Im Interview

Chris von Rohr & Krokus: Rock ‘n’ Roll aus Notwehr

(Bild: Björn Trotzki)

Krokus-Bassist Christoph „Chris“ von Rohr, geboren 1951 im schweizerischen Solothurn, bezeichnet sich selbst als „Rocklegende und Kultfigur“. Kultstatus genießen seine 1991 und 2003 erschienenen Autobiografien ‚Hunde wollt ihr ewig rocken‘ und ‚Bananenflanke‘ tatsächlich, darüber hinaus war der 69-Jährige als Rockmusiker und Produzent (u.a. Krokus, Gotthard) an immerhin 16 Millionen verkauften Tonträgern mit 50 Gold- und Platinauszeichnungen beteiligt.

Der Mitte der Achtziger zum Ehrenbürger von Memphis, Tennessee ernannte von Rohr war die letzten beiden Jahre mit Krokus auf weltweiter Abschiedstour. Im Februar erschien die DVD mit einem Live-Konzert der Tour: ‚Krokus: Adios Amigos: Live @ Wacken‘. Wir haben den charismatischen und selbstbewussten Alpenländler zu den Eckpfeilern seines künstlerischen Lebens befragt und bekamen viele interessante Antworten, teilweise übrigens in typisch Rohr‘scher Ausdrucksweise.

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(Bild: Robert Jaenecke)

Chris, was haben du und Krokus zur Rockmusikszene generell beigesteuert? Worauf bist du am meisten stolz?

Wir haben in all den Jahrzehnten sicherlich viele junge Musiker dazu animiert, es auch selbst zu versuchen. Ich bekomme aufgrund unserer Musik und meiner Bücher immer wieder diese Feedbacks, und das ist schön. Krokus haben den Rock’n’Roll sicherlich nicht neu erfunden, aber wenn wir zusammen spielten, waren wir eine Einheit, ein gefürchtetes Gesamtkunstwerk. An guten Abenden konnten wir den Menschen ein Glücksgefühl geben, das schwer erklärbar ist. Es gibt da diese einzigartige Chemie zwischen uns, die mit Leidenschaft, Zuversicht, Hartnäckigkeit und unbändiger Lebensfreude zu tun hat. Das war und ist Krokus.

Hast du angesichts der Abschiedskonzerte Wehmut gefühlt? Oder fühlst du dich eher vom Druck befreit?

In erster Linie fühle ich große Dankbarkeit für das, was wir alle erleben durften. Wehmut ist immer dabei, wenn man etwas Großes loslässt. Den richtigen Moment aufzuhören, findet man eh nie – entweder es ist zu früh oder zu spät. Wir entschieden uns als Band für die frühe Variante, solange es noch gut und stark ist.

Welches waren aus deiner Sicht die besten Zeiten von Krokus?

Ganz klar: die Gegenwart. Heute wissen wir, wie es geht und wie man unsere Songs optimal spielt. Jeder, der uns im Dezember 2019 in der Halle oder im Sommer 2019 beim Wacken-Festival erlebt hat, konnte das hören und sehen. Hinzu kommt, dass wir bei den Konzerten auch das beste Line-up unserer Laufbahn am Start hatten. Es macht Freude, weil wir genießen, was wir tun, jede Note auskosten und die Dramaturgie des Sets heute besser im Griff haben. Früher rockten wir sicherlich auch wild und gut, aber halt oft zu ungestüm und zu wenig bewusst.

Welches sind die gelungensten Krokus-Alben?

Müsste ich einem Außerirdischen die Band vorstellen, der noch nie etwas von uns gehört hat, würde ich ihm raten, sich ‚Long Stick Goes Boom – Live From The House Of Rust‘ reinzuziehen. Innerhalb der Band sind wir uns einig, dass dieses Album Krokus am meisten auf den Punkt bringt. Natürlich sind rückblickend die Klassiker wie ‚Metal-Rendezvous‘, ‚Hardware‘, ‚One Vice At The Time‘ oder ‚Headhunter‘ die stärksten, vor allem Song- und Sound-mäßig. Aber auch neuere Werke wie ‚Hoodoo‘, ‚Dirty Dynamite‘ oder ‚Big Rocks‘ haben ihre Momente und ihre guten Songs.

Jede Karriere hat auch Tiefpunkte, Krisen, Schwierigkeiten. Deine gipfelten 1983 im Rauswurf bei Krokus. Wie hast du diesen Rückschlag damals überwunden?

Unsere Trennung im Jahr 1983 war für mich ein harter Brocken. Sein Baby zu verlieren ist der pure Horror. Doch wie alles im Leben bringt das scheinbar Negative auch Positives mit sich. Der Split brachte mir ungeahnte Möglichkeiten, dazuzulernen und mich weiterzuentwickeln, zum Beispiel als Produzent, Songschreiber, Buchautor oder Radiomacher. Die Musik blieb mir aber immer sehr nahe, vielleicht sogar noch näher als in den Zeiten, als wir acht Monate pro Jahr auf der Bühne immer die gleichen 20 Songs spielten.

Hast du in jenen Jahren generell mal ans Aufhören gedacht?

