. Aber im Nachhinein bereue ich es schon, nicht einfach weitergetourt zu sein. Dann wäre vielleicht vieles anders gelaufen – und Masters wäre heute weitaus bekannter. Nur: Hinterher ist man immer klüger.

Stimmt es, dass du auch für Nirvanas ‚Nevermind‘ im Gespräch warst, oder ist das einer dieser vielen Rock‘n‘Roll-Mythen?

Ach, das hat mir Dave Grohl Jahre später erzählt. Eben: „Hey Goss, wir hätten dich fast für ‚Nevermind‘ engagiert.“ Was soll ich anderes dazu sagen als: „Danke, Danke.“ Und wer weiß, was dann aus mir geworden wäre? Wahrscheinlich würde ich heute nicht hier sitzen. Dann hätte ich ein verfluchtes Vermögen verdient, wäre nach Frankreich gezogen und hätte mir genug Heroin für mein gesamtes restliches Leben gekauft. Aber: Über solche Sachen – wie etwa ‚Nevermind‘ zu produzieren – hat man halt keine Kontrolle. Sie passieren oder nicht. Und das hat dann gravierende Auswirkungen auf dein Leben und was du daraus machst. Aber ich bin schon stolz darauf, dass sie Fans meiner Arbeit waren bzw. dass Kurt Cobain Masters und Kyuss mochte. Die Tatsache, dass er so ein schreckliches Ende genommen hat, bewegt mich immer noch. Ich meine, dass so ein junger, talentierter und gutaussehender Bursche Suizid begangen hat, sagt viel über die Welt und über das Musikgeschäft. Eben, dass da wirklich eine Menge falsch läuft. ●


(erschienen in Gitarre & Bass 12/2025)

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