„Wir haben die gleiche Erfahrung gemacht, wie alle Bands, die vier, fünf Jahrzehnte zugange sind: Die Leute wollen nichts Neues.“

BAP auf Zeitreise: Wolfgang Niedecken & Ulrich Rode im Interview

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BAPs Leadgitarrist Ulrich Rode (Bild: Matthias Mineur)

ULRICH RODE

Ulrich, du hast das Kompliment deines Chefs ja gehört: Du bist der songdienlichste Gitarrist der gesamten BAP-Karriere! War das von der ersten Probe an bereits der Fall?

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Na ja, erstmal musste ich dieses Oeuvre verstehen und es mir aneignen. Die BAP-Scheibe ‚Für Usszeschnigge!‘ stand zwar bei uns im Partykeller, außerdem habe ich ‚Verdamp lang her‘ mit einer Coverband gespielt und sogar gesungen, textlich natürlich eher lautmalerisch. Trotzdem musste ich erstmal die richtige Balance finden zwischen der legendären Vorlage mit den schwerpunktmäßig vom Major stammenden Riffs, und dem Anspruch, das Material in die Gegenwart zu transportieren, und zwar so, dass es ein wenig auch mir entspricht. Also zu prüfen: Was gehört wirklich zum Song, wie original muss er sein, und ab welchem Punkt kann ich mich ein bisschen rausdribbeln? Natürlich gibt es die ikonischen Riffs der Stücke als feste Bestandteile, die einfach kommen müssen. Aber bei den Solopassagen entferne ich mich schon mal vom Original.

Du bist gemeinsam mit deiner Frau Anne de Wolff auch der musikalische Direktor von BAP. Mit welchem Anspruch geht ihr an ein neues Bühnenprogramm?

Das läuft zwischen Anne und mir Brainstorm-mäßig und unter der Prämisse ab: Was wollen wir mit der neuen Tour repräsentieren? Wir sind in der glücklichen Lage, uns aus dem Vollen bedienen zu können, das Beste aus allen Welten zu nehmen, im Sinne von: Okay, das Riff muss kommen, aber es muss nicht unbedingt genauso klingen. Wir haben jetzt auch Bläser dabei, die bestimmte Funktionen, die sonst vielleicht eher für die Keyboards gedacht waren, übernehmen können. Wir können uns da recht frei bewegen.

Könntest du benennen, welches die spielerisch anspruchsvollsten Nummern sind?

Tatsächlich gibt es ein paar Akustikgitarrenintros, die relativ stramm sind. Die Riff-Sachen funktionieren eigentlich ganz gut und sind technisch nicht sonderlich schwer. Da geht es eher um die Verlässlichkeit bei der Ausübung. Aber das gilt ja bei jeder Form von Musik. Man kann alles gut oder schlecht spielen. Blues besteht auch nur aus fünf Tönen, und mit dieser Pentatonik kann man inspirierten Blues spielen oder sehr dudeligen, uninspirierten Blues, trotzdem ist es dasselbe Tonmaterial. Das Gleiche gilt auch für die vielen Riffs der BAP-Songs, und letztlich für alles, was man spielt. Es geht immer um die Attitüde und wie man es neu mit Leben füllt.

Hast du dich spielerisch eher am Major oder an seinem Nachfolger Helmut Krumminga orientiert?

Helmut war der direkte Nachfolger vom Major und musste sich natürlich von ihm unterscheiden, um wahrgenommen zu werden. Ich bin der Nachfolger von Helmut und kann mich wieder ein bisschen um Helmut herum zurück zu einigen Major-Vorlagen vordribbeln, auch bei den Arrangements, bei denen wir uns mehr auf die Originale als auf die Version unserer Vorgängerbesetzung berufen. Von dieser Basis ausgehend haben wir uns dann unsere eigene Version erschlossen, also wieder zurück zum Ursprung und von dort ein paar Fenster und Türen aufgemacht. Insofern höre ich nicht so sehr auf die Version von Helmut, sondern schaue eher, woher die Songs im Ursprung kommen und was wir in der jetzigen Konstellation daraus machen können.