Ja. Damals lief einiges völlig aus dem Ruder. Wir alle waren total überfordert, schlaflos, erschöpft und sehr schlecht gemanagt, kurzum: tot. Wir hatten von allem zu viel, und der ganze Zirkus machte uns blind und kaputt. Hinzu kommt: Großer Erfolg und weißes Pulver sind eine schlechte Kombination.

Was waren dein allererster Bass und dein allererster Amp?

Der Bass kam erst sehr viel später, nachdem ich vorher zwölf Jahre lang gesungen, Drums und akustische Gitarre gespielt hatte. Es waren ein schwarzer Fender Precision und ein Orange-Amp. Die gesamte Geschichte mit der Musik war für mich Liebe auf das erste Ohr. Ich wusste von Beginn an, dass für mich nur Musik als Beruf in Frage kam: Musik aus Notwehr, quasi. Mein Umfeld, die Gesellschaft, ließ mir in den 60ern keine andere Wahl. Da ging es um die großen Veränderungen, um eine kulturelle Revolution nach dem Krieg, weltweit.

Nur in der Musik, beim Jammen oder wenn ich alleine spielte, fühlte ich mich wirklich zu Hause Jimi Hendrix, John Lennon und Bob Dylan waren meine Richtsterne. In meiner ersten richtigen Band namens Inside, einem Cream-lastigen Trio mit dem späteren Krokus-Gitarristen Tommy Kiefer, spielte ich Schlagzeug. Ich wünschte, es gäbe noch Tapes von unseren wilden Gigs. Leider ist alles verschollen.

(Bild: Robert Jaenecke)

Wie sah dein Equipment beim Start von Krokus aus?

Ich spielte immer schon Orange und Ampeg. Vor ungefähr zehn Jahren ersetzte ich die Fender- durch zwei Sandberg-Bässe. Herrliches Material, runder, warmer, aber klar definierter Sound, ein Traum zum Spielen. Und natürlich keine Geräte oder sonstiger Schischi. Pur und minimal dreckig angezerrt.

Was waren damals deine musikalischen Ziele und Hoffnungen?

Mein Ziel war es immer, von der Musik leben zu können, das war schon vor 46 Jahren so. Und vor allem: Freude an dem zu haben, was man spielt, egal ob alleine oder mit der Band. Musikmachen ist wie durch ein Mikroskop zu schauen: Man entdeckt immer wieder etwas Neues. Und ist man erst einmal wirklich von diesem gutartigen Virus befallen, lässt er einen nie wieder los. Alle meine Träume haben sich erfüllt. Ich tue, was ich liebe, und werde sogar noch dafür bezahlt. Damals, in kargen Zeiten, alles auf eine Karte zu setzen, war für mich der richtige Weg und wurde schlussendlich belohnt.

Was sind die wichtigsten Lektionen, die du als Musiker gelernt hast?

Erstens: Man muss sich selbst treu sein. Keine halbherzigen Kompromisse. Dann genau hinhören: Nichts ist stärker als ein Song. Nicht jeder ist ein Miles Davis, und sogar dieses Improvisationsgenie checkte schnell, was ein Song, eine Melodie für eine Karriere ausmachen kann. Und dann noch: Weniger ist mehr! In der Musik kommt es auf das Weglassen an, das haben alle Großen und Guten begriffen. Wenn man jung ist, muss man das erst begreifen und die Erkenntnis reifen lassen.

Gab es auch Lektionen, die du lieber nicht gelernt hättest oder Erfahrungen, die dir besser erspart geblieben wären?

Erfahrung ist die Summe deiner Fehler, und das ist gut so. Es gibt keinen glatten Highway zum Erfolg und zur Meisterschaft. Fehler sind gleichzeitig auch Chancen.

Danke Chris, und alles Gute für deine Zukunft!

(erschienen in Gitarre & Bass 03/2021)

Kommentar zu diesem Artikel

  1. Die Band Krokus kenne ich noch,na klar,diese Band war ja damals „total angesagt“.Gerne hörte ich aber auch die einheimische Gruppe Can,und ihren Songtitel „Hunters and Collectors“.Es war damalig eine gute Zeit für diese Bands.Es wurde sehr viel experimentiert.Manches war top,anderes hingegen völlig daneben.Die eingängigen Melodien und harten Gitarrenriffs prägten schon früh den Erfolg.So ist es bis heute geblieben.
    Die steten Erfahrungswerte bestimmen den weiteren Karriereverlauf und den Ansporn,immer weiter zu musizieren,und eigenständige Werke für die Ewigkeit zu erschaffen.Es existiert absolut kein Erfolgsrezept,dies ist Fakt.
    Nur die total naiven Musiker glauben noch an den Erfolg der überbordenden Technik,und haben es leider immer noch nicht begriffen,daß der besondere Ton einzig durch die Spieltechnik,den die Finger des Gitarristen erzeugen,geformt wird.Der ultimative,der pure Sound wird durch sehr wenig,oder noch besser,ganz ohne zusätzliche High-Tech erschaffen.
    Und in diesem Zusammenhang,erinnere ich hier nur mal an den,leider viel zu früh verstorbenen,irischen Ausnahmegitarristen Rory Gallagher (R.I.P.) ,der mit seinen eingängigen Songs unter echten Kennern,bis dato zur global anerkannten Kultfigur des schnörkellosen Blues Rock gehört.

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