Im Interview

Carlos Santana: Der Hippie mit der Gitarre

Anzeige
(Bild: Jay Blakesberg)

Love & Peace – Liebe und Frieden. Etwas anderes hat den 74-jährigen US-Amerikaner mit mexikanischen Wurzeln nie interessiert. Kein Wunder: Diese Botschaft hat ihm ein Millionenpublikum beschert – und ist auch Dreh- und Angelpunkt seines inzwischen 26. Studio-Albums ‚Blessings And Miracles‘. Der perfekte Anlass für ein kurzweiliges Gespräch über das Alter und musikalische Selbstverwirklichung.

Er macht sich rar – und das wird mit zunehmendem Alter immer offensichtlicher. In den späten 90ern/frühen 2000ern, als er mit ‚Supernatural‘ und ‚Shaman‘ auf einer gigantischen Comeback-Erfolgswelle schwamm, hat der Mann, der ewig in San Francisco residierte, noch richtig lange Interviews gegeben, extensive Pressetage abgehalten und auch mal in sein Hauptquartier in der Bay Area geladen.

Anzeige

Doch in den letzten Jahren nach seiner Scheidung, seinem Umzug nach Las Vegas, diversen Wechseln der Plattenfirma und qualitativ/kommerziell stark schwankenden Albumveröffentlichungen werden Interview-Slots mit dem Alt-Hippie immer seltener, kürzer und schwieriger zu organisieren. Zu seinem neuesten Werk beträgt die Länge der Privataudienz gerade mal 20 Minuten. Nicht per Zoom oder Skype, sondern ganz altmodisch per Telefon aus der Casa Santana in einem Villen-Vorort von Sin City. Da ist der Meister jedoch bemüht und redselig.

Carlos, musikalisch gibst du dich auf ‚Blessings And Miracles‘ betont vielseitig und pendelst zwischen Jazz, Latin-Einflüssen, R&B und Hardrock – fast wie eine Spotify-Playlist. Was willst du damit sagen bzw. beweisen?

Ich spiele einfach mit allem herum, was mir gerade in den Sinn kommt. Ich habe Spaß – aber den verfolge ich auch durchaus ernsthaft. (lacht) Dank Gottes Segen habe ich ein breites Portfolio an Stilen und Einflüssen. Und ich bin immer hungrig nach mehr. Ich bin also kein Fachidiot – ich interessiere mich für verschiedene Dinge und beherrsche sie auch. Das ist der Unterschied zu den Politikern da draußen.

Sprich: Carlos Santana kennt keine Grenzen?

Nein! Ich reise jetzt seit 1958 durch die Lande und spiele Musik in allen erdenklichen Städten. 1970 habe ich Europa entdeckt – und somit auch italienisches, japanisches, französisches und indisches Essen. Ich erachte mich selbst als jemand, der ständig Neues über Zutaten und Nährstoffe erfährt, die mein Leben noch delikater machen.

Was hat dich erneut mit Rob Thomas arbeiten lassen? Und ist ‚Move‘ das neue ‚Smooth‘?

Ja, und der Song ist mir einfach so zugeflogen. Mein Bruder Rob hat ihn zusammen mit Zac von den American Authors geschrieben und ihn mir geschickt. Sie wollten wissen, ob ich Lust hätte, Gitarre darauf zu spielen. Erst meinte ich: „Natürlich – kein Problem.“ Ich war auf Kauai, Hawaii, und habe das einfach per Zoom gemacht, wie das heute so üblich ist. Aber als ich da meinen Part beisteuerte, wurde mir klar, wie nahe es ‚Smooth‘ kommt: Es ist ein gigantischer, absolut zeitloser Song in der Manier von ‚The Twist‘. Deshalb musste ich ihn einfach auf mein Album nehmen.

Auf den neuen Stücken wirken auch dein Sohn, deine Tochter und deine Frau Cindy mit – ein Familienprojekt?

Eine wunderbare Sache. Ich habe ‚Breathing Under Water‘, einen Song von meiner Tochter, gehört und gedacht: „Das klingt wie etwas, das ich gerne um fünf oder sechs Uhr morgens in Europa hören würde.“ Einfach, weil es sehr europäisch und eindringlich anmutet. Ich liebe ihre Stimme, also habe ich sie gefragt, ob ich den Song für mein Album verwenden und Gitarre dazu spielen könnte.

