Ein Leben im Klang

Abschied von Jazz-Gitarrist Jörg Teichert

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(Bild: Anna Logue)

Es gibt Tage, an denen die Welt kurz stillsteht, an denen sich alles ändert und an denen ein Mensch, der eben noch da war, lediglich Spuren und ganz große Dankbarkeit hinterlässt. In Jörg Teicherts Fall sind es große, wunderschöne, tiefe und inspirierende Spuren. Der Ausnahme-Gitarrist und Herzensmensch ist am 28. Februar zusammen mit Freund und Kollege Christian Huber auf dem Weg zu Studioaufnahmen in Stuttgart unverschuldet bei einem schweren Verkehrsunfall ums Leben gekommen.

Die Mannheimer Musik- und Jazzszene hat diese unfassbare Tragödie bis ins Mark getroffen, und Musiker weit über die Grenzen der Region hinaus sind erschüttert über diesen Verlust. Der gebürtige Heidelberger hat in unendlich vielen Projekten mitgewirkt, unterrichtete Gitarre als Nebenfach an der Mannheimer Popakademie und hinterlässt auf vielen Ebenen eine Lücke, die sich wohl nie wirklich schließen wird.

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Heute wollen wir unseren Hut ziehen – vor einem Vollblutmusiker und Komponisten mit klassischen Wurzeln und einem Faible für Analoges, Akustisches und Bluesiges. Viele Berufsmusiker haben ihre Nische, in der sie sich bewegen, in der sie sich wohlfühlen und mit der sie dann auch zwangsläufig in Verbindung gebracht werden. Bei Jörg ging diese Rechnung so gar nicht auf, denn stilistisch hat er sich wohl ganz bewusst nie festgelegt, weil es für ihn viel zu viele großartige Musikrichtungen und Schwingungen gab, als dass er sich hätte festlegen wollen. Was ein Glück!

Denn was er uns hinterlässt, reicht von Jazz, Blues, Folk, über Rock’n’Roll, Klezmer bis hin zu Balkanmusik und Folklore aus aller Welt. Und eben diese Varianz in seinem Schaffen spiegelte sich auch darin wider, dass er sich keinesfalls nur auf sein Können als Gitarrist beschränkt hat. Sein erstes Instrument im zarten Alter von zehn Jahren war das Waldhorn, und wenn Umstände oder Musik es erfordert haben, spielte Jörg Teichert auch furchtlos Banjo, Mandoline, Trompete oder Tuba. Ach ja, singen konnte er natürlich auch!

(Bild: Thorsten Burgholz)

Kein Wunder also, dass er des Öfteren als Wandler zwischen Klangwelten beschrieben wurde. Bis zuletzt spielte er aktiv in über einem Dutzend unterschiedlichen Projekten und war an Produktionen im Bereich Theater, Musical, Oper und sogar Ballett am Nationaltheater Mannheim, dem Theater der Stadt Heidelberg und dem Staatstheater Wiesbaden beteiligt.

Zusammen mit Kult-Schlagzeuger und Mitbegründer der Mannheimer Brass-Band Mardi Gras.bb, Erwin Ditzner, bildete Jörg unter anderem das Duo RED&GREY. Sie selbst haben ihren Sound als „erdigen und rotzigen Blues mit Ausflügen in Artverwandtes” bezeichnet. „Ein Duo”, sagt Ditzner, „ist wohl die reinste Form der musikalischen Zusammenarbeit. Jörg und ich haben uns immer Bälle zugespielt, unsere Konzerte waren wie ein einziger großer Doppelpass. Mit Jörg konnte ich alle nur erdenklichen und utopischen musikalischen Umwege gehen. Er fehlt mir, sein Tod ist eine unfassbare Tragödie.”

Jörg Teichert mit seinem Duo-Partner Erwin Ditzner: Red&Grey (Bild: Frank Schindelbeck)

Auch im Doppelpack unterwegs war Jörg mit Simon Seeleuther im Blues- und Folk-Duo Slip&Slide und der Surf-Rock-Combo The Necronautics. Kennengelernt haben die beiden sich über ihre Liebe zum Blues und zur Slidegitarre, haben zusammen unzählige Gigs gespielt. „Jörg war nicht nur ein fantastischer Gitarrist, sondern auch ein hochtalentierter Musiker mit einem riesigen Horizont und musikalisch universellem Verständnis und Wissen, das sich nie auf ein einzelnes Instrument beschränken ließ. Er war mit Sicherheit einer der prägendsten Menschen in meinem Leben, und ich bin ihm unendlich dankbar, für alles, was ich von ihm lernen durfte. Er wird für mich immer Inspiration, Vorbild und ein Mensch sein, den ich sehr geliebt habe.”