Allerdings kommst du aus einer anderen musikalischen Ecke als Helmut Krumminga, und auch als der Major.

Ja, natürlich, und vielleicht hört man das. Ich mag Robben Ford und Michael Landau und habe mich auch ein bisschen mit Jazz, mit John Scofield oder Bill Frisell, auseinandergesetzt. Das kann man hier zwar nicht allzu oft heraushören, ist aber trotzdem ein genereller Überbau, der in Phasierungen mitschwingt. Wenn jemand einen jazzigen Touch hat, hört man es manchmal in Feinheiten. Und an manchen Stellen auch an der Disziplin: Ich glaube, der Major ist ein eher disziplinierter Spieler, was die Riff-Arbeit und die Akustikgitarren-Pickings angeht. Ich bin manchmal nicht so diszipliniert, sondern umspiele eher Sachen. Gleichzeitig versuche ich es jeden Abend ein bisschen anders zu machen. Natürlich nicht das Riff von ‚Verdamp lang her‘, das muss schon wie im Original klingen. Aber dort, wo es die Möglichkeit gibt, mir kleine Freiheiten zu nehmen und Dinge dem Abend angemessen ein wenig zu interpretieren, versuche ich es.

Musstest du für BAP dein vorheriges Equipment aufstocken?

Teilweise. Zum Beispiel ist die Les Paul, die ich heute Abend schwerpunktmäßig spiele, tatsächlich eine Art BAP-Gitarre. In meinen sonstigen musikalischen Projekten spiele ich sie fast gar nicht. Aber für diese ‚Zeitreise‘-Tour, auf der wir nur Songs der ersten vier BAP-Alben spielen, trägt so ein Marshall-Liga-Les-Paul-Sound gut, vor allem bei Songs wie ‚Nemm mich met‘, ‚Verdamp lang her‘ oder ‚Südstadt verzäll nix‘. Das sind Nummern, für die ich mir einfach mal eine vernünftige Les Paul zulegen musste.

Rodes Marshall-Fraktion mit Wolfgang Niedeckens JCM 800 als Ersatz
Fender-Deluxe-Reverb-Topteil plus Box

Und auch einen Marshall als Zerr-Amp auf der Bühne habe ich sonst in keiner anderen Band. Da spiele ich eher etwas Fender-artiges, und mache alles andere dann einfach mit Tretern davor. Natürlich kann bei BAP auch die Box eine Spur größer sein, da man sie nicht selbst tragen muss. In meiner sonstigen Lebensrealität ist das Equipment kleiner, da gibt es einfach ein klassisches Stressbrett mit einem Clean-Amp, meistens irgendwas Fender-Ähnliches, und zwei, drei Gitarren. Bei BAP kann ich ein bisschen mehr aus dem Vollen schöpfen.

1968er Gibson ES-335 mit Kloppmann-PUs
Fender Telecaster, Baujahr 1976

Es ist in der Tat erstaunlich, mit wie vielen Instrumenten du diesen Gig bestreitest.

Allerdings sind einige der Gitarren nur für einen einzigen Song, wie etwa die Lakewood-Nylon-Gitarre, die ich nur beim Intro von ‚Sendeschluss‘ spiele. Das Banjo gibt es auch nur bei einem Song, ebenso die Dobro, und die SG, die mir auf der Tour zugelaufen ist, bei zwei oder so. Wir haben sie beim Soundcheck ausprobiert, und sie passte gut zu zwei Songs. Weil der Schrank groß genug ist, können diese Instrumente auch mal mitfahren und sich freuen, dass sie eine Zeit lang unterwegs sind! ●

Lakewood-Nylonstring mit L.R.-Baggs-Anthem-PUs, Baujahr 2024
Höfner-Banjo HB 5, Baujahr 2004
Dobro National in Open G für Slide
Gibson SG, Baujahr 1970 mit fester Brücke

(erschienen in Gitarre & Bass 01/2026)

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