Bei meinem Sohn war es ähnlich: Ich hörte sein Stück und dachte, es würde sich um jemanden aus Europa handeln. Also habe ich die App Shazam benutzt, um herauszufinden, wer der Künstler ist. Da taucht plötzlich das Gesicht meines Sohnes auf – ich war völlig perplex. Also meinte ich: „Salvador, kann ich Gitarre darauf spielen und es für mein Album benutzen?“ Insofern haben mir diese Stücke erlaubt, etwas Gemeinsames mit meiner Familie zu machen. Wobei meine Frau Cindy Schlagzeug auf allem spielt. Es ist also eine Familienangelegenheit.

Das neue Album: ‚Blessings And Miracles‘

Außerdem hast du den Song ‚Peace Power‘ mit Corey Glover von Living Colour aufgenommen, in dem es heißt: „We’ve got to rise and be strong for the past, for the future, for the right now.“ Das hat etwas von einem Ruf zu den Waffen, oder?

Er bezieht sich auf das, was in den letzten zwei Jahren passiert ist, und was im Grunde schon sehr, sehr lange passiert. Nämlich die unverhüllte Brutalität der Polizei gegen Schwarze und andere Bevölkerungsgruppen. Ich bin quasi damit aufgewachsen, Solidaritätskonzerte für die Black Panthers zu spielen. Das tue ich seit ich in den 60ern zum Hippie geworden bin.

Und ich engagiere mich bis heute für die Rechte der amerikanischen Ureinwohner, der Mexikaner und der LGBTQ-Bewegung. Einfach, weil da zu viel Brutalität und Ungerechtigkeit herrschen. Weil es immer noch zu viele Rassisten gibt. Denen kann ich nur sagen: Öffnet endlich euren Geist – sofern ihr einen habt. Darum geht es in dem Stück. Eben seine Macht zu nutzen und sein Schicksal selbst zu ändern: „Change your mind and your destiny.“ Das ist möglich, wenn man nur will. Deshalb ist auch „black power“ wichtig: Es ist keine Bewegung gegen Weiße, sondern gegen Ungerechtigkeit und Brutalität. Gegen das, was falsch läuft.

(Bild: Maryanne Bilham)

Als jemand, der seit über 50 Jahren Liebe und Frieden predigt: Hattest du nie das Gefühl, dass man dir vielleicht nicht richtig zuhört? Dass man deine Botschaft ignoriert oder missversteht? Dass deine Mission demnach gescheitert ist?

Nicht wirklich. Das Problem ist: Es gibt einfach zu viele dumme Menschen. Jedoch sind wir als Menschheit sehr wohl in der Lage, uns umsichtig und nett zu verhalten. Das ist der Grund, warum ich John Coltrane liebe, warum ich Mutter Teresa und bestimmte Leute mag, die einfach beständig in ihrer Würde sind und eine einwandfreie Integrität besitzen. Insofern wende ich mich auch nie gegen jemanden, sondern mir geht es immer um Einheit und Harmonie.

Dann hast du Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet und wir unsere globalen Probleme in den Griff bekommen?

Auf jeden Fall! Die Situation, die wir heute erleben, wird nicht ewig anhalten, sondern sich irgendwann erledigt haben. Ich meine, man darf nie vergessen: Es ist noch gar nicht lange her, dass wir das Feuer erfunden haben. Davor kannten wir es nur durch einschlagende Blitze und Waldbrände. Aber dann haben wir gelernt, selbst welches zu erzeugen. Anschließend haben wir die Elektrizität erfunden, und in nicht allzu ferner Zukunft werden wir uns auch auf etwas besinnen, das im Grunde längst da ist: Eine spirituelle Haltung.

Wie passt das zum heftigsten Stück des Albums, zu ‚America For Sale‘, das du mit Kirk Hammett von Metallica und Mark Osegueda von Death Angel aufgenommen hast? Ist das dein Vorstoß in den Heavy Metal?

Ganz ehrlich? Ich wollte schon immer ein Heavy-Metal- oder Hardrock-Album machen – wie Led Zeppelin, Metallica oder AC/DC. Einfach, weil ich die unbändige Energie mag. Darauf stehe ich seit Peter Green zu seiner Zeit bei Fleetwood Mac, aber auch seit dem elektrifizierten harten Rock von Cream und Hendrix. Mein 73er-Album ‚Love Devotion Surrender‘, das ich mit John McLaughlin aufgenommen habe, ging in eine ähnliche Richtung. Es hat dieselbe Energie.

In ‚America For Sale‘ scheint es um die internationalen Großkonzerne zu gehen, die viel Einfluss und Macht haben, aber kaum Steuern bezahlen. Eine Anklage oder gar Abrechnung?

Das wäre eine Sichtweise. Die andere wäre, das Ganze aus dem Blickwinkel eines kleinen, indianischen Jungen zu betrachten, der miterlebt, wie die Kolonisten kommen und den amerikanischen Ureinwohnern alles stehlen. Einschließlich historischer Grabstätten, die an Museen verkauft werden. Wenn ich also sage: „America For Sale“, dann geht es um die dunklen Kapitel seiner Geschichte – aber auch um diese herzlosen Konzerne, denen Mutter Erde und das Wohl der Menschen völlig egal sind. Sie denken nur an ihren Profit.

Du bist jetzt 74. Ist da noch etwas, das du unbedingt erleben oder erreichen möchtest?

Eric Clapton, Derek Trucks und ich haben darüber gesprochen, ein Album unter dem Titel „Eric, Derek und der Mexikaner“ aufzunehmen. Was uns vorschwebt, ist etwas in der Manier des Westernfilms ‚The Good, The Bad And The Ugly‘ – eine Art Soundtrack für einen kosmischen Western. Mit Musik, die es so noch nicht gibt und die nicht vorhersehbar ist.

Welche Songs der Rockgeschichte, an denen du nicht beteiligt warst, weisen deiner Meinung nach die besten Gitarrensoli aller Zeiten auf?

‚All Along The Watchtower‘, ‚Purple Haze‘ und ‚Foxy Lady‘ – also Jimi Hendrix, Jimi Hendrix und Jimi Hendrix.

Warum ausgerechnet die?

Weil man als Musiker wie Einstein und Tesla zusammen sein muss, um so zu spielen. (lacht)

Etwa noch besser als Peter Green und Eric Clapton?

Die sind auch toll. Also Eric ist großartig, Jimmy Page ist großartig, Jeff Beck ebenso. Aber der Typ, von dem wir alle gelernt haben, ist Buddy Guy. Er ist der wahre Gitarrenmeister – gleich neben Albert King, B.B. King, John Lee Hooker, Otis Rush. Es gibt einen Grund, warum all meine britischen Brüder und ich exakt dasselbe gehört haben, als wir großgeworden sind. Und es hätte nie einen Jimi Hendrix ohne Buddy Guy oder Curtis Mayfield gegeben. Es kommt alles von ihm. Buddy Guy hat den Turbo-Blues erfunden. Das ist sein Lebenswerk.

Was ist das für ein Gefühl, diese Ikonen nach und nach zu verlieren – also gerade erst Charlie Watts und kurz zuvor Peter Green?

Ich vermisse sie sehr. Aber: Ich höre ihre Musik ständig und überall. Von daher sind sie immer in meinen Ohren und in meinem Herzen.

Sie werden dich also nie wirklich verlassen?

Auf keinen Fall.

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2022)

Produkt: I’ll Be Waiting – Santana
I’ll Be Waiting – Santana
I’ll Be Waiting: Hol Dir die Playalong-Versionen des Klassikers von Santana!

Kommentare zu diesem Artikel

  1. wie sich doch aktuell die Grenzen in Europa verschieben, jetzt gehören Japan und Indien auch schon dazu😀

    Auf diesen Kommentar antworten
  2. Santana ist in den USA zur Schule gegangen; da sieht man das mit der Geographie außerhalb der USA nicht so eng 🥳! Wichtiger ist, dass er zurecht selbst eine Gitarristenlegende ist und noch dazu die Größe besitzt, zu anderen aufzuschauen (völlig zurecht Jimi Hendrix und noch mehr Buddy Guy)!!!!

    Auf diesen Kommentar antworten

Schreibe einen Kommentar zu Mick Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Das könnte dich auch interessieren