Teichert & Simon Seeleuther: Slip&Slide (Bild: Daniel Wetzel)

Ähnliche Worte fanden und finden noch immer unzählige Wegbereiter und Wegbegleiter von Jörg Teichert und Schlagzeuger Christian Huber, der mit im Unfallwagen saß und drei Kinder hinterlässt. Beide zusammen waren Teil des Organ-Trios MATCHTAPE um den Stuttgarter Hammond-Spieler Martin Meixner sowie der Mannheimer Jazz-Band Black Project. Freunde und Kolleg:innen der beiden Eckpfeiler der Mannheimer Musikszene sind noch immer fassungslos und haben unter www.christianundjoerg.de eine Spendenkampagne für Christians Familie ins Leben gerufen. Ganz kurz vor seinem Tod hat Jörg in einem bislang unveröffentlichten Interview für NEXT MANNHEIM über seine erste Gitarre, einen Gig im Dunkeln und große Träume gesprochen, die sich für ihn erfüllt haben.

Die Gitarre und du – war das eine große Liebe von Beginn an?

So ziemlich. Ich habe mit zwölf Jahren angefangen, mir auf der heimischen Wanderklampfe meiner Mutter, Modell Framus irgendwas, das Gitarrespielen selbst beizubringen. Davor habe ich aber tatsächlich schon der klassischen Musik gefröhnt und als kleiner Junge Waldhorn gelernt, und das auch wirklich über zehn Jahre gespielt. Die Gitarre lief nebenher quasi autodidaktisch, bis ich mich dann erst mit fast 20 dazu entschieden habe, Gas zu geben, mir einen Lehrer zu nehmen, richtig zu üben und mich auf ein Vorspiel vorzubereiten. Und dann bin ich schließlich da gelandet, wo auch Simon Seeleuther später landete. Nein, nicht unter der Brücke, sondern an der Musikhochschule in Mannheim, um bei Professor Frank Kuruc Jazzgitarre zu studieren.

Vor einigen Jahren hast Du in Ilvesheim mit deinem Projekt Slipe&Slide im Rahmen von „Kultur im Dunkeln” mehrere Konzerte in einer Blindenschule gespielt. Man sollte ja davon ausgehen, dass man das Instrument, das man beherrscht, auch im Stockdunklen spielen kann, oder? Macht nur keiner. Wie war das?

Das war eine wahnsinnige, ganz tolle Erfahrung, die man im Vorfeld tatsächlich unterschätzt, und ich war unfassbar nervös. Wenn wir von Dunkelheit sprechen, nehmen wir ja trotzdem irgendwo noch ein wenig Licht wahr. Aber in dem Fall war es eine Dunkelheit, die wir gar nicht mehr kennen. Das mit der Orientierung auf dem Griffbrett war dann so eine Sache – es gibt natürlich Dinge, die man spielen kann, ohne ständig hinzugucken, aber das Bottleneck war eine kleine Herausforderung, weil man sich natürlich schon an den Buntstäbchen orientiert, auch wenn man sie nicht drückt.

Für eine wirklich saubere Intonation ist die Kombination aus Schauen und Hören wichtig, ersteres fiel da eben weg. Wir haben uns für den Abend natürlich auch eine Setlist geschrieben, aber eben nicht auswendig gelernt. Wir haben dann mit Eselsbrücken gearbeitet, was sehr lustig war. Womit wir auch nicht gerechnet haben, ist, dass man auch das Zeitgefühl komplett verliert. Das war in vielerlei Hinsicht sehr lehrreich.

Wie kam es eigentlich zu dem spannenden Projekt Red&Grey mit Erwin Ditzner?

Erwin zählt hier zu den absoluten Local Heroes und ich habe ihn schon als Jugendlicher immer wieder auf Konzerten gesehen. Ich dachte nur immer: „Was ist das für ein krasser Typ und unglaublicher Musiker?” Er war mit seinem ganzen Auftreten in Schiesser Feinripp, mit Zahnstocher im Mund, verspiegelter Sonnenbrille und gewagtem Bartschnitt für mich der Inbegriff von Coolness. Ich fragte mich immer, ob ich wohl jemals in einer solchen Liga spielen würde, um mit jemandem wie ihm Musik zu machen?

Vor zwölf Jahren sind wir uns dann irgendwo über den Weg gelaufen und sagten, okay, wir treffen uns mal. Aus dieser Session entstand unser Duo, und ich genieße es sehr, mit ihm zu spielen. Ganz generell schaue ich oft zurück und sehe auf einmal ganz viele Dinge in meinem Leben, die ich mir mal erträumt habe, die wahr geworden sind. Manchmal merkt man das im ersten Moment gar nicht …

(erschienen in Gitarre & Bass 05/2022)